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unbefangen

nhd. bis spez. · 7 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

unbefangen adj. adv.

Bd. 24, Sp. 270
unbefangen, adj. adv. , gegentheil des sich etwas später durchsetzenden befangen, das Adelung noch nicht verzeichnet; beides in der hauptverwendung erst wörter unsrer classischen litteratur, den mundarten meist nicht geläufig. das ahd. unpivanganlîh incomprehensibilis und mnd. unbevangen unverfänglich, ohne nachtheil, im sinne der rechts- und geschäftssprache (Schiller - Lübben 5, 21a; Lübben-Walther 429a; mnl. wb. 5, 277, 3) stehen mit dem neueren wort in keinem unmittelbaren bedeutungsgeschichtlichen zusammenhang; dagegen hat schon das mnl. onbevangen, onbevaen (Verdam 397b; mnl. wb. 5, 277, 2. 1) die bedeutungen 'uneingenommen, frei' herausgebildet. vgl. inoccupatus, inoccupé, disinvolto, unembarrassed, unrestrained und westf. unbefangen ungehindert Woeste 280b; nhd. unbefaszt (Schleiermacher Plat. 6, 143). im 18. jh. wächst das deutsche adj. neu aus verbalen verbindungen heraus. s. u. I 1 und th. 1, 1250. litterarische wörter wie naiv, ingénu, candide mögen zur bereicherung und festigung des begriffes beigetragen haben. umbefangen Archenholz England u. Italien 1, 2, 297. im superl. nistet sich gelegentlich ein unorganisches d ein: die unbefangendsten gespräche Ritter erdk. 6, 634; Pückler br. 4, 91. das nl. onbevangen, bevangen scheint wieder aus dem nhd. entlehnt; nl. wb. 10, 1106. wenn heute dreist und frech als synonym mit unbefangen zusammengestellt werden (Eberhard-Lyon 852; Weigand 3, 847), so gehört das von Heynatz antib. 1, 205 noch gleichgesetzte dreist mehr vor den richterstuhl der sitte, frech vor den der sittlichkeit, unbefangen nur vor den des eigenen bewusztseins. man verbindet wohl unbefangene (naive) frechheit (Scherer litg. 247), aber im eigentlichen sinn nicht freche unbefangenheit. es fehlte Heynatz noch an übersicht über den kaum gefestigten gebrauch, als er unter unbefangenheit eine unerschrockenheit, unter befangen furchtsam verstand antib. 2, 512. 1, 205. 'auf keine nachtheilige art eingeschränkt' erklärte Adelung 4, 832. undeutlichkeit des begriffs tadelt Kinderling 64; um so stärker ist der beiklang eines stimmungs- und gefühlstones, der unbefangen und noch mehr befangen abschattet. II. adj. I@11) der verbale ursprung ist noch ersichtlich: mijn herte is onbeganghen, onbevanghen ende onverlaeden van hemel ende eerde ende al dat daer in is mnl. wb. 5, 277; einem jeden mit vorurtheilen unbefangenen beobachter Wieland werke 3, 87 (Ag. 12, 4); mit streit unbefangen, nicht verwickelt Campe 5, 126a, 1. vielleicht auch noch: von so kurzen, leichten spielen kehrt der mime leicht nach haus, unerschöpft und unbefangen Grillparzer 1, 184. von dieser grundvorstellung inoccupatus aus entwickeln sich im wesentlichen die folgenden drei bedeutungen, indem das wort dann unabhängig und prägnant gebraucht wird. die einschränkung, die hier aufgehoben werden soll, kann vom gefühl (2), vom verstande (3) und vom willen (4) ausgehen. I@22) naiv, natürlich, ungezwungen, offen, aufrichtig, harmlos, arglos, leidenschaftslos, unverfänglich, unschuldig, treuherzig, ohne verlegenheit, befangenheit u. ä., meist unbewuszte eigenschaften.von personen und persönlichem: jünglingen, unbefangenen menschen, ach diesen einzigen menschen .. will ich .. die bahn zu solcher glückseligkeit auszeichnen Zimmermann eins. 3, 238; unsre unbefangene jugend Thümmel reise 1, 161; A. W. Schlegel Shakespeare 1, 179 (sommernachtstr. 1, 1); manches unbefangene fräulein hat ihren keuschheitsgürtel verlohren, indem sie so oft darnach forschte, ob er noch fest säsze Bode Mont. 5, 209; die bekenntnisse der schönen seele überraschen .. durch ihre unbefangene einzelnheit (naive individualität) F. Schlegel Athen. 1, 171. witzelnd: entlassen sie die herren, die unbefangenen sowohl als die befangenen jahrb. d. Grillparzerges. 2, 303. ein rosig unbefangenes kind Keller 2, 39. auch tadelnd (gegen Eberhard-Lyon 16 852): glaube darum von mir noch nicht, dasz ich .. zu jenen dummen unbefangenen menschen gehöre Tieck schr. 6, 71; vgl.unbefangenste thierheit, die absoluteste blödsinnigkeit Raabe Abu Telfan 1, 135. von sachen und begriffen: im unbefangenen lachen äuszert sich ... ein sichres kennzeichen der natur Herder 23, 397; kindheit 15, 253; ehrlichkeit Lavater fr. 4, 432; in's weite zieht ihn unbefangne hast Göthe 3, 20 Weim.; ein unbefangenes jugendliches gesicht 49, 323, 4 Weim.; ihr unbefangner unschuldsvoller sinn zieht mächtig alle herzen zu ihr hin Mereau ged. 2, 120; jene erste unwahrheit ist also diejenige, welche bewusztlos und unbefangen es ist Hegel 1, 421 (vgl. das adv.); unbefangenen, volksmäszigen .. gesang W. v. Humboldt ges. schr. 5, 16; sein unbefangener gesunder menschenverstand Meinecke Boyen 1, 58. unverfänglich: dieser gewisz unbefangene scherz E. Th. A. Hoffmann 2, 11; so fromme, weiche und gar unbefangene redensarten Tieck schr. 17, 116; der einflusz der königin .. war ein unbefangener Bismarck ged. 1, 124; unbefangen weltliche anschauung Treitschke aufs. 2, 47; einen unbefangen heiteren ton Keller 6, 56. I@33) unparteilich, unvoreingenommen, vorurtheilslos, gerecht, sachlich, nicht krittelnd, gutgemeint, candidus: einem unbefangnen zuschauer verdächtig Wieland Ag. 1, 171; einige unbefangene liebhaber der philosophie Herder 16, 404; hoffentlich wird jeder unbefangene leser überzeugt seyn Adelung mag. 2, 153; gegen einen unbefangenen gast Göthe 24, 168, 27 Weim.; das unbefangene publicum Hebbel I 10, 312; ein neues, unbefangenes geschlecht Schopenhauer 1, 531; drum seid mir endlich unbefangne richter Geibel 4, 87; er .. belobte, wenn er unbefangen war Keller 1, 22; aus unbefangnem munde Ludwig 5, 410; mit reinem unbefangenen blick Göthe II 5, 1, 176 Weim.; vollständige und unbefangene untersuchung Eschenburg theorie 292 § 23; aussage Thümmel reise 7, 285; vernunft Stilling 3, 287; interpretation Mörike 3, 137; urtheil Böhme gesch. d. tanzes 105; behandlung Mommsen m. gesch. 2, 181; so konnte er seinen standpunkt mit einigem recht unbefangen nennen Freytag 5, 55; aus vollkommen unbetheiligten, unbefangenen quellen kann ich .. auskunft geben Moltke ges. schr. 6, 167; ein unbefangen willig ohr Göthe 4, 219 Weim. I@44) uneingeschränkt, ungebunden, ungestört, ungetrübt, frei, rein, ruhig, selbstsicher u. ä. es handelt sich dabei um wesentlich erworbene, gewordene, bewuszte eigenschaften. vgl 2. 'ein aufgeklärtes und unbefangenes gemüth, welches von keinen vorurtheilen oder leidenschaften eingeschränkt wird; ein unbefangenes gewissen, nicht ein reines gewissen, sondern ein aufgeklärtes, welches durch keine irrigen grundsätze auf eine zu ängstliche art eingeschränket wird' Adelung: aus unbefangener überzeugung Herder 15, 121; kannst du dafür stehen, dasz dein herz immer unbefangen gegen diesen .. listigen verführer bleiben wird Kretschmann 3, 40; frei und unbefangen Musäus volksm. 1, 14. 22; die immer gleiche unbefangene gute laune, die den inneren frieden verkündigt Knigge rom. 1, 261; heiter und unbefangen im geschäft, liebhaberey und betragen Göthe IV 34, 115, 8 Weim.; seinem unbefangenen überblick gespr. 8, 139; sie .. war in den ersten scenen nicht unbefangen genug Solger nachg. schr. 1, 63; doch ist die zeichnung nicht .. meisterhaft und unbefangen Meyer kl. schr. 174, 27; ruhig ... und unbefangen E. Th. A. Hoffmann 7, 56; er gab sich mühe, unbefangen zu bleiben Holtei erz. schr. 25, 54; zu wenig unbefangen Droste-Hülshoff br. 360; ganz unbefangen sich fühlen Pückler br. 1, 137; unbefangenes humanes wohlwollen Treitschke d. gesch. 1, 337; ein tabu .., das sonst .. den freien willen, das unbefangene thun eines ganzen volkes zu ersticken droht Ratzel völkerk. 2, 214. IIII. adv.: einem beobachter .., der unbefangen welt und menschen studirt Zimmermann eins. 1, 17; ganz unbefangen und eher mit widrigem vorurtheil Herder 16, 439. vgl. unbefangen und wohlmeinend Schleiermacher Plat. 6, 502; wie du mit freiheit unbefangen schreitest Göthe 2, 152, 7 Weim.; klar und unbefangen 44, 2, 359, 26 Weim. absichtslos: ich stahl, wie unbefangen, ihr zicklein drauf im wald Kind ged. 3, 302; scheinbar unbefangen Arnim 9, 253. ahnungslos: der assessor .. ist gestern .. unbefangen .. wieder angekommen Varnhagen tageb. 6, 218; froh und frei, und unbefangen tanzt er (der schmetterling) in die flur hinaus Rückert 1, 510. benutzen unbefangen ihre vorgänger Scherer litg. 304; ganz unbefangen und natürlich auch ganz unbewuszt Raabe Horacker 108. auch auf eine unbefangene weise W. v. Humboldt ges. schr. 4, 75. 7; in unbefangener weise Laube 1, 95; unbefangenerweise Schopenhauer 5, 112; naiv unbefangen Chrysander Händel 2, 41. IIIIII. steigerungsformen: wir werden beyde einander aus einem freyern unbefangnern gesichtspunkt ansehen lernen Lavater verm. schr. 2, 3; am unbefangensten erzählen Wieland Lucian 4, 133; allemal waren es die unbefangensten gemüther, die die gröszeste epoche machten Herder 16, 45; mit der unbefangensten mine Pfeffel pros. vers. 5, 7. IVIV. substantiviert: jedem in sachen der kunst unbefangenen Göthe 49, 291, 22 Weim.; wie wird sie die unbefangene spielen Thümmel reise 9, 164; nur das höchste, was er überhaupt hervorbringen kann, macht der unbefangene recht; in allen andern macht er unsinn und dummheiten Keller 3, 164; da fand ich steife menschenkinder, welche das .. unbefangene nicht an sich hatten Laukhard leben 2, 148; das unbefangene einer ersten bearbeitung Ludwig 6, 345. —
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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit unbefangen

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Ableitung von unbefangen

un- + befangen

unbefangen leitet sich vom Lemma befangen ab mit Präfix un-.

Zerlegung von unbefangen 2 Komponenten

unbe+fangen

unbefangen setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

unbefangen‑ als Erstglied (1 von 1)

unbefangenheit

DWB

unbefangen·heit

unbefangenheit , f. , gegentheil von befangenheit, das ' lange nicht so gebräuchlich als unbefangenheit' Heynatz antib. 1, 205 . unbefangenh…