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grämlich

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

grämlich adj.;

Bd. 8, Sp. 1790
grämlich, adj.; mhd. (seit dem 12. jh.) gremlich, gremelich, auch ohne umlaut gramelich; noch Steinbach dt. wb. (1734) 1, 633 verzeichnet gramlich neben grämlich ebda 634, und auch die heutigen mundarten kennen gramlig Unger-Khull steir. 302a; gramlich (Pfalz) Klein provinzialwb. 1, 158; mit eindeutiger kürze grammlich Weinhold schles. 29a. zu rhein. grammelig, schwäb. grammelig (dies neben grämlich) s. unter 3grammeln. in der schreibung gremlich noch im 16. und frühen 17. jh., als grähmlich Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 160. als bildung ursprünglich zu gram, adj. (s. dazu unt. A), später auch, und vielleicht vorwiegend, zu gram, m. (s. dazu unt. B). vom 15. bis zur mitte des 18. jhs. ist das wort wenig bekannt, jedenfalls nicht mehr als seine konkurrenzbildungen grämig, grämisch, auch gramhaftig (s. überall dort), die es in jüngerem gebrauch indessen fast ganz verdrängt. das konkurrenzverhältnis der genannten wörter spiegelt sich in den wörterbüchern von Stieler bis Campe wider; es erscheinen gleichgeordnet und gleichbedeutend gramhaft, grämlich Stieler (1691) 704; grämig, grämlich, gramhafft M. Kramer 1 (1700) 555b (ebda als eigenes lemma grämisch mit der gleichen umschreibung cruccioso, dazu aber rammaricato cioè segretamente infenso); grämlich, grämisch, gramhafft Chr. Ludwig (1716) 804; gramhaft, grämlich Schwan (1783) 1, 783a; grämisch, grämlich Jagemann (1779) 539; schon bei Adelung versuch 2 (1775) 769, nach ihm bei Campe 2 (1808) 439b erscheinen grämlich als übergeordnet, grämig und gramhaft (unzutreffend) als obd. formen, grämisch als 'niederer sprechart' angehörig. die lexikalisch für grämlich und diese seine verwandten vorgenommene verweisung in niedere sprachschichten trifft mindestens für grämlich seit der zweiten hälfte des 18. jhs. nicht mehr zu.mhd. gremlich erscheint nicht sehr gefestigt, da es namentlich in den hss. des Nibelungenliedes und der klage, oft im austausch mit grimmiclich, grimm(e)lich, auch griwlich, grazlich u. ä. steht, vgl. dazu Jähnicke in: heldenbuch 1, 266, anm. zu Biterolf 6413; s. auch mhd. wb. 1, 575a; Lexer 1, 1077 f. AA. 'feindselig, zornig, grimmig', vom adj. gram her, mhd. häufig und älternhd. noch nachklingend; in verschiedenen nuancen, die aber im einzelfall leicht verflieszen; vgl. im gleichen bedeutungsbereich mnl. gramlijc, adv. gramlike Verwijs-Verdam 2, 2103. noch Stieler umschreibt grämlich mit invisus, exosus, invidiosus, stomachosus, iracundus stammb. (1691) 704 s. v. gramhaft, was mehr nach A als nach B weist. A@11) 'feindselig', auf gesinnung und verhalten bezogen: den vîanden was er (der kaiser) gremelich, den armen was er heimelich Rolandslied 697 Maurer; dar nach wirt im widersait gremlich von des westen her. kein dem zuhet er in wer sam eines sturmwetirs wint Daniel 7215 Hübner; Machabeus der prufte dasz wie Nicanoris (sein freund) was gelaz gremlicher vil dan da vor e, des misseduhte en (Maccabäus) ouch me wie daz er ez niht wol meinde buch d. Maccabäer 10 931 Helm (zu 2. Makk. 14, 26—31); alle di, die das volk Israhel ... in der volge des hazzes des vorgenanten Esauz echten adir gremelichen vorvolgeten Claus Cranc prophetenübers. 330 Zies. A@22) vor allem 'zornig, wütend, grimmig', besonders als bezeichnung eines affektiven zustands: in ist daz ellen tiure, die sô gremelîch wellen sîn (hs.: grimmelich) Hartmann v. Aue Erec 9061; den schilt vil balde zucte, daz tor er ûf swief: wie rehte gremlîchen er dô an Sîfriden lief Nibelungenlied 458, 4 L. (hs. B: grimmeclichen); dô was Wolfhart sô grämlîch, daz er sis niht wolt erlân, sin müesen iwer volk bestân die klage 1932 L.; antwort der münch mit gremlichen worten: was darffs der vermahnung? hette ich gerne arbeiten wöllen ..., wer ich wol bey meinem vatter blieben ... gieng also mit zorn hinweg Kirchhof wendunmuth 2, 132 Ö. A@33) daneben seltener in durativem sinne, 'grimm, grimmig' als wesens- und charaktermerkmal: der dritte der gesellen (des Siegfried) der ist sô gremlîch, unt doch mit schœnem lîbe, küneginne rîch, von swinden sînen blicken, der er sô vil getuot. er ist in sînen sinnen ich wæne grimme gemuot Nibelungenlied 394, 9 L. von tieren: ein dier vil spehe, ein dier vil gramelih (zu apokal. 13, 14) fundgruben 2, 122; si ersprancten mit ir schalle ein tier gremelich, einen beren wilden Nibelungenlied 887, 3 L. mundartlich nachklingend gremlek, gremelk 'böse, grimmig' (von hunden) Schambach Göttingen 68a. A@44) objektiviert in der beziehung auf sachbegriffe, vorgänge und handlungen, soviel wie 'schrecklich, hart, grausam, brutal': iu widerseit Liudegast unde Liudgêr, den ir dâ wîlen tâtet gremlîchiu sêr Nibelungenlied 823, 2 L.; si tâten an den liuten diu gremelîchen leit: vor in man ûf der strâze weder gie noch reit Ortnit 520, 3 (varr.: grimmigen, kreffticlichen u. a.); wie rehte gremlîche vil swerte drinne erklanc! ... si vâhten alsô grimme, daz manz nimmer mêr getuot (hs. B: grimmechlichen) Nibelungenlied 2149, 1 L.; die wurden als gremlich widerworfen, daz sú muosten swigen Seuse dt. schr. 68b Bihlm.; vberall sunde vnd schentzliche gremliche irthumb M. Risch paraphrasis d. evang. Joannis (1524) B 2b, vereinzelt soviel wie 'finster, häszlich': ein schöne fraw ein röszlein roht, schwartz und gremlich der bitter tod Kirchhof wendunmuth 2, 505 Ö. BB. im gesamten jüngeren gebrauch des wortes mit dem doppelten bedeutungskern 'unfreundlich' und 'unfroh' und um diesen kern herum reich nuanciert. das wort behauptet hier insofern eine mittelstellung, als es mit dem moment 'unfreundlich, mürrisch' als milderung von A erscheint und auf das adj. gram zurückweist, als 'unfroh, miszmutig' aber eine ins kleinliche gezogene, abschätzig gemeinte bedeutungsvariante des subst. gram in dessen jüngerer bedeutung 'kummer' darstellt und oft wohl von da her empfunden wird. unsichere anfänge der neuen bedeutungsrichtung liegen im 17. jh. (s. u. 1 a α; 3 a), erst nach der mitte des 18. jhs. tritt sie eindeutig auf, verdrängt aber schon um 1800 grämisch (s. d. 2) in seinem bereits im 16., 17. und frühen 18. jh. deutlich entwickelten gleichsinnigen gebrauch. B@11) in unmittelbarer persönlicher anwendung als bezeichnung einer wesenseigenschaft oder eines momentanen gemütszustandes. B@1@aa) als grundeigenschaft des charakters oder temperaments 'unfreundlich, mürrisch, unzugänglich, ungesellig, unzufrieden, engherzig, kleinlich, schwunglos' u. ä. B@1@a@aα) allgemein. der erste, zeitlich weit voraufliegende beleg nur hierher statt zu A, wenn er als tautologisches wortspiel aufgefaszt werden darf, s. dazu s. v. gämlich 2 d γ 'mürrisch': gemlich gremlich oder: die gemlichen sind die gremlichen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ff 2a. attributiv: man murrt über ihn, nennt ihn einen zankischen und grämlichen mann Miller pred. f. landvolk (1776) 1, 97; ihr grämliches stubenmädchen Kretschmann s. w. (1784) 5, 120; da muszte unser bester schauspieler ... ohne gnade zur landwehrübung fort, weil der grämliche oberst Stubenfrau lust hatte uns einen possen zu spielen Pückler-Muskau tutti-frutti (1834) 4, 71. substantiviert: nur grämlichen wirds ewig nirgends wohl Grillparzer s. w. 8, 34 Sauer. häufig prädikativ: (Hegel) ist jezt docent der philosophie, ein gründlicher philosophischer kopf, der ihnen (Humboldt) vielleicht auch als schriftsteller bekannt ist, aber sie wollen keinen metaphysiker, auch ist dieser etwas kränklich und grämlich (1803) Schiller br. 7, 64 Jonas; sonst so grimmig und so grämlich schien er heut verjüngt und munter Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 343. mit der nuance 'nörglerisch, mäkelnd': ich weisz nicht, ob ich wirklich nur so grämlich bin, wenn mir diese errungenschaft auch wieder nicht behagt? Steub wanderungen im bayr. gebirge (1862) 41. von einem kleinen kinde 'weinerlich': weil sie (die mutter) mit dem kinde nirgend hingewust, und für dasselbe keinen unterhalt gehabt, solches auch grämlich gewesen (habe sie es umgebracht) Strube rechtl. bedenken 4 (1772) 440; vgl. 442; 443; das kind ist so gramlich (Pfalz) Klein provinzialwb. 1, 158; grammelich, grämmelich, gremmelich von kindern, denen nichts recht ist, die bald dies, bald das begehren Fischer schwäb. 3, 787. der beisinn 'unfroh, trübselig' wird durch typische gegenüberstellung mit gegenteiligen begriffen unterstrichen: weil du so grämlich bist und einsam schmollst, beneidest du dem frohen jede lust Grillparzer s. w. 7, 9 Sauer; weszwegen sind wir, ob auch grämlich sonst, stets aufgeräumt beim holden maskenspiel, selbst wenn die rolle strenge mienen heischt? M. Greif ged. 5397. mundartlich auch mit moralischem akzent, soviel wie 'schlecht, erbärmlich': ën gràmlik stok (stück) wysse 'eine schlechte person' Jensen Wiedingharde 167. B@1@a@bβ) in der zuordnung zu bestimmten personen und besonderen berufen, hier vor allem mit dem beisinn 'pedantisch, engherzig, kleinlich': allein Ismene (als hexe auf dem Blocksberg) lachte nur des grämlichen pedanten (des satans) Hölty ged. 21 Halm; und wenn dann der grämliche präcepter für mein biszchen hinkendes latein lob mir winkte Seume ged. (1804) 24; bei jenem (beim stoiker) musz freilich die vernunft meistens die rolle eines grämlichen mentors spielen und unablässig auf entsagungen antragen Schopenhauer w. 2, 174 Gr. das typische eines volkscharakters kennzeichnend: und bei anmuthigen manieren von jener süddeutschen gutmüthigkeit und heiterkeit, die auf uns grämliche Nordländer so wohlthuend wirkt Pückler briefw. u. tageb. (1873) 2, 323; dort die grämlichen Engländer, die so verdrossen-emsig die kinnbacken bewegen Börne ges. schr. (1829) 5, 27. B@1@bb) als ein dauernder seelischer zustand und wesenszug, der aber nicht angeboren, sondern als ergebnis einer entwicklung erworben ist bzw. einer bestimmten lebensstufe charakteristisch zugehört; in ähnlicher nuancierung wie unter a. B@1@b@aα) formelhaft grämlich werden: überhaupt fühl ichs täglich, wie ich grämlicher, fühlloser, einsamer werde (1777) Sprickmann an Bürger in: br. 2, 20 Strodtmann; dasz er (Vosz) dabei zu zeiten erkrankte und litt, dasz er grämlich, schwer zu handhaben ... ward, hat ihm nur der ein recht übel zu nehmen, der im gleichen falle, bei gleichen verdiensten gefaszter blieb Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 62. als beiwort für einen typus wie unter a β: sonst wäre ich gewisz der grämlichste philister geworden Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 119; hierdurch ... war der meister ein etwas grämlicher formalist geworden, der, streng gegen seine gesellen, mit frau und kindern auch nicht freundlich that G. Keller ges. w. (1889) 2, 127. B@1@b@bβ) in typischer beziehung auf die lebensstufe des alters.-als grämlich werden wie unter α: man wird grämlich, wenn man alt wird, oder wenn liebe, oder auch oft, wenn freundschaft alt wird Lichtenberg verm. schr. (1844) 1, 198; und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grämlich Alexis ruhe (1852) 1, 115. auch sonst formelhaftem gebrauch nahe: diese letzte stelle musz ganz in dem charakter eines grämlichen alten gesetzt werden maler Müller w. (1811) 1, 325; die alte frau, der alte grämliche mann Eichendorff w. 2, 421 Dietze. als typisierendes beiwort für vertreter der älteren generation: aus der aufsicht einer grämlichen tante, in die arme ihres wunderthäters Thümmel reise i. d. mittern. prov. v. Frankr. (1791) 5, 352; dasz der wolf als grämlicher alter oheim, der fuchs als junger neffe auftritt Jac. Grimm Reinhart fuchs vorr. XXVI. ähnlich in der kennzeichnung für den ungeselligen hagestolz: die groszmutter regel geht ihm immer zur seite und der alte grämliche junggesell, anstand genannt E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Dtsch. (1845) 2, 353; der geheime obertribunalrath war ein grämlicher hagestolz Gutzkow ges. w. (1872) 2, 144. B@1@cc) als ein augenblicklicher gemütszustand, eine vorübergehende gestimmtheit im sinne von 'miszmutig, verdrieszlich, verdrossen, übellaunig'. die feinere nuancierung der bedeutung wird durch synonyme oder gegensinnige begriffe angedeutet: Goethe ist jetzt ziemlich wohl, nur sehr krittlich und grämlich Goethejahrb. (1880) 4, 330; noch am folgenden morgen aber war sie recht grämlich, bissig und unliebenswürdig W. Raabe schüdderump (1870) 1, 158. vom tier: das (säuge-)tier ist ... lustig oder grämlich (hat die fähigkeit zu beidem) Brehm tierl. 1, 21 P.-L. mundartlich grammelig 'nörgelnd, verdrieszlich' rhein. wb. 2, 1345; ähnlich gramlig Unger-Khull steir. 302a. mit stärkerem affektgehalt 'ärgerlich, böse', auf einen bestimmten auslösenden anlasz bezogen: am grämlichsten ward Rousseau, wenn man ihn um seine zeit brachte Sturz schr. (1779) 1, 135; ich habe keine zeit — der alte ist grämlich, dasz wir noch nicht fort sind Iffland dram. w. (1798) 3, 7. hier vereinzelt grämlich gegen jemd.: war doch je sie (die groszmutter) grämlich gegen diese brut (die enkel)? sind sie unbequemlich, ist sie wohlgemuth (1821) Göthe I 4, 260 W. gelegentlich kann sich der auf dem wort liegende abschätzige nebenton mehr oder minder zurückziehen, ohne dasz doch das wort, wie etwa gramvoll (s. d.), den rang des wortes gram erreichte: selbst Pilatus war (nach Jesu tode) unruhig, grämlich, und machte dem jüdischen rathe die bittersten vorwürfe Jung-Stilling s. schr. (1835) 2, 271; die britische kriegserklärung war ihm entscheidend in die glieder gefahren und stimmte ihn auszerordentlich grämlich Th. Mann Faustus (1948) 482. B@22) von der persönlichen anwendung aus in gleicher bedeutung auf abstrakte begriffe, geistige äuszerungen, seelische gegebenheiten und verhaltensweisen übertragen, attributiv und adverbial. B@2@aa) als beiwort neben gemüt, charakter u. ä. deutlich im sinne von 1 a: aber daran ist nicht mein grämlicher charakter ... schuld Löwen schr. (1765) 4, 222; mit frau Hedwig von Brandenburg, ... einer polnischen prinzessin von grämlichem gemüte W. Raabe s. w. I 3, 73 Klemm. auch charakterisierend für die sphäre des verstandes und der vernünftigkeit gegenüber derjenigen der emotionalen kräfte: aber es ist soviel gelebtes, sovieles sattes und grämlich hypochondrisches in dieser vernünftigkeit (bei Knebel) (1787) Schiller br. 1, 381 Jonas; der Tiecksche verstand ist ein honetter, nüchterner spieszbürger, der dem nützlichkeitssystem huldigt ... ich kann nicht umhin, zu bemerken, dass der Tiecksche verstand in seinen jüngsten novellen noch grämlicher geworden H. Heine s. w. 5, 289 Elster. B@2@bb) grämliches nachsinnen, grämlicher gedanke u. ä. in doppeltem sinne. 'einer grämlichen gemütsverfassung entspringend': glückliche bewohner dieses bezirks! ... euer froher sinn, eure genügsamkeit ... bewahrten selbst die bewohner des schlosses vor dem miszbehagen, dem miszmuth, dem grämlichen nachsinnen, nicht selten dem einzigen gewinn des verfeinerten theils der bewohner der erde Klinger w. (1809) 8, 7; sollte es auch vielleicht ein grämlicher gedanke Wilkens gewesen sein ('er hat das buch nun auch lange genug gehabt'), so musz man dergleichen seinen beständigen gichtschmerzen zu gute halten (1835) Lachmann an Jacob Grimm in: briefw. 2, 656 Leitzmann. daneben inhaltlich bestimmend im sinne von 'trübselig': wer wollte wohl solche grämlichen einbildungen beherbergen Bürger s. w. 299b Bohtz. vereinzelt auch hier, wie oben unter 1 c ende, ohne den beisinn des kleinlichen: mit so grämlichen gedanken, und so bittrer traurigkeit war ich jüngst beschäfftiget Brockes ird. vergnügen (1721) 8, 253. B@2@cc) in blosz verstärkender beziehung auf ein substantiv gleicher bedeutung: nachdem der grämliche verdrusz über die ungewöhnliche störung (die unterbrechung eines hinrichtungsaktes) einmal überwunden war G. Keller ges. w. (1889) 5, 245; Grillparzers ansichten über literatur, wenn auch manchmal von grämlichem miszmuth ... eingegeben, sind zumeist tief dringend und fein jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 5, 332. oder neben negativ betonten wörtern verwandter bedeutung: muthvoll biete ich nun allen niederschlagenden grämlichen sorgen die spitze J. v. Müller s. w. (1810) 4, 73; frau Bernhard Fuld sprach jedoch holdseligst mit dem baron, ohne sich im mindesten von der grämlichen kritik des schwagers stören zu lassen Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 3, 338. neben einem stark affekthaltigen begriff im psychologischen miszverhältnis und darum selten: sie ... lag ... im bann einer ... grämlichen entrüstung M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 5, 72. B@2@dd) in mehr sachlich-gegenständlicher beziehung. persönlichen bezug voraussetzend, besonders entsprechend 1 c: auch der beste fürst kann einen grämlichen augenblick haben J. Möser s. w. (1842) 3, 124; der grämliche, übrigens wol nur aus momentaner stimmung hervorgegangene empfang, den sie meiner nachricht von der vollendung 'des heiligen' zu theil werden lieszen (1879) C. F. Meyer an Haessel in: br. 2, 85. gemäsz 1 b β: von einer düsteren jugend in ein grämliches alter jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 3, 98. neben personifiziert gedachtem sachbegriff in bildlichem gebrauch: der alte grämliche winter sasz melancholisch mit seiner spitzen schneehaube auf den gipfel des gebirges Eichendorff s. w. (1864) 2, 334. selten in reiner sachbeziehung: die grämliche december-witterung (1869) Mörike an Karl Wolff in: dt. dichtung 11, 102b; wehe der grämlichen religion, die auf diesem (hier abgebildeten) gesichte ausgedrückt ist Lavater physiogn. fragm. (1775) 2, 282. geradezu im sinne von 'verdrusz bringend': da ... das arbeiten (wegen des hohen abgabezolls) grämlich war, so lieszen die leute dreschflegel und windmühle am liebsten liegen und stehen und gingen ins wirthshaus Rosegger schr. (1895) I 7, 64; vgl. mundartlich: es ist ihm grämlich gegangen er hat unglück gehabt Fischer schwäb. 3, 787. auch sonst mundartlich auf ein sachobjekt bezogen, im objektiven sinne von 'jämmerlich, erbärmlich': ën gràmlik wder, ën gràmlik tŷchnës (zeugnis) Jensen Wiedingharde 167; ähnlich adverbial hê sàch man gràmlik (kläglich) yt ebda. B@33) grämlich, mit gleichem bedeutungsgehalt wie unter 1 und 2, erscheint vielfach als ein am menschen sinnlich wahrnehmbares, an seinem aussehen oder verhalten greifbares, vornehmlich neben sachlichem substantiv oder in prädikativer oder adverbialer beziehung auf verben. B@3@aa) grämlich aussehen in fester formel. auffallend mit der nuance 'häszlich' in einem der beiden einzigen belege des 17. jhs.: Socrates, das licht der weisen, sah am leibe grähmlich aus Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 160. als 'miszmutig, trübe, unzufrieden' sowohl ein dauerndes, wie ein vorübergehendes, durch eine augenblicksstimmung veranlasztes aussehen bezeichnend: denn wenn er nicht steif und grämlich unter seinen hofleuten steht, so schlieszt er sich ein, und schnitzelt bilder, die noch steifer und grämlicher aussehen als er selbst Klinger s. philos. romane (o. j.) 6, 96; die muse sasz und spielte in ihrer grotte drinn, sah grämlich aus Schiller 1, 351 G.; vgl. 4, 283. mit schwächerem nebenton, soviel wie 'leidend': hab ich bisher nur den bauer gesehen, einen kränklich und grämlich aussehenden mann, der uns aus dem wege geht Carossa rumän. tageb. (1926) 40. B@3@bb) den gesichtsausdruck kennzeichnend, in geläufigen verbindungen; auch hier auf andauernde oder vorübergehende erscheinungen bezogen: harm und grämliches gesicht danken unserm geber nicht, aber freudenlieder Miller ged. (1783) 51; und warum empfangen die hirten die frohe botschaft mit so grämlichem gesicht (auf einem bilde)? Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 233; was soll zu ihr die gedrückte, grämliche mine, als ob die zu bibel und theologie, wie der bettelsack zum betteln gehöre? Herder 10, 278 S.; Melander lachte nicht, sondern seine miene wurde immer saurer und grämlicher Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 3, 419; ein grämlicher zug überflog sein gesicht Anzengruber ges. w. (1890) 3, 171; trotzdem hatte der Rotholzer eine schlaffe, kellerfarbene gesichtshaut mit vielen grämlichen falten O. M. Graf unruhe (1948) 22. von hier aus bildlich: es ist nämlich ein kleines verschobenes gebäude mit grämlich verzogenen fenstern H. Laube ges. schr. (1875) 8, 163. in übertragenem zusammenhang: wir möchten dem humor gegenüber, dem seltensten kinde der deutschen literatur, nicht gern ein grämliches gesicht aufstecken Haym ges. aufsätze (1903) 111. selten in der beziehung auf die gestalt eines menschen: er ... starrte gedankenlos in den winkel, wo die grämliche gestalt seines meisters ... hantierte Storm s. w. (1899) 3, 21. B@3@cc) grämlich etwas tun, sich grämlich verhalten: ein solches publikum ist durch keinen berühmten namen und keine ästhetische recension dahin zu bringen, ... dasz es grämlich und vornehm unzufrieden thue, wo es sich im grunde des herzens ergötzt Fouqué reiseerinn. (1823) 2, 218; vor dem ladentisch steht der alte commis ... er sieht mich etwas grämlich an Storm s. w. (1899) 1, 177. besonders neben verben des sagens, und hier auch vom akustischen aus: und ich bin auch nicht im stande, stimmte ich ihm grämlich bei, einen besuch anzunehmen J. Möser s. w. (1842) 2, 240; der atheist brummt grämlich und verwirrt: welch ein halloh um einen eierkuchen! Gaudy s. w. (1844) 2, 22; als Urban hinausgegangen war, sagte sie grämlich ... P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 115; sag mir lieber, was ich tun soll, knurrte er grämlich O. M. Graf unruhe (1948) 340. von diesen gebrauchsweisen her: ein kutscher mit besetztem rock und grämlicher geberde, sasz majestätisch auf dem bock, und lenkte stolz die pferde Hölty ged. 22 Halm. B@3@dd) gelegentlich neben persönlichem beziehungswort, wie unter 1, wobei aber grämlich nicht eigentlich die innere eigenschaft selbst meint, sondern ihre sichtbare auswirkung auf die äuszere erscheinung ihres trägers: ein langer, dürrer, grämlicher herr im grünen flauschrock Eichendorff s. w. (1864) 3, 40; der vorderste, etwas ernster und grämlicher, scheint eher dialektischen sinn zu haben (auf Mantegnas triumphzug die gruppe der gelehrten) Göthe I 49, 268 W. hierher: seh ich die furien fliehn? den neid mit zerbissener lippe, ... zwietracht mit zerrisznem gewande, die grämliche habsucht Herder 27, 251 S.
22210 Zeichen · 411 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Grämlich

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Grämlich , -er, -ste, adj. et adv. anhaltend mürrisch, üble Laune habend, und solche im äußern an den Tag legend, besond…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    grämlich

    Goethe-Wörterbuch

    grämlich a sorgenvoll, bekümmert, mißmutig, mürrisch (typisch bes für Alte u Kranke) [ Ram: ] Ihr habt das g-e Ansehn [ …

  3. modern
    Dialekt
    grämlich

    Mecklenburgisches Wb. · +2 Parallelbelege

    grämlich gramvoll, mürrisch: grämlig morosus Niem. Idiot. 10; trübe von der Witterung: dat süht so grämlich ut Wa; schum…

  4. Spezial
    grämlich

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    gräm|lich adj. 1 (verdrießlich) malcontënt (-nc, -a) 2 (missmutig, mürrisch) dala löna 3 da orëi crou, da fá ert.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit graemlich

2 Bildungen · 1 Erstglied · 0 Zweitglied · 1 Ableitungen

Ableitung von graemlich

gram + -lich

graemlich leitet sich vom Lemma gram ab mit Suffix -lich, mit Umlaut-Wechsel.

graemlich‑ als Erstglied (1 von 1)

grämlichkeit

DWB

graemlich·keit

grämlichkeit , f. 1 1) in ältester, aber isolierter bezeugung und kaum bis zur sprachläufigkeit vorgedrungen entsprechend grämlich A: gramha…

Ableitungen von graemlich (1 von 1)

Vergrämlichen

Campe

Х Vergrämlichen , v. trs . grämlich machen. »Sein obgleich verhärmtes und vergrämlichtes Gesicht.« C. D. Vergrämlichen. D. — ung .

Zitieren als…
APA
Cotta, M. (2026). „graemlich". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 9. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/graemlich/dwb?formid=G25271
MLA
Cotta, Marcel. „graemlich". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/graemlich/dwb?formid=G25271. Abgerufen 9. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „graemlich". lautwandel.de. Zugegriffen 9. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/graemlich/dwb?formid=G25271.
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@misc{lautwandel_graemlich_2026,
  author       = {Cotta, Marcel},
  title        = {„graemlich"},
  year         = {2026},
  howpublished = {lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern},
  url          = {https://lautwandel.de/lemma/graemlich/dwb?formid=G25271},
  urldate      = {2026-05-09},
}