gliedmasz,
n.,
gliedmasze,
f. herkunft, verbreitung und form. 11) gl.,
mhd. (
seit der wende des 13.
u. 14.
jahrh.) lidemâz
n., lidemæze
n., gelidmæze
n., gelidmâze
f., mnd. litmate, litmete, litmat, ledemate, ledemat
n., geledemate
n., gelitmate
n.; mnl. litmaet, litmâte
n. (?);
ndl. lidmaat
gewöhnl. pl. ledematen;
entlehnt aus dem mnd. ist afries. lithmâtha
pl. vgl. van Helten
z. lexicol. d. afr. 141
a. 1;
der zweite bestandtheil entspricht nhd. masze, masz (
s. theil 6, 1721
ff., 1731
ff.)
zu messen;
dabei bleibt freilich das frühe auftreten der einsilbigen form und bes. die ausbreitung des neutralen geschlechts, zumal auf nd. boden, wo in mnd. zeit dem femininum mate
noch kein neutrum zur seite steht, auffällig. doch mag die einsilbigkeit von der stellung im zweiten compositionsgliede beeinfluszt, das geschlecht mitbestimmt sein von dem vielfach synonymen (ge)lit (
s. u.),
so dasz zur ansetzung eines andern stammes als wgerm. *mātō
kein hinreichender grund besteht. für das hd. kommt auszer der im simplex mâze
sich vollziehenden entwicklung (
theil 6, 1721
ff.)
vielleicht auch directer einflusz von mhd. mez
n. in frage, da glid-
vel lydmAesz Diefenbach 400
b vielleicht nicht apokope von -mæze,
sondern das alte mez
enthält, das bereits seit dem 14.
jahrh. gern mäsz
geschrieben wird (Staub-Tobler 4, 453);
für die darlegung des entwicklungsganges von gl.
müssen vielfach die belege für präfixloses lidmass
mit herangezogen werden (
vgl. theil 6, 995).
fernzuhalten ist die synonyme skandinavische sippe aschwed. lidhamot,
nschwed. ledamot,
adän. ledhæmod,
ndän. ledemod,
neuisl. liðamót,
nnorw. lidmod,
die zu anord. mōt '
begegnung'
gehören, also '
ort, wo sich die glieder begegnen, treffen' (
vgl. aschw. væghamōt
kreuzweg);
im dän. hat berührung beider wörter stattgefunden, indem neben ledemod
auch ledemaad
begegnet, dessen aa
aus mnd. lidmate
bzw. mndl. lidmaet
stammt (
ordbog over det danske sprog 12, 516). 22)
bereits Adelung stellt fest 2 (1775) 719,
dasz gl. '
nur noch in der anständigen sprechart'
gebraucht wird. auch heute gehört es im wesentlichen der oberschicht an. wo es in den modernen dialekten begegnet, geht es auf hd. gebiet zumeist auf den einflusz der schriftsprache zurück s. Fischer 3, 693; Staub-Tobler 4, 439; Schmeller-Fr. 1, 1442; Crecelius 425;
ausdrücklich das nichtvorhandensein stellt fest Lenz
Handschuhsheimer dialekt 28
b; Martin-Lienhart 1, 715
a;
auf nd. gebiet ist lidmaat, ledmaat
in der übertragenen bedeutung '
mitglied'
lebendig, sonst aber nicht mehr gebräuchlich s. Mensing 3, 472
u. 427; Berghaus 2, 355
b u. 392
a. 33)
für den ersten bestandtheil gilt bezüglich des präfixes und des stammvokals im wesentlichen das über glied gesagte. die synkope des präfixes scheint sich unter der einwirkung der mehrsilbigkeit etwas früher, bis gegen anfang des 17.
jahrh., durchzusetzen. ein spätes beispiel noch aus metrischen gründen bei Spreng
s. u. 6 b.
formen ohne präfix begegnen schriftsprachlich bis in die zweite hälfte des 16.
jahrh.: mit guten lydmassen Frisius
dict. (1556) 279
a; lidmasz J. Herold
heidenwelt (1554)
anhang Horus 99; gegen der lidmaas Forer
thierbuch (1563) 1
b;
vgl. theil 6, 995.
md. formen mit e
im stamm sind im 15.
jahrh. häufig, verschwinden dann aber, vgl. gledemâz
düring. chron. 70, gledemâz
Apollonius 41, 9
Schr.; der geledemâzen 45, 30; sînen geledemêzin
leben d. hl. Ludwig 90, 22.
das e
der compositionsfuge begegnet noch vereinzelt im 16.
und 17.
jahrh.: alle glidemass Hutten
op. 2, 211
Böcking; ihr als unserer kirchen gewesenen trewen gliedemasz Frisius
leichenpredigt auf Anna Scultetus (1616) A 4
a.
doch tritt seit dem 15.
jahrh. der erste compositionsbestandtheil vereinzelt auch in der form des pl., später auch in der des gen. sg. auf: gledermâz
düring. chron. 70; gliedermaszen Schleiermacher
Athenäum 2, 305; wie ein knäul von gliedesmaszen Anast. Grün
gedichte 180. 44)
im zweiten compositionsgliede liegen in älterer sprache formen mit und ohne umlaut vor. wenn für die umlautslosen neutralen formen ausgang von mâze,
f., mit geschlechtswechsel anzunehmen ist, so wird man die umgelauteten entsprechend zu mæze,
f., Lexer 1, 2065 (
dazu wohl auch der beleg unter mâz 1, 2064)
zu stellen haben. sie erscheinen nur im 14.
u. 15.
jahrh., vor allem auf md. boden, vgl. organum lidemæze Diefenbach
gl. 643
a;
weitere belege s. fundgruben 1, 381
b;
mhd. wb. 2, 1, 208
a; Lexer
nachtr. 187
u. zeitschr. f. dt. wortforsch. 14, 153;
das neutrale geschlecht ist hier nirgends vollkommen gesichert; hierher gewisz auch plur. ledemêzer, gledemêzer
zeitschr. f. dt. alt. 15, 423
u. 419,
wenngleich auch zu masz
der plur. mäszer
gebildet wird Steinbach 2, 52
u. theil 6, 1721. 55)
die unumgelauteten formen erscheinen im singular in folgenden variationen 5@aa) -masze
f. diese theoretisch am anfang stehende form ist gerade in älterer zeit nur spärlich belegt: lidmasse Mynsinger
von den falken 3; gliedmasse E. Cothmann
respons. iuris 1 (1614) 233
a u. ö. Sandrart
l'academia tedesca (1675) 1, 63;
behauptet sich aber bis in die gegenwart: die gliedmasze, das glied Ludwig
teutschengl. lex. (1716) 2, 791; jede gliedmasze ihres erschöpften körpers werde ihren eigenen stachel haben Görres
myst. 1, 398; ruht die obere gliedmasze Sömmerring
menschl. körper 2, 182; keine menschliche gliedmasze Laube
n. reisenovellen (1834) 1, 216; geschwülste an irgend einer gliedmasze Laistner
nebelsagen 267; gliedmasze extremität Fenner
medizin. wb. (1929) 2, 83. 5@bb)
weit stärker belegt ist -masz
f., das zweifellos als apokopierte form anzusehen ist; sie erscheint bereits im 14.
jahrh.: von rechter glidmausz
Friedrich v. Schwaben 2469
und hält sich bes. obd. schriftsprachlich bis ins 19.
jahrh.: ... das kain glydmasz ist, sy ist auffs gröst betrüebt Luther 10, 3, 73, 11
W.; von rechter lieblicher gliedtmass
buch der liebe (1587) 141
b; mit aller glidmass Stumpf
Schweizerchronik (1606) 425
b; durch einer gliedmasz widrig wildes zucken Grillparzer 2, 59
S. 5@cc)
daneben tritt früh die neutrale form -masz;
bereits der erste sicher datierbare beleg des wortes (1301)
deutet darauf: sîne innerlichen lidemâz (
pl.) :daz
kreuzfahrt Ludw. d. fr. 7980
N., wenn hier auch apokopiertes fem. vorliegen kann. eindeutig: daz ein lidemâz an irm reinen magetlîchen lîbe niht enbleib, iz wêre vol der minne Leyser
pred. d. 13.
u. 14.
jahrh. 26, 32;
die belege bleiben aber zunächst spärlich und werden erst vom 16.
jahrh. ab häufiger: (
die zunge) ist das schendlichst, vergifftigst glidmas Luther 34, 1, 496
W.; das schwächst glidmasz 10, 3, 241, 4; aber es ist ein zärtlich gliedmasz ümb die kehle Chr. Weise
erznarren 129
ndr.; jedes gl. Bodmer
bei Schönaich
ästh. 216
K.; der neutrale sing. bleibt bis um die wende des 18.
und 19.
jahrh. lebendig, vereinzelt noch darüber hinaus: manch fühlend gliedmasz Wieland 1, 90
akad. ausg.; gliedmasz
n. Jagemann (1799) 529; Jean Paul 3, 149
H.; Schiller
br. 1, 330
J.; Heyse
ges. w. 2, 10; 250; 264.
weitere belege s. u. und bei Paul
dt. gr. 2, 120.
aber bereits Steinbach 2, 54
u. Frisch 1, 355
b verzeichnen nur den plur. und die wbb. des späteren 18.
jahrh. geben zwar noch den neutralen sgl., bezeichnen aber den plur. als gewöhnlicher: Adelung (1775) 2, 719; Krünitz 19, 69
f.; Braun
orth. gr. wb. (1793) 124
a;
ohne einschränkung Campe 2, 404
a;
heute ist der neutrale sing. aus der lebenden sprache wohl fast ganz verdrängt, vgl. auch Paul
dt. gr. 2, 151,
wenn er auch literarisch noch vereinzelt begegnet, vgl. Bernoulli
der ritt nach Fehrbellin (1908) 85;
seine stelle hat weniger gliedmasze
f. (
s. o.)
als glied
eingenommen. 5@dd)
vereinzelt begegnet gliedmasz, gliedmasze
auch als masculinum. bereits bei Luther
deutet des kleynen glidmassen 6, 273
W. auf schw., doch wohl masc. sing., der wohl als rückbildung vom pl. gliedmassen
aufzufassen ist; glied-masze
m. Kramer 1 (1700) 537
c; '
einige brauchen es im männlichen geschlechte, der gliedmasz' Adelung (1775) 2, 719; '
ganz ungewöhnlich ist die bei einigen vorkommende form der gliedmasz, des -es
oder -en,
mehrzahl die -e
oder -en' Campe 2, 404
a. 66)
im plur. ist 6@aa)
die form mit zweisilbigem -masze
wenig belegt: sîne lidemâze Leyser
pred. d. 13.
u. 14.
jahrh. 95, 27; 129, 23; seine edle gliedmasse Petri
d. Teutschen weish. (1604/05) 2, U u 4
v; Steinbach 2, 54; Weigand
wb. d. dt. synonymen 1, 567;
im gen. pl.: ohne eines seiner gliedmasze J. Grimm
kl. schr. 1, 273; die ... schönheit ihrer gliedmasze
ders., Reinh. fuchs I (
der plur. hier also dem neutralen sing. genau entsprechend). 6@bb)
am geläufigsten ist bis ins 17.
jahrh. hinein die form mit einsilbigem -masz,
die sich am zwanglosesten wohl zum neutralen sing. stellt; so schon in der kreuzfahrt Ludw. d. fr. (
s. o.); ire gledemâz
Apollonius 41, 9
Schr.; bei Luther
herrscht diese form fast ausschlieszlich, vgl. seine glidmasz 10, 1, 1, 390
W.; unser glidmass 2, 128; 10, 2, 421;
vgl. Dietz 2, 137
a; gesunde gliedmas
theatr. diabolorum (1569) 33
b; all gliedmasz Eyering
proverb. copia 1, 515; deins hertzlieben vatter gliedmasz
griech. dramen 2, 135
D.; auch der gen. pl. bleibt unverändert (
falls nicht sing. collectiv vorliegt): der glidmass odder natur halben Luther 10, 2, 287, 16
W.; anstatt voriger gliedmasz Kirchhof
wendunmuth 1, 87
O.; das blOed und schwache thierlein klein zarter gelidmasz und gebein Spreng
Ilias (1610) 249
a; 6@cc)
seit anfang des 16.
jahrh. begegnet der plur. gliedmaszen;
der im 15.
jahrh. belegte gen. pl. der geledemâzen
Apollonius 45, 30; 47, 21
Schr. ist wohl zu a)
zu stellen. die entstehung der form, die sich am zwanglosesten zum sg. fem. stellt (
vgl. Paul
dt. gramm. 2, 119),
macht insofern schwierigkeiten, als das fem. bis zum aufkommen dieser pluralform (
und darüber hinaus)
schriftsprachlich fast ausschlieszlich collectiv gebraucht ist (
s. u.);
andererseits steht ohr — ohren (
so bereits bei Luther
fest)
wohl zu isoliert, um als ausgangspunkt gelten zu können. es musz daher wohl mit einem stärkeren gebrauch nichtcollectiver femininformen in der lebenden sprache jener zeit gerechnet werden (
doch vgl. u.). Luther
hat gliedmaszen
nur vereinzelt: 2.
Macc. 7, 11; 30, 2, 704
W.; gebrante glidmasen Sebiz
feldbau (1579) 218; alle gliedmaszen Nigrinus
v. zäuberern, hexen (1592) 39; glidmassen Ringwaldt
lauter wahrheit (1597) 138;
seit dem 17.
jahrh. wird die form so gut wie alleinherrschend; sie tritt um so mehr hervor, je mehr der sing. zurückweicht (
vgl. o. unter 5
c);
bereits bei Weitenauer
erscheint gliedmassen
als plur. von glied: glied. gliedmassen ist die vielfache zahl
orthogr. wb. (1764) 56.
bedeutung. grundbedeutung ist '
masz der glieder'.
das genetisch am anfang stehende fem., der ausgangspunkt des wortes, hat in älterer zeit fast ausschlieszlich collectiven sinn '
ebenmasz, länge, bau der glieder'.
daneben ist das collective element früh auf die gesamtheit der einzelnen extremität (
arm, bein)
eingeschränkt, deren einzelabschnitte ebenfalls als glied (
s. glied II A 1
b, c)
bezeichnet wurden. (
die für lidmasz
in der 2.
hälfte d. 16.
jahrh. vereinzelt belegte bedeutung länge eines gliedes zwischen zwei gelenken dürfte jüngere umbildung sein. mit der verwendung einzelner solcher theilabschnitte [
elle, fusz]
als masze [Kluge
11 209
b]
hängt das wort daher wohl kaum zusammen.)
diese gleichsetzung von gl.
mit glied
begünstigte die entwicklung zum neutrum und damit eine bedeutungsspaltung: die grundbedeutung blieb dem fem., die gleichsetzung mit glied
wurde auf das neutr. beschränkt, wenn auch mit deutlicher einschränkung. vor unserm ersten datierbaren beleg (1301)
kreuzf. Ludwigs d. fr. 7980
N. musz eine längere entwicklung liegen, da er sich auf die inneren organe bezieht. später geht in rückläufiger bewegung die grundbedeutung verloren, und das fem. wird nun für die einfache bedeutung glied
frei. II. gliedmasz(e)
als sing. collectivum. das geschlecht ist, auszer in einigen irrelevanten fällen, fem.; neutr. liegt nur vor in lidmass Keisersberg
irrig schaf (1514) 85;
vielleicht auch an allem leyb und glydmass Schumann
nachtb. 300
B.; dein lidmaass
hohelied (1531), glidmass (1548)
bei Staub-Tobler 4, 439. I@AA.
ausmasz der glieder bzw. des körpers, körperlänge, gestalt nach ihrer ausdehnung: quantitas lidmas Diefenbach
n. gl. 310
b; nach seiner grösze und lidmasz Herold
heidenwelt (1554)
anhang Horus 99;
statura glidmasz Diefenbach 551
a; niemans ... ist, der ... mög ... hynzuowerffen zu seiner glidmosz oder lenge einen ellenbogen Keisersberg
postill (1522) 3, 82; alsdann misz ich erstlich die leng der glidmasz des mans zwischen scheitel und soln A. Dürer
menschl. proportion A 3
b;
homines paululi et graciles einer kleinen glidmasz oder vast klein und wenig J. Frisius
dict. 952
b; glidmasz (die), leybs lenge, die grösse desz leybs
statura, status, habitus, conformatio Maaler 186
a; glidmasz statur Simon Rot;
von thieren: in der grösze als ein omeis mit aller glydmosz Keisersberg
post. (1522) 4, 33
b. I@BB.
beschaffenheit der glieder bzw. des körpers, gliederbau, wuchs, gestalt nach ihrer form: die kúngin was rich und plickt in vil offt an: wann er was ain vil schOen man, von rechter glidmausz ganntz
Friedrich v. Schwaben 2470
J.; schaw, Hanna, wie geleich ist nun der jüngling meiner schwester sun an augen, nasen, mund und har und an aller gelidmasz gar H. Sachs 1, 147
K.; habitus gestalt, glidmasz, leybsgestalt eines menschen Frisius
dict. (1556) 621
b; ... in einem spiegelglasz ersehen wirt alle glydmasz
schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 1, 185
B.; von glidmasz wol proportioniert
Fierrabras (1533) F 1; von aller glidmasz wolgeschickt leüt S.
Frank weltb. (1534) 226
a; beyde jungfrawen die waren ... von rechter lieblicher gliedtmass
b. d. liebe (1587) 141
b;
in oberösterreich. dialektdichtung noch im 19.
jahrh. (
wofern nicht verlust der endung des dat. pl. vorliegt): resch von antritt und mäul und graosz und groppát vo gliedmasz
F. Stelzhamer
ausgew. dicht. 3, 15
R.; gern wird gl.
sowohl in contrastierender ergänzung wie auch in mehr oder weniger synonymer zusammenstellung mit andern substantiven gekoppelt: das kindt (wird) hesslich und ungestalt von angesicht und glidmass W. H. Ryff
anatomie B 6
b (
viell. zu I E
gehörig); welcher ihn zimlich lang und in rechter stercke und glidmasz bedüncket
Amadis 1, 194
lit. ver.; also redende druckte sy in mitt ainem stAeblein, machte von stundan seinen hubschen leib und glidmasz altgeschaffen, gedigen, ungestalt Schaidenreiszer
Od. 58
a; so hab ich ... meiner eltern bildnuss, proportz und glidmass gesehen
Aymon (1535) a 3
b; auch war sie an allem leyb und glydmass so gar schön und zart Schumann
nachtb. 300
B.; auch von thieren wird gl.
so gebraucht: der leppard ... hat ... zuo solcher arglistigkeit ... ein rechte form, gestalt und glidmass von natur überkommen Herold-Forer
Geszners thierb. 105.
nahe berührung besteht bei genitivischem gebrauch mit dem plur. von gl. II,
sodasz trennung kaum möglich ist: der was wolgeschaffner glidmasz
Fierrabras (1533) F 1; Amerigo ausz diesem hauffen auch einen knaben kauffen was zart und subtiliger gliedmas H. Sachs 2, 237
K. I@CC.
durch betonung des rein collectiven elementes entsteht die bedeutung '
gesamtheit der glieder'
ohne rücksicht auf ausdehnung oder beschaffenheit: wann des vatters same in muoterleib mit menschlicher glidmas durch die natur formiert ist, alszdenn beschaft got ainn newen rainen geist aus nichding Berth. v. Chiemsee 184
R.; zwey kinder ..., deren hAeupter waren beyseits an einander, als ob es nur ein haupt were; aber zwey angesicht, unden auss in allweg zwey kinder mit aller glidmass Stumpf
Schweizerchronik (1606) 425
b.
auch von thieren: die mitglieder des elephantenbundes hatten in ihrem wappen 'ainen hellephant mit ganzen seiner glidmas' (Brandis
gesch. v. 1626) Schöpf-Hofer 194. I@DD.
unter betonung des quantitativ-qualitativen elementes entwickelt sich die bedeutung '
ebenmasz der glieder, proportion der glieder, ebenmasz, harmonie (
auf glieder bezogen)',
die sich freilich von B
nicht ganz streng trennen läszt: es ist nit lieblichers zu schauen wan des menschen leib von rechter glidmasz und proportion gemacht Fries
spiegel der artznei (1518) 32
b; von der gliedmosz des menschen (
d. h. von der proportion) A. Dürer 314, 5
L.; apta compositio membrorum wolgestaltete glider, die ein rAechte glidmasz habend J. Frisius (1556) 108
b; ir näsli war in rechter lidmass Ziely (1521)
bei Staub-Tobler 4, 439;
erweitert auf organisches überhaupt Keisersberg
trostsp. 65
a,
s. th. 6, 995 (
wo aber zur ansetzung des n. kein grund ist). I@EE.
vereinzelt auch auf das aussehen, die züge des gesichts bezogen. die meisten belege beziehen sich auf das präfixlose lidmas,
für das der Schweizer Dasypodius (1537)
ausschlieszlich diese bedeutung ansetzt (
physionomia die natürliche lidmasz; lidmasz
lineamentum, filum)
und das er scharf von glidmasz
artus trennt; doch vgl. o. I B von angesicht und glidmass Ryff
u. u. Calepinus
u. Alberus: das tuoch (
der h. Veronica) was glich als sin heilig antlit mit aller lidmâss an farwe und an allen dingen
deutsche volksb. (1478)
bei Staub-Tobler 4, 439;
filum die lidmass (
oder pl. zu gl. II?) eines angesichts und desselbigen strimen, die hauptstrich Frisius
dict. (1568) 562
b;
lineamenta die gliedmasz Calepinus
XI ling. (1598) 824
b;
lineamentum glidmasz Alberus (1540) hh 1
b. I@FF.
übertr. auf das äuszere von gegenständen: die kleidung, wandelnd wie ein chamäleon, wechselte jeden augenblick nicht nur farbe, sondern sogar gestalt und gliedmaass Kretschmann 5, 426. I@GG.
übertr. auf das verhalten von menschen, gebaren: muess ich in der hell und darinn blyben, so will ich 's tüfels glidmasz tryben, ouch disen orden nemen an Rueff (1550)
bei Staub-Tobler 4, 439. IIII. gliedmasz =
membrum, artus (
concret);
im sgl. überwiegend neutr.; sicheres fem. gerade in den älteren belegen selten; doch sind die ziemlich häufigen fälle mit unflectiertem pronomen (ein, kein, sein gl.
u. s. w.)
mehrdeutig, wie speciell auch das beispiel Luther 10, 3, 73 (
o. form 5
b)
zeigt. II@AA.
äuszere körpertheile des menschen. II@A@11)
wie glied II A 1
a. II@A@1@aa)
allgemein. die andere sêlikeit ist noch hôger, daz der mensch gesunt lîp und ganze gledemêzer (habe) meister Eckart
pred. zeitschr. f. dt. alt. 15, 418
f.; dô vant her alle sîne gelidemêze gar zuslagen
mystiker 1, 210, 18
Pf.; das ist die ander ursach des sabbats, das sich dein gesinde und ... thier erquicken ... und die glidmas erfrischen und zuor stercke bringen Carlstadt
von dem sabbat (1524) B 1
a; einen knecht kan man gebrauchen zu allen sachen wie die gliedmassen desz leibs Lehman
floril. polit. (1662) 3, 136; eine grausame folter hatte sie des gehörigen gebrauchs der gliedmaszen beraubt
dt. erzähler d. 18.
jahrh. 78
Fürst; unvollkommen brechen die umrisse der gliedmaszen durch die steife hülle
dt. museum 4, 301
F. Schlegel; gliedmaszen,
artus, sind die am rumpfe durch gelenke befestigten beweglichen theile Illiger
thier- u. pflanzenreich (1800) 142; dünn und knöchern gewordene gliedmaszen Immermann 2, 75
B.; der ganze stoff fertig und nach den formen der gliedmaszen zugeschnitten Hegel 10, 1, 212; gestalten in schwarzen lumpen, mit verrenkten oder fehlenden gliedmaszen Justi
Winckelmann 2, 1, 364; sie stand schwankend und schwindelnd auf den füszen; jedoch ohne die geringste müdigkeit und schwäche in den, doch (
vom laufen) so übermüdeten gliedmaszen Raabe
Horacker 166; alle arbeit richtet sich auf orts- oder formveränderung an den dingen der auszenwelt. zu ihrer ausführung stehen dem menschen zunächst nur seine gliedmaszen zur verfügung Bücher
arbeit u. rhythmus4 419; steifheit von gliedmaszen ... machen auch für den landsturm dauernd untauglich v. Alten
handbuch 4, 121;
der sgl. ist gerade in dieser verwendung naturgemäsz selten, weil die zusammenfassung zumeist dem plur. zufiel, sonst aber neben glied
häufig die einzelbezeichnung concurrierte, vgl. indessen: so einer aus nidrigem stand umbkOempt, so deucht mich eben das, als man mir abrisz ein gliedmas A. Lobwasser
Calumnia C 5 b; die hirnschal ist entzwey, das blut läufft mildiglich an dreyen orten aus, kein gliedmass reget sich Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1654) 2, 103; ein zerquetschtes gliedmasz verursacht peinlichere empfindung, als wenn es von dem kranken leibe abgelöst wird Musäus
volksmährchen 4, 136
H.; jedes gliedmasz bewegen Fichte 6, 375.
seit dem 18.
jahrh. finden sich häufiger wendungen, die die proportion der gliedmaszen betonen, jedoch ohne zusammenhang mit der grundbedeutung: alle seine gliedmasen sind gegen einander in einer vollkommen verhAeltnis v. Loen
ges. kl. schr. (1749) 1, 15; man kann zum exempel die bildung des menschen insbesondere betrachten — die proportion, den umrisz, die harmonie seiner gliedmaszen, seine gestalt — nach einem gewissen ideal von ebenmasz Lavater
physiogn. fragm. 1, 13; sie waren von auszerordentlich schlankem wuchs ... und den gliedmaszen fehlte es an ebenmasz J. G. Forster 2, 160. II@A@1@bb)
feste verbindungen II@A@1@b@aα)
mit adjectiven: am deutlichsten ist die beziehung auf arme und beine in der bezeichnung obere und untere gliedmaszen: nach den untersuchungen ... sind die oberen gliedmaszen des negers verglichen mit den unteren viel kürzer Peschel
völkerkunde (1874) 498; zusammenfügung der knochen der oberen und unteren gliedmaszen Sömmerring
körper 2, xix;
am häufigsten von adjectivischen verbindungen ist gesunde gliedmaszen: er (
der werbeofficier) musz das subjectum ... genau betrachten, ob er ein gutes aussehen habe, von guten und gesunden gliedmaszen sey v. Fleming
d. teutsche soldat 122; 317; man hat ihm einmal gesagt, er müsse von jenem französischen vorhaben abstehen, wenn er mit gesunden gliedmaszen nach hause kommen wolle Ranke
s. w. 1, 273; v. Holtei
erz. schr. 2, 134; liederlich umb seine gesunde gl. kommen Schoch
com. v. studentenleben (1657) K 3
r. starke, tüchtige, grobe gliedmaszen: ein herr von gesundem leib und starcken gl. Micrälius
Pommerland (1639) 4, 161; sekundenlang spielte sein blick über den starken gliedmaszen seines weibes G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 22; stark und von tüchtigen gl. Göthe 33, 325
W.; ... der zugleich rothe backen und tüchtige gl. aufweist
M. Meyr
erzähl. aus d. Ries 1, 175;
vertebre vel vertibole groue ledemate Diefenbach
n. gl. 379
b; wie glücklich sind doch die schlechten leute, die solche plumpe, grobe gl. haben, dasz sie immer gesund seyn kOennen Gottsched
dt. schaubühne 4, 82.
für die frühe loslösung von gl.
von seinem ausgangspunkt ist es charakteristisch, dasz verbindungen mit adjectiven, die auf schöne oder harmonische form hinweisen, nur vereinzelt begegnen: von wolgesazten grosen glidmasen Fischart
podagr. trostbüchl. 4
H.; seine starken wohlgebildeten gliedmaszen J. J. Schwabe
belustigungen 3, 148; wohlproportionirte gliedmaszen G. Forster
sämtl. schr. (1843) 1, 269. Stoschs
gegenüberstellung so wird man besser sagen: seine gliedmaszen sind wol gebildet als seine glieder sind wohl gebildet
versuch in richt. bestimmung 2 (1772) 440
entspricht also nicht dem tatsächlichen gebrauch. seiner gliedmaszen mächtig: er (
Händel) lebte und webte von kindesbeinen an in den tönen ... und fing selber an zu musiciren, als er kaum
s. gl.
m. war Chrysander
Händel 1, 15; zweitens war sie von den schmerzen der geburt so schwach ..., dasz sie ihrer gl. kaum
m. war
dt. volksbücher 2, 10
Simrock; präpositionelle verbindungen mit adjectiven bzw. participien begegnen nur vereinzelt (schlank, grosz, stark von gliedmaszen),
häufiger an allen seinen gliedmaszen gelähmt Ranke
s. w. 9, 409. II@A@1@b@bβ)
mit verben: im gegensatz zum entsprechenden gebrauch von glied (II A 1
a γ bb)
selten; vor allem begegnet gliedmasz(en)
kaum als subject; ganz vereinzelt steht: alle gliedmaszen waren schwach und zittern J. Riemer
maulaffe (1679) 159;
auch als object geht gl.
kaum feste verbindungen ein: seine gliedmaszen beisammen haben
an den gliedern unbeschädigt sein s. Dahlmann
franz. revol. 169;
auch die bei glied
so häufigen präpositionalen wendungen begegnen nur vereinzelt: itzo schlotterte er aber an allen gliedmaszen Alexis
Roland v. Berlin (1840) 2, 100; da ging es einem wohl durch alle gliedmaszen Holtei
erz. schr. 10, 12; mir zuckts und reiszt schonn in allen gliedmaszen G. Hauptmann
Rose Bernd (1904) 63; wie der erste schleifer vorbei war, konnte ich ... sehen, wie eine gute musik in die gliedmaszen fährt Eichendorf 3, 32. II@A@1@cc)
die gliedmaszen
dem kopf (
haupt)
gegenübergestellt (
vgl. glied II A 1
a β): dan eins iglichen eingeleybet heubts natur ist, das es in sein glidmasz einflisse alles leben, sin und werck Luther 6, 298
W.; miszbildungen, die nur aus einem ... rumpfe bestehen, während jede andeutung von kopf und gliedmaszen fehlt Sömmerring
menschl. körper 8, 1, 449. II@A@22)
wie glied II A 1
b. eindeutige literarische beispiele sind selten, zumal in älterer zeit. belege wie: daz du mir nemest ein gelidemêze mînes lîchames (
st. Brigitta bittet um körperliche entstellung; als erhörung wird der verlust eines auges berichtet) Herm. v. Fritzlar
myst. 1, 76
Pf. setzen diesen gebrauch wohl schon voraus, beweisen aber nichts; bei Luther
ist der gebrauch deutlich: und da sie es von im fodderten, recket er die zunge frey heraus und strecket die hende dar und sprach getrost: diese gliedmassen hat mir gott von himel geben, darumb wil ich sie gerne faren lassen 2.
Makk. 7, 11; der mensch ist wie eine republik oder vielmehr wie ein kriegsheer: hand, fusz und alle gliedmaszen dienen und helfen zu dem zwecke, den sich das haupt vorgesetzt hat Göthe
gespr. 2, 190
B.; ebenso sind die gliedmaszen der extremitäten ... zwei gleiche wie arme, hände, beine Hegel 7, 1, 587;
die hand als beispiel nennen Campe 2, 404
a und Heinsius 2, 479
b;
entsprechend von künstlich nachgebildeten gliedern: an den wänden ..., wo nichts zu finden war als einige bestaubte und von rauch geschwärzte gliedmaszen, nämlich die in gyps abgeformten füsze, hände und arme der schöngewachsenen braut oder nunmehrigen frau des fröhlichen scholaren G. Keller 6, 254; es handelt sich bei allen künstlichen gliedmaszen ... um eine dem zu ersetzenden gliede in form und grösze entsprechende hülse Karmarsch-Heeren 4, 94;
selten wie glied II A 1
c, in älterer zeit im wesentlichen im zusammenhang mit der ausdehnung der bedeutung auf äuszeren körpertheil überhaupt (
entsprechend glied II
B): warumb hatt er nit gepotten zu beschneyden die finger, hand, fuss, oren oder auge oder sonst eyn gelidmas Luther 10, 1, 1, 507
W.; hände z. b. wie füsze, finger, wie zehen sind glieder und gliedmasze Weigand
synonyma 1, 567;
wohl diesen gebrauch, möglicherweise aber auch die gleichsetzung von gl.
mit glied =
abschnitt zwischen 2
gelenken setzt voraus inmaszen die gliedmaszen gegen einander noch so gelencke (
waren) wie eines schlafenden Riemer
polit. stockfisch 180. II@A@33)
wie glied II A 1
d: die meisten glauben, dasz es dem kopfe an gewicht fehlen müsse, der den übrigen gliedmaszen einen so lächerlichen gebrauch ihrer gelenkigkeit erlauben kann J. A. Cramer
nord. aufseher (1758) 1, 201; gewisse andeutungen von gliedmaszen, welche auf kopf, arme und beine zu schlieszen berechtigten Gaudy 13, 33;
vgl. auch A 1
a die definition von Illiger. II@A@44) gl.
heiszen nach dem vorbild von glied II
B sonstige äuszere oder nach auszen in erscheinung tretende körpertheile: II@A@4@aa)
die zunge: disz gebot ... begreyft doch nit mehr dan das werck des kleynen glidmassen der zungen Luther 6, 273
W.; in dem gebrauche des edelsten gliedmaszes der zungen Chr. Weise
politischer redner (1677) 297. II@A@4@bb)
die augen: ich bite dich, daz du mir nemest ein gelidemêze mînes lîchames ... und iz geschach ... des nachtes wuchs ir ein ouge ûz irme houbite
myst. 1, 76
ff.; gesunde gliedmas, augen, arm, bein
theatr. diabolorum (1569) 33
b; unter denen sichtbahren gliedmaszen (
habe) das auge den vorzug Chr. Weise
d. dry klügsten leute (1675) 183; im paradiese (
waren), ... Adams augen so gut wie seine andere gliedmaaszen unsterblich v. Hippel
lebensläufe 3, 1, 348. II@A@4@cc)
die ohren: augen, oren, zunge und alle andere gelidmas Luther
d. erste b. Mose (1527) L 1
a; dasz unter allen gliedmaszen menschliches leibes alleine die ohren gewrdiget worden, die zahl der gOettinnen zu vermehren J. B. Schupp
schr. 559; ihn wird Apollo seinen freund nennen und sein unerkanntes verdienst durch zwei lange gliedmaszen unter Midas locken rechtfertigen Herder 12, 253
S. II@A@4@dd)
die nase: die äuszeren gliedmaszen, nasen, ohren
allgem. dt. bibl. anh. z. bd. 53—86, 445. II@A@4@ee)
zusammenfassend die sinnesorgane: die augen haben unter allen sinnlichen gliedmaszen die ältesten und gerechtesten ansprüche auf unsere erkenntniss sowohl als auf unsere glückseligkeit
M. Mendelssohn
ges. schr. 1, 149; die gliedmaszen unsers körpers, die wir sinne nennen Novalis 4, 27
Minor; wir haben eben so viele gliedmaszen der sinne als die alten einwohner Italiens gehabt Gottsched
beytr. z. crit. hist. (1732
ff.) 1, 157
; vgl. auch D 1. II@A@4@ff)
die zähne: es scheint mir aber gleich widersinnig, einen vollkommnen menschenleib ohne eines seiner gliedmasze, z. b. ohne zähne, als die gottheit mit zähnen, folglich essend sich vorzustellen Jac. Grimm
kl. schr. 1, 273. II@A@4@gg)
der hals: ... bat, dasz er (
d. schieferdecker) nicht den hals oder sonst ein gliedmasz brechen möge Jean Paul 3, 149
H. II@A@4@hh)
die geschlechtsorgane: ... wenn man oder weyb untüchtig zur ehe ist der glidmass odder natur halben ... Luther 10, 2, 287
W.; linici (
eine ketzersekte) wolten, man solt in eelichen wercken und glidmassen kein scham haben S. Frank
chron. (1543) 2, 110
b; W. v. Humboldt
ges. schr. 5, 45
akad. ausg.; auch mnd. gelitmate, geledemate
für penis Lasch-Borchling 1, 55. II@A@55)
contrastierung von leib
und gliedmaszen
begegnet nicht so häufig wie die von leib
und glieder (
s. glied II A 1
e);
auch hier stehen (
wie in 1)
arme und beine im vordergrund, ohne dasz aber eindeutige beschränkung vorläge: es ist eine unschAetzbare wohlthat gottes, einen gesunden leib und wohlgebildete gliedmaszen zu haben
vernünft. tadlerinnen 1, 279; brauchet er seine tyranney und gewalt ... ber den leib und desselben gliedmassen G. L. Hartmann
fluchsp. 72. II@A@66)
besonders beliebt ist die verwendung von gliedmaszen
in dem allgemeinen sinn '
äuszere körpertheile',
ohne dasz eine nähere identification möglich wäre: einer jungen, frischen dochter an personen und glidmaszen wolgeschickt und volkomen
privatbriefe d. ma. 1, 220 (
v. 1480)
Steinhausen; in seiner person und gliedmassen keysern Balduino gleichfOermig J. H. Schill
teutsch. sprach ehrenkranz (1644) 71; das gespenst (
die verstorbene kaiserin) geht allgemachsam herein, und verwundert sich der keyser, dass alle gliedmassen so eigendlich zutrafen Nigrinus
von zäuberern (1592) 39; wie man eines menschen hertz, natur und eigenschaft an seinen gliedmaszen, sprach, gang und kleidern erkennen sol Musculus
hosenteuffel 21
ndr.; gliedmaszen äuszere glieder des menschen Frisch 1, 355
b; das theuerste, was der mensch hat ... seinen leib, darf er mit allen anhAengseln von gliedmaszen unverzollt über die grenze bringen Raupach
dram. w. kom. gattung (1829) 2, 10. II@BB.
innere theile des menschlichen körpers. während der frühste sicher datierbare beleg (1301)
von lidemâz
diese bedeutung aufweist, bleibt sie sonst im gegensatz zu glied II C
selten: sîne innerlîchen lidemâz, von den der mensche sîn leben hât
kreuzfahrt Ludwigs d. Fr. 7980
N.; auf entsprechenden gebrauch deuten einmal die gleichsetzungen mit organum: o. glid-
vel lydmAesz, en litmat Diefenbach 400
b,
vgl. fundgruben 1, 381
b u. zs. f. dt. wortforsch. 14, 153; das gliedmas
l'organe Schwan
nouv. dict. 1, 768
b;
anderseits der zusatz äuszere
bei entgegengesetztem gebrauch: der verf. handelt vorzüglich vom brand der äuszern gliedmaszen
allg. dt. bibl. anh. z. bd. 37—52, 144;
directe belege sind selten: innerliche gliedmasz
auslegung u. beschr. d. anatomie (1539) ...; leut, denen es an ihrem leib inwendig oder auszwendig an diesen oder jenen gliedtmaszen, am kopff oder rumpff, lung oder leber, henden oder füssen nicht woran fehle und mangele D. Schaller
theolog. heroldt (1604) 74; darnach hat ein jeglicher heyl[iger] noch seine besondere gliedmasz in der menschen leib zu regieren, wie vor zeiten die zwelff zeichen der sonne Fischart
binenkorb (1588) 202
b; wenn sie (
die gebärden) ... produkte der idealischen assoziation der inneren und äuszeren gliedmaszen sind Novalis 2, 230
Minor; an der grenze zwischen A
und B
steht die bezeichnung der sprachorgane als gliedmaszen: ich wolt euch gern geholffen wissen, aber es ist ein zärtlich gliedmasz mb die kehle, das man nicht bleche anflicken kan wie an die regalpfeiffen Chr. Weise
d. drei ärgsten erznarren 129
ndr.; wenn du einen vorzug vor ihnen (
den thieren) hast, so ist es ... eine bildung gewisser gliedmaszen, die dich der rede fAehig macht Wieland
Agathon (1766
f.) 2, 60;
mit unscharfer formulierung: dieweil der liebe gott nicht minder der stimme und rede des menschens eine heimliche und verborgene krafft als den andern gliedmassen gegeben J. Prätorius
vom katzenveite (1665) E 5. II@CC. II@C@11)
ähnlich wie glieder (II E),
doch bei weitem nicht so häufig, wird der plur. gliedmaszen
metonymisch für den körper bzw. die person selbst gebraucht: das unsre gliedmas von dem tod widrumb sollen erstehn durch gott A. Lobwasser
calumnia H 1
b; du aber kom her ... deins hertzlieben vatter gliedmasz neben mir gantz freundlich umbfasz;
griech. dramen 2, 135
Dähnhardt; dann wrde ich eure gliedmassen mit prgeln beschweren Iffland
theatr. w. (1827
f.) 1, 292; meine erschöpften gliedmaszen irgendwo unterzubringen graf Pocci
lustiges komödienbüchlein 4 (1871) 34;
gelegentlich in contrastierung mit der seele: was aber menschliche glidmasz ... ohn dy seele machen, das kan ich nicht mercken J. v. Schwarzenberg
Cicero (1535) 48. II@C@22)
oft nähert sich der plur. der bedeutung: gesundheit, leben: ja! auf kosten der reisenden und ihrer gliedmassen H. Beck
d. kamäleon (1803) 19; jedermann war nun seines eigenthums und seiner gliedmaszen sicher Immermann 18, 67
B.; meine gliedmaszen schienen das geringste zu sein, was ihre theilnahme fesselte (
vorher war von der lebensrettung des sprechers die rede) Holtei
erz. schr. 1, 49; jeder (
hatte) nur seine eigenen gliedmaszen in sicherheit gebracht 5, 173. II@DD. gl.
bezieht sich oft mehr auf die function des körpertheils bzw. organs als auf diese selbst und kann daher leicht zu der bedeutung '
fähigkeit, kraft'
übergehen: II@D@11)
eigentlich: weil aber der mund des hertzens gliedmas ist, mus er endlich auch yn ewigkeit leben, umb des hertzen willen, welchs durchs wort ewiglich lebt Luther 23, 181
W.; wenn wir die engel ... als uncOerperliche, den groben gliedmaszen der sinne sich entziehende wesen betrachten Bodmer
v. d. wunderbaren (1740) 20; wer ist in den schönen künsten ... so gar unerfahren ..., dasz diejenigen, denen dieser allgemeine gute geschmack unbekannt ist, weder witz noch verstand ... noch auch gesunde gliedmaszen der sinne besitzen? J. A. Scheibe
crit. musicus 202. II@D@22)
übertragen auf geistiges und seelisches: fähigkeiten, kräfte; nach beiden seiten weist: darumb wirt der nam gottis nit allein mit dem mund, sundern auch mit allen glidmassen leibs und sele geheiliget ader vorunheyliget Luther 2, 88
W.; kein ... krebs verzehret also die glieder des leibes als die ... vertorbene liebe die gliedmaszen des gemttes Butschky
Pathmos 693; (
das gewissen) beseelt ... das zärtliche sinnbild des menschlichen körpers und vermag alle geistigen gliedmaszen in die wahrhafteste tätigkeit zu versetzen Novalis 4, 233
Minor; scherzhafte bildliche übertragung führt zu ähnlichem resultat: was mich ... getröstet hätte, war ..., dasz er nicht hebrAeisch konnte und also nicht alle gesunde gliedmaszen als geistlicher hAette v. Hippel
lebensläufe in aufst. linie (1778
ff.) 1, 272. II@EE.
von thieren in der fachsprache heute allg. für '
die beweglichen anhänge des körpers, besonders die zu seiner fortbewegung bestimmten (
flügel, beine u. s. w.),
aber auch die mundwerkzeuge' Meyer
conversationslexikon6 8, 35
b;
bei den wirbelthieren unterscheidung von paaren
und unpaaren gliedmaszen
ebda; in früherer sprache ist der gebrauch für thiere z. th. ganz unbekannt (
vgl. Frisch 1, 355
b),
z. th. ungeläufig und auf '
gröszere thiere'
beschränkt, s. Adelung (1775) 2, 719, Campe 2, 404
a,
aber dann entsprechend den bedeutungen A
und B: II@E@11)
zieml. allg. bei höheren thieren a)
äuszere körpertheile, bes. die beine: etliche kauffen die ochsen ... nach des leibes und der gliedmaszen beschaffenheit
viehbüchlein 7; der schelchhengst, den man zu den stuten brauchen will, dieselben zu steigen, der soll von leib grosz und von allen glidmassen wolgesetzet und starck sein
M. Herr
feldbau 185
a; es ist nicht blosz die äuszere menschenähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmasze, was uns anzieht J. Grimm
Reinhart fuchs I; auf diesem wege können thiergeschlechter gliedmaszen, waffen oder auch zierden erwerben D. Fr. Strausz 6, 126; die hinteren gliedmaszen des gorilla O. Peschel
völkerkunde 2;
ebenso von vögeln: auch hat er (
alpenbraunelle) starke gliedmaaszen J. A. Naumann
vögel 2
2, 940;
in älterer sprache auch auf einzelne theile des kopfes, wie auge u. s. w., bezogen: als man ihn (
den kalbskopf) zerlegen wolte und eins von seinen allerbesten gliedmassen (
d. auge) mangelte ... Grimmelshausen
Simpl. 80
ndr.; b)
innere körpertheile: es hat ein hirsch unter andern seinen edlen gliedmaszen ... auch dasjenige, welches ihme mitten in dem hertzen sitzet und des hirsches kreutze ... genannt wird v. Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 23. II@E@22)
bei niederen thieren auszerfachsprachlich nur vereinzelt: das blOed vnd schwache thierlein klein (
die mücke) zarter gelidmasz und gebein Spreng
Ilias (1610) 249
a (
viell. zu I
gehörig); dasz in einem fast unsäglich kleinen raume aus vielen gliedmaszen zusammengesetzte thiere sich befinden Chr. v. Wolff
vernünftige gedanken v. gott (1720) 35; erfahrungen ..., die uns belehren, dasz manche thiere ganz verlorne gliedmaszen wieder ersetzen können Göthe II, 8, 86
W. IIIIII. gl.
in übertragener bedeutung wie glied III,
da gl. II
den ausgangspunkt bildet, gilt für das geschlecht das dort gesagte. III@AA. gl.
wie glied III.
dieser gebrauch ist besonders früh und ausgedehnt üblich bei mnd. ledemate, litmate
s. Schiller-Lübben 2, 649
a; 705
b. III@A@11)
in religiös-kirchlicher sphäre von glied III A
befruchtet, bes. seit dem 16.
jahrh. und bis zur mitte des 18.
jahrh. lebendig, stirbt dann in der lebendigen sprache allmählich ab und begegnet im anschlusz an ältere ausdrucksweise nur noch vereinzelt im beginn des 19.
jahrh. III@A@1@aa)
die gläubigen sind die gliedmaszen Christi
α)
mit bildhafter erwähnung des leibes Christi: das er alle ... als lebendige gliedmasz seines leibes ... erhalten will Mathesius
Sarepta (1571) 4
a; das wir denn gar von snden rein und halb vergOettet werden sein als gliedmas deines leibes Ringwaldt
evangelia V 5
v.
β)
in freierer verwendung: vermane ihn hertzlich, er wOelle sich wider die arme und unschuldige gliedmasz Jesu Christi nicht gebrauchen lassen Mathesius
hochzeitspredigten 206
L.; aber du hast ... mich zu deinem gläubigen gliedmasz aufs neue angenommen und dich mit mir verbunden Joh. Quirsfeld
geistl. creutzhöle (1717) 83; ... hast du (
Jesus) so viel gelitten, dasz meine seele nur nicht darf verlohren gehn, so wirst du auch den leib mit seegen überschtten und mich, dein gliedmasz, nicht in kummer lassen stehn B. Schmolcke
sämtl. trost- u. geistr. schr. 1, 316; alle sind nur seine (
Christi) werkzeuge oder gliedmaszen Schleiermacher I, 4, 289. b)
wie glied III A 4: die glidmassen der kirche (1533/34) Bauer-Collitz 146; ... ein wahres gliedmasz seiner (
gottes) kirchen Pape
bettel u. garteteuffel F 6
v; ihr als unserer kirchen gewesenem trewen gliedemasz ... ein ehrliches geleite zu geben Fr. Frisius
leichenpredigt auf Anna Scultetus (1616) A 4
a; dasz ... sie (
die geistlichen) mit mir..., als priestern mit einem gliedmasz der kirchen und geistlichen sohne gebhret, umgehen Thomasius
ernsth. gedanken (1720
f.) 3, 121. c) gliedmaszen der christenheit: du bist Christi bruder und ein gliedmas der christenheit Luther 32, 217
W.; ... also wirt er (
der mensch) nit nach dem leibe gerechnet ein glidmasz der christenheit, sondern nach der seelen, ja nach dem glauben
ebda 6, 295. d)
wie glied III A 7: wider den tiuvel und sîne lidemâze Leyser
pred. d. 13.
u. 14.
jahrh. 95, 27; der fürst dieszer welt ist der teufel mit seinen glidmassen, welche seint alle ungleubigen und gottloszen Luther 10, 3, 73
W. auch die welt als inbegriff des bösen heiszt so: den teufel und sein gliedmasz, die welt Luther
tischr. (1845
ff.) 1, 33. III@A@22)
in politischer und socialer sphäre wie glied III B,
vom 15.
bis in die mitte des 18.
jahrh., während sich nd. lidmaat
als '
mitglied'
z. th. bis in die gegenwart behauptet; vgl. Mensing 3, 472. III@A@2@aa) gl.
einer politischen einheit III@A@2@a@aα)
auf die einzelnen bürger bezogen: cives (
generaliter)
membra rei publicae brger, gliedmassen der gemeine J. Orsäus
nomenclator method. (1623) 108; wie einer stat volk eyn gemeyn und corper ist, eyn yglicher burger des andern glydmas und der gantzen statt Luther 2, 743
W.; wahre gliedmassen dieses regimentwesens Opitz
Arcadia 79; solchen ... angstmüthigen gedancken (
der gefangenen Juden in Babel) zu wehren ..., offenbahrte ... gott ... dem Daniel, ihrem vornembsten gliedmasz, ein sonderlich gesicht
M. Walther
erläut. d. proph. Daniel (1645) 2, 5;
von administrativen körperschaften: das fur uns persOenlich auff unserm rathhause erschienen seind die vorsichtigen
N. und
N., unsers raths mitgliedmasse und bürgere, fromme und unberchtigte, tchtwrdige leute A. Machholth
formular (1560) 29
b. III@A@2@a@bβ)
gern werden, bes. im 17.
jahrh., die fürsten bzw. die territorien als gl.
der höheren politischen einheit betrachtet (
vgl. glied III B): landgraff Wilhelm zu Hessen und hertzog Julius Friederich zu Wirtenberg ... als zwey der vornemsten gliedmassen gedachter oberländischer kreisse v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 18; wan der kOenig mit dem ROemischen reiche und dessen gliedmaszen in streit ... stünde 1 (1648) 35; und ward Schlesien unter hertzog Vladislai sOehne ausgetheilt, doch blieb Schlesien noch ein gliedmas des kOenigreichs Polen H. Rätel
Curäi chronica d. herzogth. Schlesien (1607) 96. III@A@2@bb) gl.
einer socialen (
kulturellen, wissenschaftlichen)
gemeinschaft: membrum societatis ein gliedmasz der gemeinschafft Orsäus
nomenclator method. (1623) 71; ein mensch aber sey ... eyn gliedmasz der allgemeinen gesellschafft v. Lohenstein
Armin. 1, 307
a; wollen mich als ir (
der meistersingergenossenschaft) gliedmasz in iren schutz fassen Jelinek
mhd. wb. 325 (
anf. 17.
jahrh.); als unser fruchtbringenden gesellschaft gliedmaszen Neumark
neuspr. teutsche palmb. (1668) 211; es ist ein neuer phosphorus von einem gliedmasz der societät (
der wissenschaft) erfunden worden Leibniz
dt. schr. 2, 284; die weiblichen gliedmaszen der patriotischen assemblée Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. 341 (
hier viell. schon mit ironischem beigeschmack);
im 15.
u. 16.
jahrh. auch für den angehörigen einer schule bzw. universität: unser fryhen schule ledemasz (1438) Diefenbach-Wülcker 740; geledemesze der fryen schule (1438) (
verschrieben zu geledennesze,
fälschlich unter gliednis) 628; ich bin ein student von Wittenberg und glidmas diser schulen Mathesius 3, 169
dt. schr. a. Böhmen; gliedmasz diser berümbten universitet Mathesius
Luthers leben vorr. A 3
b. III@A@2@cc)
aus der verbindung gl.
einer sippschaft (
familie)
entwickelt sich im 16.
jahrh. für alleinstehendes gl.
die bedeutung verwandter, angehöriger: datzu benedeyet er ihn nit alleyn, sondern auch seyne glidmass, mutter und vatter Luther 10, 1, 1, 390
W. III@BB.
vereinzelt begegnet gl.
im 16.
jahrh. auch für glied IV
im milit. sinne =
reihe neben einander stehender soldaten: also (
soll der ritter) ihn (den gemeinen knecht) durch sein vorbild nach und nach schulrecht lehren, durch welche er in notzwang selbs ohn ihrer weybel anordnung rechte gliedmasz halten, gleich schreiten, seines manns und standts acht halten (
kann) L. Fronsperger
kriegsbuch 1, 175
v. III@CC.
vereinzelt bleibt übertragung im architektonischen bereich (
vgl. glied VIII B 1): die glidmassen (
gemeint sind die simstheile der ionischen säule) söllend auszgeladen (
profiliert) werden, wie man in der figur sicht H. Blum
V. columnae (1596) C 2
b; die gliedmaszen der alten säulenordnungen Justi
Winkelmann 1, 256. III@DD.
übertragung im sprachlichen bereich findet nur gelegentlich statt; die disjecta membra poetae (
vgl. glied VIII B 4
a)
üben einen gewissen einflusz aus: man verwerfe die worte, man zerstöre das sylbenmasz ..., die poesie der sachen bleibt allemahl zurck: man findet sie in ihren zerstreuten gliedmaszen wieder Ramler
einl. in d. schönen wiss. 1, 126; ehe du ... ganz in diese sylbenmaasse eingeweihet bist, ... siehest du nur zerstückte gliedmaszen des dichters Herder 24, 201
S.; sonst erscheinen mehr oder weniger gelegenheitsbilder: die ... schreibart, ... die ... durch die schOene bildung ihrer gliedmaszen und durch die redenden gesichtszüge jedermann zur bewunderung hinreiszt
briefe, die neueste litt. betr. 16 (1763) 118;
th. 1, viii.