vorzüglich,
adj. u. adv. ,
mundartlich kaum nachweisbar, Fischer bezeugt es für Ulm schwäb. wb. 2, 1691
und Jakob
für Wien (vurzüglich)
Wiener dial. 212. —
ableitung des 18.
jhs. von vorzug (
vgl.an-, be-, nach-, rückzüglich
sowie dän. foretrækkelig,
das jedoch zum verbum foretrække
gebildet ist). 11) '
den vorrang (vorzug I B 2 b)
einnehmend (
bzw. verdienend)'. 1@aa)
adj., in der verschiedenen sinnesfärbung von '
vorrangig, hauptsächlich, besonder' (
vgl. vornehmlich 3 a,
teil 12, 2, 1361);
vereinzelt als juristischer terminus (
s. auch unter vorzug I B 2 a
α und vorzüglichkeit 1): vorzügliches erbrecht der kinder für den enkeln, und der geschwister für den geschwisterkindern Fr. Chr. J. Fischer
erbfolgsgesch. (1782) 195; heut zu tage bedeutet dagegen solches (
ritterlehen, feudum militare) ein lehen, welches die vorzüglichen rechte adelicher güter hat Georg Mich. v. Weber
lehnrecht 3 (1810) 53.
in literarischem sprachgebrauch: dieses gedicht habe ich allemahl mit einer vorzüglichen liebe angesehen ..., indem uns ordentlich alles lieber ist, was uns theurer zu stehen kömmt (1734) Albr. v. Haller
vers. schweiz. ged. (1748) 129; unter den hülfsbedürftigen personen, für die meine mutter eine vorzügliche sorge trug, standen besonders junge frauen oben an Göthe I 24, 24
W.; es ist häufig gegen den reichtum der geistlichkeit, als gegen ein vorzügliches hindernis ihrer gottseligkeit, geeifert worden Eichendorff
s. w. 10, 188
Kosch; ein ärgernis (
die bigamie Philipps v. Hessen) ..., das aus der partei hervorging, die in vorzüglichem grade christlich zu sein behauptete Ranke
s. w. 4 (1868) 190; der jüdische und der arabische arzt hätten (
nach Göthe) durch die ganze mittelzeit das vorzügliche vertrauen der welt genossen Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 465.
die attributive verwendung in dieser bedeutung ist moderner sprache im allgemeinen nicht mehr geläufig und für das sprachgefühl kaum mehr von 2 a
geschieden; sie findet sich jedoch in der wendung mit vorzüglicher hochachtung —
als schluszformel in briefen seit der 2.
hälfte des 19.
jhs. (
vgl. ndl. met de meeste hoogachting),
so bei Fontane (1. 11. 1859)
in: briefe an die freunde, letzte auslese 1 (1944) 155
u. ö. —; in vorzüglicher ergebenheit
ders. (4. 2. 1872)
ebda 256
u. ö.; vereinzelt auch im superlativischen gebrauch: sie (
Wilhelms groszmutter) ... fand einige schwierigkeiten. die vorzüglichste davon war ... Göthe I 51, 20
W.; die vorzüglichste obliegenheit der schauspieler
ebda 40, 76; der vorzüglichste weg, auf welchem das mittelalter ... den unterricht in den sachen mit dem in den worten gesucht hat zu vereinigen, war die abfassung encyklopädischer wörterbücher Wackernagel
voc. optimus (1847)
vorr. 3; jetzt wurde ... die sprache der zeit mein vorzüglichstes interesse Klemperer
l. t. i. (1949) 17. 1@bb)
adv., in verschiedenen syntaktischen anwendungen einen satzteil (
wort, -gruppe oder nebensatz)
als '
vorrangig'
hervorhebend, gleichbedeutend mit '
vornehmlich, besonders, vor allem, in hohem masze': wie, wenn es den Römern bei ihren ahnenbildern auszer der solang als möglichen dauer, noch um eine andere eigenschaft wäre zu tun gewesen, ... die sich vorzüglich an dem wachse, weit weniger an dem erzte und an dem marmor ganz und gar nicht findet? Lessing
w. 17, 294
Petersen-Olsh.; bekanntschaft mit wahren gelehrten und erinnerung an die erste, einer ganz falschen tugend gewiedmete, hälfte des lebens ... müsste mich wol recht sehr hindern, mich für gelehrt und vorzüglich tugendhaft zu halten Hermes
Sophiens reise 4 (1778) 39; und seine (
des Viglius) geschicklichkeit vorzüglich half die unterhandlungen zum vortheil der Niederlande lenken Schiller 7, 137
G.; der unterschied unserer jahre ... hielt uns lange entfernt von einander, vorzüglich da meine mutter allen umgang vermeidet (8. 2. 1819) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 36
Schulte-K.; ich liebe euch, Gottlieb, ganz vorzüglich Tieck
w. (1885) 1, 9; ich habe sie (
die Marwitzschen) gesehen und vorzüglich einen von ihnen W. Raabe
s. w. I 6, 503
Klemm; dies werde ich natürlich nicht tun (
hierbleiben) und vorzüglich deinetwegen und meiner schwester wegen (15. 2. 1855) G. Keller
br. u. tageb. 2, 363
Erm.; der gelbe, pikante Waadtländer schmeckte mir vorzüglich Hesse
Camenzind (1925) 57; hier gab es ... theologische, mathematische, vorzüglich aber astrologische werke Bergengruen
am himmel wie auf erden (1940) 193; ein wenig lichtlos (
August Göthe), möchte ich sagen und habe dabei vorzüglich seine augen im sinn, die schön ... hätten sein können, wenn ihnen mehr ausdruck, mehr blick auch nur zu eigen gewesen wäre Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 179; granit und marmor, vorzüglich zu grabkreuzen verarbeitet, (
gelten) als sinnbilder des schweigens Werfel
Bernadette (1948) 68; übrigens hatten sie auch vorzüglich gepflegte weine Mühsam
namen u. menschen (1949) 131.
in älterer sprache vereinzelt mit präpositionaler bestimmung: denn ich bin sehr überzeugt, dass kein volk in der welt irgend eine gabe des geistes vorzüglich vor andern völkern erhalten habe Lessing
w. 5, 336
Petersen-Olsh., s. auch ders. 17, 75
L.-M. 22) '(
durch vorzüge)
ausgezeichnet, hervorragend, vortrefflich, auszergewöhnlich gut'
; vgl. vorzüglichkeit 2. 2@aa)
adj., als auszeichnendes prädikat bei konkreten und abstrakten der verschiedensten sachgebiete und begriffssphären: von dieser neuen und sehr vorzüglichen ausgabe ... selber behörige nachricht zu ertheilen Richey
id. Hamburg. (1755) II; hier ward einem vorzüglichen manne das gefühlteste und einsichtigste lob ertheilt Göthe I 24, 366
W.; dr. Lau, ... der neue hauslehrer, war ein vorzüglicher pädagog, weil er ein vorzüglicher mensch war Fontane
ges. w. II 1 (1920) 212; Hoepli hat ... eine ganz vorzügliche uebersetzung des Pescara ausgegeben (28. 8. 1889) C.
F. Meyer in:
br. 276
Langm.; dafür bieten die ... mosaiken ... ein vorzügliches beispiel Solms-Laubach
weizen u. tulpe (1899) 44; die vorzüglichen weine, die ich getrunken hatte
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 229; ich war sehr unangenehm überrascht, als ich ... aus dem vorzüglichen bette getrieben wurde Alfr. Steinitzer
aus d. unbekannten Italien (
neue folge 1914) 46; genugtuung über sein vorzügliches aussehen Th. Mann
zauberberg 2 (1925) 147; er war ein vorzüglicher glasperlenspieler Hesse
glasperlenspiel 1 (1946) 296;
s. auch ebda 329 (v. musiker und kunsthistoriker); Jeanette Scheurl (
spielte) Mozart auf dem tafelklavier ... und Rudi Schwerdtfeger pfiff dazu ... es war glänzend, — eine kabarettreife fertigkeit ... kurzum, es war vorzüglich Th. Mann
Faustus (1948) 414.
vielfach auch komparativisch und superlativisch gebraucht: die hauptfächer waren gut, zum theil vortrefflich besetzt, vorzüglicher das männliche personale vor (!) dem weiblichen Schütze
hamburg. theatergesch. (1794) 704; auf deiner seite sind die vorzüglicheren, die tieferen eigenschaften (6. 3. 1843) L. Schücking in:
br. 201
Muschler; das unbedingt vorzüglichste unter allen eingesandten gedichten Th. Mann
königl. hoheit (1928) 210;
substantiviert: er (
Alex. v. Humboldt) ist jetzt in Deutschland gewisz der vorzüglichste in diesem fache (
i. naturreich) und übertrifft an kopf vielleicht noch seinen bruder, der gewisz sehr vorzüglich ist (12. 9. 1794) Schiller
br. 4, 15
Jonas; war es, dasz unsere einbildungskraft nicht fähig ist, das vorzüglichste festzuhalten Göthe I 24, 346
W. als anrede: sehr bester sehr — sehr — sehr — vorzüglicher! ... sejd so gut u. überschikt mir das paquet (1819?) Beethoven
s. br. 4, 61
Kalischer. 2@bb)
adv.: diese nation (
die Spartaner), welche vorzüglich angeführt war Bode
Montaigne (1793) 1, 85; deiner feindin, rief man ihm zu, begegnest du so vorzüglich? Lessing
w. 1, 149
Petersen-Olsh.; der musikdirektor Hermstedt, von Sondershausen, bläst die klarinette sehr vorzüglich Göthe IV 27, 130
W.; die zwei hallen rechts und links ... wirken vorzüglich und geben dem mitten aufsteigenden alten bau noch mehr masse und majestät W. H. Riehl
ein ganzer mann (1929) 403; und es kann gar keinem zweifel unterliegen, dasz Hans Sachsens schuhe ... ebenso vorzüglich gearbeitet und allgemein geschätzt waren wie seine fastnachtspiele Friedell
kulturgesch. d. neuzeit (1929) 323; 'vorzüglich verstehst du zu schreiben', lobte der kaufmann Hesse
Siddharta (1922) 78; ich speiste vorzüglich Th. Mann
d. kl. herr Friedemann 84
S. Fischer; der ausdruck ('
schatten') wird ... dem scheinhaften und wesenlosen seiner amtlichen existenz (
als stellvertreter des glasperlenspielmeisters) vorzüglich gerecht Hesse
glasperlenspiel (1946) 1, 296;
komparativisch: bekanntlich speisen hoteliers, wenn sie zu dreien, vieren auftreten, vorzüglicher als filmstars und werden ganz bestimmt besser bedient als regierende fürsten Kluge
Kortüm (1938) 414;
auch absolut, als ausruf gebraucht: »es (
das bild) ist nicht älter als ich«; »nun, dann ist es gerade alt genug«; »bravissimo. sieh, so hab ich dich gern. übermütig und boshaft ... 'gerade alt genug' — vorzüglich, vorzüglich« Fontane
ges. w. I 3 (1905) 21; Peeperkorn rieb sich die hände. 'absolut', sagte er. 'perfekt. vorzüglich' Th. Mann
zauberberg 2 (1925) 368; 'liberalisierung des islam', spottete Naphta. 'vorzüglich. der aufgeklärte fanatismus, — sehr gut'
ebda 67.