weichlichkeit ,
f. mnd. wêklicheit Schiller-Lübben 5, 659
b aus Chytraeus (
Rostock 1604),
mnl. wêkelijcheit Verdam 687
a,
nnl. weekelijkheid Kramer (1759) 1, 2017. weichlichkeit
verhält sich zu weichlich,
wie weichheit
zu weich.
es ist jünger, seltener und abstracter als das adj., tritt bei Corvinus
fons lat. (1646) 553
zuerst in einem hd. wb. auf, weiter im 17.
jahrh. bei Zesen
rosenm. 112; Prätorius
winterfl. 157; Stieler 2472.
abseits steht der versuch eines Obd., gr. μαλακία '
widernatürl. unzucht'
damit zu übersetzen (
vgl. weichling): so ist nun die erste stumme unzucht die
mollities und weiche oder weichligkeit, die unreinigkeit
κατ' ἐξοχήν ... die onanitische sünd Dannhawer
cat.-milch 2, 267.
lit. wird die stellung des worts begründet durch die Obersachsen Gottsched
vern. tadl. 1, 372. 2, 340;
neuestes a. d. anm. gel. 3, 497. 4, 286;
crit. dichtk. 741, Schönaich
Hermann 8, Lessing 5, 110. 6, 265.
von Obd. wird es nicht gebraucht vor Bodmer
samml. crit. schr. 1 (1741) 70; Drollinger
ged. (1745) 216
und Wieland
z. b. I 1, 226. 3, 319.
von den classikern brauchen es Herder 3, 378. 24, 558
und Göthe I 37, 245. 41 ii 251. 48, 37
Weim. öfter als Klopstock
gelehrtenrep. 249
und Schiller 1, 157. 4, 66,
die romantiker lieben es alle. den mundarten ist es fremd geblieben, statt dessen steht hier weiche
f., wie entspr. in der schriftsprache, bevor weichlichkeit
zum träger des bösen sinnes ausgebildet war, weiche
und weichheit
diese function mit getragen haben. wie bei weichheit
spielt der plur. nur in seltenen fällen eine rolle: Antisthenes liebte die musik überhaupt nicht, die er zu den weichlichkeiten des lebens zählte Lessing 10, 299; die ganze freyheit besteht in der ausgelassensten frechheit der lüste, in sinnlichkeiten und schändlichen weichlichkeiten C.
F. v. Moser
beherz. (1763) 179.
das schicksal des worts spielt sich wesentlich in neuerer prosa ab. von 200
zeugnissen stehen nur 27
in versen, auffällig viele davon in alexandrinern des 18.
jahrh.: Heräus
ged. u. überschr. 248; Gottsched
d. schaub. 3, 201; Gottschedin
briefe 2, 324; Dusch
verm. werke 252; Cronegk 2, 83; Löwen 1, 38; Gerstenberg
hamb. n. zeit. 128
neudr. 11)
objectiver gebrauch des worts ist selten aber mannigfach. weichlichkeit
steht von der körperlichen bildung des menschen: (
Rousseau schlosz) dasz die männliche festigkeit seiner glieder dem menschen ... eine andere haltung seines körpers vorschrieben, als die weichlichkeit seiner kindlichen gliedmaszen Mendelssohn 1, 381,
vom klima: weit entfernt von der barbarischen kleinmuth, seine feinde verunglimpfend zu belügen, zeichnet er (
Homer) ihr zarteres gemüth, die gröszere weichlichkeit ihres klimas Herder 17, 178,
vom klang der sprache: volksdialekt ... der ... sich mit einer gewissen dünnheit und weichlichkeit bricht Arndt 1, 55,
und von thieren: (
makrelen müssen) sogleich verzehrt werden, weil sie wegen ihrer weichlichkeit bald verderben Oken
allg. nat. gesch. 6, 188. 22)
subjectiver gebrauch ist durchaus vorherrschend. er führt fast immer zum tadel. 2@aa)
in den meisten fällen enthält weichlichkeit
eine kritik der lebenshaltung. verdeutlicht wird das ziel durch zusätze: weichlichkeit der sitten K. O. Müller
Dorier 1, 126; weichlichkeit fremder sitten Hirschfeld
theorie d. gartenk. 1, 12,
durch gegensätze: wie wenig gleichen wir den alten! was wir für wohlgesittet halten, hiesz ihnen weichlichkeit Uz 56
neudr., oder durch danebengestellte bed.-verwandte: üppigkeit C.
F. v. Moser
beherz. (1763) 495; pracht
samml. v. schausp. 1, 74; glanz und reichthum Meissner
skizzen 1, 137; überfeinerung J.
M. Miller
briefw. dreier akad. fr. 1, 85; verzärtelung Bode
Montaigne 1, 330; schwelgerei Lichtenberg
nachl. 63; faulheit Schleiermacher
Platon 6, 186; vernachlässigung J. v. Müller 1, 55; sorglosigkeit K. L. v. Haller
rest. d. staatswiss. 1, 170; entartung Eichhorn
d. staats- u. rechtsgesch. 1, 290; weibisches thun Chézy
erz. 2, 208; behagen Ranke 35, 10; leere und leichtsinn Häusser
d. gesch. 1, 475.
attribute sind weibisch Wieland
Lucian 2, 235; süsz Klinger
n. theater 2, 115; faul Arndt
schr. an s. l. Deutschen 2, 16; capuanisch Fouqué
gefühle 1, 88.
in älterer sprache kommt das wort öfters geradezu der bed. '
wolleben'
nahe: was hilft der edle muth im sturm gekrönter sieger, wenn der ungleiche sohn, als ein verzagter krieger, in weichlichkeit zerflieszt, und jede mitternacht am trägen spiel durchgähnt, und beym champagner wacht? Clodius
im Gött. musenalm. 1770, 83
neudr. auch für den einzelnen ausdruck übertriebener ansprüche kann es stehen: ganze kisten wohlriechende wasser und schmierereyen mit sich zu führen ist eine weichlichkeit, die man vor wenigen jahren einem mädchen würde verarget haben Petrasch
lustsp. 1, 435.
jetzt ist '
luxus'
die nächstliegende bed.: als die kaiser im schoos der weichlichkeit Roms ihres zepters und ihrer selbst vergaszen, war die stadt Rom dem papst ihre erhaltung schuldig J. v. Müller 8, 20. 2@bb) weichlichkeit
im gefühlsleben kann wol gelegentlich in schutz genommen werden: und er kann in gefahr kaum so viel leiden müssen, als ich empfinden musz, ihn in gefahr zu wissen. ist dieses weichlichkeit: so nenn ichs doch gewinn Schwabe
belust. 2, 542,
ist aber doch, auch damit, ein vorwurf, gegen den man sich sonst verwahrt: wehmuth ist nicht weichlichkeit, und treuer schmertz kein schimpflich grämen Günther
ged. 145,
und den man sich fernhält: weichlichkeit soll nicht herr der vernunft werden Iffland
theatr. w. 3, 142. Kant
weist ihr im system der laster ihre stelle an: laster aber sind entweder die der bosheit, oder der niederträchtigkeit, oder der eingeschränktheit ... laster der dritten art sind lieblosigkeit, kargheit, trägheit (weichlichkeit) 10, 442,
und Göthe
erkennt darin den kern seines verdienstes: wie überstreng (
Kant die moral) in seinem kategorischen imperativ ausprägen wollte, so hat er doch das unsterbliche verdienst, uns von jener weichlichkeit, in die wir versunken waren, zurückgebracht zu haben
gespr. 3, 309
Biedermann. gemeinhin erscheint sie als übertriebene gefühlswärme: die liebe der eltern artet gar zu leicht in etwas aus, das keine liebe mehr ist, sondern an lächerliche ziererei und weichlichkeit gränzt Tieck 3, 281; bei dem im tiefsten grunde bis zur weichlichkeit gutmütigen charakter des rathes E. Th. A. Hoffmann 6, 35
Grisebach, daher der ausdruck falsche weichlichkeit Schelling 2 i 550.
sonst sind ihre attribute: gefährlich Sulzer
theorie 3, 251; unmännlich Fichte
wesen d. gelehrten 164; kindisch Fouqué
alts. bilders. 2, 671; leichtgerührt Holtei 14, 7.
gleichgeordnet stehen daneben: geduld Sturz 2, 194; muthlosigkeit
allg. d. biblioth., anh. zu bd. 37/52, 635; sinneslust Zimmermann
einsamk. 4, 71; feigheit und egoismus Meinecke
Boyen 1, 290; verzärtelung Schreyvogel 1, 141.
ausdruck dieser gefühlsweichheit sind gram und thränen: der gram ... ist ein kind der weichlichkeit Günther
ged., nachl. 27; und (
Luna) läszt, wie perlen, runde zähren rollen, die man, wenns tagt, noch auf den rosen findt, hüllt drauf das schöne haupt in einen schleyer, als schämete sie sich der weichlichkeit Götz
ged. 27
neudr. eine gröszere rolle spielt jedoch der ausdruck des seelenlebens in den gesichtszügen: welche zärte ohne weichlichkeit Lavater
phys. fragm. 1, 115; gesichter, in denen stärke und weichlichkeit ... sich durchkreuzen Justi
Winckelmann 1, 457; den gesichtsausdruck bestimmt vorwiegend eine gewisse weichlichkeit im munde Ratzel
völkerk. 2, 117. 2@cc)
als '
willensschwäche'
tritt weichlichkeit
relativ spät und selten auf: ich glaube nicht, dasz es hinfällige weichlichkeit ist, denn im ganzen nehme ich mich doch bei meinen ununterbrochenen körperlichen leiden noch ziemlich zusammen Solger
nachg. schr. 1, 390; ich fürchte, sie (
die frauen) möchten mir alle lust und allen muth zu männlichen thaten rauben, mich in eine verächtliche weichlichkeit einlullen, dasz ich so unterginge Tieck 11, 35; beifallsbedürftige weichlichkeit gegen locale beschwerden Bismarck
ged. u. erinn. 2, 236. 2@dd)
früh spielt weichlichkeit
in der erziehung eine rolle die doch oberflächlich bleibt: was macht viel kinder siech? vielleicht natur und zeit? nein, mehr der ältern weichlichkeit Gellert 1, 291; die in unsern zeiten herrschende weichlichkeit und verzärtelung zeigt sich auch in diesem stük
allgem. d. biblioth. 8 ii 62; luxus erzeugt weichlichkeit Vieth
enc. d. leibesüb. 1, 4; damit er, unberührt von weichlichkeit, stark werde Brentano 4, 113. 2@ee)
zum tadel der weichlichkeit
in der kunst leitet über: von der verzärtelten weichlichkeit, die sich von den sitten auf die künste ausbreitet Nicolai
lit.-briefe 5, 77.
als vorwurf reicht sie über alle gebiete der kunst und gilt sowol allgemein: es ist aber eine sehr verdächtige erscheinung, wenn die kunst sich mit sich selbst beschäftigt, eine eitelkeit, weichlichkeit, selbstbespiegelung Vischer
ästh. 2, 296,
wie im einzelnen von malerei: in der übertriebenen weichlichkeit seiner tinten ist, so zu sagen, nur ein einziger ton Winckelmann 1, 152;
tanz: das zarte zerflieszt in übermäsziger weichlichkeit Wieland
Lucian 4, 440;
musik: die musik der Meder und Perser war anfangs ernst und majestätisch, verfiel aber mit der nation gar bald in weichlichkeit Schubart
ästh. d. tonkunst 1;
drama: so zeigt schon Euripides jene unergründliche weichlichkeit, die nur dem versunkenen künstler möglich ist
F. v. Schlegel 5, 176;
lyrik: die weichlichkeit Anakreons Platen 292 (
Ödip. 3)
; epos: die weichlichkeit im Tristan und Flore begegnet uns wieder Gervinus
gesch. d. d. dichtung 2
5 56.
in schutz kann die weichlichkeit
auch hier genommen werden, wenigstens mittelbar: einst sang die nachtigall; der uhu war nicht weit und sprach: dein künstlich lied reitzt nur zur weichlichkeit Cronegk
briefe die n. lit. betr. 12, 369.
sie wird geradezu zum lob in der plastik: die weichlichkeit seines fleisches war die frucht dieses studii, und hat den höchsten grad des lebens und der schönheit, zu welcher der marmor zu erheben ist Winckelmann 1, 87,
zum kunstwort in der malerei: weichlichkeit,
mollesse, saget man in der malerey von dem fleische, und versteht darunter dessen zartheit und frische, das markichte und sanfte der umrisse, welche die stellen, wo die haut dicht an den beinen liegt ... von denjenigen orten unterscheiden lassen, wo nur fleisch gesehen wird Jablonski
allg. lex. d. schönen künste 2, 1735
a;
von da Jacobsson 4, 621
a;
miszbilligt von Adelung 4, 1445.