spekulieren,
verb. ,
aus lat. speculari
wie spekulation (
s. oben)
von den mystikern zur bezeichnung für das bis zur verzückung sich steigernde versenken in religiöse betrachtung entlehnt. vgl. Seiler lehnworte 2, 153: ir ougen si zu stede hielt in geistlicher vare gein deme vronaltare inbinnen mediternde, suʒe speculernde.
Elisabeth 5150
Rieger; di here ligende also bleib, di ampar alle si nu dreib suʒe speculernde, gar hohe contemplernde. 5247; wand iʒ also fuget wol, daʒ man ê uʒerliche arbeide mildecliche mit den handen gude werc ... und dar nach contemplieren, nach muʒen speculieren. 8432; meditieren daʒ ist guet, swer an got gedenchen wil. iubiliern wunder tuet und ist der sel ein saitenspil. speculiern daʒ ist glanz; contempliern geit den chranz; concordiern lait den tantz.
geistl. lied des 14. jahrh. in Wackernagels
leseb. 1 (1873), 1182. 11)
im nhd. behält das wort zunächst diese bedeutung, auch auf dem gebiete religiöser fragen: speculatio ist, so der mensch an jhm selbst speculiert unnd sinnet und dieselbig sinnung vereinigt sich mit dem himmel, unnd der himmel wirckt in jhr, dasz da mehr gefunden wirdt dann menschlich ist. Paracelsus 2 (1616), 516 C.
dafür gern auch erspekulieren: heiszt das nicht tieff und scharffsinnig gephilosophirt von unser muter der h. kirchen: ich der
m. der sententien sei jrgends in einen tieffen keller gesteckt, da er dises erspeculiert hat, dann sonst wers nicht möglich, dasz er dise tieffe verborgenheit ausz seim haupt gegraben hette. Fischart
bienenk. 105
a. das er petracht und declarirt, mit scharpffen sinnen speculirt, welliches noch wird hoch geacht, bey den glehrten künstlich verbracht. H. Sachs 20, 265, 19
Keller-Götze. den reformatoren aber verlor das wort wie der begriff die hergebrachte wertung und wurde nun bezeichnung einer unwissenschaftlichen, phantastischen art, über göttliche dinge zu forschen, die sich in gegensatz zu der von den reformatoren geübten, stets auf der biblischen überlieferung fuszenden forschung stelle: scriptura potest pati, das du speculirst mit deinen gedancken et manebit immaculata, sed vide, ubi manebimus in fide. Luther 20, 588, 17
Weim. ausg.; darümb las sie imer anhin speculieren und reden von der beschauligkeit, wie alles mit gott bule und einen vorschmack des ewigen lebens gebe, und wie die geistlichen seelen ein beschaulich leben anfangen. 16, 308, 32; darümb die jüden, desgleichen Türcken und der bapst, dieweil sie das wort von Christo faren lassen und gaffen dieweil anderswohin unnd speculiren und reden von Christo nach der menschlichen vernunfft, komen sie imer weitter von Christo und werden zu narren dorüber. 20, 361, 35; der schultheologen kunst mit ihrem speculiren in der heiligen schrift ist nichts dann lauter eitelkeit und menschliche gedanken nach der vernunft.
tischreden 1, 8.
mit weiterer adverbieller bestimmung: das sage ich alles darümb, das man bey den einfeltigen worten und verstand bleibe und nicht empor fare und hoch speculire: wenn wir gleich daran feylen, so ist es doch ohne far. 20, 41, 28
Weim. ausg. mit ergänzendem object: wer hoch ding speculiren wil, erreicht auch gar schwerlich das zil, sunder es wird im auch zu schwer. H. Sachs 19, 342, 3
Keller-Götze; mit adj. in substantivischer wendung: so erlang ich weder danck noch ehr und zureisz umb ein sonst mein hirn mit schwermerischem speculirn und bring nichts davon an dem bastn, denn dasz man mich heist ein phantastn. 17, 262, 24.
zuletzt wird das wort mit dichten
synonym gebraucht: ich muss dir lassen dein sinn, so sperr dich in dein hausz wie ein einsiedel in sein klausz: darinn du dichtn und speculiern. 15, 27, 11. 22)
in jüngerer philosophischer sprache erhielt das wort dann neues, wissenschaftlicheres gepräge: speculiren,
contemplari animo, mentis acumine indagare, meditari. Stieler
nachsch. 28
b; speculiren, auf etwas denken, einer sache nachdenken, nachsinnen, ausforschen, auskundschaften, fleiszig betrachten. Nehring 1119; lesen macht wohl gelehrt: aber nicht sowohl klug. die conversation ... richtet vil mehr aus als das blosse speculiren: weil sie gar eine anmutige lehrmeisterin ist, von welcher wir die unterweisung ohne mühe und verdrus annehmen. Butschky
Pathmos 408.
doch auch hier wieder hauptsächlich auf die beschäftigung mit metaphysischen gegenständen gehend: man weisz, welchen eindruck die akademische begeisterung für metaphysik auf jünglinge von Hamlets charakter macht. ... in dieser stimmung gehört er allerdings mehr zum spekulirenden als zum raschthätigen theil der menschen. Herder
zur litteratur u. kunst 17, 280; drum frisch! lasz alles sinnen seyn, und g'rad' mit in die welt hinein! ich sag' es dir: ein kerl, der speculirt, ist wie ein thier auf dürrer heide von einem bösen geist im kreis herum geführt, und rings umher liegt schöne grüne weide. Göthe 12, 91 (
Faust I). 33)
in kaufmännischer sprache berechnungen, überlegungen anstellen, die für eine unternehmung einen erfolg hoffen lassen, dann auch ein solches mit wahrscheinlichkeitserfolg verbundenes unternehmen ausführen. die entwicklung dieser bedeutung bahnt sich schon in der mit einfachem accus. verbundenen wendung an: also lag er (
Eulenspiegel) des nachts ungeschlaffen, und gedacht und speculiert die narung.
Till Eulenspiegel (
ausg. v. 1515) 53
neudr.; absolut: er rechnete, spekulierte, schlosz verträge, ging weit über land, um einkäufe zu besorgen. Keller 1, 26.
das object durch präpositionen verbunden: allein er wuszte wohl, worauf sie spekulierten, ärgerte sich darüber und machte sich über sie lustig. 4, 239.
in ähnlichem allgemeineren sinne: ich denke es soll dir ganz gut gefallen, besonders wenn es mir gelingt, die schöne wohnung hier am Leipziger platz zu bekommen, auf welche ich spekuliere. Moltke 6, 36.
wol nach analogie von wendungen wie sich verrechnen
ist dann sich verspekulieren
gebildet.