verschroten,
verb. ,
mhd. verschrôten
mhd. wb. 2, 2, 220
a. Lexer
mhd. handwb. 3, 219. 220;
ahd. farscrôtan,
incidere, vulnerare. Graff 6, 579;
vgl. Schmeller 2, 612. Scherz-Oberlin 1771. Diefenbach-Wülcker 566;
mnd. vorschroden Schiller-Lübben 5, 438
a;
nld. verschrooden,
circumcidere Kilian; verschroten,
part. Maaler 430
a; verschroten,
ronger. Hulsius
dict. (1616) 354
b; verschroten
et zerschroten,
derodere, abdere, rodendo conficere, consumere, corrumpere. Stieler 1914; Frisch 2, 229
a verzeichnet verschroten (
mit starkem part.)
als bergmännischen ausdruck; abgesehen von diesem technischen gebrauch kennen es Adelung
und Campe
nur in ganz beschränkter anwendung. das wort, das in der mhd. zeit auch der edlen sprache angehört und in mannigfacher verwendung erscheint, ist aus der schriftsprache fast ganz verschwunden, wie ja auch das einfache schroten seinen gebrauch im nhd. fast ganz auf bestimmte anwendungen eingeengt hat. auch die mundarten haben verschroten
wohl kaum noch in beweglicher verwendung; Hunziker 83
verzeichnet ferschrote,
zerschneiden. —
die flexion ist in neuerer sprache schwach, doch hält sich das st. part. verschroten,
in älterer sprache stark; aber es begegnen schon früh schwache formen: wie habt ihr euch so gar verschrotet (: getotet). Vintler
blum. d. tug. 932;
vgl. hierzu die bemerkungen über die flexion von schroten
th. 9,
sp. 1782. —
bei den im folgenden abschnitt gegebenen belegen ist zu beachten, dasz wo in neuerer sprache das einfache schroten
in bestimmten, meist technischen anwendungen gebraucht wird, fast stets auch verschroten
möglich ist, entweder zur bezeichnung intensiver, abschlieszender thätigkeit oder in dem sinne des sich verfehlens, wenn auch die anwendung hier nicht belegt ist; zu dem schroten (
th. 9,
sp. 1789),
das die fortbewegung schwerer lasten bezeichnet, scheint kein verschroten
gebildet zu sein. 11)
durch schneiden, hauen verletzen, beschädigen; in der mhd. dichtersprache häufig von der wirkung des kampfes; schutzwaffen und waffengewänder werden im kampf verschroten (
vgl. Kinzel
zu Lampr.
Alex. 3296,
die mhd. wörterbücher und oben schroten
th. 9,
sp. 1784): die gesunden brâhtenzerhowen manegen rant und helme vil verscrôtenin Guntheres lant.
Nib. 246, 2; hei waʒ er in dem strîteder guoten helme verschriet. 2220, 2; verschrôten und zerschrenzen begunde man diu wâpencleit. K. v. Würzburg
troj. krieg 12540;
verwundung im kampfe: dâ wart gesunder houbte vil verschrôten.
Gudrun 675, 4; dô er ir antlitzeals sêre verschrôten sach.
Wolfdietrich A 360, 3; mit dem swerte, daʒ er truoc, dâ mite gebecte er unde gesluoc den vînt sô vil wâ unde wâ, biʒ er'n verschriet dâ unde dâ. G. v. Straszburg
Tristan 9206.
hinrichtung: das ich nit wesst, wann mir der nack verschroten ward, wie wol ich hêt kain schulde. O. v. Wolkenstein 13, 5, 4.
in besondrer anwendung, etwas verletzen, das geheiligt ist: dar umb ge uosz dem paradisz, sint du nu hast verschroten den appel uff dem grünen risz den dir got het verboten. Muskatblut 30, 74.
da das wort einen durchaus edlen klang hat, wird es vielfach in übertragener und bildlicher anwendung gebraucht (
vgl. mhd. wb. und Lexer
mhd. handwb. a. a. o.): des hât der sorgen urhap mir freude verschrôten. W. v. Eschenbach
Parz. 141, 23; daʒ eteswâ der eide vil verschrôten wirt.
minnes. 2, 233
a Hagen; daʒ Samsonis sterke im sîn selbes wîp verschriet. L. v. Regensburg
tochter Syon 351; deʒ wart ir freude verschroden von ungehorsamkeit. Muskatblut 23, 17; so hort die nechtegal die hat truren verschroten. 50, 49; der helf uns wenn der tod verschrot das ellend leben hy auf erd. Kehrein
kirchen- u. relig. lieder 150 (
entstellt bei Cl. Hätzlerin 2, 65, 92;
dieser beleg ist also im mhd. wb. 2, 2, 220
b und bei Lexer
mhd. handwb. 3, 220
zu streichen).
in besonderer wendung: wilt du mein frau also verraten und an iren eren verschroten?
fastn. sp. 2, 503, 7. 22) haare, nägel verschroten (
vgl.schroten 3,
b und c th. 9,
sp. 1787): ir wîblich hâr si verschriet (
um als mann zu erscheinen).
passional 467, 6
Köpke; tonsurieren: nit also verschroten, das sie ... weder zu pfaffen noch zu leyen mer gut weren.
quelle bei Schmidt
els. wb. 400
a; do verschriet si im die negeledem unverzagten man.
Wolfdietrich B 317, 4. 33)
hauen, schneiden zu gebrauchszwecken, in gewerblicher thätigkeit; hack- und behauarbeit im walde: darzue auch solche sein hofsach mit gipfeln und astach nach holzwerchs gebrauch raumen und verhacken, und so die verhackt und verschrotten ist, alsdann die wider zu hoch- und schwarzwäld erwachsen lassen.
österr. weisth. 1, 259, 4.
schnitzen des holzes, herstellen von schnitzwerk, eingelegter arbeit, dann auch auf andres material übertragen: emblemata, verschroten werck, oder die gewürffleten esterich oder wä
nd. Dasypodius;
segmentati asseres, verschrotten werck.
ebenda; verschroten werck (das) ein werck von eyngelegter arbeit,
vermiculatum emblema, cerostrotum; verschrottne oder versetzte arbeit machen, eingelegte arbeit,
vermiculari. Maaler 430
a b; für ein stubenkellterlen mit vil verschrotten werck auf czwaien füssen. Tucher
haushaltbuch 76; ein schün stubenkallter mit verschrotten werck. 106;
vgl. verschrotwerk. im bilde, hergenommen von der holzarbeit: mîn zunge si (
die aventüre) verschriete und begunde si wider lîmen mit ganzen niuwen rîmen. W. v. Gravenberg
Wigalois 11672.
in der böttcherei: nemant schal vormenghen olt holt mank nye werk ... men heft een bederve man een olt kuven, dat magh men eme vorscroden.
quelle bei Schiller-Lübben 5, 438
a mit der erklärung: '
an einer tonne oder kufe den über den boden hinaus ragenden rand (
die kimme)
erneuern'
; vielleicht vórschroten.
tuch zuschneiden zum gewand (
vgl.schroten 2,
g und 4,
a th. 9,
sp. 1786): (
das fahrende gut der frau soll zu dem liegenden des mannes gehören) usgesetzt ir verschrotten gewand, tuechli, ir bettstatt.
weisth. 1, 15;
vgl. 46.
fleisch verschroten: verschrotens flaisch.
d. städtechron. 15, 396, 16. 44)
zermalmen, grob mahlen, durch zerkleinern verarbeiten (
vgl.schroten 7,
a th. 9,
sp. 1787): der müller hat alles malz verschroten. Adelung. 55)
mit den zähnen malmend zernagen (
vgl.schroten 7,
b th. 9,
sp. 1788): verschroten, zerschroten, wie die mäuse das korn zerschroten. Hulsius
dict. (1616) 354
b;
vgl. oben zu anfang das citat aus Stieler;
so kann man auch heute sagen: er hat in der stille ein halbes kommissbrot verschrotet,
malmend verzehrt. 66)
anwendung in bergmännischer sprache (
vgl.schroten 6
th. 9,
sp. 1787),
ausgehend von der bedeutung des einschneidens, eingrabens: verschroten feld, da man allbereit eingeschlagen und gearbeitet;
gegensatz: unverschroten feld. Frisch 2, 229
a; verschrotenes feld, '
das bereits von strecken und örtern aufgeschlossen ist'. Jacobsson 4, 528
a;
bei Adelung
auch verfahrnes, verritztes, verwundetes feld.
erschürfen, lagerstätten, mineralien, wasser, wetter, sie bei grubenbetrieb auffinden. Veith
bergwörterb. 536;
auch im sinne von abbauen. ebenda. wie die wasser, so man in kysigen gengen verschrottet, gemeinklich viel schlams setzen. Mathesius
Sarepta (1571) 2
b; spüren doch oft die bergleut auch in verschrotnen gengen, unnd schwebenden feldern, eine weisse gute oder dünstige feuchtigkeit. 56
b; (
wenn) die grundwasser verschroten und abgefürt werden. 35
a; das die ertz noch heut zu tag in unverschroten gengen ... wachsen. 34
b; ertz oder metall ..., so es nicht verschroten unnd weggehawen wird.
ebenda; in unverschrotenen felde.
ebenda; bisz er wird gar ansitzen dürffen die flut verschroten in der eil. Mühlpforth
hochzeit-gedichte 133 (1686). 77)
die vorstellung des verfehlens, irrens, falsch schneidens tritt zu dem begriff des einfachen schroten
hinzu: dô wart er vil gar ze kurz als ein verschrôten werc. W. v.
d. Vogelweide 27, 1;
übertragen: du hast uns die sach erst verschroten.
fastn. sp. 2, 569, 30.
sich verkürzen, verscherzen, einbüszen: bie bol wir dik verschroten hân mit tuon und lân, dein huld durch süntlich rässe. O. v. Wolkenstein 99, 1, 14.
ohne object, verfehlen: herr jüngling, euch möcht friesen, ir habt verschroten zwir. 31, 3, 2; so wurd offt nit verschrotten, das also valschlich wirt verratten vil mer umb sunst, dann umb tatt. Cl. Hätzlerin 2, 16, 87.