sättigen,
verb. satt machen, saturare. ableitung von satt,
welche das ältere satten (
vergl. das.)
jetzt ganz verdrängt hat, mhd. setigen,
zuerst belegt bei Berthold v. Regensburg: unde swer sich über die mâʒe eʒʒens unde trinkens nœtet unde sich setiget ze gîteclîche, der hât eine houbetsünde getâ
n. 1, 430, 24
Pfeiffer; mnd. sadigen
und sedigen Schiller-Lübben 4, 8
b. 165
b,
niederl. sadighen Kilian,
vgl. Weigand 2, 528.
auch in den neuern nd. mundarten wechseln die formen sadigen
und sedigen
brem. wb. 4, 592, sadigen ten Doornkaat Koolman 3, 79
b, sädign Danneil 178
b. 11)
eigentlich den hunger oder durst stillen durch speise und trank. jemanden sättigen: kanstu der lewin jren raub zu jagen geben? und die jungen lewen settigen.
Hiob 38, 39; wo her mügen wir so viel brots nemen in der wüsten, das wir so viel volcks settigen?
Matth. 15, 33;
sprichw. der wind sättiget den menschen nicht. Keisersberg
brösaml. 2, 50
b; Bernhard Torstensohn ... sättigt seine Schweden an dem fetten tisch Oesterreichs. Schiller 8, 391.
häufig reflexiv: so sol komen der levit ... und der waise und die widwen, die in deinem thor sind, und essen und sich settigen.
5 Mos. 14, 29; er brett einen braten und settiget sich.
Jes. 44, 16.
so auch: die natur laszt sich leicht settigen, das aug nymmer. Franck
sprichw. (1541) 1, 117
a; wann man den (
einen kalten braten) einen armen hungerigen manne fürsetzt, so sättiget er seinen hunger damit. Schuppius
schriften 128.
mit angabe der speise, mit, von etwas sättigen,
in der ältern sprache auch eines dinges sättigen;
ferner sich an etwas sättigen: und ich würde sie mit dem besten weitzen speisen, und mit honig aus dem felsen settigen.
ps. 81, 17; da lies er wachteln komen, und er settiget sie mit himelbrot. 105, 40; du bist mit wenigem gesättigt, meine freundin. Göthe 11, 66; mit schlechtem brod und trank gesättiget zu werden.
wunderh. 1, 537
Boxberger; komet her zu mir, alle die mein begert, und settiget euch von meinen früchten.
Syr. 24, 25. 26; Lazarus .. begeret sich zu settigen von den brosamen, die von des reichen tische fielen.
Luc. 16, 21.
bildlich: die üppigen bankette ... verwandelten sich in pythagorische mahlzeiten, wo man sich an gesprächen über die erhabensten gegenstände des menschlichen verstandes sättigte. Wieland 2, 318;
mit gen.: dasz er sich des lieben trucknen brods niemals genugsam gesättigt.
Simpl. 4, 287, 10
Kurz; unsere pferd' auch sollen mir heut' an der krippe voll hafers schwelgen, und unsere küh' ungedroschener garben sich weidlich sättigen. Voss
Luise 1, 595; aber nachdem wir der kost uns gesättiget und des getränkes.
Od. 9, 87.
mit besonderer beziehung auf das stillen des durstes: das er (
der herr) settiget die dürstige seele, und füllet die hungerige seele mit gutem.
ps. 107, 9.
daher auch sadeghen
inebriare bei Dief.-Wülcker 830. 22)
in freierem gebrauche, ein verlangen, eine leidenschaft befriedigen: die so grossen herren lieb und angenehm sind, die sättigen ihre miszgunst durch den schein, als wolten sie andern helffen. Schuppius 561; ich habe aber diese (
die epistola ad Laodicenses) keines wegs für canonische schrifft auszgegeben, sondern habe damit (
indem ich sie herausgab) sättigen wollen die curiosität junger gelahrter leute. 627; es gibts die vernunfft, dasz ein armer, der auch seine affecten oder gemüthsbewegungen und lüste hat, wenn er selbige mit billigkeit nicht steuren kan, beschmitzet und sie mit lastern sättiget. Olearius
pers. rosenth. 88
a (7, 20); ein könig .. der durch einen wink seine wollust sättigt. Klinger 2, 371; wenn dir am anschauen solcher dinge genug ist, so will ich deine neugierde sättigen. Göthe 34, 186; ha, verfluchte! ich will meinen hasz an eurem untergang sättigen, die ganze brut .. will ich meiner brennenden rache opfern. Schiller
kabale u. liebe 2, 6; der neid des schicksals ist gesättigt.
Wallenst. tod 5, 4; prinzessin, sättigt eure wuth.
Turandot 4, 1.
in ähnlichem sinne auch sich an etwas sättigen: schweret er nun, so verschweret er seine seele, und du bringest dich mit in das verderben, der du dich an seinem todte hast sättigen wollen. Schuppius 622. 33) jemanden sättigen mit etwas
oder eines dinges,
ihm genug von etwas geben: ich wil jn settigen mit langem leben, und wil jm zeigen mein heil.
ps. 91, 16;
danach er sättige sie mit langem leben, und zeige ihr sein heyl. Schuppius 3; wenn er gleich hundert kinder zeugete, und hette so langes leben, das er viel jar uberlebete, und seine seele settiget sich des guts nicht.
pred. Sal. 6, 3; so muosz uns gott die augen zuothuon, mit lugen settigen, und krefftig irrthumb schicken. Franck
weltb. 119
b; mit dem churfürsten schieden auch die anderen protestantischen fürsten (
von Augsburg). Luther ruft ihnen nach: 'ihr habt übrig genug gethan .. ihr .. habt viel schmach geduldig ertragen, seid mit schande und lästerungen gesättigt worden und habt nicht böses mit bösem vergolten.'
hann. mag. (1846) 168
a. mit freude sättigen
u. ä.: die mögen ir mit freud oder leid sättigen. Corbach
Livius 79; er weinte noch nicht, aber auf der warte da wollt' er sich sättigen und tränken mit reichlichem schmerz. J. Paul
Hesp. 2, 103; ach ihr freuden der erde alle, ihr sättigt die brust blos mit seufzern und das auge mit wasser.
uns. loge 2, 55; lieber gott, der du alles, was lebt, mit freud' und erquickung sättigest. Voss 1, 12 (
Luise 1, 46). gesättigt von
oder mit etwas: unwissenheit ist besser ... als schnell wahrheiten, die andre leute einsehn, durchs auswendiglernen ins gedächtnisz bringen, und mit worten gesättigt, den freyen aufmerksamen und forschenden beobachtungsgeist seines eignen kopfs verlieren. Pestalozzi 8, 62; man könnte den character desselben (
des gedichts) als düster, ja finster ansprechen, glühend, rachlustig und von rache gesättigt. Göthe 6, 11.
im bilde: ich hab' zu nacht gegessen mit gespenstern, und voll gesättigt bin ich von entsetzen. Schiller
Macb. 5, 5. 44)
daher auch '
befriedigen, zufrieden stellen'. ich bin gesättigt,
bin zufrieden, habe genug: ich stand, und ... sah sein trunknes aug durch die versammlung fliegen, in wollust brechen — prinz — und dieses aug sprach laut: ich bin gesättigt! Schiller
don Carlos 1, 1.
dann auch '
ich will nicht mehr': der Grieche macht sich so viel vom Aegypter, der Römer vom Griechen zu eigen, als er für sich braucht: er ist gesättigt; das übrige fällt zu boden und er strebt's nicht
an. Herder
zur phil. u. gesch. 3, 73. gesättigt sein, sich sättigen lassen an
oder mit etwas,
in der ältern sprache auch eines dinges,
damit zufrieden sein, sich daran begnügen, es dabei bewenden lassen: (
er sei der zuversicht,) kai. mt. werd diser meiner gutwilligen antwort gnediglich gesetiget sein. Joachim v. Brandenburg
an Kasimir, nov. 1517 (
Berlin, geh. staatsarchiv); noch wolt die sonn an solchem allbereit errungenen sig nicht gesettigt pleiben, sondern den noch ehrlicher unnd augenscheinlicher zuerhalten, hielt sie mit den hitzstichen ...
an. Fischart
ehez. A 7
b; dasz der beklagte an dieser gewaltthat durchausz nicht gesättiget gewest. Ayrer
proc. 1, 4 (1600
s. 70); wann er aber berichtet, dasz er vorbemeldtes buch .. gelesen, und damit zufrieden, sollen die consistoriales sich an solchem blosen bekenntnisse nicht sättigen lassen, sondern .. das examen mit ihm fürnehmen.
corpus constit. Brandenb. Culmb. 1, 271 (
examen der kirchendiener); damit auch künftig durch dieselben (
richter) beide parteien sich an dem rechtsspruch ohne weiterung sättigen zu lassen, angehalten und gewiesen werden mögten. Glaser
chron. Henneberg. (1755) 160. mit etwas: mit diser verantwurtung was der edelman gesettiget und muost dem maler gewunnen geben. Wickram
rollwagenb. 173, 23
Kurz; damit widerpart gesettiget nicht, viel newer gesetz er einher flicht. Luther 1, 393
a.
auch von der versöhnung zweier streitenden parteien, sich sättigen lassen,
acquiescere: und hiemit haben sich beyde partheyen aller gebrechen, so sich zwischen ihnen .. zweyspaltigen gehalten .. in der gute und freundschafft scheiden und settigen lassen.
quelle bei Haltaus 1591. 55)
das part. gesättigt
steht vielfach als adjectiv; vgl. satt 5.
so 5@aa)
in der chemie als term. techn.: eine gesättigte lösung,
d. h. eine flüssigkeit, welche soviel von einem festen körper oder einem gase aufgenommen hat, als sie zu lösen vermag; heisz
oder kalt gesättigte lösung.
auch in verbaler fügung: wasser mit salz sättigen
u. ähnl. Adelung.
vgl. sättigung 4. 5@bb)
von der farbe, eigentlich eine farbe, die soviel von dem farbstoffe enthält, als die flüssigkeit aufzunehmen vermag, daher '
intensiv, tief, dunkel' (
vgl.satt 5): daher sind diese gemählde von vorzüglich blühendem farbenton, heiter, aber zugleich kräftig und gesättigt. Göthe 12, 139; man kann wohl behaupten, dasz eine tapete von einem ganz reinen gesättigten blauroth eine art von unerträglicher gegenwart seyn müsse. 52, 319; so gibt es ein sehr gesättigtes, lauchfarbes grü
n. 53, 45; so dasz die sinkende sonne in ihrem abendlich gesättigten roth aus dem spiegel des gewundenen flusses mit dem scheine mannigfaltiger inseln blickte. Arnim
kronenw. 1, 303.
auch von dem gefärbten gegenstande: als er darin ... einen mit mondsilber gesättigten wasserbogen in zurückweichenden erbleichungen millionenmal aufgewölbt .. erblickte. J. Paul
Hesp. 3, 234. 5@cc)
ebenso vom tone: ein gesättigter klang; gesättigter wohllaut. 5@dd)
auch sonst in mannigfachen, besonders ethischen beziehungen, in dem sinne '
vollkommen, ganz, und zugleich intensiv': meine ganze natur fühlt sich mit einer gesättigten heiterkeit. Lavater
aussichten 1, 303; gönne dem knaben zu spielen, in wilder begierde zu toben, nur die gesättigte kraft kehret zur anmuth zurück. Schiller 11, 195.