gleichviel,
adj. ,
adv. 11)
als eigentlicher mengen- und maszbegriff, s. gleich viel
unter gleich II A 3. 1@aa)
attributiv, durchweg in unflektiertem gebrauch: gewisz haben sich bei allen völkern oder menschen nicht gleichviel gänge der bewegung, der leidenschaften und töne entwickelt Herder 22, 69
S.; die ganze christenheit umher hörte, mit gleichviel ärgernisz und erstaunen, dieses tägliche katzenconcert Zimmermann
über die einsamkeit (1784) 2, 78; am besten erkennt man sie (
die geschlechter der insekten) an dem hinterleibe, welcher (
beim männchen) auf der rücken- und bauchseite gleichviel ringe ... hat Ratzeburg
ichneumonen d. forstinsekten (1844) 1, 6.
rückbezüglich: die reichsten unter ihnen besitzen 80—100 pferde, gleichviel rinder Ritter
erdkde (1822) 2, 1090. 1@bb)
als substantiviertes neutrum, in der abhängigkeit von einem verbum: der redner, geschichtsschreiber, dichter und mensch, lernen gleichviel daraus J. v. Müller
s. w. (1810) 1, 47; zwei feste körper von gleichem volumen, aber ungleichem absolutem gewicht, in dieselbe flüssigkeit getaucht, verlieren gleichviel Just. Liebig
handb. d. chemie (1843) 1, 23.
rückbezüglich: et hat glichevill gekos '
ebensoviel gekostet'
rhein. wb. 2, 1267.
fast in der funktion eines adverbs, '
gleich sehr, in gleichem masze': auf Joachime wirkten gründe und kabinetspredigten gleichviel Jean Paul
w. 7/10, 301
Hempel; die groszen in Wien und Berlin, die
den deutschen bund, seine fürsten und völker gleichviel miszbrauchten W. Schäfer
d. dreizehn bücher d. dtsch. seele (1925) 471. 22)
in den verbindungen etwas ist
oder gilt (mir, für mich) gleichviel,
auch in der elliptischen form gleichviel,
um auszudrücken, dasz verschiedenen mit einander verglichenen möglichkeiten derselbe wert, dieselbe bedeutung oder wirkung zukommt, in schwach adversativ gefärbter bedeutung. zusammengeschrieben als gleichviel
seit der mitte des 18.
jh., s. den nämlichen gebrauch in getrennter schreibung unter gleich II C 1. gleichviel
wechselt hier in die bedeutung '
gleichgültig, einerlei, bedeutungslos'
hinüber, besonders auch dort, wo das wort auf einen einzelnen verallgemeinernden gesichtspunkt bezogen ist, in dem die verschiedensten möglichkeiten zusammengefaszt sind. 2@aa) etwas ist gleichviel,
meist mit abhängigem nebensatz oder nebensatzgefüge. 2@a@aα)
in subjektiver einschränkung etwas ist mir,
älter auch für mich gleichviel: ob dir das glück den hintern zeiget, ob es sich freundlich vor dir neiget, das sey gleichviel für deine brust J. Ulr. v. König
ged. (1745) 358; wenn es ihnen gleichviel ist, ob sie den platz, den sie in ihren blättern gelehrten sachen bestimmen, mit einer guten critik, oder mit der widerlegung einer verunglückten füllen Lessing 10, 232
M. mit einsparung der zweiten, negierenden möglichkeit: wenn der hörer also die wörter nicht zustückt, so ist es für ihn gleichviel, ob der prosodische werth ihrer bestandtheile mit dem grammatischen übereinstimmt (
oder nicht) A. W. Schlegel in:
Athenäum (1798) 1, 36; so seis ihm gleichviel, wenn sie zum teufel fahre O. Ludwig
ges. schr. 2, 501
Schm.-St. mit folgendem verallgemeinerndem satz: auch am ende der zeilen war es ihnen gleichviel, mit welchem buchstaben eines wortes sie aufhöreten Gottsched
dtsche sprachkunst (1748) 55; gleich einem reisenden philosophen, der auf menschenkenntnisz auszieht, ... war es ihm gleichviel, an welchem landstriche man landete Klinger
s. philos. romane 7, 71.
auf einen einzelnen verallgemeinernden begriff bezogen: wenn du nur zu essen hast, so ist dir alles gleichviel Pestalozzi
s. schr. (1819) 3, 308.
selten in der beziehung auf einen hauptsatz: so sagte der arzt und so sagten die schwestern, aber den pfeifern war es gleichviel Alverdes
d. pfeiferstube (1929) 40.
mundartlich: et es mer gleicheviel (glichevill) '
einerlei, egal, gleichgültig'
rhein. wb. 2, 1267; Woeste
westfäl. 161
a. 2@a@bβ)
als objektives urteil, ohne persönliche beziehung: wobei es an sich gleichviel ist, ob, was sie (
die weltgeschichte) in bewegung setzt, nüsse oder kronen sind Schopenhauer
w. 1, 249
Gr.; wenn man nur durchkommt, so ists zuletzt gleichviel, ob man den balken so oder so trägt L. Aurbacher
ein volksbüchl. (1835) 75; die dienstmagd ... dachte, es wäre gleichviel, ob sie die milch (
einer bestimmten kuh) vor oder nach dem melken der anderen kühe aufkochte Grimm
dtsche sagen (1891) 1, 73.
mundartlich: ät es ne lîkevöl, of de gôs op den aiern oder der bineffen (
daneben) sittet Woeste
westfäl. 161
a.
auch mit abhängigem infinitivsatz: als ob es gleichviel sei, nach menschen oder nach einem ziele zu schieszen G. Forster
s. schr. (1843) 2, 96; es sei nicht gleichviel, jemandem etwas in den kopf zu setzen, man müsse auch wort halten können Immermann
w. 3, 114
Boxb.; als wäre es gleichviel auch ganz ein geringes zu sein K. Fr. Kossat
hymn. jahr (1937) 26.
auf einen koordinierten satz bezogen: der alte graf ... nimmt mir diese einmischung gewisz höllisch übel; doch das ist gleichviel Holtei
erz. schr. (1861) 11, 34.
in verallgemeinernder beziehung, die elliptisch einen nebensatz vertritt: doch freilich ist es nicht gleichviel wohin Tieck
schr. (1828) 3, 333.
mundartlich, besonders im rheinischen, noch weiter ausgebildet: esu fir gleicheviel (
etwas tun, sagen) '
so gleichgültig, so obenhin, oberflächlich, vorläufig, einstweilen, ohne besondere absicht, zum schein'
rhein. wb. 2, 1267; fir gleichvill (
d. i. wertlos) leie (
liegen) lôssen
Luxemb. ma. 147.
sogar als kennzeichnung einer menschlichen eigenschaft oder haltung: der es gleicheviel '
gleichgültig, nachlässig' ... glichevills '
gleichgültig, gefühllos, unbarmherzig, roh, leichtherzig, leichtsinnig, waghalsig'
rhein. wb. 2, 1267
f. mit weiteren belegen. 2@bb) etwas gilt gleichviel,
wie a,
aber selteneren gebrauchs. 2@b@aα)
subjektiv eingeschränkt: wenn es ihm (
dem sohn) sonst ziemlichermaszen gleichviel gilt, zu was für einer lebensart ihn sein vater anhält Schwabe
belustigungen (1741) 2, 28; ihm galts gleichviel, wer kam und ihm sein brenz (
branntwein) absoff Ulr. Bräker
s. schr. (1789) 1, 70; ob sich würklich gold machen läszt, oder nicht machen läszt, gilt mir gleichviel Lessing 13, 393
M. 2@b@bβ)
ohne persönliche beziehung nur ganz gelegentlich: die weiber müssens doch einmal erfahren, ob früher oder später, gilt gleichviel Körner
w. 3, 18
Hempel. 2@cc)
vereinzelt in anderer verbalverbindung: obs liegt, fliegt oder schwimmt, das däucht ihm (
dem wind) gleichviel E.
M. Arndt
s. w. 5, 349
R.-M. 2@dd)
gelegentliche persönliche konstruktion dieser verbalverbindungen läszt deutlicher als die unpersönliche den begriff gleichen wertes spürbar bleiben: ihm (
dem schöpfer) ist gleichviel der regenwurm mit dem meister der thiere maler Müller
w. (1811) 1, 26; altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem könig (
Ludwig I. von Bayern) gleichviel W. Schäfer
d. dreizehn bücher d. dtsch. seele (1925) 423. 2@ee)
am häufigsten, aber nur vereinzelt vor dem 19.
jh. belegbar in elliptischer anwendung, gleichviel
für es ist, gilt (mir) gleichviel. 2@e@aα)
mit abhängigem nebensatz: in diesem sinn nur kannst du vergangnes betrachten, gleichviel ob es längst oder eben nur vorging Bettine
d. Günderode (1840) 1, 7; ich ehrte bald, gleich ihm, jede lehre und jeden denker, gleichviel, ob wir sie billigten oder nicht G. Keller
ges. w. (1889) 1, 316; gleichviel, auf welches dogma er sonst noch schwören mochte
br. von u. an Herwegh 136
M. Herwegh; finden sie denn ... den tod eines lebenskräftigen organismus überhaupt sinnvoll, gleichviel, wodurch er hervorgerufen ist? W. v. Scholz
erz. (1924) 25.
häufig erscheint auch der abhängige nebensatz elliptisch verkürzt: gleichviel, ob mit hemmung der wissenschaft, ob mit anschwärzung des guten namens J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 121; der eine erklärung auch für das dunkelste gäbe, gleichviel welche Immermann
w. 1, 82
Boxb.; mit dem nächstbesten zuge davonzufahren —gleichviel, wohin Ina Seidel
Lennacker (1938) 22.
der von gleichviel
abhängige satz steht auch voran: ob sie katholisch geschoren, ob protestantisch gescheitelt, gleichviel: immer geräth man den gesellen ins haar G. Herwegh
ged. e. lebendig. (1843) 2, 120; ob sie es nun sagen oder leugnen, gleichviel A. Ruge
briefw. 2, 359
Nerrlich; in elliptischer verkürzung: da gilt nicht rang, nicht stand; wäschermädchen oder prinzessin —gleichviel E. T. A. Hoffmann
s. w. 11, 13
Gr.; (
er) musz die geschichte fortsetzen, in versen oder prosa, gleichviel Bauernfeld
ges. schr. (1871) 1, 49. 2@e@bβ)
noch selbständiger erscheint elliptisches gleichviel
innerhalb eines parataktischen satzgefüges, oft in der form eines ausrufs. so in der beziehung auf eine voraufgegangene aussage, die mehrere möglichkeiten offenläszt: Sittah: schach! und schach! —und schach!
Saladin: und matt!
Sittah: nicht ganz! du ziehst den springer noch dazwischen; oder was du machen willst. gleichviel! Lessing 3, 41
M.; schafft euch die freude durch die tat: gemeinsam, jeder für sich, einer für den andern —gleichviel R. G. Binding
erlebtes leben (1928) 226.
nach einer offenbleibenden frage, deren beantwortung nicht abgewartet wird: was führt den hierher zu uns? und zu dieser stunde? gleichviel Grillparzer
s. w. 4, 52
Sauer; vgl. 7, 125.
als entgegnung auf eine berichtigung, einen einwand oder eine unerwartete aussage: Peter: nein, es war nach weihnachten —
Franz: nun, gleichviel! Kotzebue
schausp. 1 (1797) 9;
Licht: es schlug soeben halb.
Adam: auf eilf?
Licht: verzeiht, auf zwölfe.
Walter: gleichviel. H. v. Kleist
w. 1, 396
E. Schm.; der prinz v. Homburg: ich glaubte du, du bringst es (
das begnadigungsschreiben) mir. —gleichviel!
Hohenzollern: ich weisz von nichts.
der prinz v. Homburg: gleichviel, du hörst, gleichviel!
ebenda 3, 72; 'gleichviel', störte ich ihn, 'hören sie weiter ...' R.
M. Rilke
ges. w. (1927) 4, 57.
auf aussagen bezogen, denen ein einschränkender sinn zugrundeliegt: man wuszte die stichworte voraus! gleichviel! sie waren gut H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 88; es (
das haus) wurde schwarz von der sonne und schief vom schneedruck in harten wintern, gleichviel, es hielt stand Waggerl
mütter (1935) 12.