substanz,
f. ,
geht auf lat. substantia
zurück, das eine übersetzung von gr. ὑποκείμενον,
ὑπόστασις,
οὐσία ist, s. Eisler
hwb. d. philos. (1922) 640;
vgl.: homousios einer substantz Dasypodius (1536) 434
c.
für den in der theologie des mittelalters geläufigen philosophischen begriff finden sich an verdeutschungen seit dem ahd. wesan, wesen,
vgl. Seiler lehnw. 2, 6 (
s. auch unten synonymen gebrauch neben substanz),
bei Frauenlob understende
minneleich 15, 5;
Marienleich 16, 2,
vgl.unterstand I 9,
teil 11, 3, 1822,
bei Eckehart understôz, underschôz,
s. zs. f. d. ph. 16, 35,
seit dem mhd. selpwesen, selb(st)wesen
bis zu Leibniz,
s. teil 10, 1, 503,
seit dem 16.
jh. bis zu Leibniz
auch selb(st)stand,
s. teil 10, 1, 492.
das lat. wort begegnet als eingedeutscht seit dem ausgang des 13.
jh. in verschiedenen formen: substantie Frauenlob (
s. u.);
im plural der gemischten declination substantien Chil. König
process (1541) 63
b; Th. Philaleta
theosoph. wundersaal (1709) 29; substancie Herm. von Fritzlar
bei Pfeiffer
myst. 1, 181; Seuse (
s. u.); Tauler
pred. 21
Vetter; substanci Seuse (
s. u.); substancze H. Folz
meisterl. 25
Mayer; substancz (1466)
bei Diefenbach
nov. 353
a; substanz (15.
jh.)
fastnachtsp. 1, 23
K. mhd. begegnet neben vorherrschend starker flexion gelegentlich schwache: von der substancjen (
hs. des 15.
jh.)
in Wackernagel
altdt. pred. 208. 11)
im philosophischen sinne, der dem ursprunge des wortes und begriffes gemäsz auch im dt. am ältesten und am breitesten entwickelt ist, bedeutet substanz
das den wechselnden phänomenen '
unterliegende',
das als beharrlich, zugleich meist als träger der eigenschaften, als selbständig für sich seiendes gedacht wird, s. Eiser hwb. d. philos. (1922) 640. 1@aa)
im gefolge der aristotelischen auffassung wird substanz
gefaszt als ein einzelnes, einer bestimmten erscheinung als wesentlich zugrunde liegendes; die mittelalterliche vorstellungsart veranschaulicht der vergleich, den die person der ewigen weisheit dem menschen vorlegt: so ich mich, das ewig guot, als gtlich und als minneklich entgússe, so gtet sich alles daz, da ich hine kume, da bi man min gegenwúrtikeit mag erkennen als die sunnen bi ir glaste, die man doch an ir substanci nút sehen mag Seuse
dt. schr. 233
Bihlm.; zunächst, entsprechend der übernahme aus der scholastik, wird das wort vorwiegend in theologischen zusammenhängen gebraucht: dri forme an einer substantie gotheit hilt Frauenlob
spr. 235, 12
Ettm.; daz gOetlich wesen ... ist ein sOelichú vernúnftigú substancie, die das tödemlich oge nit gesehen mag in im selb, wan siht in aber wol in siner getat Seuse
dt. schr. 172
Bihlm.; gott ist ausz der substantz des vatters geboren vor der welt in ewikeit und ist mensch ausz der substantz der muotter in zeyt geboren
der ewigen wiszheit betbüchlin (
Basel 1518) 207
b; di sele ist substancie, das ist wesen, gnade ein aneval (=
accidens) des wesines
paradisus anime 69
Strauch; substantz der seel on element, di gott inn unser cörpel sent J. v. Schwarzenberg
teutsch Cicero (1535) 152;
vom wesen eines menschen: armuot, gehorsam und keyschait sein die substantz aines yeden volkomens ordensman Berthold von Chiemsee
tewtsche theolog. 365
Reithm.; daran will ich setzen minen lyb, leben und alles jhenig, so mir noch in all miner substanz bevor ist (1552)
bei Fischer
schwäb. 5, 1944;
s. auch unter substänzer;
das wort bezeichnet weiter wesen und umfang eines bestimmten begriffes: es seien im anfang zwo unterschiedene substantzen, wesen oder naturen gewest, eine gut, die ander böse C. Spangenberg
hist. d. Manicheer (1579) k 3
b; die substanz des sittlichen O. Ludwig
ges. schr. 5, 96;
abgezogener in der philosophie des 18.
jh.: daher Leibniz, indem er den substanzen der welt, nur wie sie der verstand allein denkt, eine gemeinschaft beilegte, eine gottheit zur vermittelung brauchte; ... wir können aber die möglichkeit der gemeinschaft der substanzen als erscheinungen uns gar wohl faszlich machen, wenn wir sie uns im raume, also in der äuszeren anschauung vorstellen Kant 3, 201
akad. 1@bb)
seit der popularisierung Spinozas versteht man unter substanz
zunächst das allgemeine substrat alles seienden: das urseyn, das allgegenwärtige unwandelbare wirkliche, welches selbst keine eigenschaft seyn kann, sondern an dem alles andre nur eigenschaft ist, die es hat, dieses einzige unendliche wesen aller wesen nennt Spinoza gott oder die substanz
F. H. Jacobi
üb. d. lehre des Spinoza (1785) 128
f.; A. Schopenhauer 1, 38
G.; D.
F. Strausz
schr. 6, 76;
in der materialistischen vorstellungsart ist substanz
zu einem allgemeinen substrat alles körperlichen geworden, s. Lange gesch. d. materialism. 87;
ohne beschränkung auf das körperliche wieder definiert Dilthey: substanz als das, was subject für alle prädicativischen bestimmungen, unterlage für alle zustände und thätigkeiten ist
einl. in d. geisteswiss. 1, 189. 22)
stoff, materie von einer eigentümlichen beschaffenheit, in populärem sprachgebrauch und in technisch-naturwissenschaftlichen zusammenhängen: substantz, matery
substanza, materia Hulsius (1618) 244
a; Mothes
baulex. 4, 289: der harn erschinet ... in dem wesen oder siner substanz vast betrbet (1472)
bei Fischer
schwäb. 5, 1944; wan man aber das golt mitt dem feüwer zerlath, ghat im von seiner substantz ... gar nichts ab Seb. Münster
cosmogr. (1550) 8; (
es waren) viele heuszer in der statt in steinfelsen mit aller substanz gehauwen Kirchhof
wendunmuth 2, 87
lit. ver.; die dritt gemein nessel ist inn der substantz vil kleiner Th. Bock
kreutterb. (1587) 1
b;
in den modernen naturwissenschaften namentlich von einfachen unorganischen körpern, z. b. eine flüssige substanz, eine feste, harte, compacte substanz,
vgl. Krünitz 177, 677: irdisch-salinische substanzen Göthe II 9, 134; die gewöhnlichen angaben über den schmelzpunkt sehr schwer schmelzbarer substanzen sind viel zu hoch A. Humboldt
kosmos 1, 48;
insbesondere von der speise: dann die substantz der speisz, ist sie dick oder schwer ..., so ist sie undäulich
M. Herr
schachtafeln d. gesundh. (1533) y 2
a; Adelung 4, 493;
auch der dichterische stoff: ihre (
einer dichtung) poetischen substanzen (
christliche und antike gestalten) heben einander auf Herder 3, 240
S. 33)
das wesen, der kern, gehalt einer sache. 3@aa)
wesentlicher inhalt eines buches, briefes, einer rede: darum hetten sie alle briefe herzog Moritzen widerum zugeschickt und erpoeten sich, die substanz uns anzuzeigen (1542)
polit. corresp. Moritz v. Sachsen 1, 291; des ewangeli text oder substantz Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 91
Reithm.; disz ware ungeverlich die substanz der ganzen rede, die er mit mir hett H. v.
d. Planitz
berichte (1521/23) 271
Wülcker-Virck; vgl. substanzlich. 3@bb)
mit dem element des faszbaren, zunächst im geistigen: (
Schleiermachers gedanken sind) meist nur modifizirungen, ... zurechtstellungen, wobei die substanz entweder fehlt oder anderweitig entlehnt werden musz Varnhagen van Ense
tageb. 1, 121; wie spricht da (
in einem politischen briefwechsel) jeder satz eine mit der politischen vereinigte geistige und moralische überlegenheit aus! da ist kein überflüssiges wort: alles ist mark und substanz Ranke
w. 14 (1875) 326.
in neuerer zeit auch gegenständlicher von der vitalen grundlage einer anschauung, eines menschen, einer gemeinschaft (
vgl. auch 4): (
die höfische welt) wünscht auch keine ausdrucksdichtung, erlaubt nur wenig von der menschlichen substanz des dichters H. Naumann
höfische kultur 36: es ist die blutmäszige substanz unserer nation, die sich in den jahrhunderten immer wieder bewährt hat A. Hitler in der
dt. allg. ztg. 2.
mai 1934
morgenausg. s. 2,
sp. 4. 44)
entsprechend der im lat. entwickelten, engeren bedeutung ist seit dem 16.
jh. substanz
bezeugt in dem sinne von '
reichtum, hab und gut' Roth
dict. (1572) p 7
a: der verthan sun ..., der sein substantzn wollust verzert Berthold von Chiemsee
tewtsche theol. 221
Reithm.; uber disz alles war die gantze substantz des bischofflichen hoffs einkommens vast allesambt ... verschwendet H. Fabricius
auszug bewerter hist. (1599) 234; (
ein) spieler, welcher sein gantze substanz verspielt Äg. Albertinus
hirnschleiffer (1664) 390; (
der miszbrauch,) dadurch alle jahr zu wenigsten das zehende theil unserer substanz ... in Frankreich gehet Leibniz
dt. schr. 1, 253.
in diesem allgemeinen sinne veraltet; heute bedeutet substanz
an geld und gut ein grundcapital, auf das sich die existenz eines einzelnen, einer gesellschaft, eines unternehmens aufbaut; daher die ausdrücke die substanz angreifen, aufbrauchen, von der substanz zehren, leben;
übertragen auch von der gesundheit eines menschen gebraucht.