unleidlich,
adj. adv.,
gth. v. leidlich.
mhd. unlîdelich, -lîtlich,
mnd. unlidelik, -litlik,
mnl. onlidelijc,
nl. onlijdelijk,
altschwed. olidheliker, oliidlig,
schwed. olidlig,
dän. ulidelig.
frühnhd. noch oft unleidelich;
vgl. unleidenlich
u. unleidig. ungleidlich Fischart
Eulensp. 638; unlittlich Aler 2, 2096
a,
vgl. unlittig; unleidlichen,
adv. Hulsius-Ravellus 379
b,
adj. Fabricius
auszzug bew. hist. 632. 1)
activ. a) unleidenlich 1 a
u. unleidig 1 a
entsprechend (
vgl. leidlich 1),
impassibilis, frei von leiden, ohne leiden, wer nicht mehr leiden kann; vgl. leidlos:
vom verklärten Christus, gott Keisersberg
sünden d. munds 85
d; Sachs 1, 456, 26
K.; doch hett er (
Christus) ein unleidlichen leib gehabt Franck
weltb. 98
a; in dem unlidelichsten teil (
der seele) Keisersberg
postill. 1, 13.
veraltet. b) unleidenlich 1 b
und unleidig 1
entsprechend, impatiens; vgl. leidlich 2.
mit gen.: o wie unleydelich ist gott des schympfs an seynem thewren wortt Luther 10
2, 58, 10
W.; das frauenzimmer ist aller befehle und alles mürrischen zwanges u. Kant 2, 231
ak. ausg.; m. acc.: wo ... der ander das u. wer,
nicht leiden wollte österr. weist. 11, 207, 37;
mit präp.: sie hatte ein groszmüthiges, aber zugleich gegen das unrecht sehr unleidliches hertz Besser 2, 353
König; romanenbücher ... welche sie zur empfindlerin und für die wirkliche welt gefühllos und u. machten Castelli 10, 95.
veraltet. c)
vereinzelt: '
wer nichts mehr vertragen kann, schwach, hinfällig': wenn sichs mit inen (
den königreichen) zum ende schicket, da pflegen sie denn am schwächesten und unleidlichsten zu sein
M. Dreszer
isagoge hist. (1600) 232. d) unleidenlich 1 b
und unleidig 1 c
entsprechend. α)
wer nicht leiden, sich nichts gefallen lassen will: der bleibet ... unstarck schmach zuo empfahen, unleidlich in allen dingen Keisersberg
pred. 89
b; 51
c; unleydlich,
stoltz, impotens Maaler 465
c; Fischart
discours d 2
b; wer gar u. ist, der hat zu kempffen alle frist Petri f f f 6
a; wann ich einmahl u. werde, so werde ich ein biszgen grob und schlage 27 mahl auf eine stelle Chr. Weise
comöd. 45; ich bin auch ein wenig u. Lessing 1, 399, 18. dem unleydling wesen mein Sachs 9, 296, 8
K.; Kirchhof
wend. 2, 14; Fischart
ehzb. 304, 19
H. noch Adelung
setzt an: '
auf unbefugte art abgeneigt, ungemach zu erleiden, auch wenn es nothwendig ist'; ohne alle unangenehme empfindung kann es freilich (
beim sterben) nicht abgehen. unempfindlich konnte der mensch nicht seyn, u. musz er nicht seyn Lessing 2, 345, 20 (
Sara Sampson 5, 7); Heynatz
antibarb. 2, 525
verwirft das wort und Campe
verurtheilt es als unbezeichnend und unrichtig gebildet. β)
ignavus, effeminatus: so sein auch etlich an in selbs u., waich und so zart, das sie vil ee liegen weder marter leiden
laienspiegel (1518) 134
a; Aventin 1, 176, 16; Fischart
trostb. 62, 14
H.; ein verzärtelter leib, der ... gegen alle ungemächlichkeiten u. ist Gellert 7, 129.
veraltet. γ)
vom auge, das gegen äuszeren reiz u. falsche behandlung empfindlich ist: weil das auge ... das klereste, subtileste und unleidlichste glied ist Bartisch
augendienst 10.
veraltet. e) unleidig 1 d
in mannigfachen schattierungen entsprechend: der glaub hat yhn (
Isaak, 1. Mos. 26) müssen sterken, trösten und erhalten, sonst were er bald u. worden Luther 24, 463, 27
W.; 1, 245, 28
W.; aus ungedult und unleydlichem willen 18, 318, 5
W.; ein unleidlicher mensch
un huomo impatiente Kramer (1700) 1, 934
c. wann ein mensch von kranckheit unlidlich ist Keisersberg
bilger 33; also auch nicht ain yder alter zornig, wnderlich und unleydlich ist Schwarzenberg
Cic. 35
b; Sachs 3, 149, 39
K.; sorgen macht worgen und macht auch also u., dasz ir an jeden treck stoset, der im weg ligt
Garg. 75
ndr.; der ist u., der bey dem geringsten verspürten mangel sogleich seine unlust zu erkennen giebt — der leicht in harnisch gejaget wird, der sich über die geringsten sachen ärgert und händel anfängt — wer alles aufs übelste deutet und bey den geringsten beleidigungen in zorn entbrennt — wer ungroszmüthig ist Zedler 49, 1862; meine schwester ist empfindlich, herr
F. hitzig, u., jähzornig
sammlung v. schausp. (
Wien 1764
ff.) 7, 53. unleidlicher mensch
indignabundus stomachus; er ist allendhalben u.
omnia stomachatur Stieler 1137;
acerbatus, acerbus, severus: aber die lieben jüden frageten nichts darnach, gott mag im ersten gebot eiverig oder u. sein, wie er wolle Luther 28, 644, 32
W.; villeicht was er etwas unleidlicher (
iniquior) umb seiner geilheit willen Boltz
Terenz 65
a (
Heautontim. 201); ein unleidlich weib Sachs 20, 77, 22
G.; Nigrinus
v. zäuberern 160.
unartig, launisch u. dgl. v. kindern H. Staden
wahrhaftig historia r 3
a;
els. wb. 1, 562
a;
obers. 2, 599
b;
launisch v. weibern Agricola
sprichw. b 6
b.
veraltet; wir haben in solchen fällen unsere pass. auffassung fern zu halten. f) unleidenlich 1 d, unleidig 1 e
entsprechend: die oberkeyt ist zu bose und u. Luther 18, 303
W.; oder zu 2 a?
veraltet. 2)
passiv, gth. von leidlich 3, 4. a)
unerträglich (
zur syn. s. sp. 510
und das stärkere unausstehlich
sp. 227).
mit dativ: der verporgen liebe .. die in (
den damen) vil unleidlicher ist ze vertragen dann die offenware Arigo 17, 14
K.; ir trotzen und rhümen ist gotte zu u. Luther 30
3, 282
W.; garstige und erbaren ohren gantz unleidliche zoten
vern. tadler. 2, 16; Forster 8, 210; Göthe 7, 207
W.; u. ward mir's (
es litt mich nicht) schon auf meinem gepolsterten stuhle 8, 281, 14
W.; Heine 2, 444; G. Keller 7, 12.
m. präpos.: das dan u. bey yn were Eberlin v. Günzburg 3, 18
ndr.; für G. Freytag 18, 79.
ohne dativ- oder präp. bestimmungen: wann es die Römer sagen, ist es leidtlich, da es aber die Etolier sprechen, u. Xylander
Polyb. 502; das ist doch u., was die kerle in H. sudeln! Lessing 17, 243; Kant 7, 248
akad. ausg.; wir glaubtens (
die nachricht v. Herders tod) nicht, aber es war doch u. Göthe IV 9, 209, 5
W.; Schiller 14, 291; am unleidlichsten war die windstille Moltke 6, 122.
attributiv: ein unlydliche stroff Keisersberg
bilger. 108
d, kelde
Hedwiglegende d 3
b, schmertzen Gersdorff
wundarzney 63
b, stanck 2.
Maccab. 9, 10, bürd Albertinus
hirnschleiffer 157, die unleidlichste dienstbarkeit
acta publ. 1, 284
P. (
vgl.d), die warheit ist das allerunleidligste ding auf der welt Luther
bei Schottel
haubtspr. 252; Luther
fabeln 3
Thiele; unleidlich leid Droysen
Äschylus 130, münzzustand Luschin v. Ebengreuth
münzk. 251
u. s. w. subst.: es ist auch nichts unleydlichers, dann ain solcher glügkhafter mensch, der vernünfft ... mangelt Schwarzenberg
Cic. 73
b; Petri r 5
a; das unleidliche leiden Grillparzer 3, 85; das unleidliche ihrer eigenen verhältnisse G. Freytag 1, 149.
adv.: u. fallen
Simpl. 203
Kögel, darstellen Börne 14, 31, u. heisz Göthe 32, 32
W., vgl. unleidlicher weisz Schaidenreiszer
Od. 5
b, auf eine unleidliche weise Pückler
briefw. 6, 273. b)
oft als ausdruck der sog. intension, wobei das etymologische bewusztsein keineswegs ganz ausgeschaltet zu sein braucht: unleidelich o. vast lieb haben, bulen Diefenbach
gl. 46
c; unleydlicher ungestüme im angriff Stumpf
chron. 60
a; kein weiser man sol sich unleidlichs (
verschmelzend mit impotens 1 d
α) trawren annemen Fr. Wilhelm
sprichw. reg. c i j
α 123; unleydlichere mittel vorzuschlagen Kirchhof
mil. disc. 22;
fame grandissima unleidlicher hunger Hulsius (1618) 2, 144
b; eine unleidliche gefräszigkeit Göthe 22, 237, 5
W.; hartnäckigkeit Ebner-Eschenbach 2, 48; u. theuer Göthe IV 3, 314
W.; sie ist u. empfindsam Iffland 6, 85; frau v. D. hat mich u. aufgehalten 4, 54. c)
andererseits in abgeschwächtem sinne '
wenig angenehm, zuwider, gegen den strich laufend'
u. dgl., oft recht subjectiv, gefühlsbetont (
odiös Kinderling 306): was dir unleidlich ist, das thu' auch andern nicht Lichtwer
recht d. vernunft 105; ein unleidliches gesicht Cramer
nord. aufseher 2, 362, süszigkeit Gerstenberg
rec. 312, 30
ndr., der unleidligen länge Fr. Schlegel
jugendschr. 1, 87
M., ein unleidliches gedicht Gervinus
gesch. der d. dicht. 1, 137
u. s. w.; denn mir ist unleidlicher nichts, als thränen der weiber Göthe
Herm. u. Dorothea 9, 192. leidliche und unleidliche seiten III 2, 82
W., zigarren Holtei
schr. 7, 141, abende Pückler
briefw. 3, 277.
von personen: den der nhame Christi war szo unleydlich, das nicht szo unleydlichers war den Christus Luther 34
1, 488, 22
W.; ich bin der unleidliche, ungesittete, stolze, schmähsüchtige mann nicht, für den mich hr. Klotz nunmehr ausschreyet Lessing 17, 273; es ist der abgeschmackteste, unleidlichste kerl unter sonne und mond A. G. Meiszner
Alcibiades 1, 183;
vgl. unerträglich 2 b
β; von frauen, kindern, hunden: Göthe 19, 31, 12
W.; Körte
sprichw. 245;
dadurch dasz man kindern ihren willen läszt, werden sie u. gegen alle (
mit activer bed. 1 d
zusammenflieszend) Cramer
nord. aufseher 3, 228;
importunus Reiher o 5
a; Pansner
schimpfwb. 73
b.
mit vermischung ist öfter zu rechnen: je heiliger zeit, je unleidlicher teuffel Petri j i 7
b,
vgl. leidig 3/4; der domherr war unleidlich und die gesellschaft verstimmt Göthe 17, 142, 12
W., vgl. 1 e. d) unleidenlich 2 a
ε und unleidig 2 b
entsprechend, sowohl im engeren sinne der rechts- und geschäftsspr. als auch allgemein '
ungehörig, empörend'
u. s. w.; vgl. mnd. unliderlik.
von einem blinden juden, der unbefugt als arzt practiciert: dwile sin sachen ebentuerlich sin und unlidelich (1497) Bücher
Frankf. berufswb. 64
a; eyn unleydlich unrecht Luther 18, 311, 5
W.; es ist yhe unleydlich, das .. 18, 322, 7
W.; 26, 586, 19
W.; 34
2, 190, 21
W.; unleidliche (
nicht regelrechte) pfruonden leidlich zuo machen Murner
adel 4
ndr.; das der gewalt des babsts ... von gott unlydlich ist H. v. Cronberg 22
ndr.; onleidliche vermessenheyt Sleidan
reden 38
B., verträge
Nürnb. ref. 4
b, lehr Dedekind
christl. ritter g 3
a, arbeit, dienste, frohnen, auflagen, beschimpfung, calumnien, gefängnisz, kusz, schmach, straffe, verspottung Zedler 49, 1861
f.; wie mancher topf zweene henckel hat, also hat eine iedwede sache zwey handgriffe, einen leidlichen und einen unleidlichen Chr. Weise
d. klügsten leute 324; ein gar unleidlicher alterspfleger,
wer sich an seinem vater vergreift Schleiermacher
Platon 6, 445; unleidlichen miszbrauch Gentz 2, 152; unleidliche handwerke
handwb. d. staatswiss. 4, 574.
heute (
wie bei Göthe IV 10, 291
W.)
in seiner eigentlichen bed. nicht mehr empfunden. e)
unverträglich, unvereinbar: zweier unleidlicher oder unsamentfüglicher ding Sleidan
reden 230
B.; veraltet. —