BEDÜRFEN vb. bis ins 17. jh. auch bedurfen, bedorfen, bedörfen.
ahd. bithurfan,
mhd. bedurfen, -dürfen,
as. bithurƀan,
mnd. bedörven,
mnl. bedorven,
ae. beðurfan.
präfixbildung zum präteritopräsens dürfen,
das jedoch im ggs. zur be-
präfigierung bis zum 12. jh. als vollverb nur sporadisch belegt ist (vgl. 2DWB 6,1797 ff.). – vereinzelt stark flektiert u. unregelmäßiges prät. mit stammvokal -a-. 1
etwas, jmdn. brauchen, nötig haben, meist mit gen., seltener mit akk. oder objektsatz. auch unpersönl vgl. dürfen A 2.
hauptgebrauch des wortes: E8.jh.
necessarius est bidarf
in: Seebold
wb. d. dt. wortschatzes 8. jh. 108a. ⟨u800⟩ so huuer so thiz quidhit, so bitharf, thaz er so due, so her quithit
weißenb. katechismus 23 S. ⟨800/10⟩ uueiz iuuer fater thaz ir thes alles bithurfut
Tatian 238,6 S. ⟨800/10⟩ inti gibit imo so manag so her bitharf
ebd. 240,3. ⟨1070/80⟩ diu himilisge gotes burg diu nebedarf des sunnen noh des manskimen da ze liehtenne
himmel u. hölle 1 S. ⟨u1120⟩ al des dir mennisci bidorfti in vimf dagin got vori worhti
summa theologiae 8,1 M. ⟨u1210⟩ diu brücke lac beströut / mit tôten allenthalben. / sie bedorften deheiner salben, / weder weizel noch phlaster Otte
4804 G. 1284 jch gelobe in oͮch werschaft .. an allen den steten da ez dv͗ herren von Paris
(stift Pairis) bedoͤrfent
corp. altdt. originalurk. 2,67 W. ⟨E13./A14.jh.⟩ als er
(gott) aber sol bekêren den sünder, sô bedarf er, daz ime der sünder helfe meister Eckhart
dt. w. 2,242 Q. ⟨A15.jh.⟩ vil arme geistliche menschen, dy dy annemigliche gnade nicht haben beyde hy in der werldt und dort im vegefewer, dy bedurfften groser barmherczigkeyt Johannes v. Marienwerder
leben Dorothee 256 T. ⟨1411⟩ oder ob vnser einer sust mit yemand zu kriege vnd fintschafft komen wurde, darzu er des andern hülffe bedarffte
in: Sattler
Würtenb. graven 3(1767)2,67. 1513 also das ich nyt mer dan 500 fl genomen hab, so ich fúr mich hab bedorffen
handelsakten ma., neuzeit 3,217 ak. 1525 das man sie
(die heiligen) herberge, wo sie es bedurffen Luther
w. 17,2,51 W. 1563 sie sagten, wie sie nit über nacht da bleyben wolten und keiner herberg dißmal bedürfften Kirchhof
wendunmuth 1,219 LV. 1624 gleich wie die henn bedarff den han: / also der monn der sonn steht an Meiszner
Stoltzius, lustgärtlein 72b faks. 1627 die zinsen .., deren ich und meine schwester als erben des hauses .. bedürften Allert
tgb. 48 K. 1628 dieselben
(kriegsleute) in die festungen, wo man sie bedurfen wurde, zu zertheilen Lubenau
reisen 2,151 S. 1669 bedörffte es nicht öffters, daß du selber, wie ein gemeiner knecht, schildwach stündest? Grimmelshausen
Simplicissimus 124 Sch. 1762 das ganze landwesen bedarf eine hauptverbeßerung Carsted
atzendorfer chr. 14 S. 1803 bedurfte es nur noch, daß die selbstbewußten .. übertretungen der komischen darstellung verworfen wurden A. W. Schlegel
in: Europa 2,1,13 faks. 1826 einen tag .., wo du der hülfe bedurftest
F. Schlegel
br. Stransky 2,17 WLV. 1887 er bedarf ganz entschieden den halt der kirche Haeckel
brw. 156 H. 1938 du, mein guter, bedarfst notwendig einen erholungsurlaub Barlach
mond 259 D. 1947 sie sprachen wenig. es bedurfte zwischen ihnen nicht vieler worte Lorentzen-S.
erde 358. 1984 diese verletzliche welt / bedarf einer ordnung Grüning
umkreis 106. 2006 warum Mexiko angesichts von massenarmut, korruption und machtmissbrauch einer politischen erneuerung bedürfe
n. zürch. ztg. (18.9.)3b. — bedürfend
part.adj. in präpositionaler oder genitiv. fügung mit fall
i. s. v. ‘im falle der notwendigkeit, bei bedarf’: 1658 daß er die ergangene acten .. bey sich behalte und zu bedürffendem fall den allijrten .. nach befindung und erfolgten befehl der generalität .. communicieren könne
articuls-br. (Frankf.)43. ⟨1740⟩ eine festung .. nennet man einen ort, welcher .. auf bedürfenden fall zur vertheidigung des landes .. geschikt ist Dielhelm
antiquarius (1744)353. 1787 dem conrectori, mit welchem der rektor bedürfenden falls gemeinschaftlich handelt
unterr.wesen Mecklenb. 2,391 Sch. ⟨1789⟩ die herrschaften aber bei solchen
(zeitungen) im bedürfenden falle sich erkundigen .. können
in: Berg
hdb. policeyrecht (1799)6,2,289. 2
als modalverb mit inf. (mit zu)
zum ausdruck von notwendigkeit ‘
müssen, brauchen’,
meist verneint. vgl. dürfen A 1 a: ⟨u1160⟩ durh ezzen nebedarf man daz brot bachen noch baen, / durh zuomuose fleisc und(e) viske sieden noch sulzen, / durh trinchen haberen noch gersten ze biere mulzen
himmelreich 9,12 M. ⟨1265/76⟩ swaz ein man mit klage vor gerihte erwirbet .., daz bedarf er niht besitzen
(‘bewohnen’
), deutschenspiegel 2228a MGH. ⟨u1388⟩ ez sind auch tegleich svnd, dÿ der mensch von chranchait der menschait beget, der selben bedarff man nicht peichten Heinrich v. Langenstein
erchantnuzz 63 TSM. ⟨n1395⟩ vor des selben wurems slundt sich woll bedurffen ander hern und fursten, sein nachpawren, fur ze sehen
öst. chr. 219 MGH. 1475 ir bedürfend mich nüt furchten darumb, daz ich alß wol gewafnet bin und groß bin: ich wil üch kein leid tuon
dt. volksb. 87 LV. 15.jh. und ein solichs
(eine fremde person auf dem spitalhof) bedarf keinen dienst noch ymbis noch ander ding geben, es welle es dann gern tuͦn
strassb. zunft-verordn 41 B. ⟨1538⟩ du bedarffest auch den teüfel nicht fürchten Franck
arch (1539)259a. 1563 er bedürff da nicht warten Kirchhof
wendunmuth 1,252 LV. 1672 ein kalb und junges böckel hieng
(als naturalabgabe) allbereit dorten, .. damit man kein geld in die metzig
(schlachtstätte) zu schicken bedörffte Grimmelshausen
vogelnest I 14 Sch. –
in älterer spr., ‘dürfen erlaubnis haben’: ⟨1347⟩
(hierher?) so mag der .. daz geschaefft weisen mit zwain, die ez gehört habent, die darumb swerent .., uud
(!) sol und bedarf selb darumb nicht sweren
stadtrecht Münch. 86 A. 1481 das unser deheiner bedarf ein wildtuben schießen noch ein aychern oder wilden vogel, das uns doch von alterher nie verbotten .. ist worden
bauernkrieg, aktenbd 9 F. 1508/16 verbot man, das man in jar und tag kein schwin bedorft uf die gassen lassen Brennwald
schweizerchr. 1,465 L.Grimm