süsze,
f. ,
dulcedo, suavitas. ahd. suozi,
neben vereinzeltem suuozzitha (8.
jh.)
ahd. gl. 1, 258, 37
St.-S. (
mhd. süezede,
vgl.suzede
passional 342, 19
Hahn)
und suuazzitha (= swazzida)
ebda 215, 4, suaznissi Otfrid I 25, 29 (
s. u. 5 a), III 14, 112;
mhd. süeze (
md. suze),
mnd. sote.
inlautend mit einfachem -s-: sose (
v. j. 1398
in: cod. dipl. Lusatiae sup. 3, 281), die süse Hans Sachs 1, 38
K. —
mundartlich z. b. süeszi
schweiz. id. 7, 1411; süesze Schmeller-Fr.
bair. 2, 333;
schwäb. neben süsze
auch süszne Fischer 5, 1971; süsze Albrecht
Leipzig. 220
b;
nd. söte, st Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 259.
seit dem 8.
jh. (
s. u. 2 a)
bezeugt und im ahd. breit entfaltet, wird das wort durch das im mhd. aufkommende süszigkeit (
s. d.)
in steigendem masze verdrängt, tritt besonders im 17.
und 18.
jh. ganz zurück (
bei Stieler [1691] 2243
nur mit verweis auf süszigkeit,
bei Adelung
als veraltet gebucht),
gewinnt aber im 19.
jh., besonders jedoch in moderner dichtung, wieder an boden (
s. u. 2 b; 4). 11)
im bereich des geschmacks. 1@aa)
als eigenschaftsbezeichnung. im sinne von '
wohlgeschmack'
; geradezu '
erquickung' (
s.süsz I A 1): gab in thaz (
den rest des brotes) zi suazi,thaz iagilih thes azi Otfrid V 11, 44,
vgl. IV 9, 20;
bildlich: dô durste sînen (
des heiligen) gedanc ûf des lebenden brunnen tranc, des süeze niemer mê zergât Rudolf v. Ems
Barlaam 376, 9; nach dem ir die süsze des himelischen brots ... versuocht und empfunden haben Zwingli
v. freiheit d. sp. 3
ndr. später mehr in der engeren, spezifischen bedeutung (
s.süsz I A 2): dar umb mischt man ez (
den honig) zuo vil erznei, wan ez tregt mit seiner süezen die vergift in die tiefen der gelider Konrad v. Megenberg 293, 19
Pf.; die süsze des honigs, des zuckers Kramer 2 (1702) 1042
b; der feigenbaum hat seine feigen mit süsze gewürzt Herder 8, 498
S. im kontrast: die Thonaw fleuszt aber mit solchem gewalt in das meer, das mehr dann vierzig tausent schritt es
noch nit wie das meer bitter wirt, und sein ssze sich nit mit dem meer mischende behelt Seb. Franck
chron. Germaniae (1538) 293; damit es (
das cotelette) einen fein piquanten geschmack bekomme: denn die süsze und die säure streiten hier gleichsam um den rang Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 380. 1@bb)
konkretisiert für ein süszes getränk, den honig u. ä.: disiu wort sint des der suozze gitrunchen hat unde gichoretera dera suozi mera trinchen wile Notker 3, 278, 27
P.; nectar suzzi (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 402, 51
St.-S., vgl. 2, 429, 33; sOelch gifft bestreich ich mit der sss, biss das ich damit fach dein fss Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 123; wie krystall so hell entflieszet all den zellen (
der wabe) reine süsze G. Keller (1889) 10, 168. 22)
auf anderen gebieten körperlicher empfindung. 2@aa)
als geruchsbezeichnung vorwiegend in älterem gebrauch, oft —
im gegensatz zum grundwort (
s.süsz I B) —
prägnant: in swen chom der bluomen smach vor suozze er deheines ezzens phlach
genesis 9, 5
Diemer; dem pantier strîchent nâch dur sîne süeze al tier Frauenlob 445, 6; der duft von den weiszen blüthenzapfen des traubenkirschenstrauches erfüllte weithin die luft mit seiner berauschenden süsze Rosegger
schr. I 1, 27;
verdinglicht: timiamati (
tiamati) suuozzi, suozi (8.
jh.)
ahd. gl. 1, 258, 35
St.-S. 2@bb)
im akustischen bereich: diu suozi des sanges Notker 1, 126, 5
P.; dero niumon suozi
ebda 808, 22; in ssze der harpfen Zwingli
dtsche schr. 1, 66; diese männer diesseits der Alpen ... können sich doch nimmer zur süsze einer gehobenen modulation erschwingen Scheffel 1, 154
Proelsz. in jüngstem dichterischem gebrauch stärker auflebend: nach den ersten worten verwandelte sich der ton ihrer fraulichen stimme in die schwingende hohe süsze kindlicher sprechweise H. Stehr
heiligenhof (1926) 2, 85; gibt es noch ein geigensolo wie das des 'dritten lehrers' mit den schwarzen locken? ein biszchen falsch vielleicht, aber voll unbeschreiblicher süsze? E. Wiechert
wälder u. menschen (1936) 65. 2@cc)
von dem, was allgemein körperlich angenehm ist: so daz iar die suzze hat noch zu heiz noch zu kalt Herbort v. Fritzlar
liet v. Troye 1236;
besonders erotisch, mehr oder weniger mit anspielung auf die geschmackssphäre: ihr hohen lippen ihr, die ihr so hoch geschwollen von feuchter süsze seid P. Fleming
dtsche ged. 496
Lappenberg; ... dasz ich mich zwingen muszte, Judith nicht zu küssen und die süsze von ihrem munde noch dazu (
zu den äpfeln) zu nehmen G. Keller (1889) 2, 42; ein weib hat keine (
seele). die ganze süsze herausgepreszt einen wilden, seligen augenblick lang — und weggeworfen O. Ludwig 3, 497
Schm.-St. 33)
als '
annehmlichkeit'
in geistig-seelischer bedeutung. 3@aa)
im umkreis äuszerer erfahrung. annehmlichkeit der lebensform: wir fuarun ... fon himelriches suaziin jamarlichaz wizi Otfrid V 23, 101;
in älterer sprache als fester begriff süsze der welt,
in negativem wie positivem sinne: daz diu üppige krône werltlîcher süeze vellet under füeze Hartmann v. Aue
arm. Heinr. 87
W.; vgl. 108; wan der grâl was der sælden fruht, der werlde süeze ein sölh genuht, er wac vil nâch gelîche als man saget von himelrîche
Wolfram Parz. 238, 22;
vgl. noch: würd ich älter, möchte leicht der weltlust süsze mich verstricken Chamisso (1836) 6, 250.
in jüngerem gebrauch, ohne negativen ton: des lebens süsz hat sie bishero nicht genossen Chr. Warnecke
poet. versuch (1704) 396.
absolut soviel wie '
freude, wonne': niuzit thar ... ewiniga suazi Otfrid V 23, 215; daz er iemer alsô solte leben und in der lebenden süeze sweben Gottfried
Tristan 308; ein kleine ssz und groszes leid Murner
geuchmat 13, 203
Fuchs; es bedenke ein aufgewecktes herz, was dieses vor eine süsze (
vergnügen) bringe, wenn ich (
durch die zeitung) in meiner stube verständiget werden kan, was dieser und jener könig geredet ... hat C. Stieler
zeitungslust (1697) 32. 3@bb)
im gefühlsbereich, von innerer erfahrung. erotisch: ich sag von süezer minne und bevant ir süeze nie
Reinfrid v. Braunschweig 12815; gott segnet keuscher ehe zucht mit wahrer liebe süsze grafen zu Stolberg
ges. w. (1820) 2, 8.
allgemeiner: seelen empfinden allein die süsze dem göttlichen zu dienen, sein eigenthum und seiner sorgen einziger zweck zu seyn Denis
lieder Sineds (1772) 150; vorbei die heimkehr mit der schweren süsze, die zu jener zeit die wunden soldaten so lindernd umflosz
Liller kriegszeit. vierte auslese (1916) 241.
im rahmen eines gefühlsgegensatzes: wollüstig saugend an des grauens süsze A. v. Droste-Hülshoff 1, 96 (1878).
gelegentlich wie süszigkeit 3 c
α,
vom zustand religiöser erhebung: dardurch du entzogen würst in ain unaussprechenliche ssz deinr andacht Geiler v. Keisersberg
granatapfel (1510) h 2
a;
vgl. ders. irrig schaf (1514) 9
d. 44) '
anmut, zierlichkeit, lieblichkeit'.
von körperlicher schönheit nur in älterer sprache: natûre het sie (
eine häszliche frau) beroubet und aller süeze betoubet Heinrich v.
d. Türlin
krone 9425,
vgl. Wolfram
Willehalm 167, 27.
allgemeiner im sinne eines vollkommenheitsbegriffs: wie rehte schœne was diu stat, niemen wirt ir süeze sat
Laubacher Barlaam 12885,
vgl. Rudolf v. Ems
Alex. 21060.
als eigentlich ästhetischer begriff, in jüngster dichtung häufiger: ich lob aber ... die ssze sins redens Tschudi
chron. Helvet. (1734) 2, 62; drängen sich unter deiner kanzel nicht hörer, die von weither kamen, um der kraft und süsze deiner rede teilhaftig zu werden Ina Seidel
Lennacker (1938) 364; temperament, sinn, geist, humor, flusz, süsze, kraft ... müssen ihm (
Haydn) durchaus zugestanden werden Göthe I 41, 2, 384
W.; was mochte der meister (
Beethoven) zu Heiligenstadt gelitten haben, dasz er plötzlich ... eine musik von solch triumphierender süsze formen konnte? H. Steguweit
d. stelldichein d. schelme (1937) 47; ahnung gesellt mich zu euch, kinder des inselgebiets, die ihr in anmut die tat, bilder in hoheit ersannt, Spartas gebändigten mut Joniens süsze vermählt Stefan George
d. neue reich 15. 55)
als religiös-moralischer begriff, wie süszigkeit 5,
aber seit dessen aufkommen mehr und mehr zurücktretend. 5@aa)
in geistlichem sprachgebrauch. ahd. in der abstrakten bedeutung '
milde, güte': unerrahhotlihhera minna dera suazi (
inenarrabili dilectionis dulcedine)
Benedictinerregel 9; demo durftigemo habest du gegarewet in dinero suozzi (
parasti in tua suavitate egenti) Notker 2, 255, 16
P.; diu suoze dinero gratiae ist bezzera danne diu scarfe dero legis Williram 2, 2
Seem. vgl. ebenso ahd. suaznissi: so ist ther heilego geist;thiu sconi ist al in imo meist, suaznissi inti guatiioh mammunti gimuati Otfrid I 25, 29;
im anschlusz an süsz II C 1 c: kristengelouben sul wir nû kiesen, wie sîn süeze uns helfe hinne (
im tode) Ulrich v.
d. Türlin
Willehalm 149, 27.
mehr substantiell (
s. süszigkeit 5 a
α)
und bildhaft: wanda du (
gott) furefienge in (
den könig) an demo segene dero suozi (
in benedictionibus dulcedinis). du getranchtost in mit dinero gotheite, pe diu nemahta er trinchen die bitteri dero sundon Notker 2, 63, 21
P.; der sin (
Christi) anblich det in (
den begnadigten) so wol, der gotelichin suze wurdin si so vol
Linzer entecrist in: Hoffmann v. Fallersleben
fundgruben 2, 132; bitte gott, dasz er dir von seiner süsze etwas ins herz tröpfle H. Müller
geistl. erquickstunden (1667) 31. 5@bb) '
freundlichkeit',
meist in der peiorativen bedeutung '
schmeichelei': die sûzze der worte er (
Herodes) bot und ahtet den bittern tot priester Wernher
Maria D 4599
Wesle; vgl. süassi '
wohldienerei, gleisznerei' Bühler
Davos 1, 152.
mit dem beisinn des künstlichen, übertriebenen: aber er faszte sich und fügte mit ungewöhnlicher süsze hinzu: 'die herren in Zürich werden in ihrer weisheit des rechte schon treffen' C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch (1901) 86.
selten ohne nebenton, etwa '
eintracht, friede': das si hulfen, ob ir zweitracht in ein sose mochte komen (1398)
cod. dipl. Lusatiae sup. 3, 281.