vorfahr,
m. ,
vgl.nachfahr th. 7,
sp. 47;
dem fahr
würde ein ahd. faro
entsprechen. vgl. altn. -fari
in Englands-, Jórsalafari;
ebenso auch in fyrirfari,
vorzeichen. mhd. vorvar
mhd. wb. 3, 250
a; Lexer 3, 483;
predecessor fore-, vorfare, vorfar (15.
jh.), Diefenbach
gl. 453
a; die vorfaren oder altvorderen,
maiores, superiores Maaler 475
a; die vorfahren,
majores, antecessores, praedecessores, progenitores Stieler 410; vorfahre, der Steinbach 1, 403; der vorfahr Adelung;
mnd. vorvare Schiller-Lübben 5, 485
a; förfar ten Doornkaat-Koolman 1, 540
a;
plur. vörfaren Dähnert 530
b. —
das wort flectiert schwach, im nom. ist das auslautende e
auch im nhd. fast immer apocopiert; vgl. aber oben Steinbach
a. a. o.; ain vorfare üwer hochwirdigkait Niclas v. Wyle
translat. 196
K.; Wigbert, sein vorfahre
myth.4 1, 62. —
st. formen kommen vereinzelt vor: ob er in der herauszalung an die erben des vorfars rath weis Hermes
Sophiens reise 1 (1778), 45; zwischen seinem vorfahr und den unterthanen Jean Paul
w. 7/10, 122
H.; seinen vor tausend jahren lebenden vorfahr Schopenhauer
w. 1, 237
Gr.; o! so nahmst du gnädiglich deines vorfahrs amt auf dich Gottsched
ged. 1, (1751) 49; dein ist des vorfahrs (
später: der vorzeit) edler gesang Klopstock
oden 1, 162
M.-P.; (
hain,) der schon dem vorfahr dicht und alt mit eich und buch ehrfurcht gewallt Voss
ged. (1802) 6, 217; ohn einen führer, ohne vorfahr blindlings Spitteler
olymp. frühl. (1922) 2, 193.
nom. sing. auf -en: dein vorfaren, der sälig Maximilian Eberlin v. Günzburg 1, 6
ndr.; dazu genit.: ewers leyplichen vorfarens J. v. Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 149
b. —
besondere form: solich dienst, die ire vordern unsern vorferen ... beweiset habin (15.
jh.)
lehns- u. besitzurk. Schlesiens (1881
ff.) 2, 53. —
vgl. unten vorfahrer
und vorfahren 5 c. 11)
in der sprache der gegenwart ist das wort fast nur in der eingeschränkten bedeutung erhalten, dasz es sich auf die menschen vorausgegangener geschlechter bezieht. es kann im engeren sinne die voreltern und ahnen einzelner bezeichnen, oder aber in umfassenderer weise gebraucht und auf gesamtheiten, völker bezogen werden: unsere vorfaren oder altforderen Maaler 475
a;
im engeren sinne: der seiner vorfahren werth ist Steinbach 1, 403; meine vorfahren waren alle bauern. —
der sing. kommt im allgemeinen seltener vor als der plur.: wem der v. nicht warnung ist, der wirds dem nachkommen sein Klopstock
w. (1823) 9, 254; pietas gravissimum et sanctissimum nomen, sagt ein edler v. Göthe 44, 2, 133
W.; der v. des herrn Götz W. Alexis
d. hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, 100; ein v. hat es übers meer gebracht G. Keller
w. (1889) 6, 90; (
er) würde, wenn er soldat wäre, wie sein v. bei Prag fallen Bismarck
ged. u. erinn. 1, 236
volksausg.; dâ sich unser vorvar an der kranken lîpnar hete mite beklûteret Heinrich v. Hesler
apokal. 7969; der grosze vorfahr deines bluts, Richard (
that great forerunner of thy blood)
Shakespeare könig Johann 2, 1; als wär dein vorfahr Jonas wieder da Hebbel
werke 2, 241
W.; nam mir aber für, zuo bliben in dem gesetz miner vorfarn A. v. Pforr
buch d. beisp. 19
lit. ver.; (
dasz man) sie bey irem regiment und wesen, wie es ire vorfaren gehalten, bleiben lasse 2.
Macc. 11, 25; (
damit du) in die fuoszstapfen deiner frummen elter und vorfaren drittest Murner
an d. adel 6
ndr.; kürtzlich darnach der alt graf, auch die gräfin sich versambleten zu ihren vorfahren (
starben)
V. Schumann
nachtbüchlein 162
B.; die alte gottselige sitten unser vorfahren Binhardus
thüring. chron. (1613)
vorr. 63; sprich nicht in deinem hertzen, also haben meine eltern und vorfahren auch gewandelt J. Böhme
schr. (1620) 4, 154; unser einfeltige und redliche vorfahren Schill
teutsch. spr. ehrenkranz (1644) 79; dasz die heutige Italianen so dapfere leute sollen seyn als ihre vorfahren, (
glaub ich nicht) Zinkgref-Weidner
teutscher nation weish. 3 (1653), 59; unsere vorfahren, die alten Deutschen Prätorius
saturnalia (1663) 153; eurer majestät durchlauchtigste vorfahren v. Besser
schr. (1732) 1, 100; unsere vorfahren um Zesens zeiten Gottsched
d. sprachk. (1748) 48; unsere alte deutsche vorfahren v. Heppe
aufr. lehrprinz (1751) 225; wir denken in einer sprache, die unsere vorfahren erfanden Herder
w. 16, 34
S.; familien, die ihren vorfahren vieles schuldig sind Göthe 20, 294
W.; ihre vorfahren haben uns dem vieh auf unsern feldern gleich gehalten Schiller
schr. 6, 296
G.; das product mehrerer kräfte, das vielleicht durch eine lange reihe von vorfahren auf ihn fortgepflanzt worden Fichte
w. (1845) 6, 180; ihre eltern, ihre vorfahren waren brave leute
M. v. Ebner-Eschenbach
schr. (1893) 4, 235; dasz die vorfahren der menschen sich abzweigten von längst ausgestorbenen (
affen-)arten Peschel
völkerk. (1874) 5; daz wundert mich ouch harte vil, daz dehein vrumman wil durch sîner vorvarn guot und durch ir adel hân übermuot Thomasin v. Zirclaria 3875; gedenckt ir denn gar nicht daran, wie ewre vorfarn gleubet han Dedekind
papista conversus (1596) f 1
b; kann ich von dir verlangen, dasz du deine vorfahren lügen strafst? Lessing
Nathan 3, 7; ein könig sah im traum einst seiner alten vorfahren einen Herder
werke 26, 393
S. 22)
die allgemeine bedeutung von vorgänger stellt Adelung
noch voraus ('
der vor uns in unserm amte oder in unserm gegenwärtigen verhältnisse gewesen, er lebe noch, oder sey bereits gestorben'),
während Campe
bezeichnender weise schon die hier befolgte ordnung hat. im 18.
jh. wird vorfahr
in diesem sinne noch oft genug gebraucht (
vgl. ztschr. f. d. wf. 12, 64),
ist aber dann immer seltener geworden. dagegen ist v.
in diesem sinne neben vorfahrer
mundartlich erhalten Fischer 2, 1651;
schweiz. idiot. 1, 887; Dähnert 530
b;
es kann das wort beide bedeutungen umfassen, z. b. bei fürsten, wenn eben die vorgänger im amte, in der lebensstellung zugleich väter und ahnen sind: he (
Bonifacius VIII.) brachte sinen vorvaren darto, dat he gaf up dat pavesdom
quelle bei Schiller-Lübben 5, 485
a; von unsern vorfarn, den bischoffen und dem stift, her
dt. städtechron. 23, 372 (
Augsburg); unser vorfaren am reiche
urk. z. gesch. Maximilians 50
lit. ver.; obrigkeiten sollen im regiment ihren vorfahren in dem nachfolgen, was den unterthanen lieb und angenehm gewesen Lehman
floril. polit. (1662) 2, 591; der nachfolger, ungebessert durch das beispiel seines vorfahren, macht es gemeiniglich noch ärger Wieland
w. (1794) 8, 149; man liebt den nachfolger niemals, wenn man den vorfahren geliebt hat; platzfolge ist immer eine art von vertreibung Göthe IV 1, 130
W.; keiner meiner vorfahren im amte seit dem siebenjährigen kriege W. Raabe
Horacker (1876) 21; mein geistlicher v. Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 43; er was sîm vorvarn unmære, dem künege Saul Thomasin v. Zirclaria 6974; als ewer vorfahrn (
päbste) haben gethan
fastnachtsp. 2, 922
K.; dein vorfahr (
als schatzmeister) war mir viel zu kalt Lessing
Nathan 1, 3.
auf eine frau bezogen: wie die spanische Maria war, mein vorfahr auf dem thron Schiller
Maria Stuart 4, 10.
mit bezug auf besondere lebensverhältnisse, leistungen, thätigkeiten u. ä.; dann auch vorgänger im besitz: aber es wirt ... diszen (
irr-)lerern begegen, das yhren vorfaren, der selben oder ander ketzereyen meystern begegenet ist Luther
w. 11, 352
W.; meiner vorfahren in der artzney Paracelsus
opera (1616) 1, 477
C.; er hätte ein bauerguth vor der stadt gekauft, welches er habe renoviren wollen, weil seine vorfahren solches gar baufällig hätten lassen werden Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678) 36; diesen folgten Buffardin und Blavet, brachten es aber in der ausübung viel weiter als ihre vorfahren Quantz
anweisung d. flöte zu spielen (1789) 24; bin ich doch nur ein v. von künftigen andern, im leben wie auf der reise Göthe 31, 123; in dem ursprünglichen milden sinne unserer kirchlichen vorfahren Schleiermacher
w. (1834) I 5, 431; obschon wir nicht wie unsere vorfahren, die weiland fahrenden schüler 'heischen' (betteln) gingen Hoffmann v. Fallersleben
schr. (1890) 7, 53; sie (
missionare) kamen als vorfahren der heutigen touristen Scheffel
w. (1907) 1, 115; (
ihr) thuondt als üwer vorfar (
dechant) thet Murner
narrenbeschw. 72, 83
ndr. vorgänger in der ehe: der man macht seine vorfarn fromm, das ist, er helt sich so übel, dasz die fraw den vorigen ausz der erden kratzet
sprichwörter (1548) 23
a (
anders gedeutet bei Seb. Franck
sprüchw. [1541] 2, 64
a). —
in der folgenden stelle ist der gemeint, der in der reihenfolge der schützen beim vogelschieszen vorher zum schusz kommt: ein schlimmer v. ... hatte zum schusse angelegt Jean Paul
w. (1826) 12, 103. —
übertragen: heute ist der erste februar. gebe der himmel, dasz er ein eben so milder regent sey, wie sein v. Hebbel
br. 2, 199
W.