grämlich,
adj.; mhd. (
seit dem 12.
jh.) gremlich, gremelich,
auch ohne umlaut gramelich;
noch Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 633
verzeichnet gramlich
neben grämlich
ebda 634,
und auch die heutigen mundarten kennen gramlig Unger-Khull
steir. 302
a; gramlich (
Pfalz) Klein
provinzialwb. 1, 158;
mit eindeutiger kürze grammlich Weinhold
schles. 29
a.
zu rhein. grammelig,
schwäb. grammelig (
dies neben grämlich)
s. unter 3grammeln.
in der schreibung gremlich
noch im 16.
und frühen 17.
jh., als grähmlich Knittel
poet. sinnenfrüchte (1677) 160.
als bildung ursprünglich zu gram,
adj. (
s. dazu unt. A),
später auch, und vielleicht vorwiegend, zu gram,
m. (
s. dazu unt. B).
vom 15.
bis zur mitte des 18.
jhs. ist das wort wenig bekannt, jedenfalls nicht mehr als seine konkurrenzbildungen grämig, grämisch,
auch gramhaftig (
s. überall dort),
die es in jüngerem gebrauch indessen fast ganz verdrängt. das konkurrenzverhältnis der genannten wörter spiegelt sich in den wörterbüchern von Stieler
bis Campe
wider; es erscheinen gleichgeordnet und gleichbedeutend gramhaft, grämlich Stieler (1691) 704; grämig, grämlich, gramhafft
M. Kramer 1 (1700) 555
b (
ebda als eigenes lemma grämisch
mit der gleichen umschreibung cruccioso, dazu aber rammaricato cioè segretamente infenso); grämlich, grämisch, gramhafft Chr. Ludwig (1716) 804; gramhaft, grämlich Schwan (1783) 1, 783
a; grämisch, grämlich Jagemann (1779) 539;
schon bei Adelung
versuch 2 (1775) 769,
nach ihm bei Campe 2 (1808) 439
b erscheinen grämlich
als übergeordnet, grämig
und gramhaft (
unzutreffend)
als obd. formen, grämisch
als '
niederer sprechart'
angehörig. die lexikalisch für grämlich
und diese seine verwandten vorgenommene verweisung in niedere sprachschichten trifft mindestens für grämlich
seit der zweiten hälfte des 18.
jhs. nicht mehr zu. —
mhd. gremlich
erscheint nicht sehr gefestigt, da es namentlich in den hss. des Nibelungenliedes und der klage, oft im austausch mit grimmiclich, grimm(e)lich,
auch griwlich, grazlich
u. ä. steht, vgl. dazu Jähnicke in:
heldenbuch 1, 266,
anm. zu Biterolf 6413;
s. auch mhd. wb. 1, 575
a; Lexer 1, 1077
f. AA. '
feindselig, zornig, grimmig',
vom adj. gram
her, mhd. häufig und älternhd. noch nachklingend; in verschiedenen nuancen, die aber im einzelfall leicht verflieszen; vgl. im gleichen bedeutungsbereich mnl. gramlijc,
adv. gramlike Verwijs-Verdam 2, 2103.
noch Stieler
umschreibt grämlich
mit invisus, exosus, invidiosus, stomachosus, iracundus stammb. (1691) 704
s. v. gramhaft,
was mehr nach A
als nach B
weist. A@11) '
feindselig',
auf gesinnung und verhalten bezogen: den vîanden was er (
der kaiser) gremelich, den armen was er heimelich
Rolandslied 697
Maurer; dar nach wirt im widersait gremlich von des westen her. kein dem zuhet er in wer sam eines sturmwetirs wint
Daniel 7215
Hübner; Machabeus der prufte dasz wie Nicanoris (
sein freund) was gelaz gremlicher vil dan da vor e, des misseduhte en (
Maccabäus) ouch me wie daz er ez niht wol meinde
buch d. Maccabäer 10 931
Helm (
zu 2.
Makk. 14, 26—31); alle di, die das volk Israhel ... in der volge des hazzes des vorgenanten Esauz echten adir gremelichen vorvolgeten Claus Cranc
prophetenübers. 330
Zies. A@22)
vor allem '
zornig, wütend, grimmig',
besonders als bezeichnung eines affektiven zustands: in ist daz ellen tiure, die sô gremelîch wellen sîn (
hs.: grimmelich) Hartmann v. Aue
Erec 9061; den schilt vil balde zucte, daz tor er ûf swief: wie rehte gremlîchen er dô an Sîfriden lief
Nibelungenlied 458, 4
L. (
hs. B: grimmeclichen); dô was Wolfhart sô grämlîch, daz er sis niht wolt erlân, sin müesen iwer volk bestân
die klage 1932
L.; antwort der münch mit gremlichen worten: was darffs der vermahnung? hette ich gerne arbeiten wöllen ..., wer ich wol bey meinem vatter blieben ... gieng also mit zorn hinweg Kirchhof
wendunmuth 2, 132
Ö. A@33)
daneben seltener in durativem sinne, '
grimm, grimmig'
als wesens- und charaktermerkmal: der dritte der gesellen (
des Siegfried) der ist sô gremlîch, unt doch mit schœnem lîbe, küneginne rîch, von swinden sînen blicken, der er sô vil getuot. er ist in sînen sinnen ich wæne grimme gemuot
Nibelungenlied 394, 9
L. von tieren: ein dier vil spehe, ein dier vil gramelih (
zu apokal. 13, 14)
fundgruben 2, 122; si ersprancten mit ir schalle ein tier gremelich, einen beren wilden
Nibelungenlied 887, 3
L. mundartlich nachklingend gremlek, gremelk '
böse, grimmig' (
von hunden) Schambach
Göttingen 68
a. A@44)
objektiviert in der beziehung auf sachbegriffe, vorgänge und handlungen, soviel wie '
schrecklich, hart, grausam, brutal': iu widerseit Liudegast unde Liudgêr, den ir dâ wîlen tâtet gremlîchiu sêr
Nibelungenlied 823, 2
L.; si tâten an den liuten diu gremelîchen leit: vor in man ûf der strâze weder gie noch reit
Ortnit 520, 3 (
varr.: grimmigen, kreffticlichen
u. a.); wie rehte gremlîche vil swerte drinne erklanc! ... si vâhten alsô grimme, daz manz nimmer mêr getuot (
hs. B: grimmechlichen)
Nibelungenlied 2149, 1
L.; die wurden als gremlich widerworfen, daz sú muosten swigen Seuse
dt. schr. 68
b Bihlm.; vberall sunde vnd schentzliche gremliche irthumb
M. Risch
paraphrasis d. evang. Joannis (1524) B 2
b,
vereinzelt soviel wie '
finster, häszlich': ein schöne fraw ein röszlein roht, schwartz und gremlich der bitter tod Kirchhof
wendunmuth 2, 505
Ö. BB.
im gesamten jüngeren gebrauch des wortes mit dem doppelten bedeutungskern '
unfreundlich'
und '
unfroh'
und um diesen kern herum reich nuanciert. das wort behauptet hier insofern eine mittelstellung, als es mit dem moment '
unfreundlich, mürrisch'
als milderung von A
erscheint und auf das adj. gram
zurückweist, als '
unfroh, miszmutig'
aber eine ins kleinliche gezogene, abschätzig gemeinte bedeutungsvariante des subst. gram
in dessen jüngerer bedeutung '
kummer'
darstellt und oft wohl von da her empfunden wird. unsichere anfänge der neuen bedeutungsrichtung liegen im 17.
jh. (
s. u. 1 a
α; 3 a),
erst nach der mitte des 18.
jhs. tritt sie eindeutig auf, verdrängt aber schon um 1800 grämisch (
s. d. 2)
in seinem bereits im 16., 17.
und frühen 18.
jh. deutlich entwickelten gleichsinnigen gebrauch. B@11)
in unmittelbarer persönlicher anwendung als bezeichnung einer wesenseigenschaft oder eines momentanen gemütszustandes. B@1@aa)
als grundeigenschaft des charakters oder temperaments '
unfreundlich, mürrisch, unzugänglich, ungesellig, unzufrieden, engherzig, kleinlich, schwunglos'
u. ä. B@1@a@aα)
allgemein. der erste, zeitlich weit voraufliegende beleg nur hierher statt zu A,
wenn er als tautologisches wortspiel aufgefaszt werden darf, s. dazu s. v. gämlich 2 d
γ '
mürrisch': gemlich gremlich
oder: die gemlichen sind die gremlichen Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Ff 2
a.
attributiv: man murrt über ihn, nennt ihn einen zankischen und grämlichen mann Miller
pred. f. landvolk (1776) 1, 97; ihr grämliches stubenmädchen Kretschmann
s. w. (1784) 5, 120; da muszte unser bester schauspieler ... ohne gnade zur landwehrübung fort, weil der grämliche oberst Stubenfrau lust hatte uns einen possen zu spielen Pückler-Muskau
tutti-frutti (1834) 4, 71.
substantiviert: nur grämlichen wirds ewig nirgends wohl Grillparzer
s. w. 8, 34
Sauer. häufig prädikativ: (
Hegel) ist jezt docent der philosophie, ein gründlicher philosophischer kopf, der ihnen (
Humboldt) vielleicht auch als schriftsteller bekannt ist, aber sie wollen keinen metaphysiker, auch ist dieser etwas kränklich und grämlich (1803) Schiller
br. 7, 64
Jonas; sonst so grimmig und so grämlich schien er heut verjüngt und munter Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 343.
mit der nuance '
nörglerisch, mäkelnd': ich weisz nicht, ob ich wirklich nur so grämlich bin, wenn mir diese errungenschaft auch wieder nicht behagt? Steub
wanderungen im bayr. gebirge (1862) 41.
von einem kleinen kinde '
weinerlich': weil sie (
die mutter) mit dem kinde nirgend hingewust, und für dasselbe keinen unterhalt gehabt, solches auch grämlich gewesen (
habe sie es umgebracht) Strube
rechtl. bedenken 4 (1772) 440;
vgl. 442; 443; das kind ist so gramlich (
Pfalz) Klein
provinzialwb. 1, 158; grammelich, grämmelich, gremmelich
von kindern, denen nichts recht ist, die bald dies, bald das begehren Fischer
schwäb. 3, 787.
der beisinn '
unfroh, trübselig'
wird durch typische gegenüberstellung mit gegenteiligen begriffen unterstrichen: weil du so grämlich bist und einsam schmollst, beneidest du dem frohen jede lust Grillparzer
s. w. 7, 9
Sauer; weszwegen sind wir, ob auch grämlich sonst, stets aufgeräumt beim holden maskenspiel, selbst wenn die rolle strenge mienen heischt?
M. Greif
ged. 5397.
mundartlich auch mit moralischem akzent, soviel wie '
schlecht, erbärmlich': ën gràmlik stok (
stück) wysse '
eine schlechte person' Jensen
Wiedingharde 167. B@1@a@bβ)
in der zuordnung zu bestimmten personen und besonderen berufen, hier vor allem mit dem beisinn '
pedantisch, engherzig, kleinlich': allein Ismene (
als hexe auf dem Blocksberg) lachte nur des grämlichen pedanten (
des satans) Hölty
ged. 21
Halm; und wenn dann der grämliche präcepter für mein biszchen hinkendes latein lob mir winkte Seume
ged. (1804) 24; bei jenem (
beim stoiker) musz freilich die vernunft meistens die rolle eines grämlichen mentors spielen und unablässig auf entsagungen antragen Schopenhauer
w. 2, 174
Gr. das typische eines volkscharakters kennzeichnend: und bei anmuthigen manieren von jener süddeutschen gutmüthigkeit und heiterkeit, die auf uns grämliche Nordländer so wohlthuend wirkt Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 2, 323; dort die grämlichen Engländer, die so verdrossen-emsig die kinnbacken bewegen Börne
ges. schr. (1829) 5, 27. B@1@bb)
als ein dauernder seelischer zustand und wesenszug, der aber nicht angeboren, sondern als ergebnis einer entwicklung erworben ist bzw. einer bestimmten lebensstufe charakteristisch zugehört; in ähnlicher nuancierung wie unter a. B@1@b@aα)
formelhaft grämlich werden: überhaupt fühl ichs täglich, wie ich grämlicher, fühlloser, einsamer werde (1777) Sprickmann
an Bürger in: br. 2, 20
Strodtmann; dasz er (
Vosz) dabei zu zeiten erkrankte und litt, dasz er grämlich, schwer zu handhaben ... ward, hat ihm nur der ein recht übel zu nehmen, der im gleichen falle, bei gleichen verdiensten gefaszter blieb Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 62.
als beiwort für einen typus wie unter a
β: sonst wäre ich gewisz der grämlichste philister geworden Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 119; hierdurch ... war der meister ein etwas grämlicher formalist geworden, der, streng gegen seine gesellen, mit frau und kindern auch nicht freundlich that G. Keller
ges. w. (1889) 2, 127. B@1@b@bβ)
in typischer beziehung auf die lebensstufe des alters.-als grämlich werden
wie unter α: man wird grämlich, wenn man alt wird, oder wenn liebe, oder auch oft, wenn freundschaft alt wird Lichtenberg
verm. schr. (1844) 1, 198; und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grämlich Alexis
ruhe (1852) 1, 115.
auch sonst formelhaftem gebrauch nahe: diese letzte stelle musz ganz in dem charakter eines grämlichen alten gesetzt werden maler Müller
w. (1811) 1, 325; die alte frau, der alte grämliche mann Eichendorff
w. 2, 421
Dietze. als typisierendes beiwort für vertreter der älteren generation: aus der aufsicht einer grämlichen tante, in die arme ihres wunderthäters Thümmel
reise i. d. mittern. prov. v. Frankr. (1791) 5, 352; dasz der wolf als grämlicher alter oheim, der fuchs als junger neffe auftritt Jac. Grimm
Reinhart fuchs vorr. XXVI.
ähnlich in der kennzeichnung für den ungeselligen hagestolz: die groszmutter regel geht ihm immer zur seite und der alte grämliche junggesell, anstand genannt E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Dtsch. (1845) 2, 353; der geheime obertribunalrath war ein grämlicher hagestolz Gutzkow
ges. w. (1872) 2, 144. B@1@cc)
als ein augenblicklicher gemütszustand, eine vorübergehende gestimmtheit im sinne von '
miszmutig, verdrieszlich, verdrossen, übellaunig'.
die feinere nuancierung der bedeutung wird durch synonyme oder gegensinnige begriffe angedeutet: Goethe ist jetzt ziemlich wohl, nur sehr krittlich und grämlich
Goethejahrb. (1880) 4, 330; noch am folgenden morgen aber war sie recht grämlich, bissig und unliebenswürdig W. Raabe
schüdderump (1870) 1, 158.
vom tier: das (
säuge-)tier ist ... lustig oder grämlich (
hat die fähigkeit zu beidem) Brehm
tierl. 1, 21
P.-L. mundartlich grammelig '
nörgelnd, verdrieszlich'
rhein. wb. 2, 1345;
ähnlich gramlig Unger-Khull
steir. 302
a.
mit stärkerem affektgehalt '
ärgerlich, böse',
auf einen bestimmten auslösenden anlasz bezogen: am grämlichsten ward Rousseau, wenn man ihn um seine zeit brachte Sturz
schr. (1779) 1, 135; ich habe keine zeit — der alte ist grämlich, dasz wir noch nicht fort sind Iffland
dram. w. (1798) 3, 7.
hier vereinzelt grämlich gegen jemd.: war doch je sie (
die groszmutter) grämlich gegen diese brut (
die enkel)? sind sie unbequemlich, ist sie wohlgemuth (1821) Göthe I 4, 260
W. gelegentlich kann sich der auf dem wort liegende abschätzige nebenton mehr oder minder zurückziehen, ohne dasz doch das wort, wie etwa gramvoll (
s. d.),
den rang des wortes gram
erreichte: selbst Pilatus war (
nach Jesu tode) unruhig, grämlich, und machte dem jüdischen rathe die bittersten vorwürfe Jung-Stilling
s. schr. (1835) 2, 271; die britische kriegserklärung war ihm entscheidend in die glieder gefahren und stimmte ihn auszerordentlich grämlich Th. Mann
Faustus (1948) 482. B@22)
von der persönlichen anwendung aus in gleicher bedeutung auf abstrakte begriffe, geistige äuszerungen, seelische gegebenheiten und verhaltensweisen übertragen, attributiv und adverbial. B@2@aa)
als beiwort neben gemüt, charakter
u. ä. deutlich im sinne von 1 a: aber daran ist nicht mein grämlicher charakter ... schuld Löwen
schr. (1765) 4, 222; mit frau Hedwig von Brandenburg, ... einer polnischen prinzessin von grämlichem gemüte W. Raabe
s. w. I 3, 73
Klemm. auch charakterisierend für die sphäre des verstandes und der vernünftigkeit gegenüber derjenigen der emotionalen kräfte: aber es ist soviel gelebtes, sovieles sattes und grämlich hypochondrisches in dieser vernünftigkeit (
bei Knebel) (1787) Schiller
br. 1, 381
Jonas; der Tiecksche verstand ist ein honetter, nüchterner spieszbürger, der dem nützlichkeitssystem huldigt ... ich kann nicht umhin, zu bemerken, dass der Tiecksche verstand in seinen jüngsten novellen noch grämlicher geworden H. Heine
s. w. 5, 289
Elster. B@2@bb) grämliches nachsinnen, grämlicher gedanke
u. ä. in doppeltem sinne. '
einer grämlichen
gemütsverfassung entspringend': glückliche bewohner dieses bezirks! ... euer froher sinn, eure genügsamkeit ... bewahrten selbst die bewohner des schlosses vor dem miszbehagen, dem miszmuth, dem grämlichen nachsinnen, nicht selten dem einzigen gewinn des verfeinerten theils der bewohner der erde Klinger
w. (1809) 8, 7; sollte es auch vielleicht ein grämlicher gedanke Wilkens gewesen sein ('er hat das buch nun auch lange genug gehabt'), so musz man dergleichen seinen beständigen gichtschmerzen zu gute halten (1835) Lachmann
an Jacob Grimm in: briefw. 2, 656
Leitzmann. daneben inhaltlich bestimmend im sinne von '
trübselig': wer wollte wohl solche grämlichen einbildungen beherbergen Bürger
s. w. 299
b Bohtz. vereinzelt auch hier, wie oben unter 1 c
ende, ohne den beisinn des kleinlichen: mit so grämlichen gedanken, und so bittrer traurigkeit war ich jüngst beschäfftiget Brockes
ird. vergnügen (1721) 8, 253. B@2@cc)
in blosz verstärkender beziehung auf ein substantiv gleicher bedeutung: nachdem der grämliche verdrusz über die ungewöhnliche störung (
die unterbrechung eines hinrichtungsaktes) einmal überwunden war G. Keller
ges. w. (1889) 5, 245; Grillparzers ansichten über literatur, wenn auch manchmal von grämlichem miszmuth ... eingegeben, sind zumeist tief dringend und fein
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 5, 332.
oder neben negativ betonten wörtern verwandter bedeutung: muthvoll biete ich nun allen niederschlagenden grämlichen sorgen die spitze J. v. Müller
s. w. (1810) 4, 73; frau Bernhard Fuld sprach jedoch holdseligst mit dem baron, ohne sich im mindesten von der grämlichen kritik des schwagers stören zu lassen Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 3, 338.
neben einem stark affekthaltigen begriff im psychologischen miszverhältnis und darum selten: sie ... lag ... im bann einer ... grämlichen entrüstung
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 5, 72. B@2@dd)
in mehr sachlich-gegenständlicher beziehung. persönlichen bezug voraussetzend, besonders entsprechend 1 c: auch der beste fürst kann einen grämlichen augenblick haben J. Möser
s. w. (1842) 3, 124; der grämliche, übrigens wol nur aus momentaner stimmung hervorgegangene empfang, den sie meiner nachricht von der vollendung 'des heiligen' zu theil werden lieszen (1879) C.
F. Meyer
an Haessel in: br. 2, 85.
gemäsz 1 b
β: von einer düsteren jugend in ein grämliches alter
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 3, 98.
neben personifiziert gedachtem sachbegriff in bildlichem gebrauch: der alte grämliche winter sasz melancholisch mit seiner spitzen schneehaube auf den gipfel des gebirges Eichendorff
s. w. (1864) 2, 334.
selten in reiner sachbeziehung: die grämliche december-witterung (1869) Mörike
an Karl Wolff in: dt. dichtung 11, 102
b; wehe der grämlichen religion, die auf diesem (
hier abgebildeten) gesichte ausgedrückt ist Lavater
physiogn. fragm. (1775) 2, 282.
geradezu im sinne von '
verdrusz bringend': da ... das arbeiten (
wegen des hohen abgabezolls) grämlich war, so lieszen die leute dreschflegel und windmühle am liebsten liegen und stehen und gingen ins wirthshaus Rosegger
schr. (1895) I 7, 64;
vgl. mundartlich: es ist ihm grämlich
gegange
n er hat unglück gehabt Fischer
schwäb. 3, 787.
auch sonst mundartlich auf ein sachobjekt bezogen, im objektiven sinne von '
jämmerlich, erbärmlich': ën gràmlik wder, ën gràmlik tŷchnës (
zeugnis) Jensen
Wiedingharde 167;
ähnlich adverbial hê sàch man gràmlik (
kläglich) yt
ebda. B@33) grämlich,
mit gleichem bedeutungsgehalt wie unter 1
und 2,
erscheint vielfach als ein am menschen sinnlich wahrnehmbares, an seinem aussehen oder verhalten greifbares, vornehmlich neben sachlichem substantiv oder in prädikativer oder adverbialer beziehung auf verben. B@3@aa) grämlich aussehen
in fester formel. auffallend mit der nuance '
häszlich'
in einem der beiden einzigen belege des 17.
jhs.: Socrates, das licht der weisen, sah am leibe grähmlich aus Knittel
poet. sinnenfrüchte (1677) 160.
als '
miszmutig, trübe, unzufrieden'
sowohl ein dauerndes, wie ein vorübergehendes, durch eine augenblicksstimmung veranlasztes aussehen bezeichnend: denn wenn er nicht steif und grämlich unter seinen hofleuten steht, so schlieszt er sich ein, und schnitzelt bilder, die noch steifer und grämlicher aussehen als er selbst Klinger
s. philos. romane (o. j.) 6, 96; die muse sasz und spielte in ihrer grotte drinn, sah grämlich aus Schiller 1, 351
G.; vgl. 4, 283.
mit schwächerem nebenton, soviel wie '
leidend': hab ich bisher nur den bauer gesehen, einen kränklich und grämlich aussehenden mann, der uns aus dem wege geht Carossa
rumän. tageb. (1926) 40. B@3@bb)
den gesichtsausdruck kennzeichnend, in geläufigen verbindungen; auch hier auf andauernde oder vorübergehende erscheinungen bezogen: harm und grämliches gesicht danken unserm geber nicht, aber freudenlieder Miller
ged. (1783) 51; und warum empfangen die hirten die frohe botschaft mit so grämlichem gesicht (
auf einem bilde)? Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 233; was soll zu ihr die gedrückte, grämliche mine, als ob die zu bibel und theologie, wie der bettelsack zum betteln gehöre? Herder 10, 278
S.; Melander lachte nicht, sondern seine miene wurde immer saurer und grämlicher Ric. Huch
d. grosze krieg (1920) 3, 419; ein grämlicher zug überflog sein gesicht Anzengruber
ges. w. (1890) 3, 171; trotzdem hatte der Rotholzer eine schlaffe, kellerfarbene gesichtshaut mit vielen grämlichen falten O.
M. Graf
unruhe (1948) 22.
von hier aus bildlich: es ist nämlich ein kleines verschobenes gebäude mit grämlich verzogenen fenstern H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 163.
in übertragenem zusammenhang: wir möchten dem humor gegenüber, dem seltensten kinde der deutschen literatur, nicht gern ein grämliches gesicht aufstecken Haym
ges. aufsätze (1903) 111.
selten in der beziehung auf die gestalt eines menschen: er ... starrte gedankenlos in den winkel, wo die grämliche gestalt seines meisters ... hantierte Storm
s. w. (1899) 3, 21. B@3@cc) grämlich etwas tun, sich grämlich verhalten: ein solches publikum ist durch keinen berühmten namen und keine ästhetische recension dahin zu bringen, ... dasz es grämlich und vornehm unzufrieden thue, wo es sich im grunde des herzens ergötzt Fouqué
reiseerinn. (1823) 2, 218; vor dem ladentisch steht der alte commis ... er sieht mich etwas grämlich an Storm
s. w. (1899) 1, 177.
besonders neben verben des sagens, und hier auch vom akustischen aus: und ich bin auch nicht im stande, stimmte ich ihm grämlich bei, einen besuch anzunehmen J. Möser
s. w. (1842) 2, 240; der atheist brummt grämlich und verwirrt: welch ein halloh um einen eierkuchen! Gaudy
s. w. (1844) 2, 22; als Urban hinausgegangen war, sagte sie grämlich ... P. Dörfler
Apollonias sommer (1932) 115; sag mir lieber, was ich tun soll, knurrte er grämlich O.
M. Graf
unruhe (1948) 340.
von diesen gebrauchsweisen her: ein kutscher mit besetztem rock und grämlicher geberde, sasz majestätisch auf dem bock, und lenkte stolz die pferde Hölty
ged. 22
Halm. B@3@dd)
gelegentlich neben persönlichem beziehungswort, wie unter 1,
wobei aber grämlich
nicht eigentlich die innere eigenschaft selbst meint, sondern ihre sichtbare auswirkung auf die äuszere erscheinung ihres trägers: ein langer, dürrer, grämlicher herr im grünen flauschrock Eichendorff
s. w. (1864) 3, 40; der vorderste, etwas ernster und grämlicher, scheint eher dialektischen sinn zu haben (
auf Mantegnas triumphzug die gruppe der gelehrten) Göthe I 49, 268
W. hierher: seh ich die furien fliehn? den neid mit zerbissener lippe, ... zwietracht mit zerrisznem gewande, die grämliche habsucht Herder 27, 251
S.