schlängeln,
verb. nach art einer schlange sich fortbewegen, winden; iterativbildung zum substantiv schlange,
erst seit dem 17.
jh. bezeugt: schlängeln,
serpere, in lubricos tractus sinuosis flexibus labi, tortu multiplicabili instar anguiculorum prolabi, it. gracilem esse, et oblongum, quasi serpentem referre vibrantem. Stieler 1856.
das wort steht 11)
intransitiv, im eigentlichen sinne, von der bewegung der schlangen oder drachen: durch das laub, o tritt es nicht, schlängelt bunt ein schlängelein. Rückert
ged. (1841) 702; den rückwärts schlängelnden (
drachen) hemmte jezo die eich'. Voss
Ovids verwandlungen 14, 91; ein purpurschuppiger drache, gräszlich zu schaun, den selber ans licht der Olympier sandte, unten entschlüpft dem altar, fuhr schlängelnd empor an dem ahorn.
Ilias 2, 310.
von dem schlangenartig gewundenen laufe eines flusses, eines baches: das wasser schlängelt durch die kieselsteine,
aqua curvo flexu torquet silices leni cum murmure. Stieler 1856; kleine quellen schlängelten den lorberhain herab. Wieland 1, 291; (
wenn) der sanfte flusz zwischen seinen entblätterten weiden zu mir her schlängelt. Göthe 16, 130; wir gelangten an den Rhein, den wir, von den höhen herab, weit her schlängeln gesehen. 25, 19; auch vier quellen ergossen gereiht ihr blinkendes wasser nachbarlich neben einander, und schlängelten hiehin und dorthin, wo rings schwellende wiesen hinab mit violen und eppich grüneten.
Odyss. 5, 71.
gern im part. schlängelnd: dagegen die aussicht auf blumenreiche wiesen, thäler mit schlängelnden bächen, bedeckt von weidenden heerden, ... veranlassen auch eine angenehme empfindung. Kant
werke (1839) 7, 380; eure thränen trockne die frische luft, die um das schlängelnde wasser spielt. Göthe 20, 254; die sonne ging ihnen in einem thale unter, das frisches grün, schlängelnde bäche, pappeln, cypressen, myrthen und blühende fruchtbäume schmückten. Klinger 5, 163;
[] wenn der Ilme bach bescheiden schlängelnd still im thale flieszt, überdeckt von zweig und weiden halbversteckt sich weiter gieszt. Göthe 4, 69; mit berg und dichtem wald, so weit sie sich erstrecken, mit höhen, die sich grün zu steter weide decken, fischreichen klaren seen, dann bächlein ohne zahl, wie sie sich, eilig schlängelnd, stürzen ab zu thal. 41, 294; reich an besitzthum wohnt der vater mir daheim im schönen lande Wallis, wo die schlängelnde Savern' durch grüne auen rollt den silberstrom. Schiller 13, 241; harr' im bade, wo das bächlein schlängelnd unter haseln schlüpft. Stolberg 2, 45; dorthin, wo die schmucke Düssel schlänglend sich im Rhein ergieszet. H. Heine 2, 54
Elster; von wegen, pfaden und gängen gebraucht auch hier vorwiegend im part. präs.: durch schlängelnde akaziengänge des parks. Thümmel
reise 8, 257; wir sahen lebendig den schlängelnden pfad bezeichnet, den auch wir zu wandern hatten. Göthe 48, 115; so gehen wir den schlängelnden gang an dem langen ufer schwebend hinab. Klopstock 1, 188; schlängelnde pfade führten uns heim durch äcker und wiesen. Stolberg 1, 385; hinan den hügel schlängelt' angenehm ein fuszsteig. Kosegarten
dicht. (1824) 1, 246.
von der bewegung des blitzes: Satan antwortete mit einem leisen hohngelächter, das nur seine oberlippe berührte und gleich einem schlängelndem blitze aus seinen augen fuhr. Klinger 10, 229; schlängelt, ihr blitze, mit wüthendem eilen, rastlos, die lastenden nächte zu theilen. Göthe 11, 195; und, wenn des blitzes schlängelnd blau zu öffnen des himmels busen schien, bot ich mich selbst dem strahl des wetters recht zum ziele dar.
Shakesp. Julius Cäsar 1, 3.
vom feuer: da erhellt sich das gemäuer; leuchtend grün im blonden haar, glänzt ein jüngling; schlängelnd feuer flammt vom schwertgriff wunderbar. Fr. Kind
ged. (1819) 4, 25.
von feuerwerkskörpern: raketen rauschten auf, kanonenschläge donnerten, leuchtkugeln stiegen, schwärmer schlängelten und platzten. Göthe 17, 160.
allgemeiner von dem zuge einer linie, bahn, krümmung, windung u. ä. überhaupt: dich ergreift nicht der strom dieser harmonischen welt? nicht der begeisternde takt, den alle wesen dir schlagen? nicht der wirbelnde tanz, der durch den ewigen raum leuchtende sonnen wälzt in künstlich schlängelnden bahnen? Schiller 11, 41; sie schleicht, indem sie behutsam nach allen seiten schielet, in schlängelnden linien näher und immer näher heran. Wieland 4, 217; ein wollustgirrendes getön von flöten stört der sinne ruh, und schleicht in schlängelnden gewinden ins herz sich ein. 17, 261; in einer solchen stimmung befanden sie einst sich um die dämmerungszeit an jenem bache, der sich mit mancher schlängelnden krümmung durch rosen wand. 5, 140; in schlängelnder wölbung. Stolberg 4, 35; wesz ist das band, das menschen an einander mit losen schlingen unauflöslich schnürt und freundlich seinen schlängelnden mäander des lebens leichten schatten niederführt? Arndt (1860) 3;
von den windungen herabhängender locken: vorn, um hals und schulter sich windend, schlängelten ihr zwei locken hinab auf den wallenden busen. Voss
Luise 3, 1, 196;
einer schnur: mit dem letzten Omayaden kam die perlenschnur nach Spanien, und sie schlängelte am turban des kalifen zu Corduva. H. Heine 1, 451
Elster. endlich von besonderen bewegungen der menschen und thiere: die jammer-nachbarn dringen her mit hohlem blick und athem schwer; sie halten an und schlängeln fort. Göthe 3, 220.
in der sprache des heeres, heranschleichen unter benutzung der verhältnisse eines geländes: zogen sich vielleicht 3000 mann aus dem Zahlbacher grunde schlängelnd über die chaussee und durch einige gründe bis wieder an die chaussee. Göthe 30, 286; denn ohne die genauste kenntnis des terrains wäre das schlängelnde heranziehen nicht denkbar gewesen. 289; —
[] übertragen, und mit leise tadelndem beisinn, schmeichlerisch um jemand herumgehen: hühnerhundsnase und hühnerhundsschritt, diese nimm auf die reise nicht mit, hüt' dich vor allem, was schwänzelt und schlängelt. Arndt (1860) 663. 22)
in reflexivem gebrauche, der später als der intransitive auftritt, aber jetzt der gewöhnliche ist: sich schlängeln,
sinuosum sive flexuosum esse. Frisch 2, 192
c;
von schlangen, drachen: anders schlängelt sich die schlange auf ihrem geraden gange; anders wenn sie sich hebt, anders wenn sie ringe flicht. Herder
z. gesch. u. phil. 18, 46; ach, nur noch einmal schlängle und schlinge und winde dich, du holdes grünes schlänglein, in den zweigen, dasz ich dich schauen mag. E. T. A. Hoffmann 7, 211; auf dem gehenke schlängelte sich ein drache von stahl. Stolberg 11, 360.
vom laufe eines flusses oder baches: nach langer mühe gelangte er in ein gekrümmtes thal, durch welches sich ein klarer bach schlängelte. Musäus 3, 15
Hempel; hier, wo der Rhein sich zwischen ebenen flächen schlängelt, blick' ich wieder nach den gebirgen zurück. G. Forster
ansichten vom Niederrhein (1791) 1, 36; wind und strom zogen diese schwimmenden saaten zu langhin sich schlängelnden flüssen. Chamisso 3, 257
Koch; statt dessen will ich oft, dem hundsstern auszuweichen, an eine linde sitzen gehn, und durch den wiesengrund von fern, indem ich dichte, sich silberbäche schlängeln sehn. J.
N. Götz
verm. ged. (1785) 3, 101; hier ist der kleine sich schlängelnde flusz, der zwischen rosen irrt. Wieland 5, 85; aus des Helikon harmonischem born schlängeln sich tausend bächlein murmelnd im schlängelnden laufe den grünenden hügel hinab. Kosegarten
rhaps. (1801) 3, 85; also reichliche quellen des himmlischen überflusses strömen auf dieses gebiet; aber der irdische flusz, der durchhin sich schlängelt, ein winziger, nennet sich Rodach. Rückert
ged. (1841) 271.
von wegen, pfaden: indessen war der ganze zug vor uns vorüber und ich erblickte nur mit widerwillen, auf dem in die höhe sich schlängelnden felsweg, die unabsehliche reihe dieser bepackten geschöpfe. Göthe 23, 49; selbst da, wo zwischen tiefen der schmälere fuszsteig sich schlängelt, wandelt sie, ungefolgt, im sichern gleichgewicht gehalten, durch den gelinderen zug der trense. Klopstock 2, 35; durch wiesen schlängelt sich ein pfad, wie zwischen blumenbeeten. Rückert
ged. (1841) 236.
vom blitz: o schlängle dich, du wetterstrahl, herab, ein faden mir, der aus dem labyrinth der qual hinaus mich führt zu ihr. Lenau 1, 47
Koch. von den adern in der menschlichen haut: ha! und dieser busen! das heben! wallen und leben! die blauen adern, die sich so sanft durch das weisze schlänglen. Klinger
theater 2, 125; und von dem schlanken, weiszen halse schlängelten sich blaue adern in reizenden windungen um die zarten wangen. Novalis
schriften (1837) 1, 174;
von bewegungen der menschen: ein bauer kam berauscht von einem hochzeitsschmaus, und schlängelte gleich dem Meanderflusse sich mit gesenktem kopf nach haus. Pfeffel
poet. versuche 2, 91; da schlängelt der schnelle kinderkreis sich blühend durch blühende bäume, sie gaukeln um den stillen greis wie selige jugendträume. Lenau 1, 107
Koch; und seinem wege: durch des waldes tiefes dunkel schlängelt sich nun seine bahn, und dem ritter scheint's zu grauen, ihm, dem kriegerprobten mann. Chamisso 1, 84
Koch. in der heeressprache sich schlängeln,
wie intransitives schlängeln,
vgl. oben unter 1; —
in bildern: der strom unsers wissens schlängelt sich rückwärts zu seiner mündung. Schiller 2, 352; auszerdem, dasz im schicksal des groszen rechtschaffenen, nach der reinsten moral, durchaus kein knoten, kein labyrinth stattfindet, dasz sich seine werke und schicksale nothwendiger weise zu voraus bekannten zielen lenken, welche beim ersten (
dem groszen verbrecher) zu ungewissen zielen durch krumme mäander sich schlängeln. 358; und es schlängelte sich ein schmerz wie eine bleiche schlange durch die rosen des milden angesichts. J. Paul
Titan 2, 237;
[] des flammenreichs meister sind rastlose geister. bald schlängelt ihr lauf sich mondwärts hinauf, bald flackern sie fix hernieder zum Styx. Matthisson
ged. (1810) 1, 225. 33)
transitives schlängeln,
selten: und es schlängelt seine wogen durch die berge sanft der strom, und der abend kommt gezogen, schmückt mit rosen sich den dom. Th. Körner
werke (1858) 1, 122.
im particip geschlängelt: die eine buschige seite des abhangs, durch eine lebendige quelle geschmückt, rief dagegen meine alte parkspielerey zu geschlängelten wegen und geselligen räumen hervor. Göthe 31, 95;
übertragen auf herabwallende haare: denn diese (
die haare Jupiters) sind länger als an andern göttern, und ohne gerollete locken, in sanft geschlängelte züge geworfen. Winckelmann
werke (1811) 4, 102;
in andern bildern und übertragungen: indesz wollt' er mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten blumenweg zum altare seines lauten ja's der liebe nehmen. J. Paul
Titan 2, 227; wähle zum lehrer dir nicht den autodidakten, er weist dir stets den geschlängelten pfad, welchen er selber gewallt. Geibel
werke 5, 42; wie doch alles in der welt durch miszverständnisse geschlängelt wird! Hippel 4, 320. 44) schlängeln,
substantivisch: 's ist eine nacht, vom thaue wach geküszt, das dunkel fühl' ich kühl wie feinen regen an meine wange gleiten, das gerüst des vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen, und dort das wappen an der decke gips schwimmt sachte mit dem schlängeln des polyps. Droste-Hülshoff 1, 346
Schücking.