gewühl,
n. ,
als verbalsubstantiv zu wühlen (
s. d. und vgl. unten),
verhältniszmäszig junge bildung, deren früheste anhaltspunkte in das 16.
jahrh. weisen. um so eifriger wird das subst. in der neuesten sprache gepflegt, in der es aber ausgesprochen litterarisch geltung hat. die mundarten, wenn sie auch der stammverwandten formen nicht entbehren, stehen im allgemeinen dem neutrum ablehnend gegenüber; im einzelnen lassen sich aber doch gerade aus ihnen —
wenigstens deren älterem bestand —
wichtige fingerzeige für die entwicklungsgeschichte des subst, gewinnen. 11)
abstammung, älteste belege, formen. 1@aa)
zunächst ist bei Notker (
s. Graff 1, 975)
ein abgeleitetes verbum wuoljan
beobachtet, das uns gleichzeitig zwei verschiedenartige bedeutungen darbietet: einerseits die beziehung auf das meer und dessen wellenspiel im sturm: die (
winde) den mere wuolent Notker
Boethius: wuollentes mere
ebenda; wobei der zweite beleg die brücke zu wallen (sprudeln
s. theil 13,
sp. 1269)
schlüge. auf der anderen seite die beziehung auf die erde, das umgraben und aufschütten von erdmassen: ûzer erdo erwuoollen
ebenda. 1@a@aα)
für die zweite verwendung liesze sich eine verbindungslinie mit walen (sich wälzen
s. theil 13,
sp. 1216)
gewinnen, namentlich wenn mittelhochdeutsche zeugnisse (
vgl. mhd. wb. 3, 467
a; Lexer 3, 981)
herangezogen werden. 1@a@a@11)) reht als ûʒ golde ein edel rinc, der eime swîne wirt geleit an sînen grans: swar eʒ in treit unde in ziuhet oder hebt, eʒ wüelet doch mit unde grebt in den swachen fûlen mist. Konrad v. Würzburg
Partonopier 8472
Bartsch; dazu vgl. din merswein ... suochent ir narung an deʒ mers grunt und wüelent in der erd sam diu rehten swin Konrad v. Megenberg 256;
u. a. Lexer
a. a. o.; dazu
vgl. wolen, wühlen Schiller-Lübben 5, 762. 1@a@a@22))
auch übertragene wendungen stehen dem schon früh zur seite, nicht mit der anlehnung an das besondere bild, das die obigen belege darbieten, sondern mit allgemeineren zügen, wie sie namentlich am substantiv im 18.
jahrh. zu tage treten: mit gedanken er do wulde in im selber unde sprach.
passional 61, 80
Köpke; sein sinne in im wielt was im nu zuo tuon wer.
Friedrich v. Schwaben 3700
Jellinek. 1@a@bβ)
der bedeutungsumfang, der sich aus obigen, verschiedenen zeiten und stilformen entnommenen, zeugnissen für das verbum gewinnen liesz, wird nun an mehreren punkten durch substantiva näherer oder weiterer verwandtschaft gestützt und ergänzt, die auf den ausgangspunkt für das abgeleitete verbum weisen. fraglich bleibt das lautähnliche wuol,
clades (Graff 1, 801).
denn wenn auch die beziehung auf den kampf und krieg im späteren gebrauche des subst. einen breiten raum einnimmt, so wird dieser doch durch den begriff des gedränges und des ansturms lebender kämpfer erschlossen, während an jenem älteren wuol,
dem nächsten verwandten der wahlstatt, die todtenstarre der erschlagenen ausschlaggebend ist (
s. u.). 1@a@b@11))
dagegen schlieszt sich an die erste gruppe der belege aus Notker
das im ablautverhältnisz stehende niederdeutsche wahl (vom wasser ausgespültes erdloch
theil 13,
sp. 533/4);
vgl. oberdeutsch wale
theil 13,
sp. 1215,
mit denen sich wiederum gerade einige der ältesten belege für gewül
enger berühren s. b, β.
einen verbindungspunkt zwischen diesen und den mittelhochdeutschen zeugnissen für wülen
geben andererseits die niederdeutschen belege für wôl Schiller-Lübben 5, 761;
vgl. dazu wuollache (sûlache) Lexer 3, 1004;
vgl.wuhl,
die (
t. de chasse)
le boutis. il se dit des lieux ou les bêtes noires fouillent Schwan 2, 1074;
vgl.wühlen ebenda. 1@a@b@22))
andere, mittelhochdeutsche zeugnisse für ein masc. wuol (
s. mhd. wb. 3, 467
a; Lexer 3, 1004),
sofern sie überhaupt hierher gehören, weisen auf einen vorgeschrittenen punkt der bedeutungsentwicklung in der richtung der übertragung, der übrigens auch im mundartlichen gebrauch älterer zeit beobachtet ist s. c, β; der wil sin gar vil vor han das der convent nit erzügen kan ... und macht denn ain grosz stimm, die ist so zornig und so grimm ... und gebüt vil und mer bi dem ban, der er ains nit wil tuon noch lan. also sitzt er uf Moyses stuol und tribt so ain grozen wuol.
des teufels netz 5428
Barack (
var.: ungefuor);
dazu vgl. denselben reim (wuol, stuol) Walther v. Rheinau
marienleben 253, 38;
dazu vgl. gewudel (
s. o.)
in der neueren schwäb. dialektdichtung. dagegen vgl.: des vîantlîchen wuoles den der tiuvel unter den engilen wîlen begie.
das himmelreich 110
Schmeller s. ztsch. f. d. a. 8, 148;
wo, ebenso wie im Servatius 613, wuol (
clades)
zuständig sein dürfte. 1@bb)
mit dem präfix 1@b@aα)
ist das verbum in einem mitteldeutschen beleg beobachtet, der auf einer allgemeineren grundlage die sinnliche bedeutung bloszlegt, die sonst in der engeren beziehung des verbums auf das schwein zu tage tritt: Salomon spricht: die gewaldigin stule do die hochfertigin uffe sitzin schone di kan god gar sehr umme gewule und andir lute dermede belone.
ritterspiegel 1753 (
Bartsch md. ged. 146). 1@b@bβ)
die substantivbildungen mit präfix weisen zunächst nicht durchweg auf eine verbalthätigkeit. 1@b@b@11))
das bei Diefenbach-Wülcker (620)
aus einem vocab. d. 15.
jahrh. angeführte gewulich,
volutabrum, das sich wieder enger an das wühlen der schweine anschlieszt, verräth vielmehr collectivbedeutung und das gleiche gilt für das erste zeugnisz zu gewül; welcher peck zu klain püech sein prot, der wirt gestraffet rolcher mas! ein schnelgalgn man aufrichten was in ainer stincketn, grosen hüel, doch dieff von kot, schleüm und gewüel, daran an ainer langen stangen det man ain zeunten korbe hangen, den lies man rab mit kluegen wiczen, darein must dieser peck den siczen, den man darnach im korb auf zoch uber die huol 6 klafter hoch, idoch man im ain messer gab, dar mit er sich möcht schneiden ab. Hans Sachs (
dreierlei strafen)
fab. u. schw. 2, 438. 1@b@b@22))
dagegen tritt uns bei Wickram
ein ausgesprochenes verbalsubstantiv entgegen, das die engere beziehung auf den wassersprudel wieder aufnimmt, die bei Notker
am verbum beobachtet war und die wir oben beim älteren beleg für gewudel
trafen: das man den sand fein sah aufwallen am boden, da die quellen kül aufquollen mit grossem gewül. (
irr reitender bilger cap. 4) 4, 156
Bolte; kam zu dem schönen brunnen kül desz quellen durch ir stark gewül erklungen in dem grienen walt. (
Ovid metamorph. 4,
cap. 2) 7, 165;
die gleiche betonung der verbalthätigkeit läszt sich bei einem landsmann und zeitgenossen beobachten, dessen gebrauch des substantivs wieder den für wuol
oben aus mittelhochdeutschen belegen gezogenen linien folgt und mit dem schwäb. gewudel
übereinstimmt: von des Gargantuwalts mancherlei spiel und gewül. nach endung des nachtimbisz ... kauet er etlich büschlin spanischer gratias ... darnach wescht er seine händ mit frischem wein, stewret und grübelt in zänen mit eim kalten kalbsfusz Fischart
Gargantua (25.
cap.) 258
neudr. 1@cc)
die buchungen treffen mit den eben belegten bedeutungsrichtungen nur in dem einen punkte unmittelbar zusammen, dasz sie durchweg die verbalthätigkeit hervorheben. 1@c@aα)
zunächst ist eine ältere gruppe der überlieferung zu unterscheiden, die vom 16.
in das 17.
jahrhundert reicht und die das substantiv mit tumultus
in parallele setzt —
eine deutung, die sich aus dem oben beigebrachten material wohl erklären läszt: tumultus, empörung, aufrür, gewül Cholinus-Frisius (1541) 814;
tumultuatio, boszlung, getöub, gwül
ebenda; tumultuo, boszlen, toben, wülen, rumplen
desgl.; dazu vgl.: gewüll,
tumultus ... Maler 180
a; gwül, aufrur 201
c;
tumultus, grosz geschrei oder gebossel, gewül, wie in einer auffrur Golius (1585) 24; gewül, aplop, rumor Chyträus; gewül,
tumultus Frisius (1666) 2, 106 (
fehlt aber unter tumultus im lat.-dtsch. theil dieser ausgabe).
hier tritt ein neues moment zu tage, das auch im jetzigen gebrauch des subst. sich bemerklich macht. neben der vorstellung einer grundrührenden, umstürzenden bewegung, wie sie im wassersprudel beobachtet wird (
vgl. auch: ghewoel, ghewuel,
tumultuatio, turba, scaturiga, pressura Kilian 146
a),
tritt die geräuschwirkung in den vordergrund, die solcher bewegung entspringt und die für den wasserwirbel viel mehr gilt als für das wühlen der schweine: tumultuosus, voll geschreis und gewüls Chol. Frisius 874;
vgl. auch unten sp. 6760
u. a. 1@c@bβ)
noch enger als der beleg bei Fischart
knüpfen an mittelhochdeutsche zeugnisse für wuol
die spärlichen mundartlichen buchungen für gewühl
an: wenn einer viel ackerbau oder eine weitläuftige haushaltung hat, so sagt man: de mann heft een graut gewuhl Strodtmann
Osnabrücker idiotikon 71;
vgl. ich bin in einem gewühle,
obrutus sum plane negotio Serz
teutsche idiotismen 55
a;
vgl. auch: wuolen, giebt Pictorius im lexico toben, wie ein trunckener zapf unsinnig sein, schlagen, zerbrechen, hin und her laufen, bachari, tumultuare Frisch 2, 458
c. 1@c@gγ)
gegen ende des 17.
jahrh. stockt die überlieferung in den wörterbüchern, Stieler
merkt nur wühlen, wühlung; Steinbach wühlen (
u. wühl, aasz,
cadaver), Frisch wühlen
und wühle
an. dagegen setzen mit dem teutschengl. wb. feststellungen ein, die durchaus vom verbum ausgehen: gewüle ... das wülen,
a wallowing, weltering, wooting s. wülen 779 (
vgl. auch Kramer 2, 197
c); gewühle
a wooting Arnold 4 (1790) 427
b; gewühl ... von dem zeitworte wühlen, ein mehrmaliges oder anhaltendes wühlen. imgleichen figürlich eine verworrene bewegung mehrerer dinge neben einander, und diese dinge selbst Adelung 2, 670; gewühl,
l'action de fouiller, la fouille Schwan 1 (1783) 750
b; das gewühl eines wilden schweins
le boutis, ebenda. 1@dd)
die formen bieten —
wenigstens seit der vorherrschend litterarischen geltung des subst. —
ein einheitliches bild. 1@d@aα)
in der stammsilbe unterliegt der vocal nur niederdeutsch qualitätsschwankungen, vgl. ghewoel
neben ghewuel;
auf quantitätsunterschiede weist gewüll
neben gwül Maaler;
frühzeitig ist nach dem vocal das h
als dehnungszeichen durchgeführt: gewüel, gewül
nur bei Maaler, Frisius, Golius;
auch Sonnenberg;
vgl.gewüle
teutsch-engl. lex. 1@d@bβ)
das in einzelnen buchungen für die schriftform geforderte suffix (gewüle, das wühlen
teutsch-engl. lex. 777)
ist im litterarischen gebrauch weniger beobachtet und wird nur unter bestimmten voraussetzungen objectiver oder subjectiver stilistik begünstigt. die verbindung mit voll auslautenden verbalsubstantiven gehört hierher: gemische
und gewühle; gewühle
und gewürge (
s. u.)
; aber vgl.: gewühl
und geschirre Mörike 4, 105
Krausz. in der gebundenen sprache ist es vor allem der versschlusz, der —
namentlich im reim auf gefühle (Göthe 13, 172
u. a. W. v. Humboldt, Tiedge, Seume, Geibel) — spiele (Humboldt, Annette v. Droste); — mühle (Mörike 4, 105);
u. a. —
ausklingenden vocal begünstigt, vgl. Ew. v. Kleist 1, 231; Sonnenberg 1, 219; Pfeffel
poet. vers. 5, 143; Manso 1, 33; Schiller 14, 117; Geibel 1, 180; Immermann 2, 7;
innerhalb des verses macht sich die wirkung des versmaaszes seltener zu gunsten vollen auslautes geltend: sein kühner geist werd' ins gewühle der gefahr ihn reissen. Schlegel
Shakespeares Heinrich IV 2, 1, 1;
vgl. (im gewühle des sturmes) H. Lingg 2, 207.
der subjective stil wird namentlich von mundartlichen gewohnheiten beeinfluszt, so wenn Körner
die verbindung im rauhen gewühl des gefechts
aus Schillers räubern verbreitert: gewühle (
ausgabe von 1810)
vgl. 2, 49.
zu diesem mitteldeutschen e
ist aus prosastellen zu zählen: gewühle
bei Lessing 9
3, 86; Klinger 4, 61; Jung-Stilling 3, 335; Eichendorff 11, 124; Jahn 1, 134; Jean Paul 27, 2; Göthe 27, 60; 43, 161; K. E. Franzos 145. 1@d@gγ)
dem reim auf gefühle (gefühlen)
entspringen auch die vereinzelten belege für den pluralgebrauch: warum gabst uns, schicksal, die gefühle, uns einander in das herz zu sehn, um durch all die seltenen gewühle unser wahr verhältnisz auszuspähn? Göthe (
an frau v. Stein 1776)
nachlasz s. 4, 97
Weimar u. a.; schön ist's schätze zu vergeuden unter bettelnden gewühlen; doch allein nicht ihre freuden, ihre weh'n auch muszt du fühlen. Fr. Rückert (
lyr. ged. 3.
b. 4.
reihe) 2, 323. 22)
die eigenart des neueren gebrauches 2@aa)
erschlieszt sich am deutlichsten in der zusammenstellung mit substantiven, die als bedeutungsverwandt empfunden werden. 2@a@aα)
voran steht hier das gedränge, pressura (
vgl. oben sp. 2035
ff.),
von dem eine reihe eigenartiger verwendungen. früh bezeugt sind, die später auch von dem vordringenden gewühl
aufgenommen werden, vgl. die beziehung auf den kampf (in strîts gedrenge man in sach
Parzival 339, 7),
auf das treiben der welt, des hofes, des marktes (
sp. 2036);
und vgl. die übertragung auf gedanken und gefühle (
s. u.).
dasz für schriftmäszige darstellung unserem empfinden gewühl
näher liegt als gedräng,
zeigt auch die leichte änderung bei Minor,
der das bekenntnisz Schillers an Huber (ich liebe die menschen und ihr gedränge
br. 1, 238
Jonas)
in folgender form zur charakterzeichnung verwerthet: er liebe die menschen wieder und also auch ihr gewühl Schiller 2, 363. 2@a@a@11))
auf menschenansammlungen beschränkt sich auch, soweit sie beobachtet ist, die zusammenstellung beider substantive; sie findet sich vor allem bei Göthe,
der überhaupt —
und hier im gegensatz zu Herder (
vgl. dagegen sp. 6774)
das substantiv sehr bevorzugt: wie sehn' ich mich aus dem gedränge fort! wie frommte mir ein wohlverborgner ort! in dem gewühl, in dieser menge wird mir die flur, wird mir die luft zu enge. Göthe (
idylle) 2, 32; wenn wir die ... zweite tochter besuchten, deren wohnung und laden mitten im lebhaftesten gedrängtesten theile der stadt an dem markte lag. hier sahen wir nun dem gewühl und gedränge, in welches wir uns scheuten zu verlieren, sehr vergnüglich aus den fenstern zu (
dicht. u. wahrh. 1.
buch) 24, 59;
dazu vgl.: im vollgewühl, in lebensregem drange vermischte sich die thät'ge völkerschaar. (
epilog zu Schillers glocke) 13, 169; ich war selbst zeuge einer solchen scene, wo sie (
die päbstlichen Schweizer) mit umgekehrten hellebarden auf herrn und damen losschlugen, die mit gewalt die thüre erstürmen wollten, die zu dem saale der fuszwaschung führt. einen solchen lärm, ein solches gewühl und gedräng werde ich vielleicht nie mehr erleben Grillparzer (
tagebuch auf d. reise n. Italien) 19
5, 223. 2@a@a@22))
die zusammenstellung gewühl
und menge (
vgl.[
s. o.] Göthe 2, 32)
ist schon bei Lessing
beobachtet: weil wir uns in der stunde geirret haben, und zu früh hergekommen sind; ich aber wegen des gewühls und der menge menschen, die auf dem platze auf und nieder gehen, leicht wieder zurück kehren kann (
auszug aus d. trauerspiele Virginia 1, 1) 6
3, 73. 2@a@bβ)
andere zusammenstellungen sind von dem begriff des lebhaft bewegten und regellosen getragen, das sich bei solchen zuströmen von menschenmassen äuszert. 2@a@b@11))
bei gewimmel
ist schon oben (
vgl. vor allem sp. 5834)
der berührung mit gewühl
gedacht und der versuche, beide substantive abzugrenzen. während Eberhardt-Maass
den gegensatz zwischen beiden in den logischen subjecten suchte, von denen die bewegung ausgeht, war er dort in der art der bewegung gefunden, denn thatsächlich stellt uns gewimmel
einen höheren grad der lebhaftigkeit vor augen als gewühl,
bei dem wir auch an die stockungen im menschengedränge denken. im einzelnen falle mögen auch subjective neigungen und das bedürfnisz nach abwechslung beim gebrauch des subst. mitgewirkt haben, vgl.: erregt vom volksgewühl Schlegel
Antonius 3, 4 (
raised by your populous troops, von ihrem gewimmel erregt Wieland;
vgl. auch wimmelndes gewühl 18, 189)
gegen: alles das sich durchkreuzende gewimmel ... der zusammengedrängte haufen häuser ... das lermende gewühl, das rasseln der wagen ... alle das gewirre K. Ph. Moritz
Anton Reiser 242
Geiger; nie hat das stürmische getümmel der leidenschaft ihr herz aus seiner ruh geweckt ... wie dem, der vom Olymp ... den freien blick erstreckt, die schlacht bei Akzium ein lächerlich gewimmel von fröschen scheint ... so wird, in dem vor ihr das unbegrenzte ganze verbreitet liegt, der erdenkinder stand und emsiges gewühl zu puppenspiel und tand. Wieland (
Idris 1, 79) 17, 52; und ich, der ich betäubt von dem gewimmel des drängenden gewühls, von so viel glanz geblendet, und von mancher leidenschaft bewegt, durch stille gänge des palasts an deiner schwester seite schweigend ging. Göthe (
Tasso 2, 1) 9, 157; diesem komischtragischen gewühl dieser ungestümen glükeswelle diesem possenhaften lottospiel diesem faulen fleissigen gewimmel. Schiller (
an Weckherlin) 1, 181;
vgl. oben sp. 5833.
vgl. auch: ihre ... blumigen mieder leuchteten weithin in frohem gewimmel, ... als ... unter den bäumen plötzlich das bunteste gewühl entstand von gesang, jauchzen und gelächter begleitet G. Keller (
grüner Heinrich 2, 13) 1, 364. 2@a@b@22))
mit gewimmel
berührt sich auch auf das engste gewirr (
vgl. oben sp. 6126)
und geschwirr (
s. ebenda);
beide treten auch mit gewühl
zusammen, wobei der begriff des regellosen, ungeordneten in der bewegung den verbindungspunkt bildet. vgl.: jetzt bemerkend, dasz die Mauren nach sich an die thore drängten, sonder ordnung, im gewühl. Herder (
Cid 54) 28, 517;
vgl. 4, 55;
vgl. auch (
s. u.) Göthe 27, 60. 2@a@b@2@aa)) was für ein gewühl und für ein gewirr es ist in dieser zeit, nicht allein in Berlin, sondern im ganzen land G. Frenssen
Hilligenlei 385;
vgl. auch oben Moritz
Anton Reiser 242. 2@a@b@2@bb)) nun erwachst du (
die taschenuhr) mit geschwirr, und nun machst du gar mich irr ... in den ticktack mischt sich dumm verseschnickschnack reimgesumm. das gewühl hat nimmer ruh'. wie ein mühlrad immer zu. Rückert (
haus u. jahr: 6
; herbst, nachtwache) 2, 549; sie ... traten in die grosze wirtsstube vorn, die sich unterdessen ganz gefüllt hatte. der dampf, das gewühl und geschwirre der gäste war so unmässig, dass niemand die eintretenden bemerkte Mörike (
maler Nolten 2) 5, 105. 2@a@b@33))
mannigfaltig sind die berührungspunkte mit getümmel (
vgl. oben sp. 4570
ff.),
dem ebenfalls verwendungen oben nachgewiesen wurden, die auch für gewühl
kennzeichnend sind. so giebt Dasypodius
und ihm folgend eine ganze reihe von wörterbüchern (
vgl. sp. 4577) tumultus, turba
mit getümmel
wieder, während Cholinus — Frisius
u. a. gewühl
dafür buchen (
s. o.; über Luthers
vorliebe für getümmel
gegen ungestimb, auffrur
s. sp. 4577);
auch die beziehung auf das kampfgewoge, das straszenleben, den marktverkehr und (
übertragen)
das getriebe der welt ist für getümmel
im besonderen nachgewiesen vgl. 4578
ff. 4585
ff. 2@a@b@3@aa))
trotzdem sind beide substantiva nur selten neben einander beobachtet: wie rollt in den gassen das marktgebraus! welch ein getümmel, geblitze! ... da tritt ein weib aus der ladenthür ... o schau, wie durch das gewühl sie keucht, mit armen und händen und knien! sie rudert, sie windet sich — stosz auf stosz, scheltworte und flüche wie schlossen. A. v. Droste-Hülshoff (
die schwestern 2) 2, 497. doch kaum hatte er sich in das getümmel gestürzt, so rollte er schon, vom zufälligen widerprall geworfen ... verschwand abermals im gewühl und kollerte zum zweitenmale dahin C. Spitteler
Conrad der leutenant 144. 2@a@b@3@bb))
dagegen vgl. tumult und gewühl: eine grosse ebne, wenn nicht tumult und gewühl sie zertheilen ... giebt einen frohen anblick Herder (
Kalligone 3) 22, 260; den nächtlichen verworrenen tumult in seiner eigenen seele, das gemische und gewühle wilder, schmerzlicher, wahnsinniger gefühle G. P(fitzer)
Heines schr. u. tendenz s. deutsche vierteljahrsschr. 1, (1838) 176;
dazu vgl.: von mehrern ein gewühl und streit, um ihm am meisten zugefallen, durchdringt sein zärtlich vaterherz. Brockes
jahreszeiten 425. 2@a@b@3@cc))
mehrfach kommt die bei getümmel
vorherrschende geräuschwirkung in zusammenstellungen von gewühl
zur geltung: was bedeutet denn der lärm und das gewühl in der burg Babo
Otto von Wittelsbach (1.
aufz.) 4; es war ein allgemeines gewühl und lärmen Heinse (
Ardinghello) 1, 73; viel gewühl und lärm Eichendorff (
tagebücher nov. 1811) 11, 298
Kosch; beschrieb ihnen den nächtlichen rangierbahnhof, die unruhe, den lärm, ... das gewühle und gewürge und wie sie nie fertig werden H. Böhlau
der rangierbahnhof; vgl. auch getöse und gew. G. Freytag 22, 246 (
s. u.). 2@a@b@44))
eine andere seite des bildes der menschenansammlung wird im rahmen einer festfeier gern getroffen: welch ein schmaus und gewühl? was feierst du? etwa ein gast- oder ein hochzeitsfest? Voss
Odyssee 1, 226 (2.
ausgabe)
gegen: was für ein schmaus ist hier, und gesellschaft
der ersten ausgabe; als er durch die Fichtau ritt, waren schier alle, die damals den brautzug angeschaut und ihn beneidet hatten, schon alte männer, und die kinder, die unbegreifend das gewühl und den prunk angestaunt hatten, waren erwachsen Stifter (
Prokopus) erzähl. 1, 74
Aprent; vgl. auch (
s. u.) gewühl
und lustigkeit P. Heyse II, 4, 197
u. a. 2@a@gγ)
von dem begriff lebhafter, im widerstreit der kräfte doch wieder stockender bewegung sind die zusammenstellungen getragen, die vom sinnlichen in das geistige leben überführen: träte ein Aegypter der zeit in eine griechische gallerie, er würde erschrecken, staunen und zuletzt vielleicht sich wegwenden und verachten. welch gewühl, würde er sagen, welche frechheit! Herder (
denkmahl Johann Winkelmanns) 8,
s. 477; du hast uns lieb, du gabst uns das gefühl: dass ohne dich wir nur vergebens sinnen, durch ungeduld und glaubenleer gewühl voreilig dir niemals was abgewinnen. Göthe (
das schicksal)
an Lavater 159; wenn ich empfinde, für das gefühl, für das gewühl nach namen suche, keinen finde, dann durch die welt mit allen sinnen schweife, nach allen höchsten worten greife, und diese gluth, von der ich brenne, unendlich, ewig, ewig nenne. (
Faust I) 12, 159; und wenn des lebens riesenplagen der freude letzten keim zernagen, erliegt dem heissen menschlichen gefühl die schwankende vernunft und fluchet, wenn sie umsonst nach rettung suchet, frech sich und dir in dem gewühl. J. G. Seume (
gebet) 55;
vgl. auch oben (
zum reim gefühl — gewühl)
sp. 6758;
s. unten sp. 6774. 2@bb)
wie in dem letzten belege aus dem Faust geht unserem subst. auch sonst gern eine breitere und anschauliche darstellung der einzelheiten zur seite, die in dem einen wort zusammengefaszt sind. selten treffen die einschlägigen belege naturbilder oder dahin zielende übertragungen: die geister alle der natur mit sehnsuchtsvollen mienen, sie drängen sich heran, um nur zum gleichnisz dir zu dienen. ich greif' in's glänzende gewühl, und such' in tausend bildern ein unaussprechliches gefühl, mein lieben, dir zu schildern. Fr. Rückert (
liebesfrühling 5.
strausz 43) 1, 574; majestät der menschennatur! ... bei wenigen ... hast du ... gewohnt, einzelne wenige zählen, die übrigen alle sind blinde nummern, ihr leeres gewühl hüllet die treffer blos ein. Schiller (
majestas populi) 11, 184;
fast ausschlieszlich ist es der mensch, der in der bewegung erfaszt wird, im getriebe des täglichen lebhaften verkehrs, bei besonderen anlässen stürmischer erregung oder festlicher ausgelassenheit. 2@b@aα) denn da es (
das volk) sonst nur gewohnt, sich durch einander laufen zu sehen, sich in einem gewühle ohne ordnung und sonderliche zucht zu finden Göthe (
ital. reise 16. 9. 86) 27, 60; denkst du des abends noch, des hellen, da mich der winde leiser zug ... an diese stille küste trug; da ich, ermüdet vom gewühle, das draussen treibet früh und spat, mit bang sehnsüchtigem gefühle vom hohen schiff ans ufer trat? Geibel (
mädchen von Paros)
ged. (1851) 244; auch mehrte sich die zahl der menschen und fuhrwerke, denen wir begegneten, es war nun schon ein gewühle, wie auf dem ringplatz in Lemberg K. E. Franzos
ein kampf ums recht I
4 145; und sah ... wie drüben an dem dorfe jetzt die letzten wagen zur kirche hinauffuhren. nach einer weile entstand dort ein gewühl, dem eine todesstille zu folgen schien ... sie senkten wohl den sarg jetzt in die grube Th. Storm
schimmelreiter 7, 201. 2@b@bβ) ein grosses drängen fand ich auf dem markt, denn flücht'ges volk war eben angelangt von Orleans mit böser kriegespost. im aufruhr lief die ganze stadt zusammen, und als ich bahn mir mache durchs gewühl, da tritt ein braun Bohemerweib mich
an. Schiller (
jungfrau v. Orleans: prolog 3) 13, 178; und auf einmal welch gewühle bei der brücke, nach dem feld! horch! das feuerglöcklein gellt: hinterm berg hinterm berg brennt es in der mühle! Mörike (
maler Nolten I) 4, 61
Krausz; von ihnen angestiftet, umwogten menschenmassen das ständehaus, sie drängten in den hausflur und den hof ... die abgeordneten sassen betäubt durch das gewühl und das getöse hinter ihnen G. Freytag (
Karl Mathy) 22, 246; jetzt drängen kläger sich zur halle der richter prunkt auf hohem pfühl, indessen wogt, in grimmigem schwalle des aufruhrs wachsendes gewühl. Göthe (
Faust II) 41, 11. 2@b@gγ) die knaben und mädchen des dorfes brachen mais, und schmückten das haus und die ländliche diele, und begrüssten den heiligen abend vor pfingsten mit liedern. Wilhelm floh das gewühl der beglückten fröhlichen leute. Hölty (
der arme Wilhelm) 19 (1784); wir geriethen in's plaudern, während der tanz draussen schleifte und schwirrte und rauschte. unser tisch war gleichsam ein landsitz ausserhalb des stadtgewühls; denn er stand im schreibstübchen Stifter (
feldblumen) studien I
Sauer 76; bauernburschen, die wie taktfest stampfende maschinen vorbeiwalzten ... angetrunkene ziegelarbeiter, die mehr taumelten als tanzten ... zuerst war Marianne förmlich zurückgefahren vor der entsetzlichen luft und dem gewühl dieser klobigen gestalten Hegeler
pastor Klinghammer (1) 101; bauernsöhne und junge handwerker aus der umgegend tanzten und stampfen, dass die fenster klirrten ... das gewühl und die ungebundene lustigkeit erquickten mich nach dem seltsamen gedämpften und verschleierten bilde P. Heyse II, 4 (
Helene Merten) 197; es war auch heute in dem wirtshaus neben der brücke lebendig genug. in einem saale wurde getanzt, in den lauben vor dem hause getrunken und geschwatzt ... um jener sentimentalen langeweile nicht zu verfallen, die in solchem gewühl den fremden heimzusuchen liebt, bestellte ich ... mein zimmer für die nacht und ging wieder an den flusz hinaus 189; im gewühl des reigentanzes (
mönch v. Montaudon) II, 5, 227. 33)
der rahmen, den die obigen zeugnisse ziehen lassen, erweitert und belebt sich in verschiedenen richtungen je nach dem subject, auf das die einzelheiten des gewühls bezogen sind. 3@aa)
unter den naturerscheinungen 3@a@aα)
tritt noch immer das wellenspiel (
vgl. oben sp. 6755)
zu tage: bei der abendsonne sah ich noch den Rheinfall ... in dem ungeheuern gewühle war das farbenspiel herrlich. vor dem grossen überströmten felsen schien sich der regenbogen immerfort herabzuwälzen, indem er in dem dunst des herunterstürzenden schaumes entstand Göthe (
Schweizerreise von 1797) 43, 161; wer einmal am Rheinfall steht, wird sich beim anblick unwillkührlich an die schöne strophe des tauchers erinnern, welche dies verwirrende wassergewühl malt W. v. Humboldt (
vorerinnerung zum) briefwechsel mit Schiller
s. 9
Leitzmann; in der tanzenden flut, wo durchs wellengewühl die sonne nur strahlt mit verdämmerndem glanz. G. Kinkel (
die windsbraut)
ged. 33; das moralische klima von Paris that mir immer wohl ... rasch zog ich alle meine bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische wellengewühl Börne
briefe aus Paris (5.
br.); ich hatte dieses fluthen-spiel, und ihr veränderlichs gewühl, kaum eine zeitlang angesehn. Brockes 7, 113
s. theil 10,
sp. 2278; bald bemüht, sich vor den wogen, deren letzte sturzwellen die sandhaufen trafen, zu schützen, bald durch die nacht in das wüste gewühl der hohen rollenden schäumenden flut starrend A. Stern (
die letzten humanisten 1906) 5, 51;
vgl.flutgewühl th. 3,
sp. 1862;
desgl. H. Lingg
ged. 1, 139. 3@a@bβ)
nicht so häufig wie bei gewirr
ist die pflanzenwelt getroffen; vgl. gwühl,
nimium plantarum incrementum. Fromman 3, 86; o des gewühls, wie der roggen mit grünlichem dampfe daherwogt! Voss
Luise 6; ein gewühl verdorrter blätter. Pfeffel
poet. versuche 2, 125; wie die winde legen sich im laubgewühl. Rückert (
lyr. ged. 3.
buch, 5.
reihe) 2, 428; dich verwirret, geliebte, die tausendfältige mischung dieses blumengewühls über den garten umher. Göthe (
die metamorphose der pflanzen) 1, 326;
vgl.blumengewühl Radlof
teutsch-kundl. forschungen 3, 246. 3@a@gγ)
unter den thieren, die für das subst. angezogen sind, fehlt gerade das beim verbum so viel erwähnte schwein: denn der thiere froh gewühl war von je her meine sache. Goekingk (
an den Harz)
ged. 3 (1782), 55; schmunzelnde weiblein schlichen heran, die reizende kusserhaschte beklatschend. läutender heerden gewühl, dort hoch, hier tief um die hütten, und schönlockige melkerinnen umher im gewühle. Fr. v. Sonnenberg
Donatoa 1, 231; durchheule die städte! hinten vom dreiweg folg' hiziger hunde gewühl. Voss
Tibull 69 (
an d. thüre d. treulosen 56); (
post agat e triviis aspera turba canum)
elegien 1, 6;
ebenso Ovid (
Perseus 109) 1, 245; ihn werfen liesz die königin in den tiefen schlangenthurm ... ein zitterleibiges gewühl, so wand sich's durcheinand, es regt im zuckenden wellenspiel schwarzwimmelnd sich grund und wand. Strachwitz (
ein anderer Orpheus) 241; da plötzlich aus der gruft betropften wänden schieszt zischend her von schlangen ein gewühl, und strickt im knäul sich ihm um bauch und lenden. Geibel (
der templer)
juniuslieder s. 113; auf straszen und märkten (
der versunkenen seestadt) ungeschlacht treibt sich der fische gewühl. Freiligrath 1, 60. 3@a@dδ)
wie bei gewimmel
werden phantasiegestalten gestreift: auch diese will ich nicht verschonen, die tollen höhl-excavationen, das düstre troglodyten-gewühl, mit schnauz' und rüssel ein albern spiel. Göthe (
zahme xenien 2) 3, 269); ihre bleichen larven alle sendet mir Proserpina, wo ich wandre, wo ich walle, stehen mir die geister da. in der jugend frohe spiele drängen sie sich grausend ein, ein entsetzliches gewühle, nimmer kann ich fröhlich sein. Schiller (
Kassandra) 11, 372; durch die hoheit und zahl meiner wünsche werd ich mich in der geister gewühl stehlen, die nach der gottheit hinzücken (
jüngling u. greis) 2, 393. 3@a@eε)
mit gewimmel
und gewirr
stimmt gewühl
in der beziehung auf lichterscheinungen, farben und töne überein (
vgl. auch die übertragungen sp. 6774): du geräumig weite luft fülle dich mit kühlem duft. zieht heraus, umherzuschweifen, nebeldünste, schwangre streifen, deckt ein flammendes gewühl. Göthe (
Faust II) 41, 61; wie oft hab' ich als kind im spiele gelauscht den funken im papier, der sternchen zitterndem gewühle, und: 'kirchengänger!' sagten wir; so seh ichs wimmeln um die wette und löschen, wo der pfad sich eint. A. v. Droste-Hülshoff
neujahrsnacht (
ged.3, 143); holder kindheit liebliche gefühle, du der auserwählten erstlingskusz, schnell verflogner jugend schwärmereien, schwebt herbei die seele gaukelnd zu erfreuen, dass noch einmal dann des lebens vollgenusz in der schönsten bilder reizendem gewühle um die sanfterhellten sinne spiele. W. v. Humboldt
an Schiller s. briefwechsel 57; im gewühl deiner farben und gestalten hingegen verwirret sie sich nie Herder (
malerei oder tonkunst?) 15, 228; der nebel ... wogte und webte ... ein wunderbar farbengewühl von weiss und grau und der rothen herbstgluth der wälder Stifter
studien 1 (
hochwald 6) 301
Sauer; ahnungsvoll im busen klingt mir dunkler melodien gewühl. Geibel 4, 18 (1888); 3@a@zζ)
noch spärlicher als die bedeutungsverwandten knüpft gewühl
an gebrauchsgegenstände an: doch was dabei am besten ihr gefiel, war, dass ihr feenschiff an form und pracht der könig der gondeln, deren wimmelndes gewühl das meer verdeckt. Wieland (
Pervonte) 18, 189; wenn sie bei ihrem kohlengewühl je etwas gefunden haben, so war es gewisz blindlings, ohne zu wissen, wie sie dazu kamen, oder was sie hatten Lichtenberg
vermischte schriften 5, 78; der schrank hat sommerkleider ein ganz gewühl, doch für den winter leider sind sie zu kühl. Rückert (
haus u. jahr 7;
winterleben 22). 3@bb)
im mittelpunkt aber der überwiegenden mehrzahl der belege steht der mensch: die vielen nationen, das gewühle von menschen, und die völker von mancherlei sprachen Jung-Stilling 3, 335
Grolmann; doch bleib ich beim entschlusse stehn, dich im gewühl der menschen nicht zu sehn. Fr. Stolberg (
an Lavater in Bremen) 2, 15; ohnerachtet die hauptstadt so nahe lag, hatten beide, in ihre forschungen vertieft, das gewühl der menschen zu vermeiden gesucht Novalis (
H. v. Ofterdingen) schriften 1, 34
E. Heilborn; wir fliehen gerne das gewühl der menschen, und suchen die stille des belaubten waldes C. C. L. Hirschfeld
der winter (1769) 116; da ängstigt uns die stille der wälder, da schreckt uns das geschwätz der quelle ... wir stürtzen uns in das gewühl der menschen um uns selbst unter der menge zu verlieren, und wünschen uns nie nie wiederzufinden Heinrich v. Kleist
br. a. s. braut 56
Biedermann; sie gieng weil niemand kam und das gewühl der menschen anwuchs, weiter (
erdbeben in Chili) 4, 6
Zolling; die ganze welt ist in dieser oper! durch das gewühl geputzter menschen ziehen die geister des orkus E. Th. A. Hoffmann (
ritter Gluck) 1, 25;
vgl.menschengewühl theil 6
sp. 2051;
vgl.leutgewühl,
menschengewühl Askenasy
Frankfurter mda. 209; am ende bin ich nun des trauerspieles das ich zuletzt mit bangigkeit vollführt nicht mehr vom drange menschlichen gewühles nicht von der macht der dunkelheit gerührt wer schildert gern den wirrwarr des gefühles wenn ihn der weg zur klarheit aufgeführt. Göthe
epilog z. Faust: abschied s. Göthejahrbuch 9, 5;
genetivverbindungen also, seltener attributive bestimmungen, weisen auf das logische subject hin. 3@b@aα)
die genetivverbindungen und ihr ersatz: 3@b@a@11)) gauner itzt treiben den bärentanz an der seite vorüber: rings um ihn staut sich die kriegerschar, ... stürzt ins gewühl von tausenden; wogt das gewühl in die breite kaisergass hier. Fr. v. Sonnenberg
Donatoa 1, 469. 3@b@a@1@aa)) nach Augsburg ... strömte zum reichstag fast alles zusammen was Deutschland an gewaltigen besass ... in diesem gewühl von unabhängigen fürsten und kleinen landgebietern, höflingen, gaunern, kriegsleuten ... war auch ein bürgerssohn aus Greifswald thätig G. Freytag (
bilder a. d. dtsch. vergangenheit 2, 2, 5) 19, 155; jener (
Don Karlos) ... findet in dem ganzen umkreis eines despotenhofes nichts, was sein herz befriedigte ... mitten im gewühl so vieler höflinge einsam Schiller (
briefe über Don Karlos) 6, 41; wo sonst beinahe ein gewühl von dienern und leuten gewesen war, schliefen nun statt vieler menschen Abdias ... und das kleine kind Ditha Stifter
studien 2 (
Abdias 3) 221; denn uns enget den raum das gewühl der wechsler und krämer. G. A. Bürger
gedichte s. 236 (
Hempel); seine pferde stampften ungeduldig auf das pflaster und erwarteten die rückkehr des herrn, um ihn aus dem gewühl der arbeiter in das vornehme quartier zu führen G. Freytag (
soll und haben 3, 7) 4, 544; ist auf der stoppelfelder öden pfaden der ährenlese magres fest bereitet. o gieriges gewühl zerlumpter knaben, barfüss'ger mädchen, heischrer krähn und raben! Uhland (
Fortunat 183) 1, 348
E. Schmidt; im gewühl eines von allen seiten her zulaufenden gesindels Pestalozzi (
Lienhard u. Gertrud 2, § 2) 2, 5. 3@b@a@1@bb)) unter dem regen gewühl der nieder sich lagernden völker. Bürger (
Ilias 2) 3, 267; also entschlüpft ... Paris ... ins gewühl hochtrotzender Troer. 1, 206; tief unten das lärmende gewühl der wanderer der erde O. Ludwig (
zw. himmel und erde) 1, 192;
vgl. auch (
s. o.) Hölty 42; der jungen magd, die, halb wider willen, dem drängenden liebhaber seitab vom gewühl der tanzenden folgte Grillparzer (
der arme spielmann) 13
5, 227; die bauern lärmten, soffen und drohten. das gespräch wurde endlich wildes gewühl eines tobenden gesindels Pestalozzi (
Lienh. u. Gertr. § 9) 1, 47; ein dumpfes gewühl der säufer und prasser (38) 160; (der säufer und schwätzer) 43;
vgl. dagegen (
das gew.
der leidtragenden) P. Heyse
rom. u. nov. II, 1, 293; gott sollte sich euch durch die schöpfung offenbaren — aber was ist schöpfung? gewühl einzelner, abgesonderter, ganzer geschöpfe; jedes für sich eine welt Herder (
älteste urk. d. menschengeschl. I, 4) 6, 266; die geister des landwirths waren in heimischer wirthschaftstracht ... hingegen um den professor schwärmte ein unabsehbares gewühl fremder gebilde mit toga und antiken helmen G. Freytag (
verlorene handschr. 1, 5) 6, 84; der bahnsteig füllte sich mit einem gewühl übernächtig blickender, verstaubter und ungewaschener gesichter P. Heyse (
trag. nov. 1:
Tantalus) II, 14, 233. 3@b@a@1@cc)) vor dem schaarengewühl einhergehen. Voss
Ilias 3, 22; alles belebt, ein buntes gewühl frohherzigen völkchens drängte sich pfeiffend hinüber am blumenbekränzten jochstier. Fr. v. Sonnenberg
Donatoa 1, 229; horchte der völker gewühl. 1, 523; selbst beim gewühl des volks kann man oft einsam sein J.
F. v. Cronegk 2, 39; da stand er denn, der prachtvoll hohe mann (
Göthe) in seinem langen überrock, und blickte, die hände auf dem rücken, behaglich auf das bunte gewühl des drängenden volkes nieder W. v. Kügelgen
jugenderinnerungen (2, 8)
s. 140; auch wendet sie sich ab von jenem volksgewühl, von jenem wilden fluthgedränge. Tiedge (
an Grottus) 3
2, 180; noch nicht verzehrt von angst und sehnen sah klar diesz aug aufs volksgewühl. G. Kinkel (
Otto der schütz 3)
ged. 187;
das gleiche Mörike (
bauer u. sohn) 6, 111
Krausz; ich ... bewundere die mögliche klarheit die sie über das gewühl der volkswanderung und volksversetzung, so wie über die wandelbarkeit der sprache verbreitet Göthe (
an Jak. Grimm)
br. 38, 234. 3@b@a@22))
meist geht die verbalthätigkeit nicht vom menschen allein aus, sondern im zusammenwirken mit anderen factoren: hier bot uns das gewühle von eleganten equipagen und menschen aus allen nationen ein neues interessantes schauspiel dar Eichendorff 11, 124
Kosch-Sauer. hier drängen sich in der genetivbestimmung collectivbegriffe und abstractionen vor. 3@b@a@2@aa)) der hirt in Spanien, mit armuth und seiner schönen wüste vergnügt, singet und weisz nichts vom druck und dem gewühl der städte Herder (
v. einflusz der regier. a. d. wissensch.) 9, 315; ihre feudaleinrichtung, wie untergrub sie das gewühl volksreicher, üppiger städte, baute das land, beschäftigte hände und menschen, machte gesunde und eben damit auch vergnügte leute (
auch eine phil. d. gesch.) 5, 515; möchte ich doch bald das gewühl dieser stadt verlassen Pfeffel
pros. vers. 5, 82; wie lange hab' ich den wunsch genährt, meinen gatten aus dem gewühl der stadt in die ländliche einsamkeit zu führen Kotzebue (
rehbock 2, 1)
neue schausp. 19, 50; sobald er aus dem gewühle der stadt war, und die thürme von H. ... hinter sich sah K. Ph. Moritz
Anton Reiser 241
Geiger; es (
das geschenk) flösst mir die wärmste erkenntlichkeit gegen eine schwester ein, die mitten in dem rauschenden gewühl der stadt ... an die bedürfnisse eines weitentfernten bruders denkt Heinrich v. Kleist (
an Ulrike 1795) 5, 22; einsam wandelt ich durchs menschengewühl der stadt. Platen (
an A. Kopisch) 1, 201; dort rühm' ich dich, und folge meinem ahnenden gefühle, und neide dir den vorzug nur allein, zugleich in einem städtischen gewühle und einer ländlichen natur zu sein. (
gedichte anfang 1,
an N. Schlichtegroll) 1, 476
Redlich; dass ihnen vergönnt war, sich dermassen ungehindert und ungestraft in eine idealwelt einzuträumen, zumal im gewühl einer groszen stadt C. Spitteler
Imago 46; regsames gewühl eines seehafens Schiller (
entwurf zu '
das schiff') 15, 1, 306; mit gekreisch und juchen schwärmt des dorfs gewühl dann um nüss' und kuchen und ein pfänderspiel. J. H. Voss
poetische werke 3
s. 44 (
Hempel); ein bach an meinem garten flieszt, der wogen macht die mühle, und murmelnd mir das ohr verschlieszt vor'm fernen dorfgewühle. Rückert (
lyr. ged. 3.
b. 5.
reihe) 2, 437. 3@b@a@2@bb)) aus dem hellen blendenden tageslicht, aus dem gewühle der strasse plötzlich in diese stille dunkelheit versetzt Schiller (
geisterseher 4, 321); im gewühl der engen strassen wird man fortgedrängt. die lastträger, die ausrufer, alles umschwirrt, umwirrt uns Gutzkow
briefe aus Paris 1, 83; hier ist es ja schlimmer, als im strassengewühl Sudermann
hohe lied (13) 487;
dazu vgl.: von dem gewühl auf den boulevards am 1. Jan. macht man sich keine vorstellung Hebbel
briefe 1, 199; und auf einmal welch gewühle bei der brücke, nach dem feld! Mörike (
maler Nolten) 3, 40
Göschen; was war das auf dem bahnhof nur für ein gewühl gewesen Sudermann
hohe lied (13) 143; auch manche wagt der märterinnen sich in des marktes frech gewühl. Uhland (
lieder der vorzeit) 1, 165
E. Schmidt; aber der menschenstrom riss ihn fort und warf ihn mitten in das summende gewühl des weihnachtsmarktes auf dem schloszplatz Paul Heyse (
Lottka) II, 8, 211; er gewinnt einen andern maszstab für den werth des mannes, jetzt wo er das gewühl des marktes, das arbeitszimmer des gelehrten auch für sich braucht G. Freytag (
soll und haben 3, 4) 4, 463; wohin, ach! sollen aus des markts gewühle sich eure götter retten, wenn die dichten des ew'gen hains auch unterm beil sich lichten? Fr. Rückert (
lyr. ged. 3.
buch 4.
reihe) 2, 286; wie oft, wie oft am schwülen tag aus des thales dampf, aus des marktes gewühl schwang sehnend im flug mein blick sich empor zu euren sonnigen gipfeln. K. Gerok (
die berge gottes)
palmblätter25, 283; sie nahm ihren hakenstock zur hand und zwängte sich durch das gewühl des marktplatzes Gertrud Enges im
sturm s. 104; auch war das klösterliche kleid, das er im bunten gewühl des hofes nicht ablegte, kein hindernis, dass er den damen gefiel P. Heyse (
mönch v. Montaudon) II, 5, 213. 3@b@a@2@cc))
von diesem rein sinnlichen gebrauch zweigen schon übertragungen ab: das volle herz, es sucht oft lauter freude vollen jubel, uns in der allgemeinen lust gewühl recht unbemerkt, recht stille sich zu freun. Grillparzer (
Sappho 2, 6) 4
5, 169;
vgl. oben sp. 6760.
genitivverbindungen, die das irdische treiben in seiner unruhe und äuszeren geschäftigkeit erfassen, werden mit vorliebe da verwendet, wo das leere und unbefriedigende solcher thätigkeit betont wird, wo den inneren bedürfnissen des menschen ein höheres ziel gewiesen ist: am himmel haben überhaupt mehr würdige namen neben einander platz als im koth und gewühl der erde Herder (
recens. u. kl. schr.) 9, 505; die allgemeinen betrachtungen über leben und dasein, über das gaukelspiel menschlicher bestrebungen, über das zwecklose gewühl auf erden K. Ph. Moritz
Anton Reiser (
lit. denkm. 23) 257;
dazu vgl.: die ewigen gefühle heben mich, hoch und hehr, aus irdischem gewühle; schlafe! was willst du mehr? vom irdischen gewühle trennst du mich nur zu sehr, bannst mich in diese kühle; schlafe! was willst du mehr? Göthe (
nachtgesang) 1, 98; die uns das leben gaben, herrliche gefühle erstarren in dem irdischen gewühle. (
Faust I) 12, 40;
vor allem beliebt sind die verbindungen gewühl der welt, — des lebens,
die sich auch zu viel gebrauchten compositionsformen verdichten. 3@b@a@2@c@aα)) ja wenn der geschwächte tag seinen sanften abschied nimmt, und das emsige gewühl der geschäft'gen welt gestillt. Brockes
jahreszeiten (
lobgesang 83
the warbling world) 539; du tummelst dich in dem gewühle der welt. Pfeffel
poet. vers. 5, 14. ich fliehe des verächters pfade, der, im gewühl der welt verstrickt, den herrn vergisst, und seine gnade ... Uz (
dank) 187
Sauer, vgl. (im gew. dieser welt verstrickt) Manso
verm. schr. (1801) 1, 33; wie ward mir das gewühle der welt doch gar zur last. Geibel 1, 180; ach, liesze man mich doch mit mir allein! ich fühle mich dann so glücklich stets. mich schreckt der welt gewühle. Immermann (
die schule der frommen II, 7) 14,
s. 329;
dazu vgl.: wenn ich das gantze welt-gewühl besinn, so find ich nichts als dampf darinn.
F. A. L(ampe)
bündlein 25
gottsel. gesänge (1723) 47, 4; indessen giebt es selbst mitten im weltgewühle freie lebensaugenblicke
F. L. Jahn 1, 134;
vgl.(gealtert im weltgew.) Uhland 2, 139; (gestört vom weltgew.) Rückert (
liebesfr. 5 strausz 3) 1, 556; (erhaben über dieses weltgew.) Tiedge 3
2, 92; (entreiss dich dem weltgew.) Wilhelm Müller 59
Hatefield; hier scheidet die klosterpforte dich ab vom weltgewühl. H. Leuthold
im kloster; der dichter schaut in weltgewühle, sieht jeden menschen mit sich selbst befangen, bald heitern sinns, bald bänglicher gefühle; doch hat er zwecke. Göthe
zahme xenien 8 (
jub.-ausg. 4, 113); 3@b@a@2@c@bβ))
zwiespältiger ist die auffassung gegenüber dem gewühl des lebens: geisseln uns so zwecklos hundert plagen durch's gewühl des lebens hin? Tiedge (
Urania 1) 1
2, 16; begabt mit manchem, was sonst grauen lockt, stürtzt ich mich in des lebens bunt gewühl. Grillparzer (
ein treuer diener) 6
5, 210; und niemand kommt. nur wie das rauschen eines fernen stroms tönt das gewühl des lebens aus der burg. Ferd. v. Saar
kaiser Heinrich IV. 1, 152; die sehnsucht, die ich, sobald ich das gewühl des lebens theile und die sorge für den staat meine kräfte aufruft, verschwindet G. Ebers
der kaiser 13;
dazu vgl. lebensgewühl theil 6
sp. 443 (
s. Göthe 44, 52; Schiller 14, 117);
vgl. auch: itzo im mittag stand der Olimpfürst, schauete ringsher, forschte tiefer, schwebt' an die wolken, und sah, von den wolken, nieder ins lärmende lebensgewühl. Fr. v. Sonnenberg
Donatoa 1, 91; was im gewöhnlichen lebensgewühl der edle charakter vollendeter menschen, das im völkergebiete das volkstum
F. L. Jahn 1, 167; nun bleibt sein auge auf dem ersten segen, der erfrischenden grases grüne ruhn, bis er gewapnet ist, sonne zu sehn, und das lebensgewühl aller schöpfung zu empfinden Herder (
älteste urk. 1, 4) 6, 270. 3@b@a@2@c@gγ))
nur wenig beobachtet ist die durch den begriff des alltagslebens nahe gebrachte verbindung mit tag: ach die erblichenen rosen ... erblühn mir oft im nächtlichen gesichte, dass meine brust ganz an dem bilde hänget, wovon des tags gewühl sie weggedränget. A. W. v. Schlegel
an Novalis im musenalmanach f. 1802
s. 183; bis mich zuletzt absondere vom gewühl des tags der stillste pomeranzenhain. Platen 1, 272
Redlich. 3@b@a@33))
in der bedeutungsgemeinschaft mit getümmel
ist auch für unser substantiv die beziehung auf streit und krieg gegeben. dasz unter den genitivverbindungen das gewühl des kampfs, der schlacht
einen breiten raum einnimmt, giebt noch keinen anhaltspunkt für die zuweisung von wuol (
clades)
zu unserer sippe. um so weniger, als die belege sehr spät fallen und als die grundverschiedenheit in der bildwirkung beider substantive (
vgl. oben sp. 6756)
auch durch vereinzelte spätere, auf fremder vorlage ruhende annäherung nicht verdunkelt werden kann: so hätte lang' im grässlichen gewühl von leichen mich der schmerz gequält. Bürger (
Ilias 5.
rhapsodie 1113) 3, 114; (im grässlichen leichengewimmel Voss 5, 886
νεκαδέσσω);
dagegen vgl. die anknüpfungspunkte, die die bisher festgelegte bedeutung von gewühl
gerade für das gefechtsbild bietet: so verfinstert Neptun die augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus seinen mörderischen händen errettet, den er mit einem rucke mitten aus dem gewühle auf einmal in das hintertreffen versetzt Lessing (
Laokoon 1. theil 12) 9
3, 86; wer treibt von meinen augen den nebel der auf der vorwelt wundern liegt? ich seh' in buntem gewühl, bald siegend, bald besiegt, des ritters gutes schwert, der heiden blinkende säbel. Wieland (
Oberon 1, 1) 22, 3; man sah ihn hier, man sah ihn dort: wo das gewühl am meisten tief, da flog der reiherbusch umher. A. v. Droste-Hülshoff (
schlacht im Lohner bruch) 2, 361; jetzt stürzt wie ein dämon, voll rachgefühl sich Penthesileia in's vordergewühl. H. Leuthold
Penthesileia 5.
ges. 3@b@a@3@aa))
bei dieser gruppe des verbindungen sind nur selten einzelbegriffe als logisches subject beobachtet. 3@b@a@3@a@aα))
überraschend selten nomina agentis: denn all' auf den einen stürzen sie, lechzend nach mord; das gewühl der verschworenen kämpfet rings für jenen daher. Voss
Ovid (
Perseus 324) 1, 263;
dazu vgl.: dass sie der frau verbieten, in's gewühl von kriegern sich zu mengen. Schiller (
Iphigenie in Aulis 892) 6, 189. 3@b@a@3@a@bβ))
einigemal concreta: die werkzeuge; vgl. waffengewühl (Voss)
theil 13
sp. 305; von dem rosenpfühl in das speergewühl ein jeder gepanzert springe. Strachwitz (
streitlust) 71. 3@b@a@3@a@gγ))
dazu vgl. die verbindung von genitiven beiderlei art: drauf pries lord Stonycraft der kühle lord Triamour im speergewühle der nackten Schotten bei Dunbar. K. Immermann
Tristan und Isolde I (
werke 13,
s. 106). 3@b@a@3@bb))
bevorzugt sind collectivbegriffe: 3@b@a@3@b@aα)) ich möchte mir das gewühl einer schlacht wünschen, um wieder zu mir selber zu kommen Leisewitz
Julius v. Tarent (3, 3) 73; er hat nicht an sich gedacht ... und das vaterland nicht im gewühl der schlacht vergessen
F. M. Klinger (
Aristodymos 5)
neues theater 1, 99; alles dies ... ist mir vor der seele vorbei gegangen, mitten im gewühl der schlacht, wenn die erde vom anhaltenden donner bebte Göthe (
wahlverwandtsch. 2, 12) 17, 347; erröthe nicht, du lieber! nur mädchenwangen schmücke solche gluth. die deinen nicht, die im gewühl der schlacht der siegesschein schon flammender umglänzt. Ferd. v. Saar
kaiser Heinrich IV. 2, 51; ich folge dir ins feuer, tief ins gewühl der schlacht. Tiedge (
an Klamer Schmidt) 3
2, 176; durch der schlachten gewühl bist du stets sicher gewandelt, aus Skamanders gewog tratst du gerettet hervor. Uhland (
Achill) 1, 89
E. Schmidt; vgl.schlachtengewühl H. Leuthold
Penthesileia 11.
ges.; vgl. schlachtgewühl
theil 9,
sp. 247 (
aus Bürger, Schiller);
dazu vgl.: ein held, der in das schlachtgewühl sich wirft, soll an die frau gedenken, der er dient. Uhland (
herzog Ernst 5.
aufz.) 1, 8; in der trompete mutigen tönen rufst du den jüngling in's schlachtgewühl. Grillparzer (
musik) 2
5, 9;
vgl. auch Th. Körner 2, 59; Geibel (
lied der korsaren)
juniuslieder 53. 3@b@a@3@b@bβ)) jeden ereilet endlich sein tag, es sei auf dem weichen küssen von pflaum, oder im rauhen gewühl des gefechts, oder auf offenem galgen und rad Schiller (
räuber 1, 2) 2, 49 (
ebenso 238); der sonderbaren wuth ... mit welcher sie im kampfgewühl den sohn der Thetis sucht. H. v. Kleist
Penthesileia v. 160;
vgl. dazu theil 5,
sp. 153 (
belege aus Rückert); er wollte noch hören, wie sich die frau marquise befinde? als ihn die rapporte mehrerer offiziere schon wieder in das gewühl des krieges zurückrissen H. v. Kleist (
marquise von O. ...) 4, 19;
dazu vgl. kriegsgewühl
theil 5,
sp. 2273 (
aus Schiller);
vgl. auch: denn nur von lust erklingt mein saitenspiel, und nicht von leichenvollem sande und kriegrischem gewühl und vom gekrönten sieg im blutigen gewande. Uz (
die lyrische muse) 45
Sauer; treu hält er die fahne mit eiserner faust und wird sie bewahren von feinden umbraust, inmitten des kampfs, im gewühle des sturmes. Hermann Lingg (
der fahnenträger) 2, 207. 3@b@a@3@b@gγ)) denn dieses lagers lärmendes gewühl der pferde wiehern, der trompete schmettern, des dienstes immer gleichgestellte uhr, die waffenübung, das kommandowort dem herzen giebt es nichts. Schiller (
Piccolomini 1, 4) 12, 88; wenn ich so sasz am flackernden feuer, vor meinen augen das gewühl des bivouaks, in meinem ohr das stöhnen der verwundeten G. Freytag (
ahnen 6,
a. e. kleinen stadt 10) 13, 204. 3@b@bβ)
attributive verbindungen waren schon oben mehrfach im wettbewerb mit subjectivem genetiv beobachtet, vgl. irdisches, menschliches, kriegerisches gewühl;
dazu vgl.: ein spaziergang ... über die Mainbrücke ... zerstreute ihn, da er das kaufmännische gewühl, die in einander greifende thätigkeit so vieler zum erstenmal sah Streicher
Schillers flucht 80
Hofmann; da, horch! da tönt gemurmel durch das volk, da teilt die menge sich. jetzt war's geschehn! — mit einer goldnen leier in der hand trat eine frau durchs staunende gewühl. Grillparzer (
Sappho 1, 3) 4
5, 147; entschlüpft der ... pfeil ... gelüstend nach dem feindlichen gewühl. Bürger 1, 157 (
Ilias? v. 161);
vgl. auch (
s. o.) gieriges gew. Uhland 1, 348 (
s. u.)
u. a., wo das beiwort ebenso gut auf das subject der in gew.
vortretenden thätigkeit als auf diese selbst bezogen werden kann. meist dagegen sind die attribute ausschlieszlich auf die letztere bezogen und hier steht ihnen nur selten qualitativer genetiv entgegen: aber das war nur Leszing, der bibliothekar; Leszing, der unter dem gewühl dieser art eine Emilia Galotti, einen Nathan den weisen machte Herder (
Lessing) 15, 502. 3@b@b@11))
die einschlägigen adjective, insofern sie aus dem bedeutungsgehalte des subst. einzelne züge hervorheben, stimmen gut zu den thatsachen, die sich oben bei der vergleichung des subst. mit seinen bedeutungsverwandten ergeben hatten. 3@b@b@1@aa)) die besagten von seinem vater verwürkten länder uns durch gewalt der waffen wieder abzunehmen: und dieses, denke ich, ist die ursach unsrer zurüstungen, dieser unsrer wache, und dieses hastigen gewühls im ganzen lande Wieland
Shakespeare (
Hamlet 1, 1) 8, 13; emsiges gewühl Brockes
jahreszeiten 539;
desgl. 93; mit regem gew. (
s. o.) Bürger 3, 267; wie woge an woge im brausenden meer, ersteht aus den särgen ein harfenheer, wohl tausend gestalten im regen gewühl, in knöchernen armen ein saitenspiel. A. Grün (
die beiden sängerheere)
ged. 417; gelassen blieb der held in dringendem gewühl. J.
F. v. Cronegk (
Olint 1, 3) 1, 273; wenn vor dem glanz, der um die herrin schwebet, das volk sich teilt in drängendem gewühle, dann gleich um sie sich neu zu sammeln strebet, stumm erst und staunend, dann im hochgefühle mit leberuf den widerhall belebet. Göthe (
der kaiserin platz) 13, 245; da sprang vom gestühl des wagens Amphion in's dichte gewühl. H. Leuthold
Penthesileia 8.
ges.; vgl. (ins tiefste schlachtgewühl) Bürger 3 (1797) 63. 3@b@b@1@bb)) nun folgen kriegerische spiele dem gänsespiel, der blinden kuh; es flieht vorm lärmenden gewühle der kindheit sorgenfreie ruh. Wieland (
Aur. u. Cef.) 10, 218
s. theil 10
sp. 2287; erspäh dir andre beute im lärmenden gewühl, denn dieses aug' ist trocken, denn dieses herz ist kühl. Platen 1, 368
Redlich; vgl. auch O. Ludwig 1, 192; wie sich die häuser einsam vor mir dehnen! ich steh' allein im gällenden gewühle, und keiner fragt von allen was ich fühle. O. H. v. Loeben
ged. 98
Pissin; vgl.lautes saufgewühl erhebt sich Pestalozzi (
Lienh. u. Gertr. § 8) 1, 43;
dazu vgl.: (rauschendes gew.) Heinrich v. Kleist 5, 22; (dumpfes gew. 1) Pestalozzi 1, 160. 3@b@b@1@cc)) wunderbar ist doch der drang nach alten bekannten gestalten ... ja nach alten geräthen selbst, die als zeugen der vorwelt, rückwärts uns führen in's bunte gewühl der fröhlichen jugend. Th. Körner
fragmente: Eduard u. Veronica; das gleiche (
s. o.) Sonnenberg
Donatoa 1, 229; W. von Kügelgen 140; grosze feuer, vor denen sich eine menge zuaven in einem bunten und gruppenreichen gewühl umhertummelten Th. Mundt
Paris unter Louis Napoleon 1, 115; die einwohner der stadt erfüllten im bunten gewühl den garten H. Steffens
was ich erlebte 1, 54; sie wandelte auf den groszen sehr belebten platz hinaus, gieng durch das bunte gewühl, ihren weg verfolgend hindurch Stifter (
das alte siegel 2)
studien 2, 293; ein solennes commitat. das bunte gewühl J. v. Eichendorff 11, 138
Kosch; das buntestete gewühl (
s. o.) G. Keller 1, 364; zurück der seele bringend alter zeiten bunt gewühl. Freiligrath
ges. ged. 5, 212; doch mischt' er sich sehr bedachtsam und ernsthaft in das verworrene gewühl dieser säufer und schwätzer Pestalozzi (
Lienhard u. Gertrud 1 § 8) 1, 43; bei einem so verwirrten gewühl (2, § 2) 2, 5;
vgl.(
s. o.) dies verwirrende wassergewühl W. v. Humboldt 9
Leitzmann; stand die strasze, die an Jorindens garten vorbeilief, kopf an kopf gefüllt von einem unheimlich gärenden gewühl, aus dem sich dann und wann arme und hände deutend und drohend ... reckten Paul Heyse (
Jorinde) II, 4, 16; strömt', in wildem gewül, des abgrunds heer zu den thoren. Fr. v. Sonnenberg
Donatoa 1, 145; wenn die donner der schlacht ihn geladen und das wilde gewühl rauschend den jüngling gelockt. Th. Körner 2, 59
Hempel; in diesem wilden gewühle vernehm' ich sie nicht Klinger (
Raph. de Aqu.) 4, 61;
das gleiche Pestalozzi 1, 132; 1, 47; von den letztern (
d. theaterfesten) besitze ich schöne blätter ... folioblätter, worauf ein ungeheures gewühl dargestellt ist Göthe
br. 29, 162;
vgl.(
s. o.) unübersehbares gew. P. Heyse 2, 14, 233. 3@b@b@22)) die kinder hüpften mit frohem gewühl um ihn her Sal. Gessner 2, 63 (1778); o welch ein frohes gewühle belebt das streifige land! Ew. v. Kleist 1, 231
Körte; frohes gewühl drängt' her aus dem städtchen, und strömt' aus den fernen wieder heran, aus jedem gesicht sprach festlicher frohsinn. Fr. v. Sonnenberg
Donatoa 1, 217;
desgl. (treten sie unter das frohe gew.) 309; die berge prächtig stehn, die niedern thäler blühn; und fröhliches gewühl auf heerdenvollen matten, gebüsche voll gesangs und stiller wälder schatten. Uz (
kunst fröhl. z. sein 1.
br.) 230
Sauer; becher erklingen, in fröhlichem gewühl wälzen sich die bauern E. T. A. Hoffmann (
Don Juan) 1, 92; als er sich dem festlichen gewühl entwunden und sein einsames gemach wieder erreicht hatte P. Heyse (
mönch v. Montaudon) II, 5, 235; wie rasch durchläuft in lieblichem gewühl der rosenfinger flug die seelenvollen saiten! Wieland (
Oberon 11, 61) 23, 259; und so ist mir das dasein eine last, der tod erwünscht, das leben mir verhasst ... wenn aus dem schrecklichen gewühle ein süss bekannter ton mich zog, ... so fluch' ich allem was die seele mit lock- und gaukelwerk umspannt. Göthe (
Faust I) 12, 81;
vgl. in der schlacht, im blutigen gewühl R. Wagner
Sarazenin 30; im trüben weltgew. Uhland 2, 139; von unzufriednem weltgew. Rückert 1, 556; dem eitlen weltgew. W. Müller 59
Hatfield; unendlich sind die preise zwar verschieden, die dem verdienst Fortunens laun' ertheilt, doch wer, entfernt vom thörichten gewühle, das ihren tempel sucht, nicht unter blumen weilt, dringt endlich doch zum langerflehten ziele. Gotter (
der väterliche segen) 1, 252; sie kamen just zurück, als, nah am klosterbühl, indem sie paar und paar in schönster ordnung wallten, der rest des sturms sie überfiel ... umsonst ist alle müh den anstand zu erhalten: die andacht reisst: mit komischem gewühl rennt alles hin und her in seltsamen gestalten. Wieland (
Oberon 2, 33) 22, 73;
vgl. auch (
s. o.) Schiller 1, 181. 3@b@gγ)
verhältniszmäszig oft ist das subst. ohne weitere bestimmungen beobachtet; zumeist in präpositionalverbindungen. 3@b@g@11))
bei der unmittelbaren angliederung an verba dagegen werden subjective genetive oder attributive adjectiva nicht so leicht entbehrt. 3@b@g@1@aa)) jetzt hörte sie die pferde stoppen, laute zornige worte, die sie nicht verstehen konnte; dann war's, als ob die reiter von den pferden auf den boden sprangen ... ein gewühl war drunten, sie konnte nichts erkennen Th. Storm (
chronik v. Grieshuus) werke 6, 133; um jeden wagen, um jeden reiter, der mit seinem pferde anhielt, sammelte sich im augenblick ein neugieriger haufe, dann gab es kurze zeit ein gewühl, niemand wusste warum, bis jung und alt sich wieder in den häusern verlor G. Freytag (
ahnen 6. aus einer kleinen stadt) 13, 181;
dagegen vgl. die belastung des subst. (
s. o.)
in: lautes ... gewühl erhebt sich (Pestalozzi), — drängt (Sonnenberg, A. W. v. Schlegel), — engt den raum ein (Bürger), — wächst an (H. v. Kleist), — belebt das land (E. v. Kleist), — tönt (
F. v. Saar), — schwärmt (G. Freytag, Voss), — kämpft (Voss), — untergräbt (Herder), — bietet ein schauspiel (Eichendorff), — schreckt (Immermann), — lockt (Th. Körner); horcht (Sonnenberg). 3@b@g@1@bb))
objectverbindungen waren auch für das belastete subst. (
s. o.)
wenig belegt, meist wiesen sie auf negierung: das gewühl ... meiden (Novalis); fliehen (Hölty, Hirschfeld); verlassen (Pfeffel); stillen (Brockes);
dazu vgl.: er floh das gewühl, an der schulter verletzt. H. Leuthold
Penthesileia 3;
positive antheilnahme ist seltener beobachtet, vgl. (
s. o.) ... gewühl ... empfinden (Herder), theilen (G. Ebers);
dazu vgl.: geh doch jeder allein, und mache kein gewühl Pestalozzi (
Lienhard u. Gertrud § 30) 1, 137. 3@b@g@22))
um so zahlreicher sind hier die präpositionalverbindungen, wie sie auch schon oben für die drei hauptformen räumlicher anschauung, die bewegung von und zu einem ziel und vor allem innerhalb eines raumes die meisten zeugnisse geboten hatten. 3@b@g@2@aa)) Aeneen trug der gott aus dem gewühl in seinen tempel, hoch auf Pergamus.
Ilias übers. v. Bürger (5, 547) 3 (1797), 89; schon ... sah ich am hafen meine freunde aus dem gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne frau mit hellem zuruf grüszen Th. Storm (
aquis submersus) 3, 252; hie und da sah man einen schiebschlitten, in dem eine eingehüllte mädchengestalt sasz, aus dem gewühl auf die freie fläche hinausschieszen (
a. d. universität) 2, 102; (
vgl.als sie aus dem menschengewühl heraus waren 104); rasch drängte er sich hin und wieder bis zu dem eingange des platzes und übersah diesen. kein grünes fähnlein tauchte aus dem gewühl G. Keller (
Züricher novellen: fähnlein d. 7
aufr.) 6, 313;
dazu vgl. (
s. o.) aus dem gewühl Lessing, Göthe
und viele andere. hierher gehören auch dativverbindungen mit zusammengesetzten verben: dennoch darf ich's mir verzeihn, dass ich dem gewühl enteile, wo der zwang des lebens haust, welcher mit der langen weile fremde gifte trinkt und schmaust. Tiedge (
an Klamer Schmidt) 3
2, 165; o dürft' ich hier in seiner hütte leben, wo die natur ein götterlos verheisst! und glücklich ist, wer, dem gewühl entronnen, ein stilles freundliches asyl gewonnen. Platen 1, 399
Redlich; dazu vgl. (
s. o.) sich dem gew. entreissen (Wilh. Müller); entwinden (P. Heyse); sich wenden vom gew. (Tiedge); trennen (Göthe); absondern (Platen); abscheiden vom gew. (Leuthold);
anders: sie floh'n und warfen aus der faust die fahnen, vom gewühl zerzaus't; die sammelte des kriegers hand und hing sie auf an diese wand.
F. L. Stolberg (
das rüsthaus in Bern) 1, 99; da ich ermüdet vom gewühle das draussen toset früh und spat ... vom hohen schiff ans ufer trat. Geibel 1, 136 (1888);
vgl. oben gefüllt von ... gewühl P. Heyse 2, 4, 16. 3@b@g@2@bb)) nur tief im hintergrunde stand, ohne beleuchtung, starr und versteinert ein furienchor, und schaute finster und schrecklich dem gewühle. zu Bonaventura
nachtwachen (13) 112
Michel; vgl. (
s. o.) nach dem gew. entschlüpfen Bürger; durchs gewühl mit müh' ein ermattender, drängst du dich andre gassen hindurch; der verkäufer und käufer lärm ringsum. Platen 1, 263
Redlich; da drängen sich bei fackelbrand viel tausend hungergesichter, durchs gewühl mit ries'gem leib herschreitet kampfgeschürzt ein weib, sie trägt blutroth eine mütze. Geibel (
Mene Tekel)
juniuslieder s. 151; und durch das gewühl bahnte sich eine grosse dogge wütend den weg zu dem hause Paul Heyse (
Annina) 2, 1, 293;
desgleichen Sudermann
hohe lied (2, 7) 346;
ebenso (
mit belastung des subst. s. o.) Tiedge, Uhland, E. T. A. Hoffmann, Stifter, A. Droste-Hülshoff; über das gewühl Gotter; auf das gewühl niedersehen W. v. Kügelgen, G. Kinkel. verpflanzt in andre gegenden, hie und da in ein gewühl, das den ruhigen künstler störet, oder gar in unsichtbargewordne einzelne schlöszer und paläste, sind sie nicht mehr, was sie in den museen und villen Italiens waren Herder (
Adrastea 3, 1) 23, 435; selig, wer sich nicht in das gewühl zu mischen braucht Friedrich Schlegel
über die philosophie s. Athenäum 2, 13;
das gleiche (
s. o.) Pestalozzi; in das gew. sich mengen Schiller; — sich stürzen ( v. Sonnenberg, H. v. Kleist, Grillparzer, Leuthold); — sich wagen (Uhland); — entschlüpfen (Bürger); — springen (H. Leuthold); — folgen (Tiedge); — sehen (Gotter, Sonnenberg); — gedrängt werden (Gutzkow); — geworfen werden (P. Heyse); — führen (Th. Körner); — zurückverweisen (H. v. Kleist); — rufen (Grillparzer). 3@b@g@2@cc)) schnell nun irrt' er herauf und herab, und herum im gewühle. Fr. v. Sonnenberg 1, 219; der trommeln und der pfeifen spiel klingt lustig durch die reih'n, und männer drängen im gewühl, 's will keiner hinten sein. E.
M. Arndt
geist der zeit 2, 79; Anna, welche im gewühl besonnen der ordnung waltete, sah oft zu ihm herunter C. Spitteler
Conrad der leutenant s. 111; der ... sich ertappt fühlend, die flucht ergriff, im gewühl untertauchend, die arme zum schutz über den kopf gekreuzt wie ein schulbube 87;
dazu vgl. die selbe verbindung (
s. o.)
bei Schiller, Pestalozzi, G. Freytag
und vielen andern; vgl. (
s. o.) mit gewühl (Gessner, P. Heyse); beim gew. (Cronegk, Pestalozzi); unter dem gew. (Bürger); vor dem gew. (Voss); — fliehen (Wieland); — sich verschliessen Rückert. 3@cc)
schon bei der abgrenzung des subst. gegen seine bedeutungsverwandten (
s. 2),
mehrfach aber auch bei der bestimmung des logischen subjects und der gliederung der verbindungen (
s. 3,
a; 3,
b)
war zu tage getreten, dasz in dem bilde regelloser bewegung, wenn gewühl
auf das treiben des menschen, auf erscheinungen der sinnenwelt bezogen wird, nicht nur die sinnlichen formen der bewegung, sondern auch geistige erfaszt werden. 3@c@aα)
in der gruppe der verbindungen mit welt, leben, tag (
s. sp. 6766/7)
hat sich das nichtsinnliche, weniger durch übertragung, als durch verallgemeinerung und abstraction herausgebildet, wie sie übrigens schon am ältesten gebrauche des grundworts zu tage tritt. vgl. sp. 6756
gegen: die Scultetus und Logaus laszen wir den einzigen Leszing suchen. lasz ihn suchen: er sitzt an einem grossen gewühle und wie gut ists, wenn er findet und seinen fund vorzeiget! Herder (
briefwechsel über Ossian) 5, 189.
hauptsächlich lebt dieser alte gebrauch in der verbindung mit abstracten genetiven weiter, die ebensowohl auf eine individuelle lebensäuszerung zielen, als auch —
allgemeiner und verblaszter —
auf eine. collectivthätigkeit. 3@c@a@11)) wer einen elenden aus dem gewühl seiner umstände heraus reiszt, und ihm einen ort zeigt, wo er sorgenlos über see und berg hinsieht Pestalozzi
Lienh. u. Gertr. 2 (1790) 96;
s. theil 10
sp. 1786; liegt mir meines hauses enge, meines tagwerks heiss gewühl, meiner sorgen bang gedränge auf der seele schwer und schwül. Gerok
palmblätter25 336 (
Daniels fenster); der aller dinge masz und ziel zum heil geordnet hat, durchschaust du seines thuns gewühl? warst du in seinem rath? der sonn' und mond im gleis' erhält er weiss, wo jeder tropfen fällt. J. H. Voss (
die bewegung) 3, 218;
dazu vgl.: er wollte mit jasten und jagen es erzwingen, das schnell wieder zu gewinnen, was er verloren ... es schien ihm nach und nach durch sein gewühl alles wieder auf den besten weg zu kommen Pestalozzi (
Lienhard u. Gertrud 2 § 76) 2, 340; wenn er nur das gewühl dieses scheinwohlstands in allen theilen fortsetzen könne, so werde er bis an sein grab der mann bleiben, der er wenigstens noch zu sein scheine 339; dieser gedancke arbeitete immer in seinem gewissen wie eine todten uhr. im gewühl der geschäffte und des umgangs unhörbar, aber in der stille der nacht hörte ihm die gantze seele zu Lichtenberg
aphorismen 4 (
nr. 965) 164
Leitzmann; im gewühl der autorschaft Göcking 1, 266; jetzt ruht der mann vom amtsgewühle ein stündlein in der dämmerung, da wird bei meiner kinder spiele mein müdes herze wieder jung. K. Gerok
palmblätter25 193. 3@c@a@22)) darauf an den folgenden [tagen] erhob sich der umkreis der mauern, und in ihnen stiegen die häuser und tempel empor, und zu dem gewühle der arbeit erschallten argivische und thebanische flöten W. v. Humboldt
verfall der griech. freistaaten (
litt. denkm. 58, 208); dass sie bei dem anblick der vollen scheuren, und dem gewühle der herbstgeschäffte in den dörfern, die wir durchfuhren, vergnügt aussah Sophie v. La Roche
gesch. d. frl. v. Sternheim 221
Ridderhoff; sie ... waren empor getreten aus eigner kraft, ihre meisten schüler verloren sich wieder im gewühl der praxis, die gewaltigen bewegungen der wissenschaft mit trägem fusze nachzufolgen pflegt J. Grimm (
zum doktorjubiläum Savignys)
kl. schr. 1, 119; als ich vor seinem palaste vorübergieng, hörete ich die stimme der wollust und das gewühl des Comus unflätig wiederhallen Bodmer (
Pelopidas 1, 2)
politische schauspiele 1, 276;
vgl. Gerstenberg
rezensionen 118
O. Fischer; der mittelmäszigkeit gewühle reibst du zu staub auf deiner mühle. Platen 35. 3@c@bβ)
die übertragene verwendung folgt bei gewühl
wie bei anderen synonymen dem zug von auszen nach innen; sie springt von der äuszeren bewegung auf die inneren hebel über, die die äuszere unruhe auslösen: wahrnehmungen, triebe, vorstellungen, die sich durchkreuzen. auch hier sind es wesentlich genetivverbindungen, beziehungsweise deren umschreibung mit präpositionen. anders: sonderbar stach mit dem hellen nachsommertage auf ihrem (
der ministerin) angesichte das unreine gewühl auf seinem ab Jean Paul
Titan 2, 7; und zuckend durch der menschheit adern geht leidenschaftliches gewühl. Rückert
ges. ged. I,
p. 111; o wenn dahin die erste jugend, die schuldlos noch, noch ohne tugend ... wenn dieser holde rausch verflogen, der an erkenntnisz arm, verschwendrisch im gefühl in unermesslichem gewühl von well' in welle dich gezogen. Geibel (
einem freunde)
juniuslieder s. 104. 3@c@b@11)) in dem gewühl der körperlichen triebe. Göthe
mitschuldige (
einactige fassung v. 1769)
v. 191
Döll; unter zerstreuungen sonst, im gewühl der sinne verlohren, samml' ich dich ein in dich; und du erwachetest — dir! Herder (
Adrastea 2, 3) 23, 291;
vgl. sinngewühl
theil 10, 1
sp. 1177; welch' ein gegensatz zu jenem rauschenden gewühl der sinnenlust, der vergnügungswuth und des gedankenlosen uebermaszes der freude die dicht daneben befindliche grosze Willing'sche maschinenfabrik Gutzkow
ritter v. geist 2, 228; ein verworrenes traumgewühl. Rückert (
liebesfrühling 1.
strausz 41) 1, 387; wenn im drängenden gewühle der gewaltigsten gefühle sich dein innerstes bewegt. Tiedge (
an K. ...) 3
2, 210; wenn in dem stürmischen gewühle sich qualvoll kreuzender gefühle die schwache lampe der vernunft erlischt. J. G. Seume (
gebet) 56;
dazu vgl. sp. 6758; wenn ich so stumm neben ihnen herging, war es nur, weil ein zu heftiges gewühl von empfindungen mir durchs herz ging P. Heyse (
zwei gefangene) II, 9, 269; endlich spannt' er ... das glänzende historische blatt von seinem innern bouquet- und freudengewühle eines nachmittages auf Jean Paul (
flegeljahre 2 [18]) 27, 2; doch wenn auch im gewühl des streits der liebe macht mir ferne war. Freiligrath (
nach Thomas Moores '
o soon return') 2
6, 90; ihm, wenn er vom zerrüttenden gewühle des bittern schmerzes wieder aufgeblickt, ihn haben wir dem lästigen gefühle der gegenwart, der stockenden, entrückt. Göthe (
epilog zu Schillers glocke) 13, 172; aber ich hatte mich wohl aus keinem kleineren gewühl des schmerzes herauszuarbeiten Ottilie v. Göthe
s. schriften der Götheges. 27, 171; Louis Philipp ... ist seinem französischen vaterlande völlig entwachsen, er hat sich ewig in diesem gewühl von leidenschaft und ehrgeiz unwohl gefühlt Gutzkow
briefe aus Paris 2, 218;
vgl.sorgengewühl theil 10,
sp. 1785;
vgl.angstgewühl
F. Th. Vischer
auch einer 533. 3@c@b@22)) ein gewühl von gedanken und empfindungen Klinger (
Raphael de Acqu.) 4, 115; noch jetzt heitert mein herz sich auf, wenn ich mich des bunten gewühls der wunderlichen gedanken und empfindungen erinnere, die mich in dieser nacht erfüllten Novalis (
Heinr. v. Ofterdingen 1. cap.) 1
5, 14; die jugend wurde von dem gewühle disparater vorstellungen, welche die moderne völkerwanderung aufstörte, noch inniger ergriffen, als das alter Immermann (
memorab.) 18, 219; vielleicht schlich sich, ohne dass ich's merkte, die feigheit unter das gewühl der gedanken, die wie pilze unter den fusstritten der klugheit aufschossen P. Heyse (
turm von Monza) II, 11, 285; er hat eine menge allgemeiner abstrakter begriffe ... die stellt er im gewühl neben einander Herder (
krit. wälder 4) 4, 55; nun will ich mich über alle das gewühl fremder auslegungen nicht einlassen, wie man diesen rathschlusz gottes im menschen und seine gottesbildung verstanden hat (
älteste urk. II, 2, 6) 6, 252; im philosophischen gewühl der dramaturgie (
recensionen) 5, 339; gewühl alberner zumal wunderbarer erzählungen (
an prediger) 7, 251;
vgl.jenes elende gewühl, was als geschichte verkauft ... wird (
unters. u. br. üb. d. ältest. urk. 4) 6, 187; aus dem gewühl der scenen, die wir bisher durchwandert haben (
ideen 3) 14, 207; man könnte aus den regellos in der luft verflatternden blumen des feuerwerkers eher einen kranz winden, als dies rohe gewühl von charakteren und situationen, die innerlich nichts mit einander zu tun haben, auf eine lebendige einheit zurückführen Hebbel (
Shakespeare und seine zeitgenossen I) 11, 12
Krumm; nun sind alle mäuler offen, ein wildes gewühl von fluchen und schwören, von zotten und possen ... erhebt sich an allen tischen Pestalozzi (
Lienhard u. Gertrud 1 § 30) 1, 132; gleichwohl kosten euch diese feste mehr als irgend eine kriegsmacht, die ihr aussendet, und gehört zu demselben eine so grosze menge von leuten, und ein solches gewühl von anstalten, als man wohl nicht leicht irgend wo anders findet Reiske
Demosthenes 1, 85.