walen,
verb. wälzen, sich wälzen. ein wort, das jetzt nur mundartliche verbreitung hat, im älteren nhd. aber auch litterarisch vorkommt, schon ahd. vereinzelt walô
n. 11)
herkunft und verbreitung. 1@aa) walôn
gehört zu der ungemein weit verbreiteten indogermanischen wurzel vel '
wälzen, drehen',
die auch vielfach erweitert erscheint und deren bedeutung sich specialisiren kann (
namentlich auf die bewegung des kalten oder heiszen wassers, ein gehen mit den füszen, eine thätigkeit mit den händen u. s. w. bezogen):
skr. válati '
sich wenden, drehen',
aslav. valiti '
wälzen',
lit. vélti '
walken'.
auf die einfache wurzel geht noch got. wulan '
sieden',
ahd. walm '
hitze',
ags. wielm '
wallung, von wasser oder feuer'
zurück, sowie auch die unter dem zweiten wale (
fem.)
angeführten wörter mit der grundbedeutung '
gerundet',
eig. '
gewälzt'.
weiterbildung durch w
zeigen got. walwjan '
wälzen',
erweitert walwisôn '
sich wälzen',
ags. wielwan '
wälzen',
dazu lat. volvo,
gr. ἐλύω '
winden, krümmen',
εἰλύω '
wälzen, einwickeln'
; weiterbildung durch d wälzen (
s. d.). -ll-
aus -ln-
erscheint bei ahd. wellan '
wälzen',
anord. vella '
wälzen, sieden',
ahd. wella '
walze, walzenförmiges, woge',
während ahd. wallan
zunächst ausschlieszlich auf die bewegung von flüssigkeit (
dann auch von andren dingen)
bezogen wird; ferner stehen in der bedeutung ahd. willôn, wullôn '
ekel empfinden' (
vgl. die gleiche bedeutungsentwicklung von '
wälzen'
aus bei walgen).
weiterbildung durch gutturale zeigen dann walgen
und walken (
s. diese wörter),
von denen das zweite im deutschen überwiegend, wenn auch nicht ausschlieszlich, auf ein wälzendes, knetendes bearbeiten von stoffen eingeschränkt erscheint. 1@bb)
das wort läszt sich aus dem ahd. nur einmal belegen: volitarent (
linteamenta agente vento), walotin Steinmeyer-Sievers
gl. 2, 748, 14;
daran schlieszt sich das subst. walonti,
manacio gl. 1, 38, 32
in Pa. (
in gl. K. walondi).
auch in einer quelle des 12.
jahrh. (
unten 2,
b, β)
kommt gewalot
vor. sonst läszt sich das verbum aus dem älteren mhd. nicht belegen, erst vom 14.
jahrh. an kommt es in alem.-schwäb. quellen häufig vor, während bair. und md. belege fehlen. auch im mnd. kommt sik walen
vereinzelt vor Schiller-Lübben 5, 579,
sowie im mndl. (Kilian 571
führt walen, waelen,
wallen als '
mutare, vertere'
und wallen, wellen
als '
volvere, volutare'
an).
im 16. 17.
jahrh. geben das wort alemannische wörterbücher an: evolvere, uszhin walen. Altenstaig
nach Diefenbach
gl. 213
a;
volvo, ich weltze, wale, wende umb. Dasypodius 263
c; walen,
volvere, rotare. 451
c; walen, unden auf weltzen und trolen,
subvolvere, volvere, circumvolvere. Maaler 483
c;
volvere, weltzen, trolen, wallen, rollen, umbtreiben. Dentzler 1, 886
a;
orbe volvi, se volvere, über und über kuglen, wallen.
ebenda; wallen, weltzen,
volvere, volutare. 2, 341
b.
auch Schönsleder
prompt. Kk 4
c verweist von walen
auf weltzen.
die andern wörterbücher kennen es nicht und erst Campe
führt wieder walen
aus dem schwäb. und aus dem nd. wallen
für '
wälzen, rollen, walzen'
an. litterarisch kommt das wort im 16.
jahrh. bei Alemannen häufig vor, so haben es Paracelsus, Würtz, Forer, Heuszlin, Fischart,
das schildbürgerbuch und noch Fel. Platter.
einen vereinzelten beleg für wallen (
diese schreibung gelegentlich auch im 15. 16.
jahrh. und bei Dentzler)
bietet noch Abr. a S. Clara,
der das wort wol seiner heimischen, schwäbischen mundart verdankt. 1@cc)
mundartlich lebt das wort jetzt vor allem im schwäb.-alem. gebiet, wo es theils transitiv als '
mit einer rolle platt machen',
theils intransitiv (
reflexiv)
als '
sich wälzen' (
z. b. von kindern, thieren)
gebraucht wird. Stalder 2, 432. Tobler 438. Hunziker 285. Seiler 309. Martin-Lienhart 2, 811 (
mit dem part. kwale). Schmid 515 (
im part. auch mit spuren starker bildung, aufgewollen '
aufgedunsen'). Erbe 41.
im bair. ist es nicht nachzuweisen, auch Schmeller
2 2, 884
gibt es nicht aus der jetzigen sprache an, doch führt Unger-Khull 616
a walen (
part. gewollen) '
wälzen'
als obersteirisch an; eine spur aus der Gottscheer sprache s. unten 2,
a, β.
im md. scheint es jetzt fast ganz durch die weiterbildungen (walgen, walzen
u. s. w.)
verdrängt, doch kennt es Schröer
versuch 260
aus dem ungarischen bergland, es kommt auch im östlichen Mitteldeutschland in der bedeutung '
mit eiern spielen'
noch vor (
unten 2,
a, β).
verbreitet ist es in Niederdeutschland als '
wälzen'
: brem. wb. 5, 172 (wallen,
auch wälen). ten Doornkaat Koolman 3, 500 (
auch welen 533). Mi 104;
auch in ndl. mundarten: Gallée 51. Molema 476 (woalen '
sich im gras herumwälzen von knaben und mädchen');
auch das seemännische walen (2,
b, γ)
beruht auf dem nd. mnd. walballen, walleballen Schiller-Lübben 5, 580,
jetzt in verschiedenen formen verbreitet (
oben sp. 1111), '
sich im bett herumwälzen, sich herumtreiben',
ist vielleicht '
streckform'
zu walen,
mit einmischung von wallen. 22)
gebrauch. walen
bezeichnet wie wälzen
ursprünglich das hin- und herbewegen eines gegenstandes unmittelbar über einem andern. diese grundbedeutung ist nach verschiedenen seiten hin erweitert worden. 2@aa)
transitives walen. 2@a@aα)
durch wälzen, rollen platt machen, z. b. den acker mit der walze bearbeiten. Martin-Lienhart 2, 811 (
vgl.walbloch,
walholz und wale,
f.).
ferner den teig mit der rolle auswälgern: diesen teig solt du folgends umb einen seyden oder leynen bendel wicklen und walen, auff einem zinnern teller, der etwas schmutzig seye. Fel. Würtz
practica der wundartzney (
Basel 1612) 202.
so jetzt in vielen alem. und nd. mundarten (1,
c).
elsäss. auch (
mit bewirkendem acc.) die kueche wale. Martin-Lienhart
a. a. o. im
nd. sagt man von jemand, der eine glatte haut hat: he is so schier, as wen he ūt dem dege wälet is.
brem. wb. 5, 173. 2@a@bβ)
wälzend fortbewegen, z. b. eine last: phalanga, eyn wale ... darauff man eyn last walet oder schaltet.
phalangarius, eyn träger oder knecht der läste walet. Dasypodius 181
d; die vierd walet ein block by dem kefyt .., darinn die atzel sasz.
buch der beispiele 56, 18
Holland; Diogenes zu siner zyt ... hub an zu walen hin und her syn scherbat vas, als ob es wer isin und nit von härd gebrant, geschefftig gar mit siner hand. Weller
dicht. des 16. jahrh. 111; der himmel bewegt sich gleich als ein uffrecht fasz, das man uffrecht besyts walet von eim ort zuo dem andern. Keisersberg
Marie himelfart 5
d.
besonders holz walen: welcher in den obgemelten höltzern und wäldern holtzen wil, der sol die höltzer nütt lǎssen walen, sonder das gonten oder aber das schlaipfen ald aber zuorugg dannen füren.
rechtsquellen des kantons St. Gallen 1, 2, 381, 33 (
Toggenburg 1493)
Gmür; dasselbige (
bauholz) ... bringens mit heben, lupffen, schieben, treiben, stossen, trollen, rollen, wallen, schleiffen ... den berg hinauff.
Schildbürger 38.
etwas abweichend '
rollend werfen',
z. b. eine kugel walen: wer kugel walt oder in dem bret spilt. Schmeller
2 2, 884
aus einer handschr. daraus hat sich walen
in absolutem gebrauch als '
mit der kugel spielen' (
d)
entwickelt. ferner eier walen,
ein kindervergnügen zur osterzeit (
vgl. das erste wale [
fem.] 3
und walei)
in md. gegenden, von Scherz-Oberlin 1928
aus Naumburg angegeben, ferner neues lausitzisches mag. 39, 189. Schröer
versuch 260.
vgl.walgen 2,
a, ε. 2@bb)
intransitives walen. 2@b@aα) '
sich wälzen',
meist mit in
verbunden: volutare, in pfuol wallen. Diefenbach
gl. 628
c; in dem bett umbhin walen, sich allenthalben dem bett hin strecken. Maaler 483
c; du bist vormals mee gwalet im dreck, das möcht dir aber zhanden gon. Eckstein
concilium 720
Scheible; ach weh, mein voller bauch thät vor nach bösem brauch in wollust umbher wahlen. Wackernagel
kirchenl. 5, 1356, 25;
schweiz. 's ross walet im boda n'omma '
wälzt sich auf dem boden herum'. Tobler 438; so aneinandergeklammert rollte und wälzte man sich (
auf dem acker) herum und nannte dies walen. Strackerjahn
aberglaube u. sagen aus Oldenburg 2, 78.
allgemein '
sich drehen': 't wāld all mit mī in 't runde. ten Doornkaat Koolman 3, 500. 2@b@bβ) '
sich wälzend fortbewegen': mir ist getroumet, wie ain derbeʒ gierstins brot walete uʒ herrn Gedeons gezelt. Grieshaber
predigten 2, 112; daʒ derbe girstin brot daʒ da ist gewalot in diu her.
ebenda; henckend üch an das römisch rich, so gand üch zehand üwer sachen glücklich, und sehend eben recht ins spiel; es nieman weisst, wie die kugel walen wil.
vorspiel zu Etter Heini 467; do man den (
ehernen) ochsen uff den berg bracht, do hiesz der keyser, daʒ man den wirdigen edlen ritter darin stiesz und inn denn berg ab liesz wallen, houpt uber ars.
deutsche volksbücher 321, 22
Bachmann-Singer; darumb so seind sie (
die sterne) kugeln, die da für und für waltzen und walend, wie sie von der hand gottes geworffen werden. Paracelsus (1590) 8, 193.
von menschen, wortspielend bei Fischart: Goten, Wandeln, Langparten, Nortmannen, Saracenen, Marckmannen, Wenden, Sclaven, Rugen, Walen, die untereinander gehurnauset, gewalet, gewandelt und gewendet haben.
Garg. 27
a (31
Alsleben). Hebel
erweitert den gebrauch des alem. wale,
indem er es wie schriftd. wallen
gebraucht: wie ne luftig gwülch am morgehimel im frühlig schwebts (
das tuch) der uf der brust, und stigt und fallt mittem othem, wahlt der über d' achsle, und fallt in prächtige zipfle übere rucken abe.
alem. ged. 20
Behaghel (
die wiese 112); 's morgeliecht es rieslet still in d' nacht, und endlich wahlt's in goldne strömen über berg und thal. 84 (
der wächter in d. mitternacht 98). 2@b@gγ)
in der seemannssprache wird walen
von einem schiff gebraucht, das nicht vorwärts kommt, sondern sich um seine längsachse dreht, schlingert; ebenso von der kompasznadel, wenn sie ihre magnetische kraft verloren hat und hin und her schwankt. Bobrik 716
a (
auch wallen). Stenzel 455
b.
so auch ndl. walen. 2@cc)
reflexives walen '
sich wälzen',
meist mit örtlicher bestimmung: volutabrum, eyn ort da man weltzen mag, da sich die schwein walen. Dasypodius 264
a; wenne och unser herr der abbas seinen atze wil nemen ... so sol der marschalk varen mit den pherden über wunne und über weide, wie sich die pherde walent, das sol er bessern.
Alsatia diplomatica nr. 980 (1339); sumerzyts walet er sich im sand am meer.
Diogenes (
Zürich 1550) B 5
a; die fasanen verdärbend von den leusen, wo sy sich nit im staub walend.
Gesners vogelbuch v. Heuszlin 52
a; so sich die hennen über ir gewonheit im sand walend, so ist disz ein zeichen eines groszen rägens. 94
b; so er (
der vogel) auszgespaciert hat, walet er sich im staub und badet. 191
a; so der bär nahend bey der hülin ist, walet er sich dareyn, damit der jäger sein gspor nit finde. Forer
thierb. 16
a; so ein rosz die würm bekompt, welches angezeigt wirdt, so es sich mit schmertzen offt wallet, den kopff zuo dem bauch schlacht, den schwantz vil hin und wider wirfft. 136
a.
von menschen: wo der kranck sich wallet tauber weisz auf dem boden, so ist nichts dann der tod zu erwarten. 89
b.
jetzt namentlich von kindern oder als ausdruck der lustigkeit: elsäss. er het si gwalt vor lache. Martin-Lienhart 2, 811.
übertragen: sich in der huorey walen, gar unverschampt ein huorer seyn. Maaler 483
c.
verstärkt mit um: do diene selle diese briefe annegesach, do wart si gar fro ... und spranc fon freuden under diese briefe und walthe sich umbe und umbe in diesen briefen. Rulmann Merswin 127
Schmidt; die tesch walet sich umb eins uber das ander, bisz sie widerumb heim kam. Pauli
schimpf u. ernst 109
Österley; de jungens un wichter walen sük in 't hei herum. ten Doornkaat Koolman 3, 500. 2@dd)
von dem transitiven gebrauch aus hat sich walen (
verdeutlicht: mit der kugel walen)
festgesetzt als bezeichnung eines spieles, das im 14. 15.
jahrh. in alem.-schwäb. gegenden sehr üblich gewesen sein musz; es kam dabei darauf an eine kugel durch einen ring rollen zu lassen (
vgl.walgen 2,
a, ε).
der ausdruck kommt häufig in rechtlichen bestimmungen, zusammen mit andren spielen, vor: die vorgenant zunft hat die freiheit von dem gotzhus das si denselben tag mügent leben wi si wellent, mit spilen, mit walen und mit anderer kurtzewile.
Alsatia diplom. nr. 1980 (2, 165) (
Münster 1339); nieman sol walen noch spilen in denheinen weg uf der stuben noch in dem begriffe von der grossen vastnaht untze vierzehen tage noch ostern.
urkundenbuch der stadt Straszburg 5, 430 (1360)
Witte u. Wolfram; man (
soll) ouch die messe usse nyergent anderwo kein spil halten dann in demselben huse des Heissen Steines; doch mag man in garten oder sust an andern enden wol walen, im brette spilen, karten und schochzabels und sust kein ander spil tuon.
Straszburger zunftordnungen 343
Brucker; darumb so habent die herren gerotslaget, das hinnanfürder niemand von unsern burgern ... deheinerleye würfelspiele, hohe oder nyder, das den pfennig geschaden mag, nit triben noch spielen söllent; doch schochzabel, brettspiele, walen und karten mag man wol tuon. 470; walen ... und kegeln. 471; das man nun hinanfurme keinerley spyl, domitte man pfening gewynnen oder verlieren magk, ... tuon sol, uszgesat schoffzabel, schiessen, walen, kuwel werffen, kegeln und bal slahen.
Schlettstadter stadtrechte 1, 352 (1460)
Gény; es sol ovch in dem geriht nieman spilan oder karten ... aber bovszsan und walan und bretspiel ald schauchzebel und schiessen mit dem armbrost ist usgelassen.
Alemannia 5, 226, 26 (
stadtbuch v. Schaffhausen, 14.
jahrh.); das nieman einkein spil nicht mehr triben noch tuon sol ... ussgelassen brettspil und bossen und mit der kugeln walen ungevarlich umb ein ürten.
Zürcher stadtbücher 2, 261
Zeller-Werdmüller (1418); wer ouch der ist die hie zu Memmingen in sinem hus und gemach wissenklich spilen, walen. karten ... tuon lät. Birlinger
schwäb.-Augsburg. wb. 425
aus dem Memminger stadtrecht; wer walet oder spilt, singet oder sprichet, dem man sin hopt zerbrichet, hört man ettlichen clagen.
liedersaal 3, 422 (
v. 44); wie sie tuond baitzen und mit hunden jagen, darzu walen und spilen.
des teufels netz 4027
variante; darzuo lat er unfuor in sinem hus triben mit mannen und mit wiben, schelten und sweren und die hailigen enteren mit toban, walan und spilan. 12795; nieman die zuovelle alle kan gezalen, luoderige, sweren, schelten, spilen uud walen
ged. vom jüngsten gericht bei Schmidt
elsäss. wb. 411. 2@ee)
in zusammensetzungen verändert sich mitunter die bedeutung des verbums, so in schwäb. aufgewollen '
aufgedunsen' Schmid 515,
das aber vielleicht zu wallen I
gehört. ferner zusammenwalen '
zusammenballen' (
vgl.wallen I, B, 6, zusammenwallen '
coagulare',
an das aber bei den folgenden belegen wegen des transitiven und reflexiven gebrauchs nicht gedacht werden darf): setzet ein pfannen mit wasser übers fewr, und mit dem teig darein. mit nichten aber wolt es sich schicken, es wolt sich eben gar nit zusammen wallen, das kchlin daraus wurden.
Schildbürger 50; in einem winter formiert ich ausz schnee zesamen gewalt ein bachofen im garten. Fel. Platter 138
Boos; eine wolcken ist nichts anders, als ein dunst .., welchen die sonne, wie auch andere gestirn, in die höhe ziehen, allwo er von der kälte in etwas zusammen gewallt wird. Abr. a S. Clara
huy u. pfuy (1725) 43.
hierzu aus Gottschee geballt (b
aus w) '
gewickelt, geringelt'. Frommann 6, 521, 6.