verschlucken,
verb. hinunterschlucken. im späten mhd. findet sich verschlucken,
in der ältern zeit verslicken.
die form mit u
ist nicht ausgeschlossen, im einfachen worte sluko
schon ahd. im niederd. scheint verslicken
überhaupt nicht nachgewiesen zu sein. da aber für verslucken
sich mehrfache ältere belege finden (Schiller-Lübben 5, 449
b),
so ist wol anzunehmen, dasz die u-
form besonders ihre heimat im nd. hat. im 16.
u. 17.
jahrhundert ist sie nach Oberdeutschland vorgedrungen, und hat daselbst die i-
form verdrängt. in den glossarien wird es aus dem nd. angeführt, deglutire vorsluken Dief. 170
c. 11)
ursprünglich sinnliche bedeutung, hinunterschlucken: wie ein hund, der alles, was man jhm darwirft, in einem hui verschluckt und nach eim andern aufgienet. Franck
sprichw. (1541) 1, 119; in summa, alle die Sorbonisten zu Parisz, alle magistri nostri von Löwen und Cölln .. würden dise ketzer auff allen seiten tapffer und menlich .. ansprengen und bestreiten, dasz sie gott dancken möchten, wenn sie mit ganzer haut davon kommen. dann on zweiffel wan sie ergrimten, sie würden sie mit zänen zerreiszen und mit haut und haar verschlucken, wie sie ihrem gott thun. Fischart
bienenk. 65
b; der (
storch) bate den bauren fleiszig seiner zu verschonen, sintemal er .. und sein geschlecht .. hielten ihnen ihre äcker und gegend rein und sauber, verschluckten alle gifftigen thier. Kirchhof
wendunm. 4, 309
Österley; also butzte ich mich zimlich und verschluckte in eyl etwas von der herzugeschafften collation.
Simpl. 1, 368; demnach ich mich zimlich bekröpfft und zugleich einen guten trunck Zerbster bier verschluckt hatte, liesz ich beydes mit der lauten und meiner stimme hören, was ich konte. 1, 282, 1
Kurz; dasz ich aber zu zeiten etwas possierlich aufziehe, geschiehet der zärtlinge halber, die keine heilsame pillulen können verschlucken, sie seyn dann zuvor überzuckert und vergoldet. 2, 123
Kurz; so viel ansehenliche und zum theil gleichsam unüberwindliche vestungen lieszen sich nicht sobald, wie ein kalt apffelmusz, verschlucken. 4, 87, 10
Kurz; unter anderm stund die geschichte, wie der Jupiter, welchen sein vater auffressen wollen, dem aber die mutter Rhea einen stein in die windeln gewickelt und zu verschlucken gegeben habe, von ihren der nimfen schwestern sey erhalten. Opitz 2, 262; nicht weit von einem ieglichen sprangen ausz zweyen weiten silbernen becken sehr anmuthige quellen, die eine blanke metallne kugel in die höhe trieben und damit spieleten, auch gleich wieder herab fielen und von sich selbst verschlucket und stets wieder aufgestoszen wurden. 2, 263; Plutarch berichtet, dasz nehmlich Porcia, nachdem sie die brennenden kohlen verschluckt hatte, den mund fest verschlosz. Lessing 8, 471; hett Jonas worheit gkundt byzyt, der visch hett jn verschlucket nytt. Brant
narrensch. 104, 19; wie manche hett der tod verzuckt, het ich nicht jr bös plut verschluckt. Fischart
dicht. 2, 9, 237
Kurz. sprichwörtliche redensarten: sottisen und weiberlaunen mit einem lächelnden gesichte von sich weg zu pauken und eine angenehme pille nach der andern zu verschlucken, ohne sein ziel darüber aus den augen zu verlieren. Fr. Müller 2, 44; wer sich den teufel zu verschlucken entschlossen hat, darf ihn nicht lang begucken. Wieland 18, 284; ir verblente leiter, die ir mucken seiget und kameel verschluckt.
Matth. 23, 24;
im anschlusse hieran z. b.: was ist dies anders, denn was Christus spricht Matth. 23 mücken seigen und kameel verschlucken? Luther 7, 4;
partic.: es ist wie ein rausch, den man ausschläft, obgleich kopfweh darauf folgt; die leidenschaft aber wie eine krankheit aus verschlucktem gift oder verkrüppelung anzusehen, die einen innern oder äuszern seelenarzt bedarf. Kant 10, 278.
bildlich von (
personificierten)
dingen, die an und für sich keinen mund haben: an den trechtigen feldern des Rheines, wo die Ille und Breusche von ihm verschlucket werden. Opitz 2, 255; wer wird ihm übel nehmen, dasz er ein geschlecht .. haszt, das ihm so übel mitgespielt hat und ihm alle übel, die sonst männer von weibern zu befürchten haben, in einem sehr concentrirten trunke zu verschlucken gab? Göthe 19, 29; schwarz erscheint ein körper, wenn er alles auf ihn fallende licht verschluckt. Meyers
naturlehre (1823) 595; wan Jonas wer gehorsam gsyn, het in verschlucket nit das meer. Gengenbach 27, 750
Gödeke; disz übel greiffet weit und bricht von unten auff mit bebender gewalt, wirfft länder über hauffen, läszt sicher weder vieh noch leute für ihm lauffen, verschluckt denjenigen zum offtern, der noch lebt. Opitz 1, 48; was sagt er, dasz ein flusz verschluckt wird von der erden und anderwerts hernach musz ausgespeyet werden? 1, 46. 22)
auf abstracte dinge übertragen: er verschluckte viel weisheit, es war aber als wenn ihm alles in die unrechte kehle gekommen sei. Lichtenberg 2, 82;
etwas hinunterschlucken, etwas beleidigendes anhören ohne etwas dagegen zu erwidern: sie verfiel in eine wehmuth, die ihr um desto ängstlicher ward, als sie solche zu verbergen und ihre thränen zu verschlucken suchte. Göthe 16, 185; denn was meine französischen angelegenheiten betraf, so konnte der könig den groszen verdrusz nicht verschlucken, den er über meine abreise gehabt hatte. 35, 162: er verschluckte das wort. Engel
Stark 13; gesinnungen und empfindungen verschlucken. Pestalozzi 4, 383; diese leute verschlucken wol grosze. aber nicht kleine beleidigungen. J. Paul 10, 92; Martin verschluckte seine antwort. Arnim
kronw. 1, 23; Schneid .. sprach ein diable nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine gedanken vor jedem aussprechen. Gutzkow
zaub. v. Rom 6, 141; ich sah, dasz sie ein wort wieder verschluckten, das ihnen schon auf den lippen war. Heyse
kinder d. welt 2, 219;
partic.: Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte, obwohl den fragton verschluckend und recht liebend, doch dieses .. J. Paul 22, 118; unsre nachbarn dünken sich mit ihrer schlüpfenden mundart grosz, die wegen der vielen unnützen wörter, die halb verschluckt werden, wegen der überall gleitenden fortschiebung der töne keinen gewissen tritt hat. Herder
lit. u. kunst 1, 32 (1821); dünkt mich recht, so stehen wir gegen unsere nachbaren in einer glücklichen abgewogenen mitte, so dasz wir .. nicht wie die Britten mit verschlucktem tone und oft ohne lippen reden.
ebenda; eine solche (
vollkommne aussprache) suche sich der schauspieler anzueignen, indem er wohl beherzige, wie ein verschluckter buchstabe, oder ein undeutlich ausgesprochenes wort oft den ganzen satz zweideutig macht. Göthe 44, 298; wenn sie in meinen matten blicken ängstlich nach tod oder genesung spähte, wenn eine verschluckte thräne ihre furcht verrieth. Kotzebue
theater (1840) 3, 206; die stimme gehorchte ihr nicht wie sonst. die verschluckten thränen rächten sich. Heyse
ges. werke 8, 94. 33) sich verschlucken,
falsch, unrichtig schlucken: es saugt voll gier, dasz mir erschmerzt die brust, und dann verschluckt es sich aus böser lust und ängstigt mich, als müsse es verscheiden. Arnim 19, 11.