stürmer,
m. ,
seit dem mhd. belegt. 11)
in anwendung auf menschen. 1@aa)
ursprünglich soldatisch, '
kämpfer'
; vgl. stirmer
conflictor Diefenbach 141
c: vil guote sturmare sint die helde ûz Bêheimlant
Biterolf 10002;
gelegentlich in jüngerer dichtersprache: der eiserne stürmer im kampfgewühl Freiligrath 6, 247.
vornehmlich gilt aber seit dem frühnhd. die engere bedeutung '
anstürmer',
insbesondere '
oppugnator',
s. Frisius 923
b: sie hetten vil glücklicher wider die stürmer gezogen, dan das sie nach dem sig und nach dem würgen der iren erst ansprungen Joh. Cochläus
historia von den alten Hussen zu Behemen (1523) c 4
b; under die stürmer soll man auch werffen fässer, die gantz wenig gebunden seindt L. Fronsperger
kriegsbuch (1573) 2, H h 3
a; das leben Demetrij, desz mächtigen königs, den man einen stürmer und zerbrecher der stätt genannt Xylander
Plutarch (1581) 433
b; dann er schrift sich, ein stürmer der Dänen, ein strafer der Bremer Hans Regkman
lübeck. chron. (1619) 106; der himmel bedeckte die stürmer mit einem dicken nebel
französ. Simplicissimus (1683) 2, 506; von den wällen rollen balken, und es schneyet pfeil und stein; hier hört man die stürmer brüllen, dorten die verwundten schreyn v. Schönaich
Hermann (1751) 171; eingeschlossen von den furchtbaren stürmern, sahen Sirmiums einwohner mit verzweiflung ihrem schicksal entgegen J. A. Feszler
Attila (1794) 146; ein gewisses grab öffnete sich dem waghälsigen stürmer in seinen (
des Lechs) wellen Schiller 8, 230
G.; schon manche stunde lang hatte der ... kampf gedauert, in ... erneuten anfällen der stürmer, in ... kräftigen widerstand der belagerten Fouqué
altsächs. bildersaal 2, 197; so kamen die stürmer in den ersten hof, stellten hier ihre kanonen auf Dahlmann
gesch. d. französ. revol. (1845) 232; ein rasendes feuer empfängt die stürmer D. v. Liliencron
sämtl. w. 1, 258; und weiter — die schanze hinein, hinaus weht der
sturm mit saus und braus, die stürmer von andern schanzen her schlieszen sich an, immer mehr, immer mehr Fontane
ged. (1908) 269; sammt den knochen der vertheidger und der stürmer Scheffel
trompeter 254; da soll es öfter als einmal geschehen sein, dasz die burg in gefahr war, von kühnen stürmern eingenommen zu werden P. Rosegger
schr. I 3, 116; sie kamen immer wieder in neuen angriffswellen als ein unerschöpfliches meer von stürmern an unsere stellungen
Berliner lokalanzeiger vom 23.
juli 1916; die wolkenbäche verursachten ein einziges, dasz die stürmer wirrer und schreiender stürmten H. Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 500.
bildlicher gebrauch sucht verbindung mit einem genetivobject; religiös: dann die anplatzer ains frembden vatterlands und die ungerechten stürmer des frids und die betrieber der rute der unschuldigen christen ... sind nit Christi, sondern des teufels vorfechter Marx Müller v. Westendorff (1545) 49
a; als die Römer der auffrhuren, so die stürmer des bapstthumbs erregt hatten, waren widerdrüssig worden Zach. Müntzer
bepstliche geschicht (1566) 272; disz ist der lehrer in Asia, der vater der christen, der stürmer unserer götter P. Crocius
grosz martyrbuch (1617) 11
b; Luther, der stürmer, hatte in den alten kirchenbau eine bresche gelegt K. Burdach
festschrift f. E. Mogk (1924) 323;
im moralischen: nein du stürmer und zerreisser aller guten gewonheit und sitten, Hanna helts nicht mit dir und redt nicht mit dir Wicelius
annotationes (1536) 95
b; stürmer der tugend Jean Paul 2, 170
Hempel; in der literatur: hat sich nicht Göthe in der freigeistigsten zeit seiner jugend des fabeldichters angenommen gegen die stürmer des alten Parnasses? Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 4, 90. 1@bb) '
aufrührer, revolutionär, schwarmgeist'
u. ä.; auf religiösem gebiete besonders im reformationszeitalter: in betrachtung der uffrürischer vernewerung, do ich Christum hie und dort mit worten antzeygt vermerck, aber tzu finden seynen worten und diszer sturmer wercken
noch unmuglich acht Jost Ludwig Dyetz
sendbrieff (1527) a 4
b; Carlstad, aller schwermer und stürmer vater zu unsern zeyten Mathesius
ausg. w. 3, 77
L.; schwermer und vielerley ketzer stürmer und unnütze schwetzer B. Waldis
psalter (1553) 143
a;
doch auch sonst: diese stelle geht eigentlich gegen die stürmer und heftigen neuerer
F. Schleiermacher
sämtl. w. I 5, 567; dasz der dom in seiner pracht und festigkeit selbst den verruchten stürmern widerstanden habe Immermann 18, 39
Boxberger; dieser geist (
der reformation) ... war Friedrich Wilhelm iii. selbst nicht fremd, wenngleich er die überlieferung gegenüber den umwälzenden stürmern ... wahren muszte v. Alten
hdb. 4, 812; in dem deutschen gährenden vorfrühling, da die menschen inniger beten wollten und meinten, gott brenne so heilig in jedem herzen, dasz ein bild des händewerkes ihn beleidigen und verkleinern müsse, hatten leidenschaftliche stürmer oder mitläuferisches gesindel den steinernen (
crucifixus) umgestürzt H. Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 126;
politisch oder literarisch: sein gedicht 'mein vaterland' ist von stürmern wie von 'gutgesinnten' mit freude aufgenommen worden
jahrb. d. Grillparzergesellsch. 2,
einl. 21; die lauten stürmer der romantischen schule H. v. Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 84.
der letzte beleg ist bereits nachwirkung des literarhistorischen begriffs der stürmer und dränger (
vgl.sturm und drang,
sp. 584): übrigens machte sich die opposition gegen die 'stürmer und dränger' nicht blosz in kritiken und andern öffentlichen äuszerungen kund Heinr. Kurz
gesch. d. dtsch. lit. (1873) 3, 14; wie der stoff ganz im sinne der stürmer und dränger gewählt ist O. Roquette
gesch. d. dtsch. dichtung (1882) 2, 223; erst die stürmer und dränger packen die ... sozialen fragen energisch an J. Wahle
d. Weimarer hoftheater (1892) 218;
auch jenseits dieser speciellen anwendung wird die verbindung secundär gebraucht: ein ächter stürmer und dränger, schlug er pfaffen und junker, pedanten und spieszbürger, ... mit der geiszel des witzes W. H. Riehl
gesch. aus alter zeit 2, 11.
zusammensetzungen. stürmer- und drängerhaut: wieder andere wären dagegen am liebsten in ihrer natürlichen stürmer- und drängerhaut näher gegangen, aber die mode war stärker als ihre courage
F. Kürnberger
d. Amerikamüde (1855) 169; stürmer- und drängerlaufbahn: so kam es, dasz ich seiner stürmer- und drängerlaufbahn mit spannung und teilnahme folgte R. Hamerling 13, 94.
dann allgemeiner, '
heftiger, stürmischer, zorniger, polternder mensch'
u. dgl.: stürmer
cerebrosus Stieler 2229
a;
impetuosus animus Frisch 2, 353
b;
huomo turbulento e tumultuante Kramer 2 (1702) 1028
c; ein vernünfftiger mann behelt den glimpff, aber ein stürmer, polterer, neidhammel, granner, gruntzer, wunderer, bey deme das weib kein wort reden darff, ... gibt manchesmal ursachen zu viel bösem Mathesius
Syrach (1586) 53
b; ein unartiger und wüster stürmer W. Bütner
epitome historiarum (1596) 272
b; von den ehrsüchtigen und unruhigen stürmern, die den sanfftmüthigen auch aufreitzen, bildet Gabriel Simeonis ein emblem, einen widder G. Treuer
dtsch. Dädalus (1675) 1, 634; vier stürmer (
renommisten) hör ich schon nach diesem saale steigen Zachariä
poet. schr. 1, 42; die ihn (
Pindar) ... für einen unbesonnenen stürmer halten Herder 24, 337
S. 1@cc) stürmer
der die sturmglocke läutet Rädlein
europ. sprachschatz 1, 859
a. 1@dd)
in der sprache des modernen sports bezeichnet stürmer
den spieler, der den ball in das feindliche mal oder tor zu bringen hat; allgemein. 22) stürmer
als sachbezeichnung. 2@aa) '
sturmwind',
selten: zu Villa Bagnaria hat derselbige stürmer die häuser bis aufs fundament umgerissen, balcken, dihlen und andere stücker durch die lufft hinweggerafft E. Francisci
lufftkreis (1680) 1109; wann die stürmer selbst aus Äols hölen kommen Postel
Wittekind (1724) 244; stürmer
sturmwind, vent orageux, orage Mozin-Biber-Hölder
wb. d. frz. spr. 2, 343
b. 2@bb) störmer
ein kleines segel Colmar Schumann
Lübeck 35. 2@cc) stürmer
brandende flutwelle, s. Meyers conv.-lex.7 11, 1075. 2@dd)
im obersächs. dass. wie sturmfasz 2 (
s. d.),
vgl. Albrecht
Leipz. ma. 220
a; Müller-Fraureuth 2, 585. 2@ee)
wohl nicht ohne verbindung mit sturm III 2 '
hutkrämpe' (
vgl. hingegen Weigand-Hirt 2, 1001)
bezeichnet stürmer
einen groszen hut, besonders den drei- und zweispitz um die wende des 18.
jh. er war der hut für festliche gelegenheiten und zeremonien: chorschüler, ... etwa 30 an der zahl, gingen, 4 mann hoch, arm in arm, mit groszen stürmern auf den köpfen, der präfect voraus, durch die straszen Göthe IV 23, 329
W.; schon die beiden rothröcke vor dem senatszimmer, mit den hellebarden in der hand und den sauberen weiszen strümpfen über den langen beinen, dem groszen stürmer auf dem kopfe, sehen zu bürgerlich und prosaisch aus Beurmann
Frankfurter bilder (1835) 55;
ähnlich in manchen mundarten Mittel- und Norddeutschlands, z. b.: stürmer
dreieckiger hut Spiesz
henneberg. id. 234;
vgl. noch Müller-Fraureuth 2, 585; Woeste
westf. wb. 261
a.
besonders bei den studenten war dieser grosze hut, der auch Napoleonshut
oder preuszischer hut (
nach der uniform des militärs)
hiesz, bei festlichen gelegenheiten sehr beliebt, wurde aber auch bald zur alltäglichen burschentracht getragen: selten sieht man auch (
unter den studenten zu Halle) auffallende kleiderfratzen, stürmer (hüte, wie man sie 1672 in Spanien getragen hat), kanonenstiefel usw. Laukhard
leben 3, 311; (
Göthe) erzählte ... einmal, wie ein hallischer renommist in kanonen und mit stürmer ins Berliner theater kommt und, als einiger spectakel entsteht, auf die bank steigt und ruft: schauderhafter plebs, sei stille! worauf alles still wird
Göthes gespr. 3, 281
Biedermann; der stürmer, mit hohem weiszem federbusch und goldenen quästen, thronte majestätisch auf dem haupte (1835)
Felix Schnabels universitätsjahre 62
Bierbaum; alle mit den monströsen dreieckigen hüten, den sogenannten stürmern, bedeckt H. Steffens
was ich erlebte 7, 27; die präsiden des kommerses wurden von den verbindungen gestellt, auch ich war einer davon und trug das festcostüm, einen unförmlich hohen zweistutz mit silberagraffe, welcher stürmer hiesz G. Freytag
ges. w. 1, 84; er wuszte zuletzt, dasz nach zurückgelegtem triennium stürmer, hieber und kanonen verkeilt werden muszten Holtei 40
jahre 3, 4;
süddeutscher protest: als lächerliche neuerung kam der stürmer (preuszische hut) auf
F. Th. Vischer
ästhetik 2, 292;
vgl. noch Klosz
burschenspr. 40; Kluge
studentenspr. 129
a.
von diesen hüten wurde der name übertragen auf die heutigen studentischen stürmer: die heute leider sehr beliebten stechmützen oder Österreichermützen, fälschlicherweise stürmer genannt, sind in den 1840er jahren, wie es scheint in Bonn, aufgekommen; indessen zeigt ein stammbuchblatt von Jena 1813 schon eine ganz ähnliche mütze. übrigens nannten die Wiener studentenlegionäre von 1848 ihre schlapphüte ebenfalls 'stürmer' — ein zeichen dafür, wie solche bezeichnungen von einem zum anderen gegenstand springen können Fabricius
die dtsch. corps (
21926) 452; zuweilen mit einer farbigen studentenmütze, einem sogenannten stürmer angetan Th. Mann
königl. hoheit (1909) 149. 2@ff)
ohne anknüpfung bleibt die im obersächsischen ehemals übliche bedeutung '
buch, schmöcker, scharteke': Schultze schlug einen alten störmer auf und wolte beweisen, das wort hundsfut wäre eigentlich kein schimpfwort Sylvanus
d. verwöhnte muttersöhngen (1728) 166; er hatte einen alten lateinischen stürmer in quarto zum pfande gegeben
quelle des 18.
jh. bei Müller-Fraureuth 2, 585.