gneist,
m. ,
funke, scintilla, igniculus, favilla. herkunft und form. das wort begegnet im deutschen, englischen und nordischen: ahd. gneista,
f., gneisto,
m., von Schatz ahd. gr. § 373
beide als schwach angesprochen, obwohl oblique casus nicht belegt zu sein scheinen. mhd. gneiste,
gewöhnlich starkes fem., daneben schwaches masc. (
den gnaisten
acc. sg. des teufels netz 2253);
nhd., obd. gneist, gneiste(n),
m., schriftsprachlich bis ins 18.
jh. hinein belegbar, mundartlich noch bair., schwäb. und schweizer., häufig als deminitivum gneistlin, gneistlein;
im schweizer. daneben auch kneist, chneist Staub-Tobler
schweizer. 2, 674;
ags. gnāst,
st. m., me. gnāst(e), knāst (Stratmann-Bradley 299
b und Murray 4, 2, 245
a);
an., altisl. gneisti, gneiste (
könnte altes *ganeisti
repräsentieren, s. Noreen
aisl. gr. § 154),
auch neisti,
schw. m. (
sowohl auf älteres gneisti
wie *hneisti
zurückführbar Noreen
a. a. o. § 289
und anm. 2; § 290);
norw. gneiste, neiste, gneistre, neistre,
m., Torp 171
b,
norw. kneiste
ebda; daneben aschwed. gniste,
m., gnist,
f., gnista,
f., Söderwall 1, 414;
schwed. gnista,
dial. gnistra Hellquist 195;
dän. gnist,
auch niste Falk-Torp 335 (i
im dän. und schwed. ist aus ei
herleitbar, s. Noreen
altschwed. gr. § 103, 1; Brondum-Nielsen
gammeldansk gr. 1 § 145, 1;
kann aber auch ablautsform sein, s. Hellquist
a. a. o.).
im hd. geniste,
hsl. var. von gneiste Konrad v. Würzburg
schwanr. 1141
E. Schröder; gnist, genist
favilla Brack
voc. rer. (1495)
bei Diefenbach
gl. 228
a; genist
favilla Frisius
lex. tril. (1590) Xx 6
a; gnist,
m., Fischer
schwäb. 3, 537.
im nd. gnisten,
pl., '
flimmernde, feine schneeflocken, die bei grimmiger kälte wie leuchtende funken herunterfallen'
idiotik. von Nordsteincke b. Vorsfelde in: nd. jb. 20 (1895) 142.
das deutsche wort wird teil 4, 1, 1, 1281
s. v. ganster 2 c
a auf geneist(e),
mhd. auch geneiste,
aus ahd. *ganeista (-o)
mit dem ton auf der zweiten silbe zurückgeführt. fürs ahd. aber bleibt zu bedenken: 1)
dasz cneista
bereits in den Reichenauer glossen d. 9.
jh. (
Rb),
ahd. gl. 1, 620, 30
St.-S., begegnet, die sonst keine vergleichbare synkope aufweisen, s. Ottmann
grammat. darstellung der sprache des ahd. glossars Rb 42
f., vgl. auch Braune
ahd. gramm. (1911) § 71
anm. 4; 2)
dasz ags. gnāst
schwerlich als synkopierte form anzusehen ist (Sievers
ags. gramm. § 43
f. u. 126
ff. kennt keine vergleichbaren synkopen); 3)
dasz neben der mit gn-
anlautenden form solche mit kn-
wie me. knāst,
norw. kneiste,
schweizer. kneist, chneist,
mit n-
wie altisl. neisti,
norw. neiste (
doch sieh oben),
aber auch dän. niste
stehen und auf ursprünglichkeit des anlauts von guttural mit folgendem n
hinleiten; 4)
dasz die vergleichbaren auszergermanischen worte gleichfalls mit guttural und nasal anlauten. besonders wichtig ist neben aksl. vъzgnètiti '
anzünden' Berneker 312; Walde-Pokorny 1, 5
altpreusz. knaistis '
brant' (
d. i. brennendes scheit, s. teil 2, 294) Trautmann
altpreusz. sprachdenkm. 360,
das die anlautsvarianten um eine weitere vermehrt. Waldes
vermutung, dasz knaistis
aus dem dt. entlehnt sei, wird dadurch widerlegt, dasz dem dt. wort eine entsprechende bedeutung fehlt. das mehrfach mit knaistis
als urverwandt angesehene isl. *hneisti (
so von Hellquist
a. a. o.)
fehlt in den wörterbüchern und ist wohl aus neisti
nach Noreen
aisl. gr. § 289
anm. 2
erschlossen, vgl. K.
F. Johansson
idg. forsch. 19, 136
anm. (h)neiste.
diese anlautsvariation des wortes wird von Hellquist
ansprechend als ursprünglich lautmalend betrachtet und mit der von gnistern, knistern
zusammengebracht. dazu könnte stimmen, dasz im ahd. neben gneisto, gneista (
wovon ufgneista
scintillabat ahd. gl. 2, 428, 52, 11.
jh.)
auch ganastra
ahd. gl. 3, 1, 46 (8.
jh.), gnanisto 2, 257, 46 (11./12.
jh.; vgl. das abgeleitete gnaneiston, -en
ahd. gl. 2, 673, 10, 11.
und 12.
jh.); ganeistra 3, 211, 20 (12.
jh.), gânistra, ganista 3, 170, 33 (12.
jh.; ebda auch ganehaista 13.
jh. und gênst
s 12.
jh.), gænester 3, 419, 53 (2.
hälfte des 12.
jh.)
stehen, formen, die z. t. noch später bezeugt sind, s. teil 4, 1, 1, 1281.
der vokal der ersten silbe könnte anaptyktisch sein, vgl. Schatz
ahd. gr. § 86; Reutercrona
svarabhakti und erleichterungsvokal im altdt. 159.
auffällig allerdings bleibt, dasz die bildung mit r
stets den sproszvokal zeigt, doch ist bei der geringen zahl der belege dieser einwand schwerlich durchschlagend; beachte auch die im norw. und schwed. neben gneisti, gnista
vorkommenden r-
formen gneistre, gnistra. gneisto, gneista
wird wie ganeistra
teil 4, 1, 1, 1281; Schade
altdt. wb. 1
2, 260; Grienberger
beitr. 18, 397; Brugmann
idg. forsch. 6, 102; K.
F. Johansson
idg. forsch. 19, 136 (
die drei letztgenannten führen ein nicht belegtes ahd. ganeista
an)
als compositum gan-eista,
bzw. gan-eistra
gedeutet. für ahd. gneisto, gneista,
ags. gnāst
und damit auch für an. gneisti
wird das durch das oben dargelegte ausgeschlossen. man müszte also entweder gneisto
von ganeistar
trennen, was Jac. Grimm
gr. 2, 40, 370
tat, oder aber auf die auffassung als compositum überhaupt verzichten. zu ersterem wird man sich angesichts der gleichheit der bedeutung und der formalen ähnlichkeit nur ungern entschlieszen; auszerdem ist das vermeintlich erste glied gan-
nicht zu deuten: gan '
funke'
teil 4, 1, 1, 1215
ist jung, selten und auf das bair. sprachgebiet beschränkt, und ghen- '
reiben'
ist eine von Johansson
angesetzte idg. wurzel, die bei Walde-Pokorny 1, 584
nur mit erweiterungen belegt und jedenfalls im germ. nicht lebendig ist. wahrscheinlich entziehen sich gneisto
und ganeistar
als ursprünglich lautmalend überhaupt jeder etymologie oder aber sie gehören als *gnaid-s-ten-
und *gnaid-(s)tro-
zu ags. gnīdan,
ahd. gnītan '
reiben' (
dazu wohl auch aksl. vъzgnètiti '
anzünden'
nach Trautmann
in Bezzenbergers beiträgen 30, 329
f.; Walde-Pokorny 1, 5),
und die lautvarianten, die im einzelnen aufzuhellen nicht möglich ist, zeugen vom hereinspielen der lautnachahmung. an lautlichen abweichungen von gneist
begegnen auszer oben genanntem schweizer. kneist, chneist
und geneist (
bis ins 16./17.
jh.),
s. teil 4, 1, 2, 3368
f. schweizer. gleist(e
n)
in anlehnung an die sippe glast
oder gluns,
vgl. Staub-Tobler 2, 674 (
anders teil 4, 1, 1, 1281
unter ganster 2 c
γ)
und gneisz,
m., Loritza
id. Viennense 52, die gneiszen (
pl.) (1678)
bei Staub-Tobler
a. a. o.,
vgl. auch geneisz,
n., teil 4, 1, 2, 3369.
im nhd. herrscht die form gneist;
doch begegnet auch gneiste Tschumpert
bündner. id. 610; gneiste
n Staub-Tobler
a. a. o. —
soweit nachweisbar, ist die flexion stark, doch deutet der nom. sg. von schweizer. gneiste
n daneben auch auf schwache, vgl. ferner den obengenannten pl. die gneiszen.
das genus ist im hd. stets masc. häufig begegnet das deminutivum gneistlein, gneistli(n),
s. unter ganster 2 c
a, Staub-Tobler
a. a. o., Schmeller-Fr.
bair. 1, 980
u. ö. das wort wird wie die auf ahd. ganeistra,
*ganeista
zurückgehenden synonyma von dem im nd. und md. allgemeiner üblichen funke,
das, in ahd. und mhd. zeit im obd. noch vereinzelt, im 16.
jh. auch hier gröszere verbreitung zeigt, bis zum 18.
jh. aus der schriftsprache gänzlich verdrängt, in erster linie wegen seiner mundartlich beschränkten gültigkeit, vgl. v. Bahder
wortwahl in der frühnhd. schriftspr. 63,
auch 56
und 59.
beide worte finden sich zuweilen nebeneinander: die funken und gnaist
Zimmer. chron.2 2, 163
Bar.; vgl. 1, 485
und 3, 367;
möglicherweise vermag gneist
gegenüber funke
eine kleinere lichterscheinung zu bezeichnen, vgl. v. Bahder
a. a. o. 63.
bedeutung und gebrauch. gewöhnlich für lat. scintilla, vgl. scintilla gneisto
ahd. gl. 2, 9, 68
St.-S.; Graff 4, 297; Altenstaig
voc. (1516) 34
c; Frisius
dict. (1556) 1187
a; Calepinus
XI ling. (1598) 1309
a; Dentzler
clavis ling. lat. (1687) 2, 135
b;
früh auch für lat. igniculus, vgl. igniculus cneista (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 630, 30
St.-S.; gneisto (10.
und 11.
jh.) 2, 257, 45; Frisius
dict. (1556) 644
b.
ferner für favilla aeschen, darinn das fheur vertrochen (
erstickt) ist, erlöschner gneist
ebda 548
b; Calepinus 551
a; glühende äschen, gneist, funck Dentzler (1687) 1, 257
b;
dazu strictura föulen (
favillae), das sind die gneist, die von glühenden eysen springend, wenn man auff den ambosz schmidet Frisius 1247
b; gneist vom glüenden eisen, wenn mans schmidet
scaglia (
abspringendes teilchen, schuppe)
di ferro rouente (
abspringende teilchen von glühendem eisen) Kramer
teutschital. 1 (1700) 545
c;
vgl. Henisch (1616) 1672, Harsdörffer
poet. trichter (1647) 2, 144
und Dentzler (1687) 1, 684
b. 11)
eigentlich: des wilden flures blicke sach man ûz helmen dringen, von slegen hôhe springen flammelîche gneisten
Reinfrid v. Braunschweig 11307
Bartsch; reht alz ain gnaist ist wider dem mer und wider allen wazzern ... und alz lihte dem mer und allen wassern ist die gnaiste ze erlOeschenn
St. Georgener pred. 314, 10
R.; sú varent in der vinstren flamme uf und ab als die gneiste in dem vúre H. Seuse
dtsche schr. 285, 17
B.; dan von anfang, wie usz ainem gnaist etwan ain grosz für, also von ainem man die sach des ufloufs uf das stillest an wenig ander bracht ward J. v. Watt
dtsche histor. schr. 2, 370
Götzinger; als man nun disz (
feuer) unbehutsamlich hinein getragen unnd die diener hierob gezittert, fiel ... ein gneist auf ihn Wurstisen
P. Aemilii u. A. Ferroni ... histor. (1572) 1, 528; davon (
wurde) der ruess im kamin angezündt und die gneist uf das schindeltach herusgeworfen (1585)
bei Staub-Tobler 2, 674; es habens (
das gespenst) iren etlich gesehen, wiewol nit in einer gestalt, etwann wie ain man ohne ein haupt, zu zeiten auch wie ein feur mit vil funken und gnaisten
Zimmer. chron.2 3, 367
Barack. 22)
übertragen: wile du nu, chad si, daz ih selben die reda, die ih tarfore geouget habo, zesamine slahe, daz taruz etelih scone gneista springe (
quedam veritatis scintilla) Notker 1, 217, 1
P.; im vergleich: sîn edel herze daz enbran und wart von gotes geiste reht als ein fiures gneiste entvlammet unde schône enzunt Konrad v. Würzburg
Pantaleon 256
G.; so solt du uf vliegin in den gotlichin sunnen ... unde solt ime also nahe vliegen, daz dine sele rehte gnaisten (
lesart: gnaist) enphahe von dem lebindin sunnen
St. Georgener pred. 269, 40
R.; der wysheit gneist Joh. Lenz
Schwabenkrieg (1499)
bei Staub-Tobler 2, 674; so ferr du ein diener gottes wärest und ein gneist des göttlichen geistes Zwingli
ebda. —
igniculus metaphorice anreitzung, anregung und geneist oder trib der natur Frisius
dict. (1556) 644
b (
mit bezug auf Cicero
igniculus virtutum); in allen vier theilen ob und unten werden in bergen menschen funden mit edlem geist, gneist, sinn und blut H. R. Rebmann
gespräche zweier berge (1606) 408. 33)
von der erscheinungsweise des heiligen geistes zu den ersten pfingsten (
als dispertitae linguae tamquam ignis act. apostol. 2, 3): darnach fur er gen himel geschwind und sandt den jüngern sinen geist, der uff sy flel yn füres gneist
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 96
b; das es getouft wurd mit dem geist, der kam eins mals mit fhüres gneist, mit thosz vnd starkenn winde Ambr. Blarer
bei Wackernagel
dtsch. kirchenlied 3, 591;
ähnlich bereits bei Seb. Brant,
s. Ch. Schmidt
histor. wb. d. elsäss. ma. 117
b; drum schick mir dynen heilgen geist, gloub und liebe ins flammens gneist Gletting (1557)
bei Staub-Tobler 2, 674;
ähnlich noch im 18.
jh., s. ebda. für das alter dieser art übertragung vgl. den traktattitel dis ist des heilgen geistes minneglünsenden ganeisterlins schürebrant (
um 1380)
in: studien z. dtschen philologie (1903) 3, 1
Strauch.