gläsern ,
daneben älteres gläsen, adj., zu glas.
bildung mit în-
suffix in ahd. mhd. glesîn;
as. glesin,
mnd. glesen,
vgl. Wadstein 87, 10, Schiller-Lübben 2, 119
a,
auch glasen Lasch-Borchling 1, 2, 118;
ags. glæsen Bosworth-Toller 479
b.
mit vollem suffixvokal bis ins 17.
jh., vgl. erste dtsche bibel 11, 482
K., Ryff
anatomie (1541) m 2
a, W. Hildebrand
magia naturalis (1610) 47, Stieler
stammb. (1691) 663.
abgeschwächt zu -en,
vgl. Diefenbach
gl. 548
b (15.
jh., md.), Kirchhoff
wendunmuth 1, 444
Ö., J. Ulsheimer
rayszbuch (1622) 106;
mundartlich gläsen Fischer
schwäb. 3, 670; glasen Schambach
Götting. 64
b.
diphth. glesein
noch im 15.
jh., z. b. Diefenbach
gl. 276
c u. 585
b. —
daneben setzt sich die vom 18.
jh. an allein herrschende erweiterte form gläsern (
vgl. Wilmanns
gr. 2, 439)
seit dem spätmhd. zunehmend durch (
s. auch gläserig);
als gleserin, gläserin,
vgl. st. Oswald 787
Ettm., d. heyl. leben i. sommerteil (1472) 47
a, Gäbelkover
arzneybuch (1595) 1, 42, Moscherosch
gesichte (1650) 1, 222.
gelegentlich eine n-
lose nebenform gleser
bei Arigo
decam. 75
K., städtechron. (
Nürnberg 1500) 11, 619, Mathesius
Sarepta (1562) 291
a, gläser Höniger
narrensch. (1574) 213,
mundartl. Rovenhagen
Aachen 45
a.
sonst gläsern,
z. b. Dürer
nachl. 177, Fischart
Garg. 427
ndr., Grimmelshausen 1, 232
Keller und spätere. die schreibung des umlauts durch e
währt bis ins 17.
jh., z. b. Frisius
dict. (1556) 1394
a, Abr. a
s. Clara 41
lit. ver.; ä-
schreibung beginnt mit dem frühnhd., vgl. Gersdorff
wundarznei (1517) 27
a, Maaler
t. spraach (1561) 183
b, Jakob Böhme 2, 112
Sch.; rundung ist selten, so glöserin
d. heyl. leben i. sommerteil (1472) 47. —
umlautsloses glasen
im frühnhd., vgl. glasen und glasin (15.
jh.) Diefenbach
gl. 624
a, glasen Paracelsus
op. (1616) 2, 686
H., Peccenstein
theatr. Saxon. (1608) 3, 100, S. Grunau
preusz. chron. 3, 60,
setzt sich z. t. in mundarten fort, sieh Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 632, Schambach
Gött. 64
b, Follmann
lothr. 207
a; glasenig
rhein. wb. 2, 1255;
hieraus glasen
gelegentlich schriftsprachlich entlehnt, z. b. Pfeffel
poet. vers. (1812) 8, 124, Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 5. 11) '
beschaffen aus dem werkstoff glas',
vgl. cicindalun edho clesinu leohtfaz (
Ker. gl.)
ahd. gl. 1, 202, 5: und nim dîn glesîn vingerlîn für einer küneginne golt Walther v.
d. Vogelweide 50, 12; solches wassers in zimlicher maszen in ein glesin kolben th Ryff
spiegel d. gesundheit (1544) 118
b; ausz sand, kiszling, asche zeucht das feuer die gleserne materia Mathesius
Sarepta (1571) 33
b; grosze herren sollen stets gleserne trinckgeschir auff ihrem tische haben, sich dabey menschlicher gebrechligkeit zu erinnern Petri
d. Teutschen weisheit (1604) 2, Gg 7
a,
vgl.glas A 3 b; es finden sich ... spuren, dasz die alten die wirkung der gläsern kugel, zu vergröszern, ... gekannt haben Lessing 10, 382
M.; alle seine finger waren mit gläsernen juwelen besteckt, welche in der oktobersonne schwächlich glänzten wie falsche redensarten G. Keller
ges. w. (1889) 6, 371 (
vgl.glas B 3).
im sprichwort, auf die verletzbarkeit gemünzt, vgl. auch 3: der ein gläsern dach hat, musz nicht auf andere häuser steine werfen Joh. Hoffmann
Jesus Syrach (1740) 27 (
vgl. dasselbe sprichwort vom glashaus sp. 7684); wann die keuschheit zum tanz kommt, so tanzt sie auf gläsernen schuhen Kirchhofer
schweiz. sprüchw. (1824) 160. —
scherzhaft, auf glas B 2 c
bezogen, '
aus trinkgläsern bestehend': wie ich denn allhier ... einen ... sauffenten gekennt habe, der eine ganze gläserne bibliothek hatte, ... drinnen man grosz und klein ... geschirr ... sahe J. Prätorius
glückstopf (1669) 131.
in gleichem bezug: sie finden sich als brüder ein beym bier und wein ... gläserne brüderschaft bricht so leicht als das glas selbst H. Müller
erquickstunden (1724) 388; was übrig bleibt (
vom tanzgeld), wird der gläsernen andacht deputirt und versoffen Valvasor
Crain (1689) 2, 283. '
mit glasteilen, mit scheiben versehen' (glas B 1 a): wie einen herrn sechs schöne rosse in einem gläsernen wagen gezogen haben Sal. Geszner
schr. (1777) 1, 135,
vgl.gläserwagen, glaswagen; sie war keine blendlaterne, ... sondern eine gläserne lampe, die überall licht zeigt Hippel
lebensläufe (1778) 3, 2, 64;
vom treibhaus: seine blumen hegt der besitzer in verschiedenen gläsernen häusern Stifter
s. w. (1901) 5, 1, 264,
s.glashaus. — gläsernes fenster,
mit glasscheiben versehen (
statt offen oder mit tuch, papier u. ä. verschlieszbar): durch die gleserînen venster
st. Oswald 787
Ettm.; er ... wer mit willn durch das gleser venster geschloffen (
Nürnberg um 1500)
städtechron. 11, 619; es sein auch keine gleserne fenster darinnen Kirchhof
wendunmuth 1, 443
Ö. 22)
von glasähnlicher beschaffenheit, nach glanz, helligkeit, durchsichtigkeit, starre, sprödigkeit oder ton. mit besonderer vorliebe poetisch von wasser und eis (
vgl.glas A 3 a
ende): du schneller lauff der quell und gläsernen gewässer Opitz
opera (1690) 2, 157; ehr wird die glut in schnee, die flamm in gläsern eysz, das meer in grasz sich wandeln A. Gryphius
trauersp. 107
P.; das ... auge, mit dem er (
der fisch) in seinem gläsernen haus hinauf-, hinab-, zu allen seiten sieht Herder
w. 22, 80
S.; im bild: der frost, mit gläsernen pranken, tritt weit in das flieszende wasser hinein Carossa
rumän. tagebuch 175.
vom leeren, starren blick (
vgl.glasauge 1),
namentlich betrunkener und toter: wenn man früh über der hochzeit anhebt zu zechen, das manchem die augen glesern werden Mathesius
hochzeitpred. (1563) D d 2
a; die augen wurden gläsern, die klare haut voll fäsern, und geist und seel getheilt Zinzendorf
kl. schr. (1740) 3.
sammlung 17; Lenz schauderte, wie er die kalten glieder (
eines toten) und die halbgeöffneten gläsernen augen sah Büchner
nachgel. schr. (1850) 222;
von der hell-schrillen, gebrochenen stimme des menschen, die an den klang des glases erinnert: (
sie) lachte gläsern mit ihrer zerbrochenen sopranstimme, was mir damals höchst abscheulich klang Storm
ges. schr. 10 (1877) 30;
anders in dem sinne '
klar, rein wie glas': diese gläsern helle und gläsern zarte und auf einmal ... von leidenschaft gefüllte stimme W. Schäfer
d. miszgeschickten (1909) 13.
vgl.gläserklar bei glasklar.
daneben sonst von verschiedenartigen, mit glas vergleichbaren dingen: es werden an etlichen pferden schwartze horn gesehen, welche hart, spissig und so liederlich erspringen, dasz si gleich den namen gleseren horn oder hüff darvon bekommen Hörwart v. Hohenburg
reiterei (1581) 68
b;
von der wasserklaren, sulzigen masse im auge, dem glaskörper, s. Höfler
krankheitsnb. 132
b: vitreus wirt die gläsin feüchte (
im auge) genennet, dann sy einem zerlasznen oder geschmoltznen glasz ähnlich sein soll Ryff
anatomie (1541) m 2
a,
vgl. die gläserne feuchtigkeit, augenfeuchte Blancard
lex. (1735) 453.
von durchsichtigem gewebe: ihr gleichsam gläsern kleid entblöste brust und schoosz Lohenstein
Agrippina (1724) 29; ein schleier, wie der Morgenländer um seine dame zieht, nicht eben siebenfach, doch auch so gläsern nicht wie koische gewänder Wieland
s. w. (1853) 3, 215; man nannte sie (
die durchsichtigen kleider der Römerinnen) die gläsernen kleider
discourse d. mahlern (1721) 2, 134.
vom himmel: wie offt hab ich gewünscht, dasz mich der sonnenwagen umb das gläserne feld desz himmels möchte tragen Opitz
teutsche poemata 69
ndr.; über den gläsernen himmel, leicht angegraut vom mehligen dunst der felder, kroch
schon ein abendrot Viebig
d. schlafende heer3 5.
im bergbau (
vgl.glas C 1): gläserne schicht ist in kohlbergwerken die beste schicht Minerophilus
bergwerkslex. (1730) 297.
vereinzelt als '
glasiert',
vgl.glasen 1: glesern töpff, so man mit silberglet oder glantzigtem pleyertz verglaset Mathesius
Sarepta (1571) 187
a. —
mundartlich wie glasig (
s. d. 1
ende): glasen
glasig, von kartoffeln Schambach
Gött. 64
b,
ebenso gläsen Fischer
schwäb. 3, 670. 33)
übertragen. von der zerbrechlichkeit des glases ausgehend, vergänglichkeit, leicht zerstörbares (
wertloses)
ausdrückend, vgl. glas A 3 b: dann glück ist glesern, scheint es klar, so bricht es leichtlich, das ist war Er. Alberus
fabeln 125
ndr., vgl. schon mhd. daz glesine gelücke Gottfried v. Straszburg 246
R.; neid und unfreundschafft seyen unsterblich, freundschafft und lieb aber gläsern Zinkgref
apophthegmata (1628) 1, 282; was ist doch ehre, macht, kraft, schönheit, lust und geld? ein gläsernes gepräng, ein tockenwerk der welt Logau
sinnged. 639
Eitner. von der hinfälligkeit des menschen: (
Luther) macht zween versz ... vonsz glasz gebrechlichkeit ...: der schwache und gebrechlich doctor Luther bringt dem glesznern doctor Jonas ausz eim gebrechlichen glasz ein guten trunk Mathesius
Luther (1576) 173
b; eine gläserne seele, zart und gebrechlich (
Mörike), muszte ein langes leben aushalten W. Schäfer 13
bücher (1923) 447.
von der durchsichtigkeit her: traulichkeit, die des freunds innres verräth, gläserner als das glas Herder
w. 26, 236
S. mehr empfindliche sprödigkeit, kälte bezeichnend: Justinus schrieb ... einen köstlichen brief, worin er uns gläsern schimpft, dasz wir eine hier verheirathete frau ... noch nicht besucht haben D. Fr. Strausz
ausg. briefe 73; sein (
Heinrichs VI.) herz war hart und sein mund blieb verschlossen ... als er den hammer ins morgenland hob, sprang ihm sein gläsernes herz W. Schäfer 13
bücher (1923) 149.
ähnlich gläsernes latein,
auf die zuchtvolle strenge klarheit, aber kühle, starre, unlebendige ausdrucksform der latinität zielend: sie haben mich (
Christus) so tief in das gläserne latein begraben, dasz mir die auferstehung und flucht schwer geworden ist Kolbenheyer
Paracelsus 1, 8,
ähnlich vgl. auch: diese grösze und bedeutung wurde damit erkauft, dasz die deutsche wesenheit ... in den gläsernen sarg der lateinischen bildung gelegt war W. Schäfer 13
bücher (1923) xvi.