athem [atem],
m. spiritus, halitus, ahd. âtam, âtum (Graff 1, 155),
mhd. âtem (Ben. 1, 66
b),
alts. âthom,
nnl. adem,
ags. æðm,
fries. ethma, adema, omma (Richth. 721
b);
den nordischen und der goth. sprache fremd, jene setzen dafür andi, ande, aande (
wovon oben unter ahnd),
diese ahma.
neben athem
hat sich aber auch in der schriftsprache die ursprünglich gleiche form odem,
neben dem nl. adem
ein asem
erhalten, odem
auf der aussprache von âdem
beruhend, asem
auf der zischenden von athem.
Schwerer ist es über die abstammung des wortes selbst zu urtheilen. Alle sprachen leiten aus den sinnlichen begriffen des wehens, hauchens, blasens, athmens, da die seele dem menschen eingeblasen und wieder von ihm ausgeblasen wird, auch die vorstellung des geistes und der seele her. vom lat. flare, halare, spirare
bildet sich flatus, halitus, spiritus,
doch nur das letzte wird auf den animus bezogen, animus
und anima
selbst fallen zu ἄημι und dem goth. anan,
der wurzel auch unseres ahnden
wie des altn. andi.
aus πνεῖν flieszt πνεῦμα,
ursprünglich hauch und luft, dann seele und lebensgeist. seit durch das christenthum die abstraction des geistes gehoben wurde, gewann selbst dieses neutrum πνεῦμα persönliche kraft. das goth. ahma
geht nun zwar auf ahjan
cogitare und aha
mens zurück (
wie manna
und manniska
auf man
memini),
im hintergrund aber musz dennoch ein verbum des wehens
liegen, das wieder an ἄημι stöszt. geist,
ags. gâst
entspringt aus gîsan,
goth. geisan,
das vermutlich bedeutete bullire, spirare. nach allen diesen analogien aber scheint in âtam, âtum,
dessen ableitendes m
dem in ahma
gleicht, dessen langer vocalanlaut zusammenziehung verräth, nichts als ahatum,
mit dem sinn von flatus,
enthalten, wobei noch das gr. ἀτμός rauch und dampf, skr. âtman
mens, anima in betracht kommen. zugleich weisen diese letzten formen;
dasz das ags. æðm
der lautverschiebung strenger entspricht, als das ahd. âtum,
wofür âdum,
folglich ahadum =
goth. ahþms
oder ahþums
stehn sollte. Eine zeitlang schwankte die ahd. kirche zwischen âtum
und geist
für den spiritus sanctus,
bald aber waltete letzteres vor, und schon mhd. erscheint âtem
nie mehr in dieser abstracten bedeutung. um so mehr darf dem nhd. athem
insgemein nur die sinnliche beigemessen werden, während sie umgekehrt bei geist
erlosch. odem
für athem
wurde von Luther
überall in der bibel gesetzt und ist dadurch wie unter das volk auch in die höhere dichtersprache eingegangen; doch behält allmälich wieder athem
die oberhand. gottes lebendiger odem durchdringt die natur
lautet poetisch; einfacher und darum besser setzt man athem,
denn niemand sagt odmen
für athmen
und die beziehung zwischen athem
und athmen
gienge verloren. Es heiszt nun tiefer
und kurzer athem, leichter
und schwerer; starker
und schwacher; freier, gehemmter, beklommener; frischer, warmer, süszer, balsamischer athem: lieber weidmann sag mir fein, was geht vor dem edeln hirsch gen holz hinein? sein warmer athem fein, gehet vor dem edlen hirsch gen holz hinein.
weidspr. 65; ihr süszer athem könnte einen kranken heilen; der athem (
and. ausg. atham) war recht balsamkräftig.
Garg. 76
b;
im gegensatz, ein stinkender, fauler, verpesteter, giftiger, unerträglicher athem; Dietrich von Bern hatte einen feurigen athem; des drachen feuriger athem. athem haben =
leben: so lang ich athem habe, hoffe ich,
dum spiro, spero; so wird die tochter mir nicht sterben?
A. so lang ich athem habe, nicht. Schiller 231; ich habe fast keinen athem,
kann nicht mehr leicht athmen; der athem bleibt mir aus, vergeht mir; der athem geht leicht, schwer, mühsam, ängstlich, gedrückt; warum geht mein athem so ängstlich? Schiller 198. druck, schwere, hemmung des athems: wenn ihrer verschuldung masz auch nur um eines athems schwere steigt. Schiller 287. athem
drückt auch freien athem,
freiheit, aufhören des drucks aus: der feind zieht ab, unser athem wird frei; vaterland und güter im stiche lassen, um nichts als athem und freiheit zu retten. Schiller 858. Auszer
oder aus dem athem sein: du bist ja ganz auszer athem, so hast du gelaufen; sie war auszer athem und konnte kein wort sagen. Göthe 20, 203; die verzückten zuschauer frohlocken sich fast auszer athem. 33, 26; du eiferst dich ja ganz aus dem athem. Lessing 7, 258; sich auszer athem reden, schreien, lachen. In éinem athem,
hintereinander, ohne unterbrechung, franz. tout d'une haleine: in einem atheme. Lohenst.
Arm. 1, 842; in einem athem drei namen nennen;
mhd. ich nante ir wol in einem âtemen viere.
MS. 2, 128
a; sie lacht und weint in einem athem; du leugnest sie dreimal in einem athem hinweg. Schiller 202
a; er schwätzt in einem athem mehr als ich in zehn wochen. Lenz 1, 231; da sind bei uns kapuziner andere leute, die können trauen und taufen in einem athem. Arnim
schaub. 2, 326. Athem ziehen, schöpfen, holen,
gleichsam aus dem brunnen der brust, aus der luft, spiritum ducere, haurire: o tag, berühmter tag, den dis was athem zeucht, was künftig, preisen mag. Gryphius 1, 25; solang ich den athem ziehe, werde ich deiner gedenken; mit dem athem ziehe ich wieder die luft des geliebten vaterlandes; es schöpften aufs neue leichten athem diese länder. Schiller 342; dasz in einer groszen stadt, in einem weiten kreis auch der ärmste, der geringste sich empfindet, und an einem kleinen orte der beste, der reichste sich nicht fühlen, nicht athem schöpfen kann. Göthe 29, 87; wie wir die spanischen besatzungen los waren, holten wir wieder athem. 8, 178; der graf liesz so auszerordentliche kenntnisse sehen, dasz alle standen und kaum athem zu holen sich getrauten. 18, 239; endlich sah man von weitem eine laterne kommen und holte frischen athem, allein die hofnung verschwand auch wieder. 18, 255; auf der Rheinbrücke holte man noch frischen athem, wie vor alters, und betrog sich einen augenblick als wenn jene zeit wiederkommen könnte. 30, 327; wenn einer von seinen frostigen beschäftigungen athem holen will. Lenz 1, 236; o lasz mich athem schöpfen an dieser brust! Schiller 192
b. Den athem lassen, von sich lassen, fahren lassen, ausstoszen, aufgeben, von sich geben =
sterben, exspirare, ausathmen, goth. uzanan. der athem will nicht mehr zurück,
entflieht. den athem anhalten, an sich halten, einhalten, zurückhalten,
respirare, sich erholen; auch den athem schonen, sparen: sparet den aten!
fastn. sp. 877, 30; wann ein böser gute schmäht, wann ein kind den wind verbläst, gilt es gleich, ob unten dis, jener oben athem läszt. Logau 2, 1, 94. Einen in athem setzen,
heftig anstrengen, laufen lassen, warm erhalten: o geduld, ich will sie auch nur erst in athem setzen. Lessing 6, 230; Melina überlegte, wie er noch geschwind durch einige vorstellungen den einwohnern des städtchens etwas geld abnehmen, zugleich die gesellschaft in athem setzen könne. 18, 243. in athem erhalten, nicht zu athem kommen lassen: vertheidigungskunst ... welche wenigstens dazu dienen konnte, den angreifenden theil in athem zu erhalten. Wieland 15, 21; ihr habt uns in athem erhalten, Weislingen. Göthe 8, 24 (42, 29. 262. gehalten); es werden wöchentlich neue opern gegeben, die meinen alten Winter sehr in athem erhalten. Bettine
br. 2, 11; sie scheinen getheilt, man musz sie nicht zu athem kommen lassen. Göthe 14, 98; wo ein einfaches thema auf die künstlichste weise durchgeführt, endlich durch sein natürliches wiedererscheinen den hörer zu athem kommen liesz. 29, 146; o lasz mich nur erst zu athem kommen! athem geben,
luft geben, machen, erschallen lassen: gebt athem allen kriegrischen trompeten! Schiller 580; ich will schweigen, denn wenn ich dem schweren leiden athem gäbe, es würde dein groszes herz so tief durchdringen wie das meine. Klinger 2, 418.
gegensatz, den athem rauben, nehmen, benehmen: das nimmt mir den athem. den athem verkaufen,
damit theuer thun, ihn hemmen und sparen: da (
an fürstenhöfen) verkauft man den athem, schleift die wörter. Frank 2; zungendrescher, die den athem verkaufen. 36. Die sache ist den athem nicht werth, den man daran setzen soll,
nicht werth, dasz man ein wort dazu spreche; der raub lohn oft des athems nicht, den man um ihn verschwendet. Gotter 1, 241; ich verschwende den athem, wenn ich ihn auf andere meinung bringen wollte. einem den athem versetzen,
beengen: der schwefel versetzt mir den athem, athemversetzende träume.