traun,
interj. ,
in wahrheit!, fürwahr!, wahrhaftig! herkunft und form. mhd. entriuwen, triuwen,
mnd. entruwen, truwen, trouwen,
mnl. trouwen,
neunl. trouwens
in gleicher bedeutung. ahd. nicht bezeugt, doch steht bei Notker
häufig (
achtzehnmal) triuwo
atqui, certe, das offenbar das genaue singularische gegenstück zu dem dat. plur. mhd. triuwen
ist, vgl. Graff 5, 466.
adverb. wird dieses triuwo
schwerlich sein, da es das adj. triuwi
ahd. so gut wie gar nicht, und besonders bei Notker
nicht gibt, s. treu,
teil 11, 1, 2,
sp. 246.
dies singularische triuwo Notkers
lebt noch bis in spätmhd. zeit vereinzelt in hochalemannischen denkmälern fort: trü ich enwaiss
liedersaal 1, 200, 50
Laszberg (
s. unten 1); hâst du nicht ersehen wol diu lînlachen? triuwe, ich sol dir zürnen, das geloube mir Boner 48, 32
Ben.; ähnlich 83, 32.
dagegen erklärt sich ein gelegentliches trau nein Luther 15, 600
W.; trau nein ich Lindener
katzipori 105
lit. ver.; entraw nein
Tristrant 145
Pfaff (
s. unten 2 b)
aus abwerfung des n
in der engen verbindung traun nein.
die regel ist von frühmhd. zeit an die form mit -n,
mhd. triuwen
und entriuwen. entriuwen
ist aus in triuwen '
in wahrheit'
entstanden, s. treue,
doch kommt die form ohne en-
schon früh vor (
Rother 95).
im mhd. stehen entriuwen
und triuwen
gleichberechtigt nebeneinander, es tritt aber die form mit der präposition im laufe der zeit immer mehr zurück: nur mit geringen resten reicht sie bis ins 16.
jh. hinein (andrauwen Keisersberg 1510
s. unten 1; entruwen [1515]
Eulenspiegel 70
ndr.; inntrawen
reimchron. üb. herz. Ulrich 15
lit. ver.).
zweisilbige form des stammwortes (triuwen)
ist für das mhd. regel. sie gilt ausnahmslos im mnd. und mnl. (truwen, trouwen)
und hält sich auf diesen gebieten bis in die moderne zeit: neunl. trouwens,
nordnieders. trouen
brem.-ns. wb. 5, 115; truen Schütze
holst. 4, 286
neben sum truen,
dies nach Mensing 4, 934
aus so (du) mi truen (wullt),
also zu trauen,
vb. Nordniedersachsen ist das einzige gebiet, für das traun
überhaupt, wenigstens für die zeit um 1800,
als mundartlich lebendig gebucht ist. md. und obd. maa. kennen es nicht, '
war gewisz nie schwäbisch' Fischer
nachtr. 1767 (
falsche herleitung von trauen,
subst., ebda 2, 329).
während auch auf md. gebiet sich die zweisilbige form lange hält (truwen),
treten auf obd. boden in der übergangszeit vom mhd. zum nhd. einsilbige formen auf, die schlieszlich zu dem später allein gültigen traun
geführt haben: triun
zs. f. d. altt. 10, 271 (
hs. von 1347); trün Neidhart
Eunuch (1486)
und Straszburger Terenz (1499); treun Megenberg 197, 2, 3; 210, 35
Pfeiffer; trewn
it.-deutsch. sprachbuch (1424)
bei Brenner-Hartmann
Bayerns maa. 2, 434
ff.; beleg von 1482 (
Nürnberg)
bei Diefenbach
gl. 479
b;
neben einer zweisilbigen, meist diphthongierten form (trauwen 6195, 7224, 8756; trawen 260, 430; truwen 2313)
hat H. Wittenwiler
häufig trun (159, 385, 1874, 2011
u. ö.).
die kurzform mit au
steht zuerst bei H. Vintler: traun 8071
Zingerle (: davon),
s. unten 2 a.
die erklärung der au-
formen ist schwierig. es geht nicht an, mit Kluge
7463
und Weigand-Hirt 2, 1065 traun
aus ostmd. einflusz zu erklären, die alten obd. belege sprechen dagegen. wir haben mit einer starken obd., speciell bair. neigung, iu
vor w
in û
zu wandeln, zu rechnen, vgl. die einl. bemerkungen zu treue, f., und Weinhold
bair. gramm. 102.
im falle traun
mag die sonderbedeutung des wortes zur lautlichen sonderbehandlung gegenüber dem grundwort treue
geführt haben. gerade bei traun
kann auch an volksetymologische einwirkung von trauen,
vb., gedacht werden (
V. Moser
frühnhd. gramm. 1, 1, 213):
gleich dem vb. (
vgl. oben sp. 1327)
macht traun
vom mhd. zum nhd. eine starke abschwächung seiner bedeutung durch. im 16.
jh. stehen traun
und trauen
gleichwertig nebeneinander, reste der ü-, eu-
form kommen in der einsilbigen gestalt gar nicht, in der zweisilbigen spärlich vor: trüwen
Eulenspiegel (
Straszburg 1515),
s. unten 1; J. Schlusser
peur. kr. (
Basel 1573) 74. Luther
hat nebeneinander trawen
und trawn (
über traw nein
s. oben), H. Sachs trawen 21, 67
K.-G., traun 21, 28, drauen 9, 494
und ein singuläres trawa 1, 171 (
zur erklärung vgl. Schmeller-Fr. 1, 635).
formen mit dr-
sind sonst selten: A. v. Eyb 2, 152
Herrm.; stets bei E. Alberus;
engl. com. u. trag. (1624) S s 7
b; J. P. de Memel (1656) 303.
noch im 17.
jh. steht neben gewöhnlichem traun
in vers und prosa auch trauen (1666 Buchholtz
Hercules, s. unten 5; 1675 Treuer
Dädalus, s. 4).
im 18.
jh. gibt es nur noch traun.
bedeutung und gebrauch. Notkers triuwo
atqui concurriert mit ze wâre
atqui 1, 354, 4; 357, 20
P. (ze triuwon
atqui s. unten 7).
in mhd. zeit ist triuwen, entriuwen
als beteuerungswort in der ursprünglichen bedeutung voll lebendig. in der rhetorisch bewegten, vielfach dialogischen literatur der reformationszeit ist es besonders beliebt: haec vocula draun
habet quandam in se emphasim et energiam, qua libenter d. M. Luther
utitur ... nec scio an habeamus latinam vocem, quae huius significationem assequatur E. Alberus (1540) Q q 1
b.
je länger je mehr erleidet traun,
besonders in der stellung im satzinnern, eine einschränkung seiner bedeutung, hin zu einem vagen '
gewisz, doch wohl, wahrscheinlich, wie zu vermuten'.
in der übersetzungsliteratur steht traun
für lateinische interjectionen wie sane, nempe, scilicet, quin (
für diese vier bei Neithard
Eunuch 1486),
pol, omnino, sane, vero (
für diese bei E. Alberus 1540);
quidem wol
vel treun
beleg von 1482
bei Diefenbach
gloss. 479
b.
M. Kramer
gibt 1702
noch eine ganze reihe lebendig klingender wendungen mit traun.
aber im 18.
jh. verschwindet das wort allmählich aus der gewöhnlichen prosa. Adelung
bezeichnet es mehrfach als veraltet. in der poesie ist traun
jedoch immer geblieben. die das volkstümliche wie das altertümliche suchende dichtung der 1770
er jahre gebraucht es dann wieder häufiger, und so erscheint traun
geradezu als '
ein in der dichtersprache gebräuchliches wort' Voigt
hwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 510.
im 19.
jh. ist es oft nur ein leeres flickwort der epigonenpoesie oder von stark ironischem klange; wo es in prosa erscheint (Voss, J. Grimm,
s. unten 3)
klingt es bewuszt altfränkisch. —
über concurrierende bildungen mit andern präpositionen s. unten 7. 11) traun
steht in der älteren sprache im dialog, besonders an der spitze des satzes, um die besondere aufmerksamkeit des hörers zu erregen. am redeanfang: von ir selber nature chraft was Sara unberhaft. 'intriwen', redete si zuo ir man, 'nu mir got nine gan daz ich kint geberen schul'
Milst. gen. 35, 25,
Diemer; triun, ir habent ez wol geschaft: nu hânt ir ouch den verklaft, der mir ê sêr ze herzen lag der von Beringen
in zs. f. dt. alt. 10, 271; beschawet den gaul wol und eben an seinen zänen in dem maul, sprach: 'drauen, es ist alt der gaul' H. Sachs 9, 494
K.; so auch in rhetorisch bewegter darlegung: sy klagen, sy haben hindernuss: so sy beeten söllen, so schlaffen sy. trawen, kinder, das ist nit ain wunder Tauler
sermones (1508) 138
v b; wozu dienet nu dieser wort pracht? dazu, das der tolle pöffel solle maul und nasen auff sperren und sagen: trawen, ich meyne ja, das sey ettwas, das ist eyn man, der kans Luther 18, 140
W.; so sprichstu: 'hastu doch selbs geleret, man solle allein gott und nicht menschen gleuben'. trawen, mit der weise soltestu mich wol mit meinem eigen schwerd schlahen 26, 150
W. traun
fordert den angeredeten zur antwort auf: trawa, der sach mich basz bericht! H. Sachs 1, 171
K.; traun, mein Esaw, sag du mir an, hat iemand dir ein leid gethan? 21, 28
G. es steht infolgedessen geradezu bei der frage: 'triuuo du weist toh, wannan alliu ding châmen?' (
atqui scis ...) 'taz weiz ih' (
novi inquam) Notker 1, 47
Piper; entriuwen vürhtent si dich? ich pflige ir, und si vürhtent mich als ir meister und ir herren
Iwein 493;
besonders aber beim beginn der antwort: wanest tu darana wesen deheina rihti after redo? triuuo, chad ich, taz nechame niomer in minen sin, taz so guissiu ding faren after wanchelînero unrihti Notker 1, 45
Piper; und sprach: 'liebi frowe min, was mag die aventür gesin hie in des hages kraisz?' si sprach: 'trü, ich enwaisz'
liedersaal 1, 200, 50
Laszberg; des antwurt sei: 'trun, ich enwaiss!' H. Wittenwiler
ring 2011
Wieszner; (
Sibilla:) nu sag, wie lang wert din gewalt? (
Endcrist:) traun, des wirt nimmer ende nit
fastnachtssp. 147, 17
K.; andrawen, sprechen sy (
die angeschuldigten), man mag es mich doch nit bezeugen (
durch zeugen überführen) Keisersberg
has im pfeffer (1510) C c 4
c; der meister sprach zu im: 'trüwen stundest uff dem dach, so werst noch höher' (1515)
Eulenspiegel 81
ndr.; 'ihr habt euch nicht recht bemühet.' 'traun, meine jungfer, ich hette es nicht fleisziger bestellen können' Schoch
studentenleben (1657) c 5
a.
in diesem zusammenhang kann traun
geradezu für ja
stehen: 'tu weist wola, chad ih to, mir nio neheina werltkireda analigen.' 'triuuo, chad si, wola weiz ih Notker 1, 109
Piper; 'sein seu nicht als wol sam wir Adams kinder? daz sag mir!' 'trauwen', sprach do Rifflan, 'ez ist wol war, daz iederman chomen ist von Adams leib' H. Wittenwiler
ring 7222
Wieszner; trewn, du hast ez deraten (
erraten)
it.-deutsch. sprachbuch (1424)
bei Brenner-Hartmann
Bayerns maa. 2, 435;
ähnlich noch ganz spät: 'so musz ich ja wohl gar schlecht handeln, dasz von mir der schlechte nicht schlecht denke?' 'traun! wenn du schlecht handeln nennst, ein jedes ding nach seiner art zu brauchen Lessing 3, 84
L.-M. (
Nathan 1771). 22)
bis ins 17.
jh. steht traun
am beginn der antwort in fester verbindung mit ja
und nein. 2@aa)
mit ja: 'und welt ir michs geniezen lân, so zeige ich iu denselben man' diu frouwe sprach: 'entriuwen ja.' do gap si im mit freuden da drizzech huobe ze eigen
Wigalois 5745
Ben. 'nu sag mir, zarter wirt mein, möcht ich nicht ewer gevert sein, das ich auch chund sagen davon?' der wirt der sprach: 'ja traun, ob ir sein euch hiet bedacht, ir möcht halt varen heint nacht H. Vintler
pluem. d. tug. 8071
Zingerle; 'hastu chain wag im haus?' 'trewn io ich.' 'prings her!'
it.-deutsch. sprachbuch (1424)
bei Brenner-Hartmann
Bayerns maa. 2, 438; 'chumpt ir yeczunt von deuczen (
deutschen) landen?' 'trewn jo; warumb wildus wissen?' 2, 433; 'wie, sprach Ferondo, pin ich dann tode und nit mer in leben?' 'ia traun, du pist tode', sprache der münch Arigo
dec. 221
Keller; 'mag ich mich daran lassen, das dir mein fraw die allerliebst ist ...' 'ja entrauwen, du magst gewislich dich daran lassen'
Tristrant (1498) 136
Pfaff; denn wenn man jhn solt gefragt haben: lieber vater, warumb issestu doch soviel jar lang eitel wurtzeln und kraut jm walde ...? meinestu auch, das dir gott sol darumb das ewige leben ... geben? so kunde ers nicht leugnen und must sagen: ja traun, ich hoffe jhe, er werde es nicht lassen umbsonst gethan sein Luther 28, 106
W.; 'odder solt ein hausvater jm seim haus sein gesind nicht leren ...?' antwort: 'trawn ja, das ist auch wolgethan' 32, 303
W. 'was thut man dan mit den wercken, oder soll man dan keyne gute werck thun?' antw.: 'draun ia, nur viel guter werck söllen wir thun' E. Alberus
widder Jörg Witzeln mammelucken (1539) d 8
a; 'in dem so wöll wir schicken hin in alle flecken Israel das sie zu hilff uns kummen schnell.' 'traun ja wir wölln jm also thon' W. Schmeltzl
Samuel u. Saul (1551) 33
Wien. ndr.; da antwortet jhme herr Murner: 'ja drawen bey meinem katzenbart'
eselkönig 379; ja traun, Jäckel gefelt mir so wohl Schoch
stud. leb. (1657) m 6
b;
späterhin nur noch archaisierend: 'was gab er dann, o braut! als einen mahlschatz dir?' 'ein goldnes ringelein, darin strahlt ein saphir!' 'sag ist das ringlein auch pur lauter reines gold?' 'ja traun, drum bin ich ihm von ganzem herzen hold!' Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 2, 572. 2@bb)
mit nein: 'dune hâst niht wâr, Hartman.' 'vrouwe, ich hâ
n.' 'entriuwen nein!'
Iwein 2982
Bech; do sprach sei: 'waist du, warumb ich chümen pin zuo dir? vergich!' 'nain du, truwen!' sait ich do H. Wittenwiler
ring 2311
Wieszner; 'ist ez tewr in deuczen landen?' 'nain ez, trewn'
it.-deutsch. sprachbuch (1424)
bei Brenner-Hartmann
Bayerns maa. 2, 434; 'wie düncket dich, hab ich dir gehaltenn als ich dir versprache?' 'traun neyn ir 'sprach Cyma Arigo
dec. 193
Keller; aber Gymel gieng vor zu der frawen und sprach in grossem unwillen: 'wie meint ir disz ding? ist euch lieb, das ich mein eer also verlieren solt?' 'entraw nein' sprach die künigin
Tristrant (1498) 145
Pfaff; sagen sie nitt fast allesampt also: ey wenn mein orden mir nit solt mehr gelten sund zu büssen ..., denn eynem paurn sein pflug und einem schneider sein fingerhut, was mach ich denn in dem orden und priesterstand? trawenn nein, ich will gutte werck thun, viel mess halten Luther 10, 1, 1, 686
W.; rede ich aber dieses ..., das man eben alles muste fur almosen hinweg geben? nein, trawen! C. Spangenberg
jagdteufel (1560) h 4
a; da kompt Clawert ins haus gegangen, rufft sein weib und spricht: 'Margareta, du wirst unsern hünern viel brodt zu essen geben.' 'traun nein, sagt die alte, ich gebe jhnen kein brodt' B. Krüger
Hans Clawert 31
ndr.; fiengen sie (
die apostel, als sie gestäupt wurden) zeter und mordio, ach und wehe drüber an zu schreyen? nein traun, sondern der text saget Chr. Mülman
christl. geissel (1618) 13; nein traun, dieses hab ich nicht gethan Dannhawer
catechismusmilch (1657) 6, 496; nein traun, das ist nicht gottes sinn, sein zorn, der hat ein ende P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 395. (
in den modernen ausgaben mit falscher interpunction nein, traun,
die alten drucke haben richtig nein traun). 33)
die stellung an der spitze des satzes wird im laufe der zeit immer seltener, aber bis ins 19.
jh. kann traun
in dieser stellung infolge der damit verbundenen emphase den ursprünglichen positiven sinngehalt bewahren: traun! ich schertze nicht
io non burlo certo, sicuro! M. Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1118
a; traun! er kam mir so hölzern vor, dasz ich ihn im bücken von mir stiesz Gerstenberg
Ugolino 220
Hamel; traun, dann solls anders gehen als es bisher gegangen ist Bürger 320
Bohtz (
Dan. Wunderlich); traun! die macht des bösen sinkt nun fort und fort Platen 1, 60
Hempel; traun! wollte gott in wundern sprechen, er würde wenden euer herz, er würde von der brust euch brechen den siebenfachen wall von erz Lenau 556
Barthel; doch meldet sich auch in dieser stellung mindestens seit der mitte des 18.
jh. das für diese zeit (
vgl. 5)
bei traun
gewöhnliche moment bloszer vermutung oder abwägender skepsis: traun! ich werde wohl 50 dukaten ... missen Th. Abbt
verm. werke 3 (1782) 133; traun, da müssen herz und kopf sich lange zanken, ob menschenhasz, ob schwermut siegen soll Lessing 3, 9
L.-M. (
Nathan 132); wieviel steht da vor euch es auszubilden! traun! ihr finget kaum zu lernen an Herder 23, 251
Suphan; zu reiner ironie gesteigert: traun! ich möchte dich gestrengen herrn wohl schaun! Göthe 15, 67
W. (
Faust 6169); 'diese schmerzliche sehnsucht — ich möchte nicht leben, wenn ich sie nie gefühlt hätte!' — 'traun! sie hat euch herrliche früchte getragen!' Iffland
theatral. w. (1827) 10, 334;
sonst in der prosa des 19.
jh. bewuszt altertümlich: traun, ersprieszlicher als im frei denkenden Griechenland, blühete die ägyptische kastenmenschheit J. H. Voss
antisymbol. (1824) 1, 110; traun geheimnisvoll und wunderbar ist der sprache ursprung! J. Grimm
kl. schr. 1, 296. 44)
auch im satzinnern hat traun
in alter zeit uneingeschränkt positiven bedeutungsgehalt; etwa vom 16.
jh. an concurrieren damit abgeschwächte bedeutungen (
vgl. 5),
die im 17.
und 18.
jh. in dieser stellung die regel bilden. —
das mhd. hat noch den alten vollen klang: da ist doch mîn schulde entriuwen niht so grôz als rehte unsælic ich ze lône bin. ich stân aller vroiden rehte hendeblôz Reinmar
in minnesangs frühling 171, 18; das sind warlich nicht unnütze und vergebliche historien und geschicht, die leute damit forchtsam zu machen, sie sind traun schrecklich und gar kein kinderwerk wie die klügling meinen Luther
tischred. 5, 486
W.; ähnlich im sinne von '
ganz und gar': darum lief sie Christo nach und wollte sich trauen nicht lassen abweisen 6, 10; solche greuplein oder stüfflein, da rotgülden ertz ansteht, sind trawen auszuhalten Mathesius
Sarepta (1571) 69
b;
die uneingeschränkte bed. besonders in der ursprünglichsten verwendung, bei beteuerungen: ich liebe dich trawen hefftig J. Barth
weiberspiegel (1565) c 4
a; lieber herr, ich hab es trawen nicht gethan, sondern das kindlein Kirchhof
wendunm. (1565) 443
a; o Adlheit, er thut traun kein gut Eyering
proverb. cop. (1601) 1, 71 (
im erzählenden text);
mit leiser abschwächung: Adam trauen hätte seinen sohn, do er die alleredelsten ergetzlichkeiten des ganzen erdbodens in willküriger besitzung gehabt, nicht würden zu dem ackerbau gewehnen, were dieser sonder lebensanmuhtigkeit gewesen G. Treuer
deutscher Dädalus (1675) 1, 35;
uneingeschränkt '
ganz und gar': gesetzt nun dasz jemand
unter den papisten sich seiner tauffe getröstet ..., an dessen seligkeit ist traun nicht zu zweiffeln Chr. Weise
väterl. testament (1684) 115; es ist traun! wahr
egli è vero verissimo M. Kramer
teutsch-it. 2 (1702) 1118; am hasse, gegen die laster und boszheit der menschen, fehlt es mir traun nicht C. Abel
Boileau (1729)
vorr. 5
a; Deutschland wäre traun! verlohren, wäre nicht dort jener held v. Schönaich
Heinr. d. vogler (1757) 51;
etwas schwächer: aber ein schlechtes stück ist es (
Lenore) doch traun! auch nicht Bürger 465
a Bohtz (
an Boie); dein guten muth den mag ich nicht, hat traun von treuer liebe nicht v. Erlach
volkslieder 2, 111;
archaisierend: weit her, traun, kamst du des wegs R. Wagner
ges. schr. (1897) 6, 6;
besonders beliebt bei Voss
in der Homerübersetzung, zur wiedergabe der mannigfachen griechischen partikeln: so gar schlecht bin ich, traun!, in keinem kampfe der männer
Odyssee 8, 214; heillos traun wird solches zuletzt noch
Ilias 1, 573;
von hier aus bekommt das wort für modernes empfinden etwas schulmeisterliches: er hielt seine ansprachen ... in latinisierenden perioden und durchwirkt mit 'traun fürwahr', 'denn also' und ähnlichen häufungen alberner kleiner flickworte, gewohnheiten seiner Homerstunde in prima H. Mann
professor Unrat (1905) 10. 55)
allmählich wird der uneingeschränkt positive sinngehalt von traun
ähnlich dem des sinnverwandten gewisz
abgeschwächt in der richtung auf ein bloszes '
vermutlich, doch wohl'.
im anfang des 16.
jh. etwa zeigen sich die ersten ansätze hierzu, die fälle gehören aber im wesentlichen noch zu 4: die Arianer ..., die wolten trawn auch nicht widder die schrifft fechten, sondern eben dieselbige für sich fureten und der Christen meinung deuteten als widder die schrift, als die die gottheit teileten und mehr denn einen gott macheten Luther 34, 2, 383
W.; sie wollen trawn auch den namen haben, ja wol mehr denn die rechten heiligen, das sie hunger und dürste nach der gerechtigkeit 32, 322
W. traun
bekommt so einen ironischen beigeschmack. es steht gern in ironischen sätzen, die ihrerseits dem wort die farbe seiner umgebung leihen. schon spätmhd. etwa in solchem zusammenhang: doch gedacht er in dem sin: 'ob ich joch nu gar trunken pin, so sein seu, trauwen, auch nicht lär H. Wittenwiler
ring 6195
W.; ganz ausgeprägt: ich weisz trawen nicht, ob sein leib an mehr örtern dann an einem gefunden werde Eysenberg
heilig brotkorb (1584) 53; so ist die faule metze das mal traun nicht faul gewesen, sondern hat weidlich durch die lufft gegrummet H. Bünting
Lüneburg. chron. (1585) 69
a; berührend nehmlich von der martinsganz wunderbarlichen geburt, so ist dieselbe traun nicht so schlechtlich und verächtlich, sondern vielen andern geburten weit fürzuziehen J. Olorinus
Martinsgansz (1609) 9; lieber bruder, kennestu noch keine wölffe? es sind trauen keine hunde A. H. Buchholtz
Herkules (1666) 1, 411; und wo ja ein unredlicher überfall eine tapfferkeit zu nennen ist, so ist traun Chammigrem der tapfferste in gantz Asien Ziegler
asiat. Banise (1689) 283; woher hastu, o held, den ursprung doch genommen? du bist der mutter, traun, nicht aus der nasen kommen wie ein gemeiner rotz Rachel
satyr. ged. 60
ndr.; haben künftig viel von ihm zu hoffen, wenn er so fortfährt; wird traun bei bier und tobak unterm pro und contra fideler lieber gesellen der höll ein neu gesetzbuch schmieden maler Müller (1811) 2, 11; ich stund ungefähr dieser tagen hinten am hollunderzaun; da kam mein pfaff und mädelein traun Göthe 16, 62
W. (
pater Brey);
mit weltmännischer ironie: schelm, der du bist, mit deinen visionen! wer weisz, von welcher schäferstunde, traun, mit fleisch und bein hier wachend zugebracht, dir noch der handschuh in den händen klebt H. v. Kleist 3, 32
E. Schmidt (
Homburg I 4); die dam' hat wackre diener, traun! doch liebt sie sondre livrei, wie regenbogen anzuschaun mit farben mancherlei Uhland
ged. (1898) 1, 261; ach! ihr güldenen dukaten schwimmt nicht in des baches well' ... meine Manichäer, traun! halten euch in ihren klau'n Heine 1, 53
Elster. 66)
eine mittelstellung zwischen 4
und 5
nehmen die fälle ein, in denen traun
mit gelassener skepsis die distanzierung des autors von der welt und ihren erscheinungen ausdrückt: führt doch durch des lebens thor, traun, so manche gleise Göthe 4, 281
W.; traun! das leben ist zu kurz hier im erdenthale C. A. Overbeck
verm. ged. (1794) 72; denn traun! ein räthsel ist des menschen herz! Hölderlin 1, 133
Litzm.; hast du aber deinen zaun um dein gut gezogen, leb ich frei und lebe traun keineswegs betrogen Göthe 6, 100
W.; ich würde, kämen ganze gruppen von mädchen, traun, nicht aus der laube gehn, die puppen nur anzuschaun Hölty
ged. (1869) 134
Halm; hierher auch: die reverenz zu machen einem hut, es ist doch traun! ein närrischer befehl! Schiller 14, 350 (
Tell). 77)
neben der form mit dem schnell abgegriffenen eu < iu
resp. dem bloszen dativ stehen seit alters verbindungen mit andern präpositionen, wenn die grundbedeutung stärker anklingen soll: ze triuwon iro unwirde skinent testo minnera.
atqui minus patebit eorum indignitas Notker 1, 146
P. in mhd. zeit vor allem mit bî,
in directer rede gern mit dem possessivpronomen der ersten person: ich wilz bi mînen triuwen sagen Walther 83, 4;
anderes s. unter treue. bî triuwen
bleibt für das gefühl der sprechenden lange die stärkere form von traun: ja trün, das ist: by trüen red ichs Neidhart
Eunuch (1486) 23
lit. ver.; vereinzelt noch im 17.
jh.: ich bin kein rechter löw bey traun Gryphius
lustsp. 42
lit. ver.; aus der verbindung mit bei
und dem possessivpronomen erwächst später die wendung (bei) meiner
treu, mein treu,
s. unter treue.
mit stärkerer entstellung: sich mein traun, ist uns doch der abend übern hals kommen, ehe wirs gedacht hetten Schoch
stud. leb. (1657) h 6
a;
in eine andre formel eingesprengt: aber das ding hat, mein schelm traun soll mich, was zu bedeuten Chr. Weise
d. grün. jug. überfl. gedank. 215
ndr.; gelegentlich kann späterhin der imperativ von trauen,
vb., die function von traun
übernehmen: dies herz, o freund, einmal von dir gerühret, bleibt ewig, trau! von dir gerührt Lessing 1, 139
L.-M.