verstummen,
verb. ,
denominativbildung vom adj. stumm.
ahd. durch erstummen
wiedergegeben; mhd. verstummen, verstumben
aber häufiger als erstummen
mhd. wb. 2, 2, 708
a, 709
a; Lexer 3, 255
f.; verstummen oder stum werden,
obmutescere voc. 1482 ii 8
a;
voc. inc. teut. ii 5
b;
mutere, obmutere Diefenbach
gloss. 374
a, 388
a; Schottel 647
b.
neben erstummen
und zerstummen,
obmutescere, conticescere Stieler 2224; Dentzler 314
a; Adelung; Campe.
mundartlich: bair. Schmeller 2, 757
f.; schwäb. Fischer 2, 1369;
in beiden nicht populär, jedoch elsäss. Martin - Lienhart 2, 595
b;
md. luxemb. wb. 467
b;
mnd. vorstummen Lübben - Walther 526
b;
mnl. verstommen Verdam 638
b,
auch modern; ostfries. Doornkaat 1, 468
b.
trans. gebrauch neben dem intrans. ist im mhd. ausgedehnt und findet sich vereinzelt bis in die neueste zeit, ist aber nicht üblich. II. verstummen
ist ein inchoativum und bedeutet '
stumm werden'. I@11) '
die fähigkeit verlieren, töne von sich zu geben': hänge einem haushahn einen ring von weinreben oder andern geräusch an den hals, so verstummt er und kann nicht krähen Grässe
jägerbrevier 125. '
die fähigkeit der sprache verlieren': da verstummet daʒ heilig kind Brigitta drú gancze iar
der heyligen leben 82
b b; ich wollte, der pfaffe müszte verstummen und verblinden, der dir solches zeug in den kopf gesetzt hat Göthe 23, 110
Weim. selten '
starr werden, stocken': dasz ich dir .. sage was so lange stockt und verstummt IV 8, 206. '
starr vor staunen': die pharisei sind verstumpt in der ler des herren und haben sich gewundert
erste d. bibel 3, 10, 40
Kurrelmeyer. vgl. schwäb. '
verstockt' Fischer;
mnl. '
dumm' Verdam. I@22)
gewöhnlich von menschen, denen die sprache stockt oder versagt, infolge heftiger gemüthserregung. der gebrauch wird vom part. prät. ausgegangen sein, '
stumm, still geworden': daʒ si wâren under in verstumbet an den stunden und niht gereden kunden Konrad v. Würzburg
Engelhard 3297; ich bin verstumt und worden still Sachs 18, 167, 19
Götze; Karl. erhob sich nicht in meinem parlamente die reine stimme der gerechtigkeit?
La Hire. sie ist verstummt vor der partheien wuth Schiller 13, 201 (
jungfrau 699); alle waren verstummt Göthe 25, 175
Weim. thatsächlich überwiegen in der literatur andere verbalformen: und wolten si hin abe sprechen, si müsten zuo male verstummen Tauler 432, 4
Vetter; Tisiphone verstummt mit groszer furcht umbfangen Opitz
teutsche poemata 190
neudr.; was ist das? wie? du zögerst? du verstummst? Schiller 14, 72 (
braut v. Messina 1567).
von mund, zunge, lippe: verstummen müssen falsche meuler, die da reden wider den gerechten
psalm 31, 19; all falsch zungen müssen verstummen Sachs 18, 135, 12
Götze; gehorchen will ich, ob ich gleich hier noch manches sagen könnte und sagen sollte.mir verstummt die lippe Göthe 10, 167
Weim. (
Tasso 1544). '
aufhören zu singen': der Orfeus ist verstummt, wil diesem gerne weichen Zesen
Helikon 1, B 4
a.
übertragen, '
mit seinen behauptungen schweigen, mit seinen ansprüchen zurücktreten müssen': und da müste Zizero sälbst ferstummen Weise
erznarren 65
neudr.; dasz sie bey verstopfung dieser quelle mit ihrer scharfsinnigkeit auf einmal verstummen würden Gottsched
crit. dichtkunst 42
anm. 104; man sollte vielmehr den fürsten der finsternisz toben lassen und mit jenem liede gelassen sprechen oder singen: laszt den teufel brummen, er musz doch verstummen Lichtenberg
schriften 3, 51; bey dem lebendigen! der mann hat recht. ich musz verstummen Lessing 3, 93 (
Nathan 3, 476).
poetisch mit dativ der person, '
vor einem': mit entzücken aber will ich dann der nachtigall verstummen Waiblinger
ged. aus Italien 1, 105.
poetisch für '
sterben': geheimnisvoll ist unser tun und handeln, geheimnisvoll verstummen wir ins grab D. v. Liliencron (1904) 11, 14; nun gar ist er (
Narzisz) zur blume verstummt Uhland
ged. (1864) 110. I@33)
von tönen und geräuschen, die erlöschen: es verstummt das lied der wälder Birken
Pegnitz-schäferey 101; er .. bedrohete den wind, und sprach zu dem meer, schweig und verstumme
Marc. 4, 39; der donner war verstummt Laube 11, 236; das gelächter verstummt Nietzsche 1, 500; die musik verstummte, todesstille herrschte im saale Holtei
erz. schriften 5, 87; das mahl verstummte, wo der Franke praszte Chamisso 4, 110; weiter oft der tritt verstummet, denn der träger holet odem Brentano 3, 118; leben ist verstummt in den öden straszen Rückert 1, 451. I@44)
übertragen, '
nicht mehr vernehmlich sein, nichts von sich hören lassen': daher verstummten seit dieser zeit auch einige völker in der europäischen weltgeschichte Arndt
an s. l. Deutschen 1, 461; für jene zeiten .., aus welchen alle direkte überlieferung verstummt ist Mommsen
röm. gesch. 1, 14; weil sich die halbe welt gelegt zu seinen füszen, hat aller barbarn preisz für ihm verstummen müssen Lohenstein
Arminius 1, 2.
regungen erlöschen: ein wahrer schmertz verstummt, und sagt nicht, was man fühlet Günther
ged. 570; doch wird auch da dein herz nicht ganz verstummen, und laut genug nach mir vergebens! girr'n Gökingk
ged. 1, 107; dann aber .. verstummten die sich kreuzenden gedanken seines innern Gutzkow
werke 4, 218; die schwachen regungen eigenen willens .. verstummten allmählich Treitschke
deutsche geschichte 3, 54; dasz das gebet .. unsere sinnlichkeit verstummen macht Fichte 5, 127. '
unwirksam werden, aufhören': als der .. frost die jungen triebe abermals tödtete, verstummte die reproduktion Ratzeburg
waldverderbnis 2, 134; wo jeglicher befiehlt und keiner hört, wo das gesetz verstummt, der fürst entflieht Göthe 16, 281
Weim. (
maskenzug 517).
ähnlich schon mhd.: diu kerge laʒʒet an der schrift, diu kerge an werdekeit ist gar verstummet
minnesinger 2, 378
b Hagen. IIII.
der inchoative charakter des intrans. verstummen
ist bisweilen ganz geschwunden und hat einer durativen bedeutung '
schweigen, sich still verhalten'
platz gemacht, wiewohl seltener. II@11) der könig ... sprach zu im, freund, wie bistu her ein komen, und hast doch kein hochzeitlich kleid an? er aber verstummet
Matth. 22, 12; wuszte auch fast nicht zu antworten, sondern verstummet ein lang weil Schweinichen 48; lasz mich kein wehmütiges gesicht sehen. du verstummst? — sprich doch! Lessing 2, 346 (
Sara 5, 8).
im briefwechsel: ich war willens, sie wegen ihres so langen stillschweigens zu züchtigen .. und noch ein paar halbe jahre zu verstummen Rabener 6, 208; ich habe zu diesem mittel gegriffen, um gegen die vielen freundlichkeiten nicht ganz zu verstummen Göthe IV 41, 144
Weim. übertragen: neun tage vor und nach demselben verstummen alle theater Gaudy 5, 65; wie süsz der nachtwind nun die wiese streift und klingend jetzt den jungen hain durchläuft! da noch der freche tag verstummt, hört man der erdenkräfte flüsterndes gedränge Mörike 3, 107; o sie müssen noch alle hervor, all' die götter, die in mir verstummen maler Müller 2, 35; weil aber jene werke .. über epochen verstummen, die durch die wichtigkeit ihrer begebenheiten .. hervorragen Niebuhr
röm. geschichte 1, 2. II@22)
das part. prät. ist dann gradezu mit stumm
gleichbedeutend: Joseph stunde gantz verstummt da Grimmelshausen 4, 762, 12
Keller; sie reichte mir verstummt ein zettelchen Bettine
Günderode 1, 116; er ging hastig und verstummt den gang zurück Stifter 2, 68.
als attribut bei sächlichem subst.: (
als wollten) ihre seelen untergehn, versinken wollten im verstummten schmerz Herder 16, 269; kaum kann ich noch durch das verstummte dunkel bis auf die fürstinn sehn Denis
lieder Sineds 122; als wenn wir die architektur eine verstummte tonkunst nennen Göthe 48, 212
Weim.; so überbaut mit verstummten schwalben- und wespennestern sah er die ruhe in Lunens gestalt auf sein eignes nestchen niederschweben Jean Paul
werke 7/10, 138. II@33)
meist poetisch, mit dativ, einer person oder äuszerung gegenüber '
sich schweigend verhalten': dasz ich meinen freunden manchmal verstumme, ist so hergebracht Göthe IV 25, 85
Weim.; tausend andern verstummt, die mit taubem herzen ihn fragen, dir, dem verwandten und freund, redet vertraulich der geist Schiller 11, 189; noch immer verstummst du meinen bebenden fragen? Klopstock
Messias 13, 868; der ersten mütter wort entschied es also, und dem verstummen wir, Neridensohn, wie deiner ersten väter worten du (
gehorchen schweigend) Kleist 2, 111 (
Penthesilea 15). IIIIII.
die nominalformen gehören auch dem intrans. gebrauch an. III@11)
part. präs. als adj.; zu I 3: dein lieblicher geist gefälliger sitte wohnt nun freudeberaubt in der verstummenden nacht Herder 26, 22.
zu I 4: einige ihrer namen .. verraten uns, was die über sie fast verstummende geschichte birgt J. Grimm
kl. schriften 3, 196.
zu II 2
ähnlich verstummt, stumm: diesmal will ich, mein werthester, nicht verstummend eine sendung abschlieszen Göthe IV 29, 177
Weim.; Kaiphas schwieg. kein laut, noch geräusch von redenden wurde durch die versammlung gehört. sie blieben alle verstummend sitzen Klopstock
Messias 4, 95.
gesteigert: banger, trüber, verstummender stehn die unsterblichen alle bey der empfindung des sohns 10, 30. III@22)
part. prät. als subst.: dann reichte er der verstummten die hand, und als sie sich nicht regte, hob er sie gemächlich empor Keller 6, 345; unterdessen bedauert jede familie einen todten, verwundeten, vermiszten, verstummten Göthe IV 26, 36
Weim. über das adj. gebrauchte part. prät. vgl. II 2. III@33)
der subst. inf. das verstummen
in der bedeutung '
das schweigen'
ist häufiger als das subst. verstummung (
s. d.). III@00
zu I 2~~: als hr. Goeze durch sein verstummen bereits zu verstehen gegeben, dasz er ihr nicht gewachsen sey Lessing 13, 386; das vorgefühl des scheidens verbreitete sich über die gesammtheit; ein allmähliches verstummen wollte fast ängstlich werden Göthe 24, 372
Weim. '
sterben': das sprach er noch! nun kam das letzte, letzte verstummen! nun lag er todt da! Klopstock
oden 1, 118. III@00
zu I 4~~ '
versagen': das vollständige verstummen des kabels
vgl. Sanders
erg.-wb. 538
c. III@00
zu II 1~~: und schwöre ihnen, schwöre ewiges — — o himmel nein! nur ewiges verstummen Schiller 5
1, 47 (
Dom Karlos 1, 5); ach, das tiefste verstummen! es ist die lauteste sprache, innig im herzen! Herder 29, 675.
gradezu durativ: nach langem verstummen kommt endlich der bundesrat wieder zu wort Varnhagen
tagebücher 4, 114. IVIV.
trans. gebrauch ist durchweg seltener und nicht mehr üblich. IV@11) '
menschen zum schweigen bringen' (
vgl. I 2):
obturare os, geschweigen, eintreiben, betüsten, verstümmen, mundt stopffen Schöpper
syn. c 7
a; du (
minne) verstummest dicke einen man, der sust wol gereden kan
minneburg 17
a; verstummet ward mein mund, das ich nit schreyen kundt Sachs 4, 216, 28
Keller; ein schmertz verstummend uns, erwürgend unsre klag! Weckherlin
ged. 2 273. IV@22)
zu I 3, '
geräusche zum schweigen bringen': helden, die hatte Kain mit lastenden eisen gefesselt: und der fesseln dumpfes geklirr verstummte die donner Klopstock
Messias 18, 490; ich ruhe eher nicht, bis ich verstummt der christen hündisch bellen Tieck
schriften 1, 352. IV@33)
übertragen, '
klanglos, wirkungslos machen' (
vgl. I 4): daʒ plei ist nicht allein ain stumm an im selber, eʒ verstummet auch ander gesmeid, dar zuo man eʒ mischt Megenberg
buch der natur 481, 16 (
vgl. Schmeller); gottes heiliges wort gantz und gar zu verstummen und mit füszen zu tretten
theatrum diabolorum 2, 293
b. VV.
ganz vereinzelt steht eine reflexivbildung da: (
da) hörete er .. des feindes spiel zur marche rühren, und sich hernach wieder verstummen Chemnitz
schwed. krieg 1, 96.