stümmeln,
stummeln,
vb. (
trans.),
truncare, mutilare. form und verbreitung. 11)
ahd. stumbalon (8.
und 9.
jh.)
ahd. gl. 1, 293; 2, 306; stumiln (11.
jh.) 2, 326, 24;
seit dem 10.
jh. bair. auch eine j-
nebenform pistumplen,
s. Schatz germanica f. Sievers 367.
mnd. stummeln, stommeln;
mnl. stommelen Verwijs-Verdam 7, 2200.
auszerhalb des deutschen nur das aus afries. stemblinge '
verstümmelung' Richthofen 1047
zu erschlieszende *stembla,
und dieses eher unabhängige ableitung von *stembel
in stembelithe
membra truncata (
s.stummel form)
als ahd. pistumblen
gleichzusetzen. älter schwed. stympla
nach Hellquist
sv. ordförr. 692
aus mnd. stumpelen,
das jedoch vereinzelt (
s. 3).
mit anderem wurzelauslaut vom gleichen stamme wie stumpf. 22)
der in jüngerer sprache allgemeine umlaut begegnet eindeutig zuerst im 13.
jh.; daneben bis ende des 16.
jh. häufig ohne umlaut. der umlaut läszt sich sowohl aus dem seit dem 9.
jh. (
ahd. gl. 2, 777)
belegten -stumbilon
wie aus dem j-
verbum -stumplen (
s. o.)
herleiten. 33)
neben form mit mb,
die obd. bis ins 18.
jh. vorkommt, und dem darauf beruhenden nhd. mm
steht mp,
besonders obd. so mundartlich, schweizerd. gramm. 13, 123; Schmeller-Fr. 2, 760; Unger-Khull 587
b; Schöpf 725;
in den wbb. bis ins 18.
jh. Frisius 1333
a; Calepinus (1598) 926
b;
Steinbach (1734) 2, 758. Luther
hat sowohl stümmeln
wie stümpeln,
so auch Stieler 2226; Wachter 1639;
bei Calepinus
a. a. o. differenziert: stümmlen
truncare, stümplen
mutilare. die form mit mp
ist der verwechslung und vermischung mit den bedeutungsnahen stümpern
u. stümpeln,
vb. (
intr.),
ausgesetzt; wohl wie stumpel '
stummel',
s. sp. 399.
vereinzeltes nd. stümpeln
truncare, s. Schiller-Lübben 4, 449,
ganz vereinzelt stümpfeln,
wohl unter anlehnung an stumpf,
adj., stumpfen,
vb., s. Steinbach (1725) 375; Emmelius
sylva (1592) L l 7
b. 44)
das simplex im ahd. selten, bestümmeln
dagegen häufig bezeugt, s. Graff 6, 685.
das simplex herrscht im ganzen mhd. und im nhd. bis anfang des 18.
jhs.; seit dem 16.
jh., vorher schon im passional, tritt daneben verstümmeln
und ersetzt heute stümmeln
in der gemeinsprache. poetisch stümmeln
bis ins 19.
jh., fachsprachlich, s. A 1 d,
sogar bis in die gegenwart bewahrt. mundartlich noch im obd. bezeugt, s. 2.
bedeutung und gebrauch. AA.
eigentliche bedeutung: '
beschneiden, abschneiden, von einem körper glieder, von gliedern enden abtrennen'.
in den alten glossarien durch mutilare, truncare, amputare, curtare, stümpfen, verhauen, beschroten, abschneiden
glossiert. A@11)
menschliche und, sehr selten, tierische glieder abschneiden. A@1@aa)
mit weiterem object: einen menschen stümmeln,
sei es im kampfe, als execution des siegers an den besiegten, oder als rechtmäszig verhängte strafe für gesetzesübertretungen: stumbaloton
truncabant (
b. d. richter 7, 22)
ahd. gl. 1, 293;
an gleicher stelle: und sie stimleten sich selbs under ainander mit der schlacht Eck
bibel (1537) v 2
b; wolt (
jemand) meinem herrn dem brost sein leut stumbln, so hat mein herr zu fragn in hoffschrann da man recht geit
österr. weist. 8, 179; der gefangenen feynden wurden 17 mit dem rad gericht, und 18 mit dem schwerdt gestümlet Stumpf
Schweizerchron. (1606) 492
a; de koning van Denemarken stumelede al de Dudischen, de in sime lande weren
sächs. weltchron. 206
mon. Germ.; sie wurden theils gerädert, teils gestümmelt (1721)
in z. f. d. maa., jg. 1909, 44;
nur ganz vereinzelt vom vieh: do stummelten si und erstachen daz selb vich (1321)
bei Fischer schwäb. 5, 1912.
im mhd. häufig in verbindung mit hängen: swenne in sîne vînde vâhen, stümbeln unde hâhen
Meier Helmbrecht 1114
P.; die sie jêmerlîchen viengen stümmelten, sleiften und ûf hiengen Hugo v. Trimberg
renner 24336
E.; s. auch mhd. wb. 2, 2, 709;
anstatt auf die person auf den rumpf bezogen: vil kristen er zu tôde irslûg und stumelte manchin lîb Nicolaus v. Jeroschin
deutschordenschron. 59
Pfeiffer; der gestümlete übrige strumpf J. Neuhof
gesandtschaft (1669) 84
b.
ohne nennung des objectes, meist als substantivierter inf.: item dasz in diesem closter ... kain person ... um totschleg, wunden, stumlen, diebstal oder ander schuld, ... kain recht haben soll, sy zu urthailen Knebel
chron. v. Kaisheim 147
lit. ver.; auf dich (
Holland) manch reuterschalck nahm sein latein, zu nehmen, burnen, todten und stumelen gantz Grunau
preusz. chron. 2, 579.
poetisch: hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus, des todtgekämpften Paris bruder, unerhört verstümmelte, der starrsinnig witwe dich erstritt und glücklich kebste; nas und ohren schnitt er ab und stümmelte mehr so; greuel war es anzuschaun Göthe I 15, 1, 202
W. schon zerschmettern sie, stümmeln mich Klopstock
oden 2, 109.
in späterer zeit vereinzelt neben zerschneiden: stümmeln, zerschneiden Hulsius (1618) 243
b;
trunco, in partes scindere stümmeln, in stücke zerschneiden Reyher
thesaurus (1668) 3, 2003. A@1@bb)
mit engerem object, nennung des von der verstümmelung betroffenen körperteils: (
die Macedonier) den tieren die schnebel oder rüssel stümleten Münster
cosmographey 1163; man einem (
delphin) in der jugent den schwantz gestümmelt Heyden
Plinius (1565) 317; stämeln '
die flügel stutzen' Kisch
Nösner w. 147. zu dem ist es (
das auge) auch ausz solchen stücken componieret und gemacht, welche nachdem sie einmal verletzt und gestümmelt worden, nicht wiederumb können ergänzt und erstattet werden P. Uffenbach
Ruini anat. et med. equorum (1603) 2, 92; welcher massen er pflegt seine gäste ... in seinem beth zu lägern, da er denen, so zu lang gewesen, die beine mit einer sensen abgehawen und gestümmelt
Garzoni piazza universalis (1641) 743
b; ihm nun, als er das schwert zu dem linken kniee daherschwang, stümmelte (
Kastor) vorne die hand J. H. Voss
Theokrit (1808) 22, 197.
auf der besonderen häufigkeit des stümmelns
der beine beruht die synonymität oder enge verbundenheit von stümmeln
und lähmen
in den glossaren: stumeln
vulgariter verlemen
voc. v. 1515 b 4
a Hüpffuff; vgl. gemma gemm. (1508) q 4
a; ich habe (
zauberinnen) gesehen, ... welche die menschen gestOemmelt und gelembt Nigrinus
v. zäuberern (1592) 83;
in jüngerer sprache gelegentlich vom beschneiden und kastrieren: und liesz mit groszem spott und schand, die vorhaut schneiden von seim glied, ... und also da gestümmelt wird, an dem glied welches gesündiget Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 67
ndr.; wie er ... unsre weiber entehrt und unsre söhne zu hütern deiner sclavinnen stümmelt? Wieland I 3, 133
akad. ganz vereinzelt in anderer beziehung zum object, wohl auf mangel an continuität mit dem wirklichen sprachbrauch beruhend: dasz sie (
die Römer) nur ausgemergeltes und elendes vieh opfern, und vom fetten und gesunden nur den abfall stümmeln, als köpfe und klauen J. H. Voss
myth. br. (1794) 2, 326.
besonders verbreitet das verstümmeln von zunge und ohren: der oren er gestumelt wart
hist. der alden ê 5497
lit. ver.; sind ihm nit die augen ausgestochen, und die zung gestümelt Zach. Müntzer
bepstl. gesch. (1566) 147. stümmeln und blenden,
das stümmeln
wahrscheinlich von der zunge gemeint, häufig verbunden, gelegentlich der formel sich nähernd: dâ inne lâgen die man, di Darius hete gevân, gestummelet unde geblendet Lamprecht
Alexander 3572
Kinzel; weitere zeugnisse bei Lexer 2, 1265; etliche geblend, gestommelt, etliche krum und hOeckericht Nigrinus
von zäuberern, hexen (1592) 82;
archaisierend: der hauptheld wird gestümmelt und geblendet J. Grimm
kl. schr. 5, 296.
auf dem brauche des zungenstümmelns beruhend: mutilum dicitur diminutive a muto, cui lingua resecta est, unde evadit mutilus et mutus: ita et Germani dicunt stümlen
a stumm Dannhauer
explicatio term. 13. A@1@cc)
neben der construction mit dem einfachen acc. des von der verstümmelung betroffenen objectes ist besonders die wendung stümmeln an
häufig: und hiez in dar nâch sâ zestunt an henden unde an armen stümbeln Konrad v. Würzburg
Troj. 48386; sibentzig künig uberwand und stimlet die an hend und füsen H. Sachs 1, 222
K.; an dem haupt und händen gestümmelt Bodmer
Noah 162;
vereinzelt stummeln bei: daz man di lûte stumlet bî den ougen
kaiserchron. 7470
mon. Germ. in engerer verbindung: Adonisedech ward gestimlet füsz und händ Wickram 5, 92
lit. ver. A@1@dd)
das part. perf. hat einen so weiten anwendungsbereich, dasz es den charakter eines selbständigen adj. erlangen kann, s. th. 4, 1, 4265:
murcus gestumelter Diefenbach
nov. gl. 259
a; abgehauen, stumpf, gestümmelt Alberus 38
b; von gestümmelten läuten koment ungestümelt Konr. v. Megenberg
b. d. natur 491
Pfeiffer; lahme, gestutzte und gestimpelte creatur Guarinonius
greuel d. verw. 44; schwache, ellende, gestümmelte cörper Mathesius
Sarepta 202
b.
in der heraldik: gestümmelte wappenthiere
denen zunge, schnabel, klauen, schwanz oder füsze abgeschnitten sind, s. Trier
einl. z. d. wapenkunst 149; Bernd
hdb. d. wappenwiss. 2, 197;
zu 2: das gestümmelte ästkreutz Harsdörffer
gesprächsp. 4, 313;
auch von dem wappen, das solche zeichen zeigt: gestümmelt wapen oder schild Kramer
t.-ital. 2, 1253
a. A@22) '
entästen',
seltener '
entgipfeln',
von bäumen zum zwecke der lichtung oder zur gewinnung der äste und zweige; selten '
beschneiden'
niederer gewächse. im allgemeinen auf das obd. beschränkt; mundartlich bis heute in verschiedenen forsttechnischen bedeutungen lebendig, s. Fischer
schwäb. 5, 1912; Friedli
Bärndütsch 2, 186; Stalder 2, 413; Unger-Khull 587; Martin-Lienhart 2, 595;
vereinzelt auch md.: Follmann
lothr. 499; Hertel
Thür. 239. A@2@aa)
mit weiterem object; am häufigsten in rechtsbestimmungen: wer felber stimlet auf der gemain und rembt das zaussech nit ab (
v. 1480)
österr. weist. 7, 92; wann einer findt, dasz sein anrainer mit seinen aufwaxenten paumern an sein acker schaden macht, der musz selbe ... stimblen oder gar abhacken (
v. 1737) 6, 395; welcher ein aych stümplet ohne erlaubt, verfellt 3 pfundt pfenning (
v. 1549)
bei Fischer
schwäb. 5, 1912.
in der baumpflege: gartenbäwm stümmeln und säubern Sebiz
feldbau 61; kan man ohne schaden ein baum nit auszrotten, so soll man ihn beschneyden und stümmeln, dasz der uberflusz nicht zu starck wachse Lehman
flor. 1, 99.
bildlich: dasz die hässer der löblichen freiheiten keinen theil schonen würden, sondern wo sie heut den baum gestümmelt hetten, morgen ine auff dem stammen abhawen würden Fischart
aus Meyland uberschr. ber. 643
Hauffen. neben abhauen,
adversativ: das du mich (
den baum) abhawon oder stummeln last
clag, antwurt (
Augsb. 1497,
Schönsperger) 31
b;
s. Fischer
schwäb. 5, 1912;
nebengeordnet: den alten und den unsubern wüsten wald ... mit nuwen beyelen ... stümlen und abhawen Hedio
chron. germ. 281
a.
von niederen gewächsen: wann sie dann grosz werden, so stümmel sie (
die lattichpflanzen) mit eym scharpfen messer
M. Herr
feldbau (1551) 154
b; dasz ich die eigenen reben mir stümmele J. H. Voss
Horatius 2, 327.
mit noch stärkerer erweiterung des objectes: wyngarten beschnyden, stumelen
gemma gemm. (1508) v 4
a; als er nun ein wald stümmelt und verkauft, und sie begerten, er solle inen holtz umbsonst geben Kirchhof
wendunm. (1581) 414
b.
ohne den engen terminologischen charakter: wann ein starcker sturmwind sausset, so ist diser aichbaum so stützig, ... destwegen wird er also zerfetzt und gestimmelt Abraham a
s. Clara
Judas 1, 34. A@2@bb)
mit enger umgrenztem objectsausdruck und häufiger beziehung des vb. auf den abgeschnittenen, nicht den stehenbleibenden teil: daz er daz alt holz stümbeln sul ... doch dehainen stam abslahen noch auz reuten (
v. 1311)
urkdbuch d. stiftes Klosterneuburg 128
Zeibig; seind schon jetzt die äst an dem baum gestümmelt, und was zerhauen, sie können wieder wachsen Weidner
weish. 3 (1653) 59; ich würd den gipfel bescheeren, ihm alle zweige stümmeln Herder 25, 406
S.; construiert mit an,
wie c: an esten und zweigen gestümblet (17.
jh.)
bei Fischer
schwäb. 5, 1912;
besonders von der gewinnung der zweige als streu für den viehstall: wann ainer grossach stimbelt ..., won ainer ain paumb stimblt zu grassach, soll er zustimbln, das er fruchtbar bleibt
österr. weist. 1, 116. A@2@cc)
modern forstwissenschaftlich neu vom subst. stummel abgeleitet, kaum an das alte vb. angelehnt: wülste des stammes, an welchen die triebe immer wieder hervorkommen ..., kann man einigermaszen durch stummeln vermeiden, welches darin besteht, dasz man die 3-6 jahre alten triebe nicht glatt am stamme abhaut, sondern 6-8 zoll lange stummel stehen lässt Roszmäszler
d. wald 391; wenn es sich um stummeln oder entgipfeln handelt Ratzeburg
waldverderbnis 2, 136. A@33)
occassionelle erweiterung des kreises der objecte führt zur aufgabe der terminologischen begrenztheit des vb. A@3@aa)
zunächst 1
und 2
noch ganz nahe: der wurde schamelîche der locke und ouch der hâre gestummelt
heil. Elisabeth 7648
Rieger; je älter einer wird, je mehr er seinen bart stutzen und stimlen lasset Moscherosch
ges. (1650) 2, 76; die strümpf sie an den zähen stümmeln damit die faule füs nicht schimmeln Fischart 1, 415
Hauffen; gestimblet klaid oder mantel
colobium Altenstaig
voc. b 2
a; aus welchem (
runden corpo) nachmals der künstler durch vielfältiges schnitzen, graben, hauen und stümlen die gliedmaszen und theile hervorbringen v. Sandrart
academie 1, 29.
in jüngerer sprache die eigentliche bedeutung nur noch in speciell technischen anwendungen: seltsam ist der ausdruck ... der stereometrie, ein gestümmelter kegel: war abgestumpfter oder abgekürzter kegel nicht besser?
allgem. dtsche bibl., anh. 37-52, 308; gestümmelt (
ist der architrav) ..., wenn (
er) zwar fortgeht, seine abplattung aber theilweis weggelassen ist Mothes
baulex. 1, 154. A@3@bb)
übertragen auf abstracte objecte: wolte die ubermässige freche freihait der schlechten stätten und tirannei etlicher herrlin stümmeln und abschaffen T. Dreyfelder
hist. des ... hauses Est (1580) 126
a; so mocht dannoch die selbe clage der von Franckfurt dadorch nit gestummelt oder suspendiert werden (
v. 1500)
bei Diefenbach-Wülcker 869;
concreter: stumbalomes
spiritali tamen gladio carnalia desideria in mente trucidamus ahd. gl. 2, 306. A@3@cc)
von concreten objecten mit hervortreten des sinnes '
eine sache durch beschneiden zerstören, ihren eigentlichen wert nehmen': da sie darnach die bildung und seulen des königs abgeworffen und gestümmelt hatten Carbach
Livius 209
b; die gestümmelte bildsäule eines Praxiteles ..., den Gothen ..., der sie gestümmelt hätte Wieland
s. w. (1794
ff.) 6, 84; die gestummelten und zerbrochen schiff (
in einer seeschlacht) Carbach
Livius 342
a.
übertragen von städten, ländern und anderen als organismus aufzufassenden: hat er ... die gantze statt Rom mit mort und todschlag viler namhaffter gestumlet H. Gholtz
leb. bilder (1557) a 4; alles was den reichskörper stümmeln würde J. v. Müller
s. w. 8, 79. A@3@dd)
im sinne von '
vermindern': sein (
des arbeiters) gebürlichen und nit wie der zeit beschnittene müntz gestimpleten zinss Guarinonius
grewel d. verwüst. 1269; armen arbeitern immerdar etwas von ihrem verdienten lohn abzwacken, und selbigen stimmeln Hohberg
georg. cur. 3, 62;
ähnlich: sie verlor die frucht ihrer wohlthaten, weil sie mit filziger genauigkeit daran stümmelte Schiller 7, 329
G. A@44)
weiter entfernt oberhess. im sinne von '
aufhalten, hindern',
s. Vilmar 405,
wohl auf der eigentlichen bedeutung '
durch beschädigen, verstümmeln am fahren hindern'
beruhend: die wagen seien gestumlet worden (
urkdl. a. 1609)
bei Vilmar 406;
synonymität von stümlen
mit hindern
bezeugt auch D. v. Stade
erläuter. (1711) 80. BB.
in starker verblassung der eigentlichen bed., mit hinzugesellung der bed. '
sinn und gehalt von etwas fälschen'. B@11)
auf der vorstellung der verstümmelung eines körpers noch am festesten ruhend: '
form und gestalt von worten ungehörig kürzen und verunstalten': es seyn aber gestümmelte wort, von denen so der lateinischen sprach und worter unerfahren J. Weyer
Fuglini de praest. daem. (1586) 322
b; gestümmelt französisch reden Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1912; man wird ihn (
den namen) so lange stümmeln, und wieder ergäntzen, dasz er zu nichts mehr dienen wird Bodmer-Breitinger
disc. d. mahlern 3, 21.
besonders von dichtern: ... wann ener strenger mund ... die sprache würgt und kränckt, zermartert, krüpelt, stümmelt Logau
sämtl. sinnged. 284; er hat ... die ... psalmen ... übertragen, sprachlich herb, gekünstelt und gestümmelt zugleich, oft bis ins possierliche herabsinkend Gervinus
gesch. d. dtschen dicht. (1853) 3, 41.
weniger stark transitiv, mit stümpern
fast synonym: (
das gebet) wird vielmehr gestümpelt auf der zungen, und zermalmet mit den zähnen, als aus inbrünstigem geist gantz aufgeopfert Meyfart
hellische Sodoma (1640) 1, 41;
mehr auf den sinn der rede bezogen: indem er nur ainen halben unvolkommen gestümmelten sentenz erwischt und denselben nach seinem sinn compliert, erfüllt und verteutscht Nas
nasenesel (1571) 43
a; wie ein artzt ... der leut reden stümmelt, also verkehrt der neider, was gut und wolgeredt Lehman
flor. pol. 2, 564; wenn ihr das wort hinweg nehmet, so ist der sinn der ganzen rede gestümmelt Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1913. '
aus büchern teile des textes auslassen, beseitigen',
im gleichen sinn auch verstrümpfen,
s. th. 12, 1, 1808: den text stückeln und
stumpeln, eines herauszwacken, und das ander stehen lassen Luther 16.
cap. Johannis (1538) C c 2; weil ... das gedruckte exemplar, aus versehung des druckers, gestümlet und manck, waren etliche puncten in dem ihm (
dem bischof) zugefertigtem beygeflicket Chemnitz
schwed. krieg 2, 805; damit es nicht scheinen möchte, als ob wir (
herausgeber) des authoris arbeit gestümmlet
vorber. der verleger zu Olearius
reisebeschreib. (1696); dasz niemandt die hailig götlich schrift ... soll ändern, stümlen, nichts darzuo noch darvon thuon C. Franck
cath. namen u. wesen (1581) 24
b; er citiert alle schrift gestümmelt oder felschlich Nigrinus
widerlegung (1573)
α 3
a;
mit anderem verhältnis zum beziehungswort: grund und fundament (
der traditiones ecclesiae) ... geschöpft ... zum theil auch aus den gestümmelten blumen der alten väter Fischart
binenkorb 59
b;
neben gleichbedeutendem radebrechen,
s. th. 8, 45: stümlet und radbrechet die schrift stuckweis was yhm dienet Seb. Franck
weltb. (1534) 118
b;
s. Fischer 5, 1912. B@22) '
ethische inhalte und werte beeinträchtigen', '
in ihrem wert mindern, verderben',
besonders kirchlich: das umb der lügen willen die warheit auch sol gestümmelt werden Dryander
vorr. zu H. v. Stade warh. hist. a 4; du must aber die sprüche und lere von wercken nicht so ansehen, das du den glauben davon sonderst, wie sie unser blinden lerer stümpeln, sondern allzeit in den glauben ziehen Luther 32, 353
W.; darnach kam ich auch auf die verstümmelung des heil. abendmahls, da sie unverantwortlicher weise das testament Christi ... gestümmlet und den kelch ... denen läien entzogen hätten J. W. Petersen
leben (1717) 34; dasz ihr das testament des sons gottes ... geendert, gestümmlet K. Platz
cathol. inquisit. (1577) 27;
neben schmälern: wann wir ihm (
gott) seinen tag, daran er ihm wil gedienet haben, umb so liederlichen ursach willen schmälern und stümpeln Schupp
schr. (1663) 192; nicht eine allgemeine kirch: eine gestümmelte gemeinschaft der heiligen Dannhawer
catechismusmilch 4, 136. o des gestimmelten nüchtern trosts! Cellius
bei Fischer
schwäb. 5, 1913;
seltener mit persönlichem object: wie sehr er (
der papst) auch geschwecht und gestümmelt ist, und in seinem gottlosen wesen offenbaret Luther
tischr. (1576) 242
a. B@33)
mit beziehung auf einen weiteren, auszerkirchlichen kreis von objecten; in neuerer zeit besonders von Herder
gepflogen: dies historische aber vorausgesetzt, wer will in der anwendung einschränken? stümmeln? 9, 10
S.; wo man sich sinne und gliedmassen stümmelt, um die natur nicht zu fühlen 8, 342; würden wir harmonien stümmeln? 7, 431;
anders 547;
ohne ausdrückliche objectsbezeichnung: wie die truncken der fürgenten ding gedechtig seiend, und in den gegenwürtigen stumeln und stutzen H. Neidhart
Terentii Eunuchus 131
F.;
vgl.stumpeln '
stolpern'.
das part. perf. pass., s. auch sp. 406,
im sinne von '
unvollkommen'
schlechthin: aller physicorum und medicorum wissenschaft, ... ist ... ein unvollkommene, gestückelte oder gestummelte wissenschaft Irenäus
spiegel d. ew. lebens (1589) Q q 4
b; stehen auch solche artzet hie, die gestümelt sind, das ist, das niemandts gesund machen Paracelsus
chir. (1618) 309
Huser. der eigentlichen bedeutung '
verstümmelt'
näher: die (
pferde) einen pasz oder halben pasz gehen, oder andere gestümmelte gänge an sich haben Hohberg
georg. cur. 3, 164
b; nach dem fall (
sündenfall) ist in uns nichts ganz oder vollkommen, sondern alles gestümlet, mangelhaftig und zerrissen Comenius
janua iv
ling. (1643) 99.