vergraben,
verb. durch eingraben verdecken, mhd. vergraben,
mnd. vorgraven Schiller-Lübben 5, 357
b,
zusammensetzung mit graben,
dessen begriff es verstärkt (
vollständig eingraben),
dessen beziehungen es durchaus transitiv macht. wie das einfache zeitwort, ist auch die ableitung stark flectiert, es geht zwar neben dem starken zeitworte auch eine schwache form (
ahd. grabôn Graff 4, 305,
mhd. graben)
her und ebenso zeigt sich mhd. ein schwaches vergraben
neben der starken form, aber diese schwachen formen fassen wir als ableitungen von grabe (
der graben)
auf: vor tages wart von in bereit zwelf zingel wîte, vergrabet gein dem strîte.
Parz. 376, 11; mirst in den strît der wec vergrabet, gein vehten diu gir verhabet. 420, 23;
beidemal heiszt vergrabet
durch einen graben verhindert, mit einem graben versehen, diese bedeutung kommt zwar auch in starker form vor (
s. unten),
nicht aber kann vergraben
in der bedeutung '
eingraben'
als schwach nachgewiesen werden. 11) vergraben,
eingraben. 1@aa)
mit erde bedecken: ich vergrabe,
defodio Dasyp. 77
b; mit erdtrich bedecken,
contumulare, defodere, condere humo Maaler 420
a; so doch geboten war dem volck solche zucht, das wem etwas not war, solt auszer dem lager gehen und sein not mit erden vergraben. Luther 2, 108; nu dienet dieser stein nicht jm selber, sondern lesset sich treten und in die erden vergraben, das man jn nicht sihet. 2, 343; oder man sol dem ross die kleinen schrollen erden, welche ein spitz- oder schurmaus vorgraben, einflöszen. Zechendorfer
bücher von gebrechen der ross (
Eger 1571) 95; einen schatz vergraben,
thesaurum in terram defodere Stieler 690; wofern nicht etwa auf die erste epoche einer naturrevolution, die .. blos das thier- und pflanzenreich, ehe noch menschen waren, vergrub, noch eine zweite folgt, welche auch dem menschengeschlechte ebenso mitspielt. Kant 1, 291; wenn indesz in Afrika éin erdstosz sechs hundert städte auf einmal vergrub, so ist dieses doch nur zusammengerückter tod und winter. J. Paul 33, 6; im nächtlichen schrecken, im feindlichen graus verläszt er das hohe, das herrliche haus, die schätze, die hat er vergraben. Göthe 3, 3; ihm liegt gesichert, als gewisses pfand unzahl vergrabnen guts im kaiserland. 41, 65. 1@bb)
in der älteren sprache ist auch einen menschen vergraben
geläufig für das heutige begraben,
schon mhd. nachweisbar: dô starb er (
Nabuchodonosor) bald, dô vergruob man in.
historienbibel 467
Merzdorf; nhd. vergraben,
bestatten, contumulare, ad sepulturam dare, der vergraben ist,
sepultus Maaler 420
a; vergraben,
funerare Stieler 690; vergraben,
begraben Kramer 239
b; Steinbach (1724)
führt es nicht mehr in dieser bedeutung auf, ebenso Frisch (1, 364
a), Adelung
scheidet ausdrücklich vergraben
und begraben (
versuch 4, 1437).
aus diesen notizen, sowie aus folgenden belegen ergibt sich, dasz die bedeutung sepelire am ende des 17.
jahrh. für vergraben
ungebräuchlich wurde; begraben,
das schon im mhd. hauptträger dieser bedeutung war, übernahm sie nun allein. in den heutigen mundarten scheint sich die bedeutung auch nicht mehr zu finden: des ersten truog man einen toten in einem boum in gestalt in ze vergraben.
N. Manuel 31
Bächtold; hatte auch kinder drei selber vergraben, als sie an einer gar groszen pestilentz gestorben waren, dann in der pestilentz mit den todtengräber vergraben, kostet gar vil. Th. Platter 76; do hatt im die mutter ein hüpsch krentzlin gemacht und der schulmeister zu Brunnentrutt hinder St. Michell vergraben. 71
Fechter; wie sie aber keuschheit gehalten, ist daraus greifflich abzunehmen, das man in zerbrechung des closters in den heimlichen gemechern .. kinderkopffe, auch woll gantze corperlein vorsteckt und vorgraben befunden hat. Sastrow 1, 52; zeigen sie an, zu welcher zeit und an welchem ort man jn (
den todten) vergraben werd. Kirchhof
wendunm. 414
a; in welcher kirchen sie (
die frau) bei irem vatter und altvatter vergraben solt werden. 414
b; der mann ist kaum vergraben und ihr hertz will schon einem andern nachtraben. Philander 1, 52; die junckfraw, die nam da ir end, auff dem kirchoff ward sie schon vergraben. Wackernagel
kirchenl. 2, 861; sein doch diese fast ungefahr vor tausent sechs hundert und dreiszig jahr gestorben und vorlangst begraben. Frischlin
Julius rediv. 44; wenn unser leib vergraben im sande liegen wird. Opiz
bei Campe unter nachklang; mein sterben nimmst du abe, vergräbst es in dem grabe, o unerhörtes liebesfeuer! P. Gerhard 72, 46
Gödeke; gold, gegraben ausz der erde, macht, dasz mancher in die erde, da ihm gold nicht weiter nützet, für der zeit vergraben werde. Logau 2, 208, 81 (405
Eitner); diese dohl, so hie vergraben, that kein eigne feder haben (
auf einen unoriginellen dichter). Rist
poet. lustgarte E 1; so wil er hie sagen, mein seele, das ist, mein leben were gar zu nicht worden, wie ein tod und vergraben mensch. Luther 3, 305. 1@cc)
in andere dinge vergraben
als in die erde: auf solche verwilligung hätte sich das männlein ... in die hanffräzen begeben und zwischen das binzechtig gras im wasser und morast hineingewühlet .. als einer, der sich zu kalter zeit ins heu vergräbet, darinnen übernacht zu schlaffen.
Simplic. 2, 47, 15
Kurz; er vergrub die hände in den locken. Heyse
ges. werke 17, 66; Edwin, der mit groszen schritten, die hände in den taschen vergraben, das zimmer durchschritt.
kinder der welt 2, 16; sie .. vergrub ihr gesicht in den beiden händen und brach in leidenschaftliches weinen aus. Spielhagen 18, 81; was mag sie liebs im scherben haben? sie hat leicht gelt darein vergraben. H. Sachs 2, 3, 202 (8, 384
Keller); etlich vergruben sie (
die flöhe) in schne, die ich dar nach sah nimmer meh. Fischart
dicht. 2, 19, 1807
Kurz; schau, dasz die mauerraut auch unvergessen sei, die riegel lösen kan und steine bricht entzwei, wenn sie die wiedehopf hat in ihr nest vergraben. Lohenstein
Agripp. 651 (95); ein wandrer .. sieht, dasz sich die wogen thürmen und in entfernter höh den segellosen mast des goldbeschwerten schiffs ein wilder orkan faszt, jetzt in die wolken wirft, im abgrund jetzt vergräbet. Wieland 37, 287. 1@dd)
in bildlicher und übertragener bedeutung, hierher besonders im anschlusz an das gleichnis Luc. 19, 23 sein pfund vergraben,
seine fähigkeiten nicht anwenden: es thun diese alten medici, indeme als ob sie .. nicht weiter nach denen dingen, dann wie ihnen ihr alter Galenus, Avicenna vorgeschrieben haben, trachten solten; gleichwie die hinlässige und faule knechte, die ihr pfund vergraben, und nicht dencken, dasz der herr rechnung von ihnen fordern werde. Philander 1, 206; der bengel! sein pfund so zu vergraben! Fr. Müller 2, 14; und du willst also deine gaben in dir verwittern lassen? dein pfund vergraben? Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 35 (
räub. 1, 2); man sagt, dasz Veit sein pfund offt da und dort vergrabe, je mehr, sagt er, ich grab, je mehr ich wucher habe. Logau 2, 109, 54 (321
Eitner); für andre wächst in mir das edle gut. ich kann und will das pfund nicht mehr vergraben. Göthe 1, 6; allein indem wir hier gleichsam einen schatz vergraben, so denken wir zugleich ... an die vergänglichkeit der menschlichen dinge. 17, 100. 22)
übertragen, verschwinden machen, beseitigen, von den verschiedensten dingen gesagt: und ihr könnet es bei euerm himmlischen vatter in ewigkeit nicht verantworten, wann ihr eur talent, das er euch verliehen, vergrabet und euer edel ingenium .. verderben lasset.
Simpl. 1, 326, 24
Kurz; wenn herr Klotz .. die citationen des dichters unter hundert andere citationen vergräbt .. welche verwirrung! Herder (1821) 27, 103; das talent in staub vergraben. 2, 181; sie gab ihm zu verstehen, dasz sie gewisz überzeugt sei, er werde nunmehr sein talent nicht länger vergraben, sondern unter direction eines Serlo aufs theater gehn. Göthe 19, 83; er vergrub gezwungen den blauen tag in tempeln, in bildersälen ... in vierten stockwerken, wo nach der sitte einige grosze wohnten. J. Paul 24, 164; wie ist es ihnen möglich, ein talent ... wie einen todten schatz zu vergraben? Heyse
paradis 1, 97; die junge gutsherrschaft wird wohl ihr glück in Neuenbruch vergraben.
buch d. fr. neue folge 311; ein newe hochzeit wöll wir haben und alles hertzenleid vergraben. H. Sachs 1, 26 (1, 117, 35
Keller); und ihm ängstet und drückt gleich das geheimnisz die brust. in die erde vergrüb er es gern, um sich zu erleichtern, doch die erde verwahrt solche geheimnisse nicht. Göthe 1, 291; (
der minnegesang) den der Franke vergrub. Voss 1, 13; werdet jr aber euch nicht demütigen, sondern solche stück wollen vergraben, geschwiegen, ungebüsset, und ungestrafft haben .. wolan, da wollen wir euch zusehen. Luther 5, 84; er erwehlet derentwegen den alcoran zu lesen und das opffer zu spahren, weil jenes nur auff der zungen schwebet, sein geld und reichthumb aber im hertzen vergraben lieget.
pers. rosenth. 6, 7; (
es werde nichts gewagt), da das geheimnisz im busen weniger .. personen vergraben liegen .. würde. Wieland 38, 197; seine aufkeimende ehrbegierde sah in diesem dunkel seine erste heldenthat vergraben. Klinger 8, 15; die herrlichsten kenntnisse liegen in einem kopf, der ihnen keine gestalt zu geben weisz, wie todte schätze vergraben. Schiller 10, 404; mit müssiggang und gmachlichkait man kainen namen nicht berait. die schimlig faulkeit und wollüst ligen vergraben in dem mist. Fischart
dicht. 2, 195, 623
Kurz; aber was gesündget ist, das verdeckt er und vergiszt, wie wir ihn beleidiget haben, alles, alles ist vergraben. P. Gerhard 63, 61
Gödeke; ich stattete in Leipzig sogar zwei mitarbeitern .. einen gelehrten besuch ab, in der voraussetzung, dasz ausgeleerte, ausgeweidete seelen oft am besten vergrabene schätze und namen ans licht .. aufziehen. J. Paul 54, 4; in einem fremden buche seine eigne meinung, obwohl tief vergraben, entdecken. 156; da er noch wenig übung hatte, aber viel stillen vergrabenen sinn. Bettina
briefe 2, 140.
von menschen, befangen in, vertieft, oft auch in die bedeutung '
begraben'
hinüberspielend: er war meistens in einer art von mürrischer zurückhaltung wie vergraben. Lichtenberg 4, 177 (
hier also noch als bild gefühlt); auch du stehst in einem trostlosen kummer vergraben, der du in mir weder geliebte noch tochter verlierest. Lessing 2, 87; warst auch immer so todt und düster in dich vergraben? Klinger
theat. 2, 175; oft beneide ich Alberten, den ich über die ohren in acten vergraben sehe. Göthe 16, 77; der geschäftsträger .. fand den prinzen in seinem pallast .. schon ganz, wie es schien, dem öffentlichen dienst abgestorben und in privatgeschäfte vergraben. Schiller 7, 284; Leo sasz dann zwischen seinen büchern vergraben, lesend, excerpirend. Spielhagen 17, 123; hör, Horazio! ists an dem, dasz dein vater meinem hause feind ist? ich empfand das nie und wuszte auch nichts in der einsamkeit vergraben. Klinger
theater 3, 332; die vergrabenen kräfte in den untern ständen. Pestalozzi 5, 78; es bedeut ye der tauff nicht dann das abgestorben mit Christo in gott vergraben leben. Frank
weltb. 124
b (
begraben). 33)
reflexiv: im beginne des winters vergraben sich gewisse thiere in die erde.
bildlich: er sah .. der fürstin .. ins freundliche gesicht, das sich in ein ganzes tiefes haubengebüsch .. vergrub. J. Paul 21, 152; was hilffts, das unser haupt erstund, wann wir die glieder uns in der sünden finstres grab vergraben immer wieder. Logau 3, 115, 81 (542
Eitner);
übertragen: immer liegt er im forste und badet seine hände in der armen thiere blut. kömmt er einmal zurück, vergräbt er sich und weh dem, der ihm naht. Klinger 1, 40; ihm kam sehr sonderbar vor, dasz sich Noah ganz allein von dem übrigen menschengeschlechte absonderte und so furchtsam in dem gebirge vergrübe. 6, 30; er (
der heldensänger) vergräbt im leben sich in tiefsinn ein: um erst dann zu leben, wann er staub wird sein. Lessing 1, 40. 44)
mit einem graben versehen: es gebieten unsere herren vom rate, das hinfür niemant in einer halben meil wegs umb dise stat einichen paumgarten von newes anfahen, machen, verzeunen, verschrancken oder vergraben sol.
Nürnb. pol.-ordn. 292
Baader; besonders häufig mit der nebenbedeutung '
durch anlegen eines grabens versperren'
: mhd. wer die straszen und wege in felde, walde oder dorfe vergrube, verschluge oder versetzte, es were an bau oder einigen sachen, so daran hindernus bringen mochten, der sollte verfallen sein mit der höchsten busz. Grimm
weisth. 1, 487 (
Arheiligen bei Darmstadt, von 1423); so einer in der waldung einen vergrabenen oder versteckten weg fähret, 1 thlr. strafe.
weim. staats-archiv 1765;
besonders häufig als ausdruck für befestigung: läger umbschantzen und vergraben. Kirchhof
mil. discipl. 140. 55)
grabend ausnutzen, verbrauchen: das moor ist vergraben, die feurung kostbar. Kobbe
Bremen u. Verden 1, 90. 66)
reflexiv: da sind die veind zwischen uns und der stad gelegen, sich ser vast vergraben, damit wir sie nit uberzogen. Frundsberg
schlachtber. von Pavia in Bechstein, deutsches mus. 1, 125; und er (
Cäcina) war allemahl der erste, der die schauffel und das grabscheit in der hand hatte, also sich diese nacht aufs neue vergruob. Lohenstein
Armin. 2, 1070; wie wenn wir hinausz fielen spat und mit in ein scharmützel hetten, eh sich die feind vergraben thetten und sich verschantzten in dem feld. H. Sachs 3, 2, 155 (13, 19
Keller);
übertragen: nach dem er seine kasten voll, hat er sich mit seinen decreten und newen satzungen dermaszen vergraben, das kein gewaltiger in beschädigen mag. Sleidanus
reden 27
Böhmer.