wuchten,
vb. ,
junge ableitung von 3wucht (
s. d.);
seit dem ende des 18.
jhs. (
zufrühest 1792
bei Chr. Fr. Sintenis,
gebucht von Heynatz
antibarb. 2 [1797] 654, Campe 5 [1811] 782
b,
nicht bei Adelung,
noch als landschaftl. von Heyse 2 [1842] 1999)
mit zunehmender häufigkeit bezeugt, findet das wort in jüngster zeit starke entfaltung. ins dän. entlehnt als vugte,
s. ordb. over d. danske spr. 27,
sp. 614.
die anfängliche verbreitung entspricht der des substantivs ('
eigentl. niedersächs.' Heynatz
a. a. o.). wuchten
bezeichnet durchweg das schwere, lastende eines zustands, einer bewegung oder verrichtung; vgl.: dunkles, gruftdunkles u, samten wie juninacht! glockentöniges o, schwingend wie rote bronze: grosz- und wuchtendes malt ihr Weinheber
adel u. unterg. (1934) 100.
trans. und intrans. wuchten
sind etwa gleich stark entwickelt. räumlich (
und zeitlich)
begrenzt ist ein refl. gebrauch: sich wuchten
das durchbrennen, weggehen, fast immer ohne bezahlung Meier
hallische studentenspr. 45,
mit verweis auf Laukhard: das wuchten oder das geheime abziehen aus einem wirthshause, ohne die zeche zu bezahlen, war ... schimpflich
leben u. schicks. 5 (1802) 111.
refl. auch in der zs. herauswuchten: der zaun hat sich herausgewuchtet
nach der einen seite hin gelehnt, schief gestellt Gutzeit
Livland 513
a. 11)
in enger anlehnung an wucht 1 '
schwer sein, lasten'. 1@aa)
das feste, breite stehen oder liegen. 1@a@aα)
allgemein von schweren lasten und massigen gegenständen: welches geschlecht ruht auf der erde rücken? auf der erde rücken wuchtet der riesen geschlecht R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 103; bei trübem wetter grauschwarz, wuchtet er (
der Monte Saracte) schwer auf den grünen gefilden Steinitzer
a. d. unbekannten Italien (1911) 136; (
der wassersüchtigen) beine wuchteten schwermächtig wie steinsäulen unter der tuchent (
federbett) Watzlik
d. alp. (1923) 7; auf kahlem berg ... rostig Canossa wuchtet türmeschwer Paul Ernst
d. kaiserbuch 2, 2 (1927) 205; da wuchtet eines groszen felsens last
ebda 3, 2 (1928) 157.
mit dem nebensinn '
aufragen': aus dem fetten wiesengrunde nah am Schmerlenbache wuchten üppig junge erlen maler Müller
w. (1811) 2, 401; gram dem spiel von freund und schwester sprengt er einsam über schluchten. felsen-an die drohend wuchten hebt er aus der geier nester Stefan George
d. siebente ring (1909) 58; in einer ecke des burghofes wuchtete der dicke viereckige turm Paul Ernst
gesch. zw. traum u. tag (1930) 79; der mond schielte in die schmalen, dumpfen gassen herab, in schwerem schatten wuchteten die versperrten tore Watzlik
d. rückzug d. 300 (1936) 111. 1@a@bβ)
häufig von wetter- und naturerscheinungen, bes. schnee, tau, nebel: und er (
der schnee) wuchtete dicht auf den kiefern, und weit und breit sah es weisz aus Alexis
Woldemar (1842) 3, 101; im kessel des Karwendels braut gewölk und wuchtet schwer auf des gebirges zinnen Pichler
marksteine (1874) 219; an jedem grashalm wuchtet dicker thau Liliencron
s. w. (1896) 9, 180; die hitze wuchtet schwer auf dem gelände
Liller kr.-ztg., ausl. (1915) 2, 189; der winter wuchtete schwer auf dem gebirge, nur die fichten stieszen dunkel aus dem weisz Watzlik
d. alp (1923) 114; atmosphärendruck ..., der beklemmend ... auf den wänden der gondel wuchtete Th. Mann
Faustus (1948) 426. 1@bb)
im übertragenen sinne '
lasten, bedrücken': der gedanke wuchtete schwer auf mir Scherr
Michel 1, 143
Hesse; das leben, das auf ihm wuchtete, wollte er sich rein gestalten Holländer
d. weg d. Thomas Truck (1904) 1, 185; eine bleierne stummheit wuchtet auf der kolonne Bröger
d. unbekannte soldat (1917) 7; der alp der angst wuchtete mit äuszerster gewalt auf dem dorf und drohte, es zu erdrücken Watzlik
d. alp (1923) 318. 22)
als bezeichnung einer bewegung. ein schweres, behäbiges gehen: ein schwerer menschenklotz wuchtete aus dem rotgeäderten dunkel Strobl
Bismarck (1917) 2, 168; (
häufig bei Paul Ernst:) die sonne steigt, die sonne steht; sie sinkt, die Deutschen wuchten weiter
kaiserbuch (1923) 1, 1, 288; das rosz spornt Otto, es wuchten nach die massen (
in der schlacht)
ebda; der (
general) auf seinen breiten beinen durchs zimmer wuchtete A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 136; jetzt wuchteten und stieszen seine (
Edwards) holzkrücken auf den gängen und treppen. seine prothese stampfte und knackte Döblin
Hamlet (1956) 247.
vom fluge der vögel und der bewegung der flügel: in der luft nahte ein wuchten, wie der schwung von groszen, unsichtbaren flügeln H. Stehr
drei nächte (1909) 355; klatschenden fluges wuchtet es sich hoch — schnepfe, — zwei! Schmook
schwarzkittel u. rotröcke (1937) 114; die gänse kommen ... durch den dichten nebel wuchtet es heran ... da sind sie!
ebda 137. (
auf-)
schlagen, gegen etw. prallen: und keine sage verkündete mir, dasz gute klingen darunter gelitten (
unter einer verzierung) und minder gewuchtet und stumpfer geschnitten Max Waldau
Cordula (1855) XIX; ich glaub, wenn ein fahrzeug daran wuchtet, das seil ist imstand zu zerreiszen O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 288; es ist still im zimmer; manchmal wuchtet der sturm gegen die fenster Gmelin
sommer m. Cordelia (1933) 62.
in vereinzelt bezeugten verwendungen: ihr (
der seele) edles rosz, ... strebt aufwärts nach dem götterpfad. das andre ... ... wuchtet erdwärts, zerrt und haut Lenau
s. w. 504
Barthel; '
schwanken, die stang wucht' ze sähr' Müller-Fraubeuth
obersächs. 2, 814
b; drei, vier stiche mit dem beil im kreise um das tau ... werden zu einem einzigen groszen risz, wenn ... die wuchtende bewegung des fahrzeuges (
für den schieferdecker) um den turm das gewicht des mannes vergröszert O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 282.
wohl stärker auf die fülle bezogen, vgl. wucht 3: die gewaltige, tiefschwarze last (
der haare), vielfach geflochten und gewunden ... wuchtete rund um den kleinen kopf G. Keller
d. grüne Heinrich (1854) 2, 140. 33)
neben dem intrans. gebrauch steht ein, bes. in umgangssprache u. ma., stark entwickelter trans. gebrauch. 3@aa)
selten '
das gewicht eines dinges zu erforschen suchen, indem man es in der hand hält und mit derselben gleichsam wäget' Campe 5 (1811) 782
b: (
sie) begeht die schwachheit, den (
gold-)beutel zu wuchten Sintenis
Flemmings gesch. (1792) 3, 270. 3@bb)
eine schwere last heben, fortbewegen, sei es zunächst mit hilfe eines hebe- oder wuchtbaumes (Frischbier
pr. 2, 481; Block
Eilsdorf 102; Danneil
altmärk. 251
a; Helfft
wb. d. landbaukunst [1836] 412; die leute setzen hebebäume an und wuchten los Paul Ernst
kaiserbuch 2, 2 [1927] 164)
oder ohne hebevorrichtung, mit der hand heben (
ausreiszen),
so oft in ma.-wbb. '(
schweres)
heben': Mi
Mecklenburg 109; Liesenberg
Stiege 222; Hertel
Thür. 260; Jungandreas
schles. zeitw. 22.
ferner: während ein artillerist die deichsel in die höhe wuchtet, macht ein zweiter die protzkette los Hoyer
wb. d. artillerie (1804) 1, 2; er ergriff die alten eichen und wuchtete die ungeheuer mit stamm und kron' und wurzel aus der erde Waiblinger
w. 12
Frey; da liegt sie (
die granate) ... von derbknochiger faust in die stählerne kammer gewuchtet
Liller kr.ztg., 4.
auslese (1916) 148; vier starke männer wuchten den hirsch auf den wagen Kapherr
Möff Pürzelmann (1926) 78. 3@cc) '
stoszen, schlagen': sechs, acht reiter standen abgesessen auf der strasze und zwei davon wuchteten mit ihren stahllanzen gegen das torgitter Bröger
d. unbek. soldat (1917) 66; der ungeheure bihander, den der alte hitzkopf (
Petrus) dem Malchus über das ohr wuchtet Pinder
d. Naumburger dom (1925) 26. '
drohend schwingen': der junker stiesz einen fluch aus und wuchtete in der faust den dicken knotenstock, womit er es vorhin dem hunde zugedacht hatte Storm
s. w. (1920) 6, 202. 3@dd)
seltener, wohl nur umgangssprachlich und munartl. '
eine schwere arbeit verrichten'
; vereinzelt auch absolut gebraucht: wuchten, schuften
bezeichnet jede schwere arbeit, wie z. b. anstrengende schanzarbeiten Imme
soldatenspr. 82; sware aarbât kann hei nich wuchten
bewältigen Böning
Oldenb. 153; sie arbeitete weiter; ich möchte sagen, sie wuchtete weiter, so heftig und jagig war sie in ihrem werk Frenssen
Babendieck (1926) 291.