Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
LISE
I. sammele mit sondernder auswahl.
A. irgend etwas.
a. mit beigesetztem oder verstandenem accusative. ich lise birn Parz. 80,1. ich lise bluomen Walth. 39,10. schône ein wise getouwet was, dâ mir mîn geselle zeinem kranze las (sc. bluomen) MS. 2,75. a.
b. mit anfügung vermittelst einer präposition. sîne sicherheit er an sich las. doch læse ich samfter süeʒe birn der könig nahm von dem besiegten gegner sicherheit (fîanze) an Parz. 79,30. (die zwei folgenden zeilen sind ein in Wolfram's weise beigegebenes späßchen). durch daʒ er tugent an sich las Lanz. 1585. Josaphât an sich dô las swaʒ im hie vor gesaget was erinnerte sich an Barl. 96,23. Troilus geschuof daʒ maneger an sich las sîn herze und sîn gemüete wider, daʒ in gevallen was dernider von zegelîcher vorhte troj. 140. b. hie von hete er an sich gelesen daʒ der vreude nâhe lac Pass. 368,94. der untugende die mich hete an sich gelesen das. 371,64. die stolzen helt er an sich las Suchenw. 3,88. — dâ ich mit ougen selbe sach die tugende der man von im jach und alleʒ in min herze las alles in erwägung zog Trist. 1033. swaʒ lo belîches an im was in sînen muot er dicke las oft erwog er daʒ niht in dirre welte was wan daʒ geschephe de was genant von eines schephæres hant Barl. 54,35. (in der besten handschr. — der des freyh. v. Laßberg — steht zwar 'in sînem muot'; es scheint aber, daß der schreiber durch das unmittelbar folgende m verführt wurde). der selten in sîn herze las edeln unde reinen muot dem edle gesinnung fremd war Silv. 226. meintætic; wand er las in sînes edeln herzen muot er war sich bewust daʒ er sîn marterlîcheʒ bluot vergoʒʒen hât durch Jesum Crist: daʒ wirt dir kunt in kurzer vrist das. 383. mîn jâmer in dîn herze lis nimm ihn dir zu herzen Engelh. 5774. der künic zwîvel mit genuht in sîn herze hete gelesen das. 4601. sîn gülte zôch er unde las gar unde gar in sîne pflege das. 1624. — er las zesamne mit der hant mies Iw. 207. Tristan hieʒ ûʒ dem hove lesen auswählen des küneges heimlîchære Trist. 8588. — und er si dô ze herzen las beide sa ment gemeine Engelh. 1644 u. anm. der ir ze herzen læse vil hôhen und vil wîsen rât das. 5924. vgl. troj. 32. c. 39. c. 83. c. 108. c. Conr. Al. 398. daʒ er die herte zuo im las Maßm. Al. s. 72. b.
c. mit adverbialpräpos. er gebôt sinen jungeren daʒ sie die âlaibe ûf læren das übrig gebliebene auflasen Roth pred. 42. er stach manegen ûf daʒ gras und enruohte wer in ûf las Lanz. 3122. dô wart daʒ alleʒ ûʒ gelesen daʒ des hêrren mohte wesen Judith 179,7. den keiser man dô ûʒ las und hieʒ in durch ein êre alsus mit zûnamen Augustus Pass. 162, 53.
d. mit adverbien. nu daʒ der hêrre Riwalîn wol und nâch grôʒen êren sîn wol driu jâr ritter was gewesen und hete wol hin heim gelesen sich erworben hatte ganzlîch kunst ze ritterschaft, ze urliuge vollîche kraft Trist. 336. diu müede sunne het ir liehten blic hinz ir gelesen zurück gezogen Parz. 32,25. dô lâren sine jungere zesamene der âlaibe Roths d. pred. 43. daʒ si die âlaibe zesamne læren das. 44. daʒ næme ich vür den cranz, den ir zesamene hânt gelesen von manger hande bluot MS. 2, 208. b. vgl. ich gelise.
B. in genauer beschränktem sinne bezeichnet ich lise
a. in einer noch jetzt gewöhnlichen bedeutung die dem weben voran gehende arbeit, vermöge welcher die garnfaden geordnet werden. s. Frisch 1,608. die lâsen, dise wunden Iw. 228.
b. ich lege in falten. dâ ramph sich sîn swarte, sîn stirne sich zusamne las Herb. 421. vgl. ich gelise.
C. endlich ist wahrscheinlich aus der ursprünglichen allgemeinern bedeutung des wortes auch die besondere zu entwickeln, nach welcher lesen heißt buchstaben zu wörtern, worte zu klarer rede an einander reihen und verbinden. diese vermutung wird um so weniger befremden, wenn man sich erinnert daß in der früheren gestalt der schrift die einzelnen wörter weit weniger getrennt wurden als heut zu tage, und mithin lesen keine so leichte sache war. — wie wenig verbreitet unter männern höheren standes die kunst des lesens war ergibt sich unter anderm aus dem was uns Ulrich von Liechtenstein in seinem frauendienste s. 60. sagt 'mîn schrîber bî mir niht enwas, der mir mîn heinlîch brieve las und ouch mîn heimlîch ofte schreip. dâ von daʒ büechelîn beleip ungelesen zehen tage' — ein büchlein, in welchem er etwas von der hand seiner gebieterin zu finden hoffte, und welches er jene zehn tage, tag u. nacht in seinem busen trug. — bei den frauen war lesen so wie schreiben eine weniger seltene kunst. — daß auch in dieser bedeutung des wortes lesen der plural im präteritum fruher lâren lautete, zeigt kchron. 2. b. 54. b. — hier verdient besonders hervorgehoben zu werden:
1. ich lise ist nicht selten vollkommen gleichbedeutend mit unserem 'ich sage, erzähle und ähnlichen wörtern', und darf daher durchaus nicht durch 'lesen' übersetzt werden, und zwar liset eben so wohl der lehrer, der erzählende dichter, der plauderer auf der straße etc. als das buch. vgl. Wackernagel handb. d. d. lit. s. 148. 157. 199. verbunden wird das in diesem sinne gebrauchte wort
a. mit dem accusativ oder einer in indirecter rede stehenden ergänzung. ein meister las sprach, troum unde spiegelglas daʒ si zem winde bî der stæte sîn gezalt Walth. 122, 22. (Sollte Wolfram, der im anfange des Parzivals ähnliches sagt, der meister sein? — Walther für den verfasser des liedes anzunehmen, hat alles gegen sich). sô wirt des mæres vil gelesen so heißt es allenthalben 'wære Tristan hie gewesen, uns enwære niht ze dirre frist sô misselungen als eʒ ist Trist. 12125. diu ê, als Moyses si las die zehen gebote, wie Moses sie verkündete Barl. 57,21 (descendit Moyses ad populum et omnia narravit eis Exod. 19,25. vocavit Moyses omnem Israelem et dixit ad eum Deuter. 5,1). ein durchæhter der cristenheit, swâ man si las des christlichen glaubens, wo man diesen predigte Barl. 77,40.
b. mit accusat. und dative. dô got mensche durch uns was und uns des vaters lêre las als er uns des vaters lehre vortrug Barl. 85,10. 227, 2. do begund er im lesen sagen und tet im von êrste bekant, wie got das. 179,40. eʒ ist wâr daʒ ich lise sage Helmbr.
c. mit der präposition von. diu sîte, von der ich iu nû dâ las die ich euch so eben beschrieben habe Er. 7304. ich weiʒ wol, ir ist vil gewesen die von Tristande hânt gelesen; und ist ir doch niht vil gewesen die von ihm rehte haben gelesen berichtet. si sprâchen wol... aber als ich gesprochen hân daʒ si niht rehte haben gelesen daʒ ist, als ich iu sage, gewesen: si sprâchen in der rihte niht als Thomas von Britanje giht Trist. 131 — 150. — lesen, sprechen, jehen sind hier vollkommen synonym.
d. mit adverbialpräpos. dô dîn zunge mir vor las, wie Barl. 227,2. — daʒ buoch liset einem. nu hœret wie uns daʒ buoch las erzählte Dietr. 30. a. daʒ buoch liset von einem, wie daʒ buoch von im las das. 22. b. aus demselben gedichte lassen sich auch noch z. 6307. 6626 als beispiele der redensart 'daʒ buoch list' anführen; zu bemerken ist jedoch, daß in der bessern Riedegger hs. z. 6307 und an den buochen lesen, z. 6626 man an dem buoche las lautet. als uns ein büechlîn hât gelesen M. Al. s. 72. b.
2. ich lise wird im mhd. ungefähr in dem selben sinne gebraucht wie noch jetzt. verbunden wird das so gebrauchte wort
a. mit dem accusative oder einer in indirecter rede beigefügten ergänzung. die buochstaben sie lâren lasen kchr. 2. b. er las diz selbe mære, wie ein herre wære a. Heinr. 29. ein rede sagen hœren, oder lesen das. 23. swâ man hœret, oder list Trist. 177. swâ man noch hœret lesen das. 230. eʒ dûhte si guot swaʒ si las, wande si ir beider tohter was Iw. 237. des lis ich hie den wâren brief (sprichwörtlich, wie öfters, wenn mit brief verbunden, und nicht in dem eigentlichen sinne der heutigen sprache zu nehmen) davon sehe ich hier den klaren beweis Parz. 85,22. als ich eʒ las Trist. 244. wir lesen ir leben das. 235. schrîben unde lesen das. 8627. ich las die lieben boteschaft Amur 1601. der klôsen regel lesen Suchenw. 22, 54.
b. mit accusativ und dativ. ein niuwen brief si ir dô las, waʒ aber ir rede solte sîn sie gab ihr neue vorschriften Trist. 14158. in weiʒ waʒ brieves er ir las MS. 2,208. b. — zu vgl. das in Schmeller's bayer. wb. 2, s. 499 angeführte 'das ist ein anders lesen' das ist was anders — der mir mîn heinlîch brieve las frauend. 61,2. den brief man uns lesen sol Mai 143,14.
c. mit anfügung vermittelst einer präposition.vgl. Gr. 4, 733. 852. als her an dem buoche las En. 13262. an den buochen L. Alex. 2846. 3400 W. der eʒ an den buochen las Iw. 10. brievebuoch en franzoys ich weiʒ wol: solch kunst ist mir niht diu blibene: dâ læse ich an swaʒ dâ geschriben wære W. Tit. 164, 3. der an britûnschen buochen las aller der lantherren leben Trist. 152. derʒ an den âventiuren las das. 327. si lesent an Tristande (dem buche Tristan) das. 8605. alsô man an der geste list das. 8946. dô dirre brief ze hove kam, diu vil liebe las dar an waʒ dar an geschriben was Amur 1222. 1525. — schiere sie dar inne (im Abacuc) lâren kchr. 54. b. in den buochen hân ich gelesen L. Alex. las inme gestirne Parz. 454,22. dar nâch las er von lêgibus, er las die über das recht geschriebenen bücher und daʒ kint wart alsus in dem selben liste ein edel lêgiste: diu kunst sprichet von der ê Greg. 1021. über das verhältnis der erdfläche zur mondfläche will Berthold nicht urtheilen: daʒ lâʒe wir hin zuo den meistern, die dâ von lesen, die der astronomie kundig sind Bert. 300. bei einer totalen sonnenfinsternis wânden die ungelêrten liute, diu werlt wolte zergên: des habent die meister wol experimente, die von den sternen [dô] lesent, daʒ des nu niemen vorhten darf das.
d. mit adverbialpräpos. dâ ûʒ stuont âventiur geschriben an der strangen: sol ich die niht zende ûʒ lesen, mir ist unmær mîn lant ze Katelangen W. Tit. 165,2. — gelesen, das particip kann eben so wohl dem einfachen ich lise als dem zusammengesetztem ich gelise angehören; man vgl. daher das letztere. eʒ ist in sêre guot gelesen wenn sie es lesen Trist. 172.