gröblich,
adv. und adj.; ursprünglich reine adverbialbildung zu grob,
doch nicht für alle bedeutungsrichtungen des adj. gleichmäszig entwickelt. 11)
nur für die beiden am reichsten entfalteten gebrauchsweisen bleibt gröblich
bis in die jüngste zeit in parallele zum grundwort. 1@aa)
entsprechend grob B 2 a, b
als quantitätsbegriff, aber gewöhnlich neben verben ungünstiger sinnesrichtung, '
stark, heftig, schwer'
: so macht sich die grundbedeutung '
rauh' (
s.grob A)
geltend: (
das pferd) fiel also gröblich, dasz der hertzog darunter kam und beyde sturben
buch d. liebe (1587) 338
a; welche .. gröblich sich verwundet befunden Prätorius
Blockesberges verricht. (1668) 429;
gern von gewissen affecten: do erschrac vil grobeliche der gute man Pafuncius
väterb. 5222
Reissenberger; alle die, die gröblich betrübet und geengstiget werden Agricola 750
sprichw. (1534) o 7
b; warumb ich mich nicht unbillich gröblich erzürne Ayrer
hist. processus juris (1600) 368; ihr solt euch alle gröblich schämen
Reinicke fuchs (1650) 147;
im älteren nhd. mit gröszter häufigkeit neben begriffen wie: sündigen sie gröblich gegen das ander gebot
theatr. diabol. (1569) 138
b; (
personen) so gröblich unrecht hetten thon H. Sachs 1, 133
Keller; das ich well mit unrechte fidem katholicam gröblich perawben U. Füetrer
Merlin str. 5; weil es den evangelischen gleichsamb mitten im schosse lag und dieselbe gröblich incommodirte Chemnitz
schwed. krieg 2, 190; sehr gröblich hat dieser das kloster geschädigt G. Freytag 9, 63;
stereotyp auch: ich will .. der .. groben welt yetzt verschonen, die gleichwol gröblich verfürt ist Nas
antipap. eins u. hundert 2,
vorr. 4
a; der .. mann, der sich so gröblich von seinen leidenschaften verleiten läszt Gerstenberg
recens. 90
lit. denkm.; ward mein weiberherz gröblich bestrickt von seinen honigworten
Shakespeare 9, 140;
jünger scheinen die heute vielgebrauchten wendungen: geseze und proceszform gröblich verlezen v. Haller
restaur. d. staatswissensch. 2, 242; wollte ich nicht bei der ... nachbarschaft auf das gröblichste anstoszen Hauff 3, 267; die unhöflichen .. sitten mancher junger galane, die uns so gröblich zu beleidigen pflegen Gottsched
vernünft. tadler. 1, 234;
aus dem adverbialen gebrauch erwächst gelegentlich ein adjectivischer, der aber selten bleibt: gröbliche uberfahrung solcher zuchtigunge
M. Beuther v. Carlstat
praxis rer. crim. (1565) 252
a; daran theten sie ihme gröbliche gewalt und unrecht Ayrer
hist. proc. juris (1601) 526; das unglück eines jeden zu erleichtern, der es nicht durch sein gröbliches verschulden verdient hatte Heinse 3, 119
Schüddekopf; sehr viel beschränkter und wesentlich älterer sprache zugehörig ist der rein quantitative gebrauch, ohne den beisinn des schweren oder schlimmen; in mhd. zeit auf md. boden nicht selten '
in groszer menge': er gap sô grobelîche, daz die kargen des verdrôz Ebern. v. Erfurt 684,
ähnlich 3519; in wuohs grobelîchen zuo
livl. chron. 8382
Pf.; '
in hohem grade': (
er) began sich grobelich do vreun
pass. H. 87, 74; dy heren ertin en groblich
font. rer. bohem. 3, 16;
ähnlich bis ins nhd.: und schlafet denn der mensch vil dester tiefer und groblicher
sermones Thauleri (1508) 205
b; welch manszbild sie anblicken war, der het sie gröblich lieb und hold H. Sachs 2, 170
Keller; noch im heutigen schweiz. gröbelig vil geld Staub-Tobler 2, 690. 1@bb)
nicht minder häufig im anschlusz an grob D 5 '
handgreiflich, augenfällig, deutlich': aber weil sie noch nit witzig sein worden, musz ich mit groben kopfen groblich reden Luther 6, 302
W.; fur er omnes mus mans (
das gesetz) .. leyblich und gröblich treyben 18, 66; wir nemen (leyder) gröblich war des krysten glouben not Brant
narrensch. 94, 10
Z.; dann er sie gröblich erdappet mit merern männern, die ehe gebrochen Nas
antipap. eins u. hundert 2, g 4
a; welches .. möchte die schand der heyligen römischen kirchen gröblich entdecken Fischart
bienenk. (1588) 179
a;
so, als '
greifbar, plump',
von haus aus auch in der überaus häufigen verwendung neben irren, lügen
u. dgl.: wie gröblich sie sich auch irren Fischart 3, 73
Hauffen; o ir herrn und fürsten, das ir euch so gröblich lasset .. betriegen
reform. flugschr. 2, 100
Clemen; (
was mag gott meinen) das er den schwarmgeist so gröblich lest narren yn der schrift Luther 26, 427
Weim.; und noch in neuerer zeit: es ist nicht erlaubt, .. eine so neue geschichte so gröblich zu verfälschen Lessing 9, 279
M.; allein wie gröblich die ganze urkunde erdichtet ist Savigny
gesch. d. röm. rechts 1, 407;
aber schon frühzeitig ins quantitative übergehend und mit a
verrinnend: warumb leugstu so gröblich? Luther 18, 141
W.; wan weise leut narrn, so narrn sie gröblich Er. Alberus
widder Jörg Witzeln (1539) l 1
b; wo ich nicht gröblich irre, bin ich diese stunde so glückselig worden, dasz Bucholtz
Herkuliskus (1665) 33; am gröblichsten aber würde sich derselbe (
leser) irren, wenn Fichte 6, 44;
im älteren nhd. sehr häufig gröblich fehlen,
und zwar in allen verwendungsarten des verbums: Solon, in disem fehlst du gröblich H. Sachs 20, 239
Keller-Götze; sin anschlag doch so gröplich fält Brant
narrensch. 15, 27
Z.; wie gröblich aber fehlte er wider seines reiches gemeinen nutzen? Harsdörfer
teutscher secret. 1, 136; dasz er es mit unfleisz oder sonsten ausz büberey also gröblich versähe Kirchhof
wendunm. 1, 158
lit. ver.; jung: kein vernünftiger mensch .. wird mich so gröblich unrichtig verstehn K. Fr. Cramer
Neseggab 4, 584; aber sie (
nordische wörter) .. werden zum theil gröblich miszverstanden Scherer
kl. schr. 1, 719; die ansichten der geistig so hoch begabten, früher so gröblich unterschätzten Hottentotten Peschel
völkerk. (1874) 270;
als adject. recht selten: sehr gröbliche lügen er auf uns erticht
Reinicke fuchs (1650) 371; verflucht die sinne, die so gröblichem betrug erliegen! H. v. Kleist 1, 307
E. Schmidt; zu glauben, solcherley gröbliche sophisterey werde nicht ... gleich beym ersten anblicke entdeckt Klopstock
gelehrtenrep. 282; Heynatz
antibarbar. 2, 77
polemisiert nicht ganz ohne grund gegen gröbliche irrthümer
allg. dtsche bibl. 25, 2, 508. 22)
in den anderen, selteneren gebrauchsweisen erscheint die bedeutung '
grob'
mehr oder minder abgeschwächt zu '
nicht ganz grob, etwas grob'
; freilich erst in jüngerer zeit; urspr. auch hier zunächst schlechthin adv. zu grob;
vgl. inepte, imperite, inscite, incomposite .. barbare, rustice, rusticatim gröblich, wie ein ungeschickter, grober, ungelerter
etc. Er. Alberus
dict. (1540) 17
b;
noch bei Stieler: gröblich
et gröbicht (
wohl fehler statt gröblicht,
doch s. o. gröbigkeit)
id quod grob:
asper, rudis, imperitus, incivilis, stammb. 706;
aber schon bei Kramer:
grossaretto, grossetto, grossettino, teutsch-ital. 1, 567
b. 2@aa)
am häufigsten noch im sinne von grob B 1 a: dise stuck soltu alle groblecht zerknitschen Ryff
confectbuch (1548) 135
b; gröblicht-zerstossenen pfeffer Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 214; gröblich zerkleinerte eichenrinde Muspratt
chemie 3, 1197; etwas gröblich klein stoszen, stampfen; gröblich gemahlner kaffee '
ein wenig grob' Campe;
entsprechend, aber sehr viel seltener, das adj.: sand ist ein klein zerschlagener ... stein, .. welcher kiesz .. geheissen wird, so er gröblich ist Comenius
janua iv
ling. (1644) 20; gröblichte kohlen Gruber
math. friedens- u. kriegsschul (1697) 631;
anders (
vgl.grob D): darum musz man .. setzen, dasz die feuertheilgen in etwas gröblicht .. seien J. Chr. Sturm
kurzer begriff d. physik (1713) 350. 2@bb)
weiterhin, entsprechend grob C 2,
mehr oder weniger entschieden als ausdruck schlechterer qualität: crasse compositum aliquid groblich, schlechtlich Frisius
dict. (1556) 341
a; gröbliches mehl, brot Campe; gröblich tuch, gröbliche leinwand
panno grossaretto, tela grossetta Kramer
teutsch-ital. 1, 567
b; obgleich er in gröbliches tuch gekleidet war W. Alexis
Shakespeare u. s. freunde 1, 19;
entsprechend grob E: welche ... die wasser nit recht fleissig, sonder schlecht groblich ... distillieren H. J. Wecker
von künstl. wassern (1571) a 2
a;
ebenso bei rein abstracter verwendung: von mangelnder feinheit, glätte, schärfe: etwas groblich und ungeschicktlich thun
pingui Minerva aliquid facere Henisch 1747;
verba duriter translata groblich, nit lieblich Frisius
dict. (1556) 455
a;
impolite unseuberlich, unzierlich, groblich, rauchlich 660
b;
vgl.daneben mehrere gröbliche hexameter Scheffel 2, 213; was der trivial, gröblich, kritiklos nennt, nenn ich humoristisch Fontane
familienbr. 1, 281;
etwas abstehend: man beschimpft seinen feind nicht gröblich, sondern man verleumdet ihn mit kunst Lessing 4, 390
M. 2@cc)
entsprechend grob F 5
von menschlicher gesittung; hier wird der intensitätsunterschied zwischen älterem '
grob'
und jüngerem '
etwas grob'
besonders fühlbar: rustice beuwrisch, groblich, ungeschicklich Frisius
dict. (1556) 1171
a; groblich baren und thun o. leben
rudere Diefenbach 502
c; so werft irs (
das fischhaupt) gröblich undern disch Scheit
Grob. v. 3542
ndr.; mit dem besonderen sinne von grob F 5 a: unanständige worte sind die niederträchtige, oft etwas gröbliches andeutende worte, die der pöbel braucht Leibniz
dtsche schr. 1, 477; '
ungezogen': frech, voll gröblicher wort' und gedanken Bürger 1, 197
a Bohtz; '
derb': 'der hat ja ein maul, wie eine laufende schuld!' sagte der kaplan, .. zu dem gröblichen volksausdrucke greifend G. Keller 3, 236;
Graziano. was? sind wir hahnrey, eh wirs noch verdient?
Porzia. sprecht nicht so gröblich
Shakespeare 4, 147; er hat sich einmal darüber ziemlich gröblich ausgedrückt Ranke
reform. gesch. 3, 212;
ebenfalls schwächer als grob: weil sie im verkehre gröblicher waren als diese (
die Franzosen) Laube 1, 3. 2@dd)
nach grob F 6 '
barsch, rauh, unfreundlich'
: aspere reuchlich, hertigklich, groblich Frisius
dict. (1556) 125
b; wie er ein mal viel anders hielt, das er jetzund so gröblich schilt Fischart
nachtrab v. 1236
Kurz; namentlich im jüngeren nhd. recht häufig, immer in der farbe und meist auch in der stärke der bedeutung von grob
unterschieden: (
der tod) packt einen gar zu gröblich mit seinen eiskalten klauen an Bräker 2, 157; und recensenten fiengen an, mich gröblich anzutasten Miller
ged. (1783) 69; sein werk verdient .. nicht, so gröblich behandelt zu werden Ayrenhoff 5, 176;
milder: er wird mein gebet nicht gröblich abweisen Scheffel 1, 134;
oft mit dem beisinn verletzter sitte, schicklichkeit: leute von rang können recht gröblich verfahren, wo sie nicht repräsentieren Iffland
theatr. werke 5, 281; seit er so gröblich in die gruft des groszen Frankenkaisers eindrang Scherer
lit. gesch. 59;
ähnliche unterschiede auch beim adj.: ein lied des Nicl. Manuel, das überaus gröblich ausgefallen ist Ranke
reform. gesch. 2, 199;
milder: er hat mir neulich einen ganz gröblichen brief geschrieben Görres
ges. br. 2, 248;
noch deutlicher abgeschwächt: du gröbliches liebchen G. Keller 5, 354. —