vorfall,
m. ,
jüngere bildung zum verbum vorfallen: ein v.,
accidens, casus, negotium, occasio Stieler 422;
die zusammensetzung mit für-
ist th. 4, 1, 1,
sp. 725
nicht belegt: yn achtung der personen und furfällen Eberlin v. Günzburg
schr. 3, 145
ndr.; ein sonderbarer fürfall A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 4, 2, 193. —
aus dem deutschen entlehnt und gleichbedeutend mit dem deutschen wort aber neutralen geschlechts ist dän. forefald;
über ein altn. forfall
s. unter 4. 11)
in eigentlicher bedeutung ein fallen nach vorn oder etwas nach vorn fallendes oder gefallenes, in der sprache der ärzte: v.,
procidentia ani vel sedis apud medicos Corvinus
fons lat. (1646) 123;
procidentia, prolapsus, der v., zeigt eine solche abweichung irgend eines weichen theils an, wo derselbe unbedekt hervorraget, wodurch er sich von dem bruche ... unterscheidet Blancard
arzneiwb. (1788) 2, 617; v. des afters, der mutter, der scheide, des augenliedes Nemnich
lex. nosol. polyglotton (1801) 17
d; die geburt ist ... wegen des vorfalls der mutterscheide ... schwer gewesen
allg. d. bibl. (1765
ff.) 5, 270; (
die schleimhaut des darms) macht einen v., und der koth tritt in die unterleibshöhle Sömmerring
v. baue d. menschl. körpers (1839
ff.) 5, 73. 22)
ein theil in der uhr, welcher bewirkt, dasz die schnecke beim aufziehen nicht zu weit herumgedreht wird (
détente),
vgl. Prechtl
technolog. encycl. (1830ff.) 5, 522;
vgl. vorfallfeder, -klöbchen. 33)
schweiz. der spielraum, den bei bestimmter lage der äcker der eine besitzer den nachbarn beim pflügen geben musz, s. näheres schweiz. idiot. 1, 739;
s. auch vorfälli,
f. 1, 761. 44)
im altn. ist ein forfall
bettvorhang bezeugt (
wohl lehnwort) Falk
kleiderkunde 209. 55)
übertragen auf eine begebenheit; das eintreten in die wirklichkeit wird als ein fallen in die wahrnehmung gedacht, '
was gleichsam vor uns hinfällt, dasz wir es mit augen sehen' Maasz-Eberhard
synonymik (1818ff.) 2, 77;
vgl.fall,
wechselfall,
unfall, zufall, — Adelung
bemüht sich, die bedeutung des wortes einzuschränken: '
eine jede unvermuthete begebenheit, sie sey von welcher art sie wolle, ... wo es am häufigsten von kleinen, unerheblichen begebenheiten dieser art gebraucht wird; dagegen zufall
auch von wichtigen gebraucht wird'.
ebensowenig werden die einschränkungen, die Campe
im anschlusz an Eberhards
synonymik macht, durch den sprachgebrauch bestätigt. das wort kann in ganz allgemeiner bedeutung gebraucht werden, wobei die art der begebenheit entweder aus dem zusammenhange sich ergibt oder durch besondere zusätze bezeichnet wird. daneben sind allerdings besonderheiten zu beachten. leichter verbindet sich v.
mit einem ungünstigen epitheton als einem günstigen: glücklicher v.
ist seltener als unglücklicher v.;
so kann das wort auch prägnant im ungünstigen sinne gebraucht werden, oder doch so, dasz die ungünstige seite eine gewisse betonung erhält: wie man ihr (
der schlacht) die erste gestalt giebt, und wie man sie, bei dem vorfalle, in dem rechten augenblick ändert Klopstock
w. (1823) 9, 211 (
oder zu 8?); nun waren keine vorfälle mehr zu befürchten, sie brauchte nur geduld Göthe 18, 297
W.; die vorfälle, denen sie ausgesetzt war 21, 45; bey allen vorfällen fest zu seyn und ruhig III 1, 80; die beyden vorfälle sowohl der niedergegangenen tonne als der aufquellenden wasser IV 8, 274; ein gleicher und unerschütterter karakter gegen alle vorfälle des menschlichen lebens Schiller
schr. 1, 101
G.; wie gut mit uns der liebe pfarrer war, in predigt, kinderlehr, und rath und trost bei jedem vorfall, und am krankenbett Voss
ged. (1802) 2, 148.
im übrigen aber liegt im worte an sich keine charakterisierung der begebenheit: mancherley menschlichen eigenschaften, handlungen und vorfällen Butschky
Pathmos (1677) 706; alle vorfälle mit exprimierung des jahres, monats und tages einzeichnen v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 153; Aesopus machte die meisten seiner fabeln bey wirklichen vorfällen Lessing 17, 418
M.; war nicht der v. zwischen Adami und Campanella selbst die parabel des Samariters? Herder 27, 353
S.; (
von allen) herauskommenden büchern und andern vorfällen, die die litteratur angehen
br. d. neueste litt. betr. 20 (1764) 183; gedichte bei gelegenheit ländlicher vorfälle Göthe 40, 268
W.; unsre seefahrt war wechselweise reich und arm an vorfällen G. Forster
schr. (1843) 1, 6; um nach den verschiedenen vorfällen in der alten welt die begebenheiten seines zeitalters beurtheilen zu können Tieck
schr. (1828ff.) 9, 3; alles was den vorfällen in der wachtstube zu Kassel folgte Immermann 1, 23
B.; einen hauptgegenstand unserer unterhaltungen bilden die vorfälle der tanzstunde W. Raabe
d. hungerpastor (1864) 135; eure majestät besinnen sich vielleicht noch jenes vorfalls im garten zu Aranjuez Schiller
dom Karlos 3, 4. 66)
die charakterisierung erfolgt durch epitheta oder ergibt sich sonst durch die umgebung; es ist schon bemerkt, dasz verhältnismäszig selten, wenigstens in älterer sprache, der v.
als glücklich bezeichnet wird. 6@aa) (
ein) verdrüszlicher v.
theater d. Deutschen (1768
ff.) 14, 254; diesen schröklichen v. Schubart
br. 2, 142
Strausz; ich musz dir einen traurigen v. melden Hölty
ged. (1869) 238
Halm; bei unerwarteten widrigen vorfällen Engel
schr. (1801
ff.) 3, 192; der unglückliche v. Göthe 25, 1, 53
W.; ein sehr leidiger v. IV 9, 6; bei dem greulichen v. Mörike 3, 83
Göschen. 6@bb) welche reihe von glücklichen vorfällen muszte auf einen so wichtigen fortschritt gefolgt sein Schiller 4, 100
G.; begegnete mir ein artiger v. Stifter (1901
ff.) 1, 49. —
prädicativ: recht betrachtet ist der v. sehr lustig Holtei
erz. schr. 18, 211. 6@cc)
andere charakterisierungen sind häufig und mannigfaltig: in gewöhnlichen vorfällen des lebens Dusch
krit. u. sat. schr. (1758) 282; eine richtigere kenntnisz der natur hat solche erbauliche anwendungen auszerordentlicher vorfälle (
kometen u. ä.) sehr vermindert Kästner
schr. (1772) 16; bei den geringfügigsten vorfällen Nicolai
Seb. Nothanker (1773ff.) 1, 38; ganz sonderbare vorfälle Lavater
physiogn. fragm. (1775
ff.) 1, 76; ein merkwürdiger v. Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 1, 13; dieser ungeheuere v. (
ermordung Winckelmanns) Göthe 27, 184
W.; aus allen diesen unglaublichen vorfällen Immermann 2, 109
B.; ein fabelhafter v. Chamisso (1836) 1, 371; so unbedeutend der v. war G. Freytag (1886
ff.) 4, 98; unwillkürlich muszte ich eines kleinen vorfalls am ersten tage meines hierseins gedenken Storm (1899) 1, 43; ein vorfall von bedeutung — ich musz ihn sprechen, sag ihm das Schiller
dom Karlos 2, 11. 77)
in eigenthümlicher färbung der bedeutung, etwa wie auftritt: die ursache zu einem ziemlich heftigen v., den ich neulich mit ihm gehabt habe J.
u. W. Grimm
briefw. aus d. jugendzeit (1881) 301. 88)
in älterer sprache auch im sinne von fall, gelegenheit: dasz i.
f. gnaden als der lehnsfürst i. k. maj. lande helfe auf allen v. zu beschützen Schweinichen
denkw. 264
Ö.; auf allem vorfall würcklich zu versichern Harsdörffer
t. secretar. (1656
ff.) 1, 61; dieses marsches bedient man sich bey solchen vorfällen, da man etwan eiligst eine rencontre zu vermuthen hat v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 210; die letztere art vorzutragen aber ist bey vielen andern und neuern vorfällen sehr nützlich Quantz
anweisung d. flöte zu spielen (1789) 191. 99)
einzelnes: vorfall
im sinne von das zufallende, einnahme u. ä. ist verfall,
s. Schiller-Lübben 5, 482
a;
ebenso ist vorfall,
hinderung aufzufassen Haltaus 1990;
s. Schiller-Lübben 5, 482
b.