grinsenvb. AA.
form. das wort ist erst nhd. bezeugt und noch im 17.
jh. ziemlich selten; erst ende des 18.
jhs. in voller literarischer geltung; zu grunde liegt grinnen
stv. (
s. o.),
von den mit hülfe der ableitungssilben -sen (
aus -isôn)
und -zen (
aus -azzen, -ezen)
zwei selbständige, ursprünglich wohl auch nach der bedeutung geschiedene verba grinsen
und grinzen
gebildet wurden; wenigstens bevorzugt die bedeutung 2 '
weinen'
bis in die neuere ma. die z-
form. freilich greift schon im 17.
jh. grinzen
auf andere bedeutungen über (
s. u. 1. 3),
und dasz das nicht blosz orthographisch zu verstehen ist, beweist noch: wo die wüsten negerprinzen aus papiermanschetten grinzen L. Eichrodt
lyr. kehraus (1869) 1, 16;
noch zu anfang des 19.
jhs. steht grinzen (
für alle bedeutungen)
hinter grinsen
nicht weit zurück; erst in der 2.
hälfte des jhs. schriftsprachlich erloschen; mundartlich noch heute: grinzen Frischbier 2, 526; krintsən
neben grinsən Follmann
lothr. 217
a; krentsə
stellenweise im elsäss. Martin-Lienhart 1, 278
b.
das wort scheint von haus aus md., den obd. maa. heute noch grösztentheils fremd, ebenso anscheinend den meisten nd.; auch literarisch erst seit dem späteren 18.
jh. in Oberdeutschland sich ausbreitend. BB.
bedeutung. das vb. hat seine grundbedeutung von grinnen,
ist aber in seiner weiteren entwicklung sichtlich von dem vb. greinen
beeinfluszt, in dem das vb. grinnen
anscheinend untergegangen ist (
s. o. grinnen). B@11)
grundbedeutung ist '
knirschen'
: frendere grinsen Diefenbach 247
a; seind voll heuchelei, verbeissen ihr murmeln, grintzen mit den zähnen wie die juden Abelin
hist. antipodum (1631) 113; ballte die fäuste und grinste mit den zähnen Alexis
Rol. v. Berlin (1840) 2, 164;
sodann '
die zähne fletschen'
und '
murren, knurren'
u. ä. (
wie bei greinen,
s. sp. 58),
ohne dasz sich diese beiden bedeutungen in jedem fall sondern lieszen; zunächst von thieren: schäumend grinzte sie (
die hyäne) die zähne Pfeffel
poet. versuche 5, 91; er ... rennt im grimme bäume über den grinsenden tieger maler Müller 1, 23; während dem essen ... grinsten sie (
die hunde) wieder und liessen ein schwaches murren hören Stifter
sämtl. werke 3, 329; de swine myt ereme grinsende unde pustende Schiller-Lübben 6, 144
aus Korner;
seltener auf personen übertragen: doch, fordert sie ein kleid? so fängt er an zu grinsen, als wie ein junger wolf, der auf die lämmer laurt Neukirch
ged. (1744) 202; wenn er dagegen nicht schimpfen mag, so grinst er dagegen Göthe 49, 264
Weim.; der verzweifelnde held .. mit dem tyrannischen fürsten rad an rad geflochten, grinsend, zähne fletschend Steffens
was ich erlebte 4, 99;
noch in moderner ma. knirschen, knurren, verdrieszlich sein Follmann
lothr. 217
a;
gelegentlich bildlich: Antonios feder grinzte auf dem papier Aug. Lewald
reisen 2, 280. B@22) '
das gesicht im schmerz verziehen' Weinhold
schles. 30;
daraus flieszt die bedeutung '
weinen',
die (
anders als bei greinen)
nur im thür. sächs. voll entwickelt scheint: grinsen
idem quod greinen,
collachrymari, plorare Stieler 701; grinze sie, wie sie will; mein herz ist wie speck und nimmt keine weiberthränen an Chr.
F. Weisze
kom. op. (1778) 3, 25;
vgl. 3, 36. 38; ich grinze auch nicht wie du und krieche nicht beständig hinter die liebe mutter Rabener
sämtl. werke 6, 50; grinsen, grinzen
weinen Bruns
volkswörterb. d. prov. Sachsen 26
b; grinsn Göpfert
sächs. Erzgeb. 44; grinsen Hertel
thür. 110; 'die grinst
heiszt es allgemein auch in theilnehmendem sinne von einer weinenden' Müller-Fraureuth 1, 442;
weinerlich reden, über kleinigkeiten wehklagen Albrecht
leipz. 126
a;
auch im lothr. als '
weinen': er hat et krinzen un lachen in änem sack Follmann 217
a. B@33)
verbreiteter als ausdruck des entgegengesetzten affects: das gesicht zum lächeln verziehen; die grundbedeutung bleibt auch hier erkennbar, insofern grinsen
vielfach ein bösartiges lächeln bezeichnet: heimtückisch lachen Heynatz
antibarb. 2, 76;
hämisch, unangenehm lächeln Brendicke
Berliner wortsch. 130
a;
schadenfroh oder höhnisch lächeln Wöste 85
a; ihr lächeln wie das grinzen eines schadenfrohen menschen Knigge
roman m. leb. 3, 23; das hämische lachen (grinsen) ist feindselig Kant 10, 292; unabweisliche schmach, die uns ihr höhnisch lächelndes antlitz mit tückischem grinsen zukehrt Holtei
erz. schr. 24, 227;
überhaupt von unangenehmem lächeln: Alonso sah von seinem golde mit einem schielenden blick und einem grinsenden lächeln auf Tieck
schr. 19, 480; sie (
die helfershelfer) stehen in breiter schaar lächelnd oder grinsend beim usurpator Laube
ges. schr. 4, 217;
doch konnte diese specifische bedeutung verblassen zu '
thöricht lächeln'
: risu inepto res ineptior nulla est es ist nichts häszlichers, als wenn einer immer geht und grintzt Corvinus
fons latin. (1646) 710; auch ihres tänzers schämte sie sich, der in einem fort grinste Ebner - Eschenbach 6, 22; sie grinsten verlegen und stieszen sich an Viebig
schlaf. heer 100;
schlieszlich auch, ohne scheltenden nebensinn, von einem breiten, das gesicht stark verziehenden lächeln: war aber einer unter den guoten schluckern, der het ein sonderliche arth, wann er grinsen, auf polnisch lachen wolt Lindener
katzipori 141
lit. ver.; der immer vergnügt grinsende riese war ... ein anblick für götter v.
d. Steinen
naturvölker Zentralbrasiliens 452; der alte grinste über das ganze gesicht vor stolz und freude Polenz
Grabenhäger 1, 70;
wie lachen (
s. th. 6, 24)
auch mit dem acc. des inneren objects, doch mehr poetisch: es grinzte der tod ein scheuszliches lächeln Zachariä
poet. schr. 6, 203; der magister grinzte ein triumphierendes lächeln C.
F. Bahrdt
pastor Rindvigius 1, 152;
oder mit äuszerem object: wenn er beifall grinzte Voss
nach Sanders;
diese bedeutungsentwicklung läuft der gleichen bei dem nd. verbum grienen (
s. greinen II)
parallel und hat sich deutlich an ihr gestützt; dies grinsen
bleibt deshalb auch dem obd. ziemlich fremd. B@44)
der allgemeinste und entwickeltste gebrauch, auch obd. voll entfaltet, entfernt sich insofern am weitesten von der grundbedeutung, als das wort die function als ausdruck eines affects eingebüszt hat; das gewicht liegt nunmehr auf dem widrigen, erschreckenden, grausigen eindruck, den die verzerrung der gesichtszüge hervorruft: ich fühle mich aufgelegt, die ganze natur in ein grinsendes scheusaal zu zerkrazen Schiller 3, 151
G.; mich schreckten die grinsenden larven der ungeheuer E. Th. A. Hoffmann 1, 15
Grisebach; ähnlich in der oft gebrauchten wendung: aus seinem lachen wird ein grinsen Lavater
physiognom. fragm. 1, 94;
sehr häufig vom bilde des todes: ich nahm ihr den schleier, da grünzte, o weh! ein gräszlicher todtenkopf Kalchberg
ged. (1793) 28;
ab und zu mit object: schon steht ein macerirtes skelet und grinset hohläugig sein memento! Voss
antisymb. 2, 296; hölle grinste sein angesicht da Sonnenberg
nach Sanders;
gerade diese bedeutung neigt sehr zu bildlichem gebrauch: man sah über keiner geheiligten thür das niederträchtige wort 'honoratiorenstube' grinsend dummheit ... bescheinigen Raabe
leute a. d. walde 3, 191;
gern neben reinen abstractis wie: dicht hinter ihm grinst noch die grause gefahr G. Schwab 362; hier grinste die wahrheit von den kahlen wänden Raabe
Abu Telfan 2, 148;
namentlich in verbindung mit gewissen adverbien: wohin ich sehe, grinzt mir die verzweiflung entgegen Kotzebue
sämtl. dram. werke 3, 89; hinter den gebilden grinzte die verzweiflung hervor
M. Hartmann
wanderungen a. m. gefängnisse 74;
weitergehendes nur in poetischer sprache: es grinzten auch zeiten, ha, wo die welt wär untergegangen, wenn helden nicht waren Sonnenberg
Donatoa 1, 127;
hervorzuheben ist ein besonderer gebrauch des part. praes.; zunächst '
widrig verzerrt'
im eigentlichen sinne: sie kauerten nieder im grinsenden wahnwitz Droysen
Alexander 474;
aber vielfach unsinnlicher: mochte Marianel .. in fortwährender angst vor des barons angedrohten enthüllungen ... sich zur grinsendsten freundlichkeit für den hofmeister zwingen Holtei
erz. schr. 14, 85; die büchlinge und grinzenden höflichkeitsbezeugungen der menschen Schopenhauer 2, 115
Grisebach; anders: denn obgleich die kinder der armen nicht schlimmer und etwa boshafter sind als die reichen .., so haben sie doch manchmal äuszerliche grinsende derbheiten in ihren gebärden G. Keller 1, 91;
stereotyp sind auch verbindungen wie: den wiz zur grinsenden spottsucht erniedrigt Schubart
leben u. gesinn. 2, 159; das von den jungen leuten allerdings mit grinsendem hohne behandelte ... examen Lagarde
dtsch. schr. 273.