unbefangen,
adj. adv. ,
gegentheil des sich etwas später durchsetzenden befangen,
das Adelung
noch nicht verzeichnet; beides in der hauptverwendung erst wörter unsrer classischen litteratur, den mundarten meist nicht geläufig. das ahd. unpivanganlîh
incomprehensibilis und mnd. unbevangen
unverfänglich, ohne nachtheil, im sinne der rechts- und geschäftssprache (Schiller - Lübben 5, 21
a; Lübben-Walther 429
a;
mnl. wb. 5, 277, 3)
stehen mit dem neueren wort in keinem unmittelbaren bedeutungsgeschichtlichen zusammenhang; dagegen hat schon das mnl. onbevangen, onbevaen (Verdam 397
b;
mnl. wb. 5, 277, 2. 1)
die bedeutungen '
uneingenommen, frei'
herausgebildet. vgl. inoccupatus, inoccupé, disinvolto, unembarrassed, unrestrained
und westf. unbefangen
ungehindert Woeste 280
b;
nhd. unbefaszt (Schleiermacher
Plat. 6, 143).
im 18.
jh. wächst das deutsche adj. neu aus verbalen verbindungen heraus. s. u. I 1
und th. 1, 1250.
litterarische wörter wie naiv, ingénu, candide
mögen zur bereicherung und festigung des begriffes beigetragen haben. umbefangen Archenholz
England u. Italien 1, 2, 297.
im superl. nistet sich gelegentlich ein unorganisches d
ein: die unbefangendsten gespräche Ritter
erdk. 6, 634; Pückler
br. 4, 91.
das nl. onbevangen, bevangen
scheint wieder aus dem nhd. entlehnt; nl. wb. 10, 1106.
wenn heute dreist
und frech
als synonym mit unbefangen
zusammengestellt werden (Eberhard-Lyon 852; Weigand 3, 847),
so gehört das von Heynatz
antib. 1, 205
noch gleichgesetzte dreist
mehr vor den richterstuhl der sitte, frech
vor den der sittlichkeit, unbefangen
nur vor den des eigenen bewusztseins. man verbindet wohl unbefangene (
naive) frechheit (Scherer
litg. 247),
aber im eigentlichen sinn nicht freche unbefangenheit.
es fehlte Heynatz
noch an übersicht über den kaum gefestigten gebrauch, als er unter unbefangenheit
eine unerschrockenheit,
unter befangen furchtsam
verstand antib. 2, 512. 1, 205. '
auf keine nachtheilige art eingeschränkt'
erklärte Adelung 4, 832.
undeutlichkeit des begriffs tadelt Kinderling 64;
um so stärker ist der beiklang eines stimmungs- und gefühlstones, der unbefangen
und noch mehr befangen
abschattet. II.
adj. I@11)
der verbale ursprung ist noch ersichtlich: mijn herte is onbeganghen, onbevanghen ende onverlaeden van hemel ende eerde ende al dat daer in is
mnl. wb. 5, 277; einem jeden mit vorurtheilen unbefangenen beobachter Wieland
werke 3, 87 (
Ag. 12, 4); mit streit unbefangen,
nicht verwickelt Campe 5, 126
a, 1.
vielleicht auch noch: von so kurzen, leichten spielen kehrt der mime leicht nach haus, unerschöpft und unbefangen Grillparzer 1, 184.
von dieser grundvorstellung inoccupatus
aus entwickeln sich im wesentlichen die folgenden drei bedeutungen, indem das wort dann unabhängig und prägnant gebraucht wird. die einschränkung, die hier aufgehoben werden soll, kann vom gefühl (2),
vom verstande (3)
und vom willen (4)
ausgehen. I@22)
naiv, natürlich, ungezwungen, offen, aufrichtig, harmlos, arglos, leidenschaftslos, unverfänglich, unschuldig, treuherzig, ohne verlegenheit, befangenheit u. ä., meist unbewuszte eigenschaften. —
von personen und persönlichem: jünglingen, unbefangenen menschen, ach diesen einzigen menschen .. will ich .. die bahn zu solcher glückseligkeit auszeichnen Zimmermann
eins. 3, 238; unsre unbefangene jugend Thümmel
reise 1, 161; A. W. Schlegel
Shakespeare 1, 179 (
sommernachtstr. 1, 1); manches unbefangene fräulein hat ihren keuschheitsgürtel verlohren, indem sie so oft darnach forschte, ob er noch fest säsze Bode
Mont. 5, 209; die bekenntnisse der schönen seele überraschen .. durch ihre unbefangene einzelnheit (
naive individualität)
F. Schlegel
Athen. 1, 171.
witzelnd: entlassen sie die herren, die unbefangenen sowohl als die befangenen
jahrb. d. Grillparzerges. 2, 303. ein rosig unbefangenes kind Keller 2, 39.
auch tadelnd (
gegen Eberhard-Lyon
16 852): glaube darum von mir noch nicht, dasz ich .. zu jenen dummen unbefangenen menschen gehöre Tieck
schr. 6, 71;
vgl.unbefangenste thierheit, die absoluteste blödsinnigkeit Raabe
Abu Telfan 1, 135.
von sachen und begriffen: im unbefangenen lachen äuszert sich ... ein sichres kennzeichen der natur Herder 23, 397; kindheit 15, 253; ehrlichkeit Lavater
fr. 4, 432; in's weite zieht ihn unbefangne hast Göthe 3, 20
Weim.; ein unbefangenes jugendliches gesicht 49, 323, 4
Weim.; ihr unbefangner unschuldsvoller sinn zieht mächtig alle herzen zu ihr hin Mereau
ged. 2, 120; jene erste unwahrheit ist also diejenige, welche bewusztlos und unbefangen es ist Hegel 1, 421 (
vgl. das adv.); unbefangenen, volksmäszigen .. gesang W. v. Humboldt
ges. schr. 5, 16; sein unbefangener gesunder menschenverstand Meinecke
Boyen 1, 58.
unverfänglich: dieser gewisz unbefangene scherz E. Th. A. Hoffmann 2, 11; so fromme, weiche und gar unbefangene redensarten Tieck
schr. 17, 116; der einflusz der königin .. war ein unbefangener Bismarck
ged. 1, 124; unbefangen weltliche anschauung Treitschke
aufs. 2, 47; einen unbefangen heiteren ton Keller 6, 56. I@33)
unparteilich, unvoreingenommen, vorurtheilslos, gerecht, sachlich, nicht krittelnd, gutgemeint, candidus: einem unbefangnen zuschauer verdächtig Wieland
Ag. 1, 171; einige unbefangene liebhaber der philosophie Herder 16, 404; hoffentlich wird jeder unbefangene leser überzeugt seyn Adelung
mag. 2, 153; gegen einen unbefangenen gast Göthe 24, 168, 27
Weim.; das unbefangene publicum Hebbel I 10, 312; ein neues, unbefangenes geschlecht Schopenhauer 1, 531; drum seid mir endlich unbefangne richter Geibel 4, 87; er .. belobte, wenn er unbefangen war Keller 1, 22; aus unbefangnem munde Ludwig 5, 410; mit reinem unbefangenen blick Göthe II 5, 1, 176
Weim.; vollständige und unbefangene untersuchung Eschenburg
theorie 292 § 23; aussage Thümmel
reise 7, 285; vernunft Stilling 3, 287; interpretation Mörike 3, 137; urtheil Böhme
gesch. d. tanzes 105; behandlung Mommsen
röm. gesch. 2, 181; so konnte er seinen standpunkt mit einigem recht unbefangen nennen Freytag 5, 55; aus vollkommen unbetheiligten, unbefangenen quellen kann ich .. auskunft geben Moltke
ges. schr. 6, 167; ein unbefangen willig ohr Göthe 4, 219
Weim. I@44)
uneingeschränkt, ungebunden, ungestört, ungetrübt, frei, rein, ruhig, selbstsicher u. ä. es handelt sich dabei um wesentlich erworbene, gewordene, bewuszte eigenschaften. vgl 2. 'ein aufgeklärtes und unbefangenes gemüth,
welches von keinen vorurtheilen oder leidenschaften eingeschränkt wird; ein unbefangenes gewissen,
nicht ein reines gewissen,
sondern ein aufgeklärtes, welches durch keine irrigen grundsätze auf eine zu ängstliche art eingeschränket wird' Adelung: aus unbefangener überzeugung Herder 15, 121; kannst du dafür stehen, dasz dein herz immer unbefangen gegen diesen .. listigen verführer bleiben wird Kretschmann 3, 40; frei und unbefangen Musäus
volksm. 1, 14. 22; die immer gleiche unbefangene gute laune, die den inneren frieden verkündigt Knigge
rom. 1, 261; heiter und unbefangen im geschäft, liebhaberey und betragen Göthe IV 34, 115, 8
Weim.; seinem unbefangenen überblick
gespr. 8, 139; sie .. war in den ersten scenen nicht unbefangen genug Solger
nachg. schr. 1, 63; doch ist die zeichnung nicht .. meisterhaft und unbefangen Meyer
kl. schr. 174, 27; ruhig ... und unbefangen E. Th. A. Hoffmann 7, 56; er gab sich mühe, unbefangen zu bleiben Holtei
erz. schr. 25, 54; zu wenig unbefangen Droste-Hülshoff
br. 360; ganz unbefangen
sich fühlen Pückler
br. 1, 137; unbefangenes humanes wohlwollen Treitschke
d. gesch. 1, 337; ein tabu .., das sonst .. den freien willen, das unbefangene thun eines ganzen volkes zu ersticken droht Ratzel
völkerk. 2, 214. IIII.
adv.: einem beobachter .., der unbefangen welt und menschen studirt Zimmermann
eins. 1, 17; ganz unbefangen und eher mit widrigem vorurtheil Herder 16, 439.
vgl. unbefangen und wohlmeinend Schleiermacher
Plat. 6, 502; wie du mit freiheit unbefangen schreitest Göthe 2, 152, 7
Weim.; klar und unbefangen 44, 2, 359, 26
Weim. absichtslos: ich stahl, wie unbefangen, ihr zicklein drauf im wald Kind
ged. 3, 302; scheinbar unbefangen Arnim 9, 253.
ahnungslos: der assessor .. ist gestern .. unbefangen .. wieder angekommen Varnhagen
tageb. 6, 218; froh und frei, und unbefangen tanzt er (
der schmetterling) in die flur hinaus Rückert 1, 510. benutzen unbefangen ihre vorgänger Scherer
litg. 304; ganz unbefangen und natürlich auch ganz unbewuszt Raabe
Horacker 108.
auch auf eine unbefangene weise W. v. Humboldt
ges. schr. 4, 75. 7; in unbefangener weise Laube 1, 95; unbefangenerweise Schopenhauer 5, 112; naiv unbefangen Chrysander
Händel 2, 41. IIIIII.
steigerungsformen: wir werden beyde einander aus einem freyern unbefangnern gesichtspunkt ansehen lernen Lavater
verm. schr. 2, 3; am unbefangensten erzählen Wieland
Lucian 4, 133; allemal waren es die unbefangensten gemüther, die die gröszeste epoche machten Herder 16, 45; mit der unbefangensten mine Pfeffel
pros. vers. 5, 7. IVIV.
substantiviert: jedem in sachen der kunst unbefangenen Göthe 49, 291, 22
Weim.; wie wird sie die unbefangene spielen Thümmel
reise 9, 164; nur das höchste, was er überhaupt hervorbringen kann, macht der unbefangene recht; in allen andern macht er unsinn und dummheiten Keller 3, 164; da fand ich steife menschenkinder, welche das .. unbefangene nicht an sich hatten Laukhard
leben 2, 148; das unbefangene einer ersten bearbeitung Ludwig 6, 345. —