spuk,
m. gespenst; gespensterhaftes, tolles treiben. II.
geschichtliches und formelles. I@11)
das eigentliche verbreitungsgebiet des wortes im mittelalter ist Niederdeutschland und die Niederlande (
vgl. J. Grimm
mythol. 762),
wo es mit vocalen erscheint, die auf verschiedenen ursprung zurückgehen: mnd. spôk, spûk, spoek Schiller-Lübben 4, 335
b;
striges eyn spoyk Dief.
nov. gloss. 351
a; myt dem kleynen spouke.
d. städtechr. 16, 204, 3277 (
Braunschweig);
dazu in den neueren mundarten spook
gespenst Richey 283.
brem. wb. 4, 960; spökels
gespenst Dähnert 452
a; spook, spök Schütze 4, 173. Danneil 204
b; spoikeding
gespenst Schambach 205
b;
ostfries. spök ten Doornkaat Koolman 3, 282
b;
mnl. spoocke, spoocksel,
spectrum, larva, phantasma Kilian (
als sicambrisch, d. i. in Geldern, Jülich und Cleve gebräuchlich, friesisch und holländisch bezeichnet);
ins scandinavische sprachgebiet reichend, wo dän. spøg,
spasz, scherz, schwed. spöke
gespenst, spuk, norweg. spjok
gespenst dazu gehören, ins mitteldeutsche: spôk
für spuk
in Leipzig. Albrecht 214
b;
auch vereinzelt ins hochdeutsche, wo die wortform kurzvocalisch auftritt; ein allein stehendes gespüc
bei Berthold v. Regensburg: alle die an zouberîe geloubent und an wârsagen und an wârsagerinne und an lüppelerinne, an nahtfrouwen und an sô getân gespüc und an pilwiʒ. 2, 70, 32,
das in zwei handschriften durch gespot
ersetzt wird, kehrt, nur mit diphthong für einfachen vocal, als gespeuck im haus
Simpl. 4, 70
Kurz, wieder; mit hochdeutschem consonantenstande gewährt ferner spuch
spectrum, phantasma (
als neutrum) Schottel 1420,
und spuch
neben spuk Stieler 3093,
wozu sich ein oberpfälzisches spuchen
spuken Schm. 2
2, 655
stellt; und dazu tritt eine masculine weiterbildung spucht,
die gemeinschaftlich nieder- und hochdeutsch ist und die eigentliche bedeutung des wortes beleuchten hilft: spucht,
was kleines und schmächtiges unter menschen und thieren, een spucht vam jungen,
ein kleiner unansehnlicher bube. Richey 284; spugt, he is man een spugt,
er ist nichts als haut und bein, er ist nur klein und schwach, mit der nebenform spigt.
brem. wb. 4, 977; spugt,
eine schwache magere person. Dähnert 454
b;
ähnlich spucht Schütze 4, 178; spucht,
hagerer, dünner, geisterhafter mensch. Stürenberg 256
a; spucht, spugt,
schwaches, schmächtiges und hageres, völlig abgezehrtes, fleischloses wesen, gerippe, geist. ten Doornkaat Koolman 3, 292
a; spucht,
schmächtiger mensch Woeste 252
b u. s. w.; auf dem bairischen walde der plur. spuchten,
trugbilder, täuschungen, pfiffige einfälle, vorwände, ausflüchte, mit spuchtel,
weib das nicht mehr schwanger wird. Schm. 2
2, 656;
rheinfränkisch spöchten,
scherze, späsze Fromm. 6, 277, 9. 279.
das schwanken in den vocalverhältnissen (
vgl. darüber auch jahrbuch des vereins für niederd. sprachforschung 18, 142)
hindert, einen genauen etymologischen einblick zu gewinnen; dagegen scheint es sicher, dasz von den bedeutungen des wortes die persönliche die älteste ist, weil sie mit groszer übereinstimmung in den niederd. mundarten auftritt, und zwar nicht im sinne der unheimlichen, grauenhaften erscheinung, sondern eher mit niedrigkomischem beisinn; daher übertragung auf wesen von geringer erscheinung: do eschede Isegrim van er (
der meerkatze) to eten; he sprak: langet her, edder ik helpe ju soken; it helpet mi bet van dessen spoken (
ihren kindern).
Reinke de vos 6052;
mundartlich een lüttk spook
kleiner hagerer mensch, een recht spook van'r deern,
ein kleines mädchen. Richey 283.
vgl. Schütze 4, 173; 't is man 'n spöök,
ein sehr hagerer, geisterhafter mensch. Stürenberg 254
b;
vgl. dazu düringisch schpuuk,
häszliche gestalt Herwig
idiotismen aus Thüringen 1892
s. 29
a.
könnte man erweisen, dasz niederd. spôk
der alte name für die aus lumpen gefertigte schreckgestalt gewesen sei, die die heidnischen Sachsen fertigten (de simulacris de pannis factis.
indiculus superstit. et paganiar. 27)
und die sie, um die bösen geister zu schrecken, unter lärm und getöse durch ihre flur trugen (de simulacro, quod per campos portant.
ebenda 28),
so würde sich der übergang der persönlichen bedeutung zu der des lärmens, getümmels und spaszes natürlich ergeben und ein weiter culturhistorischer hintergrund gewonnen sein. I@22)
wenn auch das wort mit seinem verbum spuken
seit Schottel
in den wörterbüchern der nhd. schriftsprache aufgeführt wird, so erlangt es doch erst lebendige einführung in dieselbe seit dem 18.
jahrh. unter dem tiefgreifenden einflusz des niederdeutschen durch schriftsteller entsprechender heimat. noch Steinbach
führt spuck
für gespenst, spectrum, phantasma als niedrig mundartlich auf 2, 649
und Frisch 2, 311
b kennt spuk
spectrum nur als niederdeutsches wort. wenn in der schreibung des 18.
und theilweise noch des 19.
jahrh. spuk
mit spuck, spuken
mit spucken
wechselt, so will das nicht schwankende aussprache anzeigen, das ck
ist schreiberzug der zeit für einfaches k
wie in eckel, mackel
für ekel, makel
u. a., für die ebenso durchgängige länge des stammvocals fest steht. I@33)
einen plural entwickelt das wort im persönlichen sinne, mnd. spoke
Reinke de vos 6052 (
vgl. die stelle oben unter 1);
mundartlich nnd. mit umlaut spok,
spuk, gespenst, plur. spöke Woeste 251
a;
in der schriftsprache hat sich der plural, den Adelung
und Campe
als ungebräuchlich bezeichnen, erst bei neueren als spuke
ergeben, immerhin selten, aber nicht nur, wenn spuk
persönlich steht (II, 1),
sondern auch wenn es spukhaftes treiben bezeichnet (
s. II, 2). IIII.
bedeutung. II@11) spuk,
gespenst, geisterhaftes wesen; als collectivum: irrwische ... und sonst noch allerhand inländischen und ausländischen spuk in gestalt der kleinen chinesischen wackelköpfe. Klopstock 12, 328;
gewöhnlich aber als einzelbezeichnung: A. wie machte es der mann, dasz er den spuk wieder wegbrachte?
J. er pfiff auf dem finger, dasz es schmetterte, da war der geist weg. 383; er gestand, was er bisher ausgetrieben hätte, möchte wol der rechte teufel nicht gewesen sein, sondern ein geringerer spuk. Arnim 2, 388; wenn sie trunken im schlafe lagen, stieg er wie ein spuk über sie hin, schnitt so viel köpfe ab als er vermochte, und trug sie nach Trier. Freytag
bilder 1, 175; trieb hier ein spuk sein wesen? Heyse
novellen 4 (1885)
s. 94; weil du einmal nicht rastest, bis du des spukes namen vernimmst. Klopstock 2, 133; hinaus, du spuk (
geist Rübezahl), hinaus aus ihr (
der welt), wenns dir gefällig ist; wo nicht, so daure krieg mit dir, bis du bezwungen bist! Gleim 7, 199; der spuk des todtengräbers (
gespenst in todtengräbers gestalt) grub, was nachher geschah, um mitternacht zwei grüfte, wie Heinz der küster sah. Hölty 13
Halm; vorige neujahrsnacht, da es zwölf schlug, wankte sie (
ein mädchen) rücklings, eine deck' um den kopf, hellweisz wie ein spuk, aus der hausthür. Voss 2, 112 (
idyll. 6, 133); auf spring ich vom flammenlager, und durchs flirrende gemach stürz ich fort, der spuk mir nach. Grillparzer 3, 43; und wills mit worten nicht gelingen den spuk zu treiben aus dem haus: ei nun, wir führen gute klingen, kalt eisen treibt den teufel aus. Geibel
nachl. 163; ich bin kein gespenst, ich bin kein spuk; leben kocht in meinen adern. H. Heine 18, 77; hier im walde scheu dich nicht, hier haust kein böser spuk! Ludwig 1, 96;
auch trugbild eines gegenstandes: ist das ein dolch da vor mir, der griff gegen meine hand? her, dasz ich dich packe! wie? nicht? und doch seh ich dich immer! verdammter spuk! bist du denn nicht für die faust, was du fürs auge bist? Bürger 294
a (
Macbeth 2, 5, fatal vision
Shakesp.).
im plural (
vgl. oben I, 3): diese weiszen und schwarzen frauen gelten bei kennern als die allerechtesten spuke, gerade weil ihnen das fehlt, was dem laien die hauptsache dünkt: eine geschichte. Fontane
vor dem sturm 2, 72; in Grönland ... sahen die Grönländer, die wohl hundert spuke haben, ihre gespenster ruhig weiter. 161. II@22)
gebahren solcher geister, mit dem beisinne des unheimlichen, tollen oder wilden treibens: ein nachtwächter sorgt unter andern dafür, dasz die, welche durch eine spitze oder scharfe feder im zweikampf erlegt sind, und nun als gespenster umgehen, des spukes nicht zu viel machen. Klopstock 12, 49; er meinte auf erden nichts gräszlicheres, keinen ärgeren spuk in mitternächtlicher einbildungskraft gesehen zu haben. Arnim
kronenw. 1, 164; um von den als geisterbanner und exorcisten bewährten vätern (
kapuziner) allerlei mittelchen einzuhandeln gegen krankheit von menschen und vieh und gegen teuflischen spuk. C.
F. Meyer
Jenatsch 83; eine minute später war die erscheinung verschwunden. selbstverständlich schlug jetzt, zur vollendung des spukes, auch noch die erste stunde nach mitternacht an einer entfernten turmuhr. Keller 7, 198; nun ist die welt von solchem spuk (
geistererscheinungen) so voll dasz niemand weisz wie er ihn meiden soll. Göthe 41, 314; mir selber war vor deren (
der kobolde) spuk nicht bange. Rückert 165; der zwergenspuk war um mich her zerstoben. 166; wohl durch die verhängten fenster wirft die sonne neugierige blicke, doch wie sie gewahrt den alten spuk, prallt sie erschrocken zurücke. H. Heine 18, 42;
mit hinüberschwanken in die persönliche bedeutung (1),
im collectiven singular: grabentstiegner spuk der nacht, müssen büszend wir nunmehre irre gehn in diesen mauern. 59;
im plural: die götter sind uns stumm, die wunder der heiligen fragwürdig, die spuke der kobolde und geister verdächtig geworden. Anzengruber 4, 30. II@33)
verblassung des begriffs in verschiedenen abstufungen und übergängen. II@3@aa)
mit noch deutlichem bezug auf die bedeutung 2: Hamlet und seine monologen blieben gespenster, die durch alle jungen gemüther ihren spuk trieben. Göthe 26, 218; der nächtliche spuk war nur ein vorspiel gewesen eines gröszeren schreckens, der sie jetzt erwartete. Keller 4, 238; Jochel zog das seil an, und der spuk verschwand endlich (
das treiben dreier als teufel verkleideter landstreicher). 7, 172; um dem sündhaften spuk ein ende zu machen. 345; hätte er nicht geschlafen, so hätte ihn die Griechin durch einen spuck scheu gemacht, so war ihr plan. Scheffel
Ekkehard (1888) 354;
im ausruf, kennzeichnung eines unbegreiflichen vorgangs: während der zeit lief das bier aus dem fasz immer zu, ... und als die kanne voll und sonst kein platz da war, so lief es in den keller und hörte nicht eher auf, als bis des ganze fasz leer war. Catherlieschen sah schon auf der treppe das unglück. spuck! rief es, was fängst du jetzt an, dasz es der Frieder nicht merkt? Grimm
kinder- u. hausm. 273 (
nr. 59). II@3@bb)
dieser bezug (
a)
hat sich verloren, spuk
steht nur wie unfug, aufsehen, verwirrung; schon mnd.: mit rückende dref he mannigen spok. Gerhard v. Minden 65, 39
Leitzmann; nhd.: je du einfältiger tropff, was machest du uns vor einen spuck unter den leuten?
causenmacher 114; mein vater empfieng ihn sehr freundlich, um keinen spuck in die hochzeit, welche morgen vor sich gehen solte, zu machen.
Felsenb. 3, 159; um ohne spuk und aufsehen sie im ruhigen besitz ihres reichthums zu erhalten. Musäus 1, 49
Hempel (
Rübezahl IV); und doch hatten die jungen fakirn mit ihren lingams ... einen verdammten spuk unter euch anrichten können. Wieland 8, 257 (
Danischmend 31); drei fakirn und ein kalender ... richteten binnen jahr und tag einen solchen spuk unter dem guten einfältigen völkchen an, dasz ichs nicht länger mit ansehen konnte. 352 (
cap. 42); er hat eine vogelhecke darunter (
unter dem hute), die möchten hervorfliegen und einen verteufelten spuk machen; denn es sind lauter lose vögel. Göthe 25, 362; als zur welt die tochter kam, o dasz ich nicht gleich ihr das leben nahm! ich nahms ihr nicht, folgte nicht meinem ahn; nun hat sie mir diesen spuk gethan. Rückert
Firdosi 1, 179. II@3@cc)
in andern fallen hat sich die bedeutung des lebhaften, lauten, lärmenden treibens ergeben: spuk
etiam quemvis tumultum, confusionem et turbam, item quicquid horridum aspectu est, denotat. es ist ein greulicher spuk,
foedum est spectaculum. Stieler 2094; einen entsetzlichen spuk machen. Adelung; das war ein spuk.
ebenda; in der Altmark maok nich so väöl spôk,
mache nicht so viel lärm. Danneil 204
b; ganz abgeschlossen von des lichtes strahl (
spricht die perle) kannt ich den spuk nicht drauszen vor dem hause. Rückert 151; der wächter auf den zinnen treibt gar gewaltgen spuk. sieht gar wohl gäste kommen? er schreit: guck, guck, kukuk! Grillparzer 1, 60;
oder des vernunftlosen, leeren gebahrens: der alte spuk mit den Hohenstaufen und ihren vermeintlichen anhängern. Arnim
kronenw. 1, 218; der vogel sieht in groszer ruh dem spuk von seinem baume zu; sagt nicht ein wort, bis mantel, kragen und wamms und wange, bart und haar sich Hans zerfetzt hat ganz und gar. Wieland 18, 379;
als toller spuk
charakterisiert: immer wieder störte er (
Tieck) den lesern ihren glauben durch willkürliche einfälle und unmögliche erfindungen oder gar durch den schlechthin unpoetischen spuk des tollhauses. Treitschke
d. gesch. 3, 695; lasz nur den tollen spuk der zeit vorüber flirren! ergötzen kann er dich, er kann dich nicht verwirren. Rückert
werke 4, 140
Böhme; was während eines mondes kurzer dauer von tollem spuk und schrecklichem geschehen, merkwürdgem wagnis und ruchloser that die zeitung brachte. Keller 10, 148;
landschaftlich niederdeutsch auch in die bedeutung der winkelzüge, hindernisse übergegangen: einem vielen spuk machen. Adelung,
nach: maak man nig veel spooks,
mache nur nicht viele krumme sprünge. brem. wb. 4, 961. II@3@dd)
auf grund komischen beisinnes der bedeutung 2
ergeben sich andere anwendungen; so der einer eigenartigen bethätigung der gedanken- und gefühlswelt, gebahren als '
närrischer kerl': hab immer meinen spuk für mich, und ist mir wohl dabey! kalmäusre bald, bald wälz' ich mich! bald éins gefrohnt, bald frey! K. Schmidt
im Leipz. almanach der deutschen musen 1779,
s. 251;
äfferei, neckerei: mit einem seinen spuk treiben; aber indem sie so vermuthen und wir uns so stellen: so haben die schlauen vögel in der stadt ihren spuk mit uns. Möser
patr. phant. 4, 169; besonders hatte Fortunato sich diesen abend mehrere mal verkleidet und trieb fortwährend seltsam wechselnd sinnreichen spuk. Eichendorff 3
2, 133; nun geht der rechte spuck erst
an. Pfeffel
poet. vers. 1, 69;
besonders von erzähltem oder sonst berichteten abenteuern, spasz: lasz dir den spuk erzählen. Lenz 1, 175; etwas viel bessers giebts: ein informator zu werden in Auenthal ... und den ganzen spuk drucken zu lassen. J. Paul
unsichtb. loge 1, 103; die ganze geschichte werde wohl ein leer gerede sein, ein spuk, wie ihn mägde oft anstellen. J. Gotthelf
Uli der knecht 301; viel lächerlichen spuk ... erzählen. Keller 1, 73; ein giengen zum saale die püppchen schmuck, traten zum mond und erzählten den spuk. Rückert
Firdosi 1, 159;
selbst in den sinn eines unerquicklichen vorgangs, einer lästigen, drückenden sache umgeschlagen: Z. zwar sagt mein gewissen, dasz ich heut auf krummen wegen bin.
W. ach, larifari! bei ihren küssen schlägst du den spuk dir bald aus dem sinn. Körner
nachtwächter 8.
auftr.; es wär ein spuck, wenn mirs mit diesen Türken fehlte. Rückert 12, 216.