weibchen,
n. das md./nd. deminutiv zu weib, seltener und seinem auftreten nach jünger als obd. weiblein (
s. d.),
alt als eigenname Wivika.
form. 11) weibchen
ist eines der frühesten deminutiva auf -chen,
das im 15.
jahrh. literarisch wird: Gürtler
diminutivsuffixe (1909) 6; das selbige kleine bosze wibechen Stolle
chronik 181;
vetula, wijffchen
gemma gemm. (
Köln 1507).
ostmd. (Gürtler 34)
gilt die form weibichen Prätorius
glückstopf 34; Olearius
verm. reisebeschr. 305; Bohse
getr. hofmeister 526.
plur. weyberiche(n) Emser
vorlegung (1524) E 4
b; weibrichen Barth
weiberspiegel Q 8
a; Schupp
schriften 865; weibriger Moscherosch
ges. 1, 134.
nd. wyffken Rotmann
restitution 80
neudr., auszerdem ist wiueken, -kin Diefenbach
gloss. 229. 370,
nov. gloss. 170
fest bis heute: wiwkn Bauer-Collitz 113; wîfk'n Danneil 247. 22)
in die schriftsprache endgültig eingezogen ist das deminutiv in der lautform weibgen (Gürtler 35; Pfennig
z. f. d. wortf. 6, 2):
Simpl. 402
neudr.; Weise
drei kl. leute 8; Ettner
pol. maulaffe 340; Neukirch
ged. 202
f.; Elis. Charl. v. Orleans
briefe 6, 408; Elis. Göthe (1802)
schriften der Götheges. 4, 225; Göthe III 1, 208. IV 30, 10
Weim. —
dazu bis ins 18.
jahrh. plur. weibergen Prätorius
phil. colus (1662) 207; Weise
erznarren 194
neudr.; I. G. Schmidt
gestr. rockenphil. (1706) 1, 235. 33)
plur. weiberchen
zuerst und oft bei Niederdeutschen: Rist
n. t. Parnasz 166; Bucholtz
Herkuliskus 373; Morhof
unterricht 2, 397; Voss
ged. 2, 226; Prutz
polit. wochenstube3 66. —
seit dem 18.
jahrh. und durch die classische zeit überall, vor allem auch bei den führenden Mitteldeutschen: Ettner
med. maulaffe 881;
Leipziger aventurier 1, 120; Lessing 8, 8. 13, 56; Schröder
dram. werke 4, 157; Bürger 25
b,
zuletzt auch bei Oberdeutschen: Zimmermann
einsamkeit 3, 15; Bauernfeld 5, 110. 44)
seit mitte des 18.
jahrh. hat sich weibchen
auch als pluralform durchgesetzt: Uz
werke 91
neudr.; Göthe I 14, 217. IV 35, 139
Weim.; Hippel 1, 234. 318; Holtei 25, 174; G. Keller 2, 47. 4, 40; Steub
drei sommer in Tirol 2, 159.
so im 19.
jahrh. auch von thieren: Ritter
erdkunde 2, 1038; Peschel
völkerk. 17. 239; Brehm
thierleben 1, 58.
bedeutung. 11)
vom menschen. weib
ist (
sp. 330)
die erwachsene, das deminutiv darum ursprünglich wenig entwickelt. anstosz zu seinem gebrauch kann danebenstehendes mädchen
werden, neben dem dann weibchen
stets die verheiratete meint: Scapin: herr! ein mädchen! herr! ein weibchen ...
Scapine: ich bin ein mädchen! nennt mich nicht weibchen, ihr macht mich roth Göthe I 12, 137;
entspr. 33, 25
Weim.; das lied 'ein mädchen oder weibchen' soll er (
Mozart für die zauberflöte) ... aus einer von Schikaneder vorgebrummten melodie eigener erfindung hergestellt haben Jahn
Mozart 4, 564. 1@aa)
echte deminutivbed. ist nur unter bes. umständen möglich: die frau ist körperlich klein, zierlich, zwerghaft oder alt und eingesunken: dasz ich oft erstaunt bin, wie so ein ding von weibchen eine so unsichtbare gewalt über einen mann haben ... kann Bräker 1, 251; da hast du nun gar noch ein zierlich weibchen im wagen Göthe IV 9, 20
Weim.; jede staffel war aber ein geschliffener bergkrystall und darin lag ein spannelanges weibchen G. Keller 3, 112; das kleine blutlose gesicht des alten weibchens hatte etwas geisterhaftes Ebner-Eschenbach 2, 248.
bes. ist deminution am platze, wo die frau jung und, der grundbedeutung zum trotze, gewissermaszen noch nicht ausgewachsen ist: einen freyer ... der blos wünschte, ein junges, hübsches gesundes weibchen zu finden C.
F. Weise
lustspiele 3, 206; den fremden herrn, der sich seit einigen wochen mit seinem jungen weibchen bey mir aufhält Lessing 2, 269; er fand in seiner schönen schlafkammer auch ein säuberliches junges weibchen Raumer
gesch. der Hohenst. 6, 590.
auch seelische jugend ist inbegriffen, mit eigenschaften, die das weib als kind oder dem kinde nah erscheinen lassen: einem delikaten weibchen ... welche bey ihrem schwangerseyn sich sonderlich am glockenklang belustigte Tentzel
monatl. unterredungen (1691) 333; ein munteres, gesprächiges weibchen Bauernfeld 3, 146; deine sattsam bekannte geschwätzigkeit, mein gutes weibchen, befürchtend Gaudy 13, 17; meine schwägerin ist ein naseweises weibchen Laube 8, 126; seine frau ist ein sehr einfaches, naives weibchen Hebbel
briefe 5, 114. 1@bb)
viel öfter ist das deminutiv zum kosewort geworden: Adelung 5, 122;
leicht bringt es die stimmung der idylle mit sich: um mitternacht schieden sie küssend vom schmaus, und kehrten im frieden zum weibchen nach haus I.
M. Miller
ged. 44; sein weibchen musz wohl manchesmal die warme stirn ihm reiben Overbeck
verm. ged. 75; ich begleitete den förster und sein weibchen bis zu der tür des hauptmanns Raabe
kinder von Finkenrode 106.
das geht so weit, dasz unser sprachgefühl verwendungsarten ablehnt, in denen dieser sinn nicht deutlich wird: darob sein weibchen trefflich schmählt Hölty
ged. 20
Halm. als koseform gilt das deminutiv zumal in der anrede: der ehemann kann seine gattin so (
weib), oder noch lieber weibchen nennen Hupel
liefl. id. 68; sei mein liebchen, sei mein weibchen Arndt 4, 25
Rösch. so am liebsten im vocativ: grosz und kleine sorgen, weibchen, theilen wir Schubart
sämmtl. ged. 2, 143; komm, küsse mich, weibchen Voss
sämmtl. ged. 3, 143.
gern mit kosendem beiwort: guten morgen, liebes weibchen, ich wünsche dasz du gut geschlafen habest Mozart
an s. frau bei Jahn
Mozart 3, 171; bis jetzt geht alles gut, mein liebes weibchen Moltke 6, 124; mein zuckersüszes weibchen, weine nicht Bauernfeld 1, 267.
dasselbe dann auch ohne vocativ und auszerhalb der anrede: er, der sie ganz vor seine frau ansah, sie nicht anders als sein liebes weibchen nannte Göthe
Meisters theatr. sendung 1, 29; ich musz mir nur ein liebes weibchen nehmen Neukirch
ged. (1744) 204; wir lassen alle blumen stehn, das liebe weibchen anzusehn Hölty 97
Halm (
nach: und kapfen an daʒ werde wîp Walther 46, 20); das gute weibchen, oder was sie ist! sie bleibt den ganzen tag in ihrer stube eingeschlossen und weint Lessing 2, 269; dort bilden wir uns ein empfindliches weibchen ein 9, 334; Chariklea war in der that ein ganz hübsches weibchen Wieland
Lucian 4, 18; da er ... ein hübsches, gesundes und gutmütiges weibchen besasz G. Keller 5, 97; ich habe mein armes weibchen als waise überkommen Holtei
erz. schriften 3, 183.
oft hat das wort unverkennbar sinnlichen klang: weil wir an die häufige verwendung bei thieren denken, drängt sich die animalische seite hervor: sind es nicht fünf jahre, seit ich solchen sohn schuf und aufbewahre? nein, ein weibchen werde diesz, das mit ihm sich künftig paare Ramler
lyr. ged. (1772) 140; (
dem monarchen wird als gegengift verordnet:) ein teufel friszt den andern! — kurz! ein weibchen — oder — niesewurz Schiller 1, 257; mein hirn soll meines geistes weibchen seyn, mein geist der vater: diese zwey erzeugen dann ein geschlecht stets brütender gedanken Shakespeare 5, 282
Schlegel. 22)
in alter sprache (
s. o. sp. 347)
heiszt das weibliche thier gern weib,
jetzt durchaus weibchen: wībchen Hertel
Salzunger wb. 50; wiefken
brem. wb. 5, 250; wîweken Schambach
gött. 302; wíftjən Siebs
helgol. 303; in den meisten thierarten ist das männchen schöner, als das weibchen Vischer
ästhetik 2, 169.
ausgegangen ist das deminutiv hier von den vögeln, bei ihnen am häufigsten: der sperling hüpft munter die zweige hinan; das weibchen ist lustig, und locket den mann Schwabe
belust. 8, 423; flügelschläge von dem weibchen trägt des taubers frommer sinn Bürger 6
a; ich will eifersüchtiger auf dich seyn, als ein turteltauber auf sein weibchen Shakespeare 4, 268
Schlegel; seht mich hier zu euren füszen tief erniedrigt, wie das weibchen des fasanen, wenn ihr liebling kommt A. v. Arnim 14, 354; schau, sagte ein kolibri zu seinem weibchen Ebner - Eschenbach 1, 131.
schon bei den vögeln wird das deminutiv bisweilen sinnwidrig: das weibchen (
des geiers) ist gewöhnlich etwas gröszer ... als das männchen Naumann
nat.-gesch. der vögel 1, 158;
vollends ist das der fall bei säugethieren, von deren weibchen
erst in späterer übertragung, aber jetzt regelmäszig gesprochen wird: blosz für ihre kinder wagen sich fuchs und füchsin ... (
sie) erweisen sich auf das zärtlichste gegen weibchen und kinder J. Grimm
Reinh. Fuchs XXII; ahmest das grunzen des keulers nach und lockest sein weibchen Mörike 1, 80
Göschen. Adelung 5, 121
und Heinsius 4, 1556
wundern sich über den gebrauch des deminutivs auch bei den gröszten thieren. 33)
auch bei pflanzen wird mit junger übertragung von weibchen
gesprochen: das weibchen vom hanf ein name des weiblichen hanfes Campe 5, 631; die scheibenblümchen sind fruchtbare zwitter, die strahlenblümchen fruchtbare weibchen (
von erigeron acer) Schlechtendal
flora 29, 94.
die früchte von crataegus oxycantha heiszen in Ostfriesland meelwiefken, wibelken(-beeren), wimiken, hâgewiefkes, nâkede wiefkes Focke
abh. des nat. vereins Bremen 2, 256
f. nâkend wiefke, witte wiefkes
ist dort auch der ländliche name des schneeglöckchens das. 259; Pritzel-Jessen 157. — armes weibchen
als name der wasserschnecke voluta paupercula L. bei Campe 5, 631. —