tumult,
m. ,
unruhe, unordnung, durcheinander. lehnwort aus lat. tumultus,
welches auch in die romanischen und in die übrigen germanischen sprachen eingedrungen ist. von Stieler
stammb. (1691) 2362
und Campe (1810) 4, 910
b wird tumult
von tummeln
abgeleitet; wie weit im deutschen zusammenhang mit der sippe von tummeln
empfunden wird, ist schwer zu bestimmen, vgl.: der tumult hat ausgetummelt! Bürger
s. w. 289
a Bohtz. um 1500
wird tumult
von oberdeutschen gelehrten übernommen, verbreitet sich jedoch langsamer als das gleichzeitig durch die landsknechte über die Niederlande aus dem romanischen kommende bedeutungsverwandte lärm,
s. o. teil 6, 202.
von den lexikographen wird tumult
seit dem 16.
jh. verzeichnet und offenbar als nichtdeutsches wort empfunden: tumultus auffrur, aufflauff, empörung, auffstosz, rottierung, rhumor, tumult, rotterey, auffstand, gewirr, conspiratz, meuterey Schöpper
synonyma (1550) b 7
b;
tumulto auffruhr, tumult Hulsius (1618) 2, 422
b; tumult,
quasi timor multus, ταραχή,
auffruhr, empörung, ein geläuff durch einander, grosses geschrey vnd getümmel Heupold
dict. (1620) 378;
tumulte ein tumult, auffruhr,
tumultus Stoer
dict. (1663) 808
b; Duez (1664) 530
a; Widerhold (1669) 345
a.
die lateinische betonung auf der zweiten silbe bleibt im lehnwort erhalten. nur vereinzelt dringt tumult
in obd. maa. ein: tómoel, tòmôr, tòmmoel Tobler
Appenzell 145
b; tumōl, tulmult Fischer
schwäb. 2, 455; tumolt (1671)
österr. weist. 9, 127.
gewöhnlich ist tumult
masc., doch in älterer zeit gelegentlich auch neutr.: ohn alles tumult Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 121;
vielleicht hierher: das landfolck in ein tumult bewegen (1557) Wickram
w. 2, 423
lit. ver.; in der kirchen ein thumult bewegen Höniger
narrensch. (1574) 159
b;
später nur einmal ausnahmsweise fem.: bei gelegenheit einer der blutigen tumulte Gentz
schr. 2, 152
Schlesier. bedeutung und gebrauch. AA. tumult
als aufruhr, auflauf, öffentliche unruhe, durcheinander bei einer feindlichen auseinandersetzung zwischen vielen menschen, und zugleich (
in flieszendem übergang)
diese auseinandersetzung selbst. A@11)
innere unruhe, politische wirren in einem staatswesen: under diesem tumult (
den unruhen in Böhmen) do het kaiser Sigmund ... das concili (
zu Constanz) gesamelt (1488)
städtechron. 3, 176 (
Nürnberg); dieweil die rechten römischen hölden in disem tumult und burgerlichen krieg (
zwischen Marius u. Sulla) umbkomen (1545)
städtechron. 34, 136; dasz sich in der gantzen christenheit wegen der religion grosze zwiespaltungen und tumult erheben solte J. Prätorius
ref. astrol. (1665) 180; das land ist voll tumult herum, dasz man seins lebens nicht sicher ist Göthe I 8, 152
W.; auch in der verbindung innerlicher tumult '
bürgerkrieg' (
vgl. innerlicher krieg
teil 5, 2220): da er von den innerlichen tumulten etwas zu ruhe kommen war Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) 1, C 4
b.
mit weiterem aspekt: mitten unter diesem tumult der nationen blühete bei den in ruhe gebliebenen völkern der handel auszerordentlich Archenholtz
gesch. d. siebenj. krieges 2, 97
Reclam. A@22)
öffentlicher aufruhr. A@2@aa)
allgemein: lieben freündt, ein tumult, auch ein gähe, schafft nichts guots in einer gemeyn Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 88
ndr.; die nüchterne vernunft, die ruhige weisheit ertheilen ihre orakelsprüche nicht inmitten von tumult, von unordnung und aufruhr Dahlmann
gesch. d. franz. revol. (1845) 223. A@2@bb)
der aufruhr wird als lärm oder getümmel wahrgenommen, s. u. B 1: höreten sie ... in dem schlosz ein groszes wesen vnd tumult von leuten
Amadis 1, 65
Keller; sich gleich ein auffruhr wolt erheben ... disen tumult vnd lermen grosz zumal neun herold muszten stillen, ... von stund an setzet sich der hauff, sie hörten all zu schreyen auff Spreng
Ilias (1610) 15
a; in einer wolgeordneten und friedsamen statt ein tumult, aufflauff unnd lermen machen Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 97; ... setzte Karlstadt das reformationswerk nach seinen eigenen ideen fort, schaffte mit grossem tumult alle bilder aus der kirche
bibl. älterer schriftw. d. Schweiz II 3, 71
Hirzel; sie fuhr mitten durch den tumult zur curie, und begrüszte ihren gemahl als könig Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 291; dem gutsherrn war indessen durch den sich allmählig nach auszen ziehenden tumult die lage der dinge bereits klar geworden A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 365. A@2@cc)
aufstand gegen die obrigkeit, ernsthafte, meist von tätlichkeiten begleitete erhebung: ich bin in keinem tumult ergriffen und ist kein hauffen volcks umb mich die zur wehre griffen (
Christus vor Pilatus) Luther 28, 307
W.; sie erregeten einen grossen tumult unnd wolten das schlosz mit gewalt stürmen Micraelius
altes Pommerl. (1639) 2, 232; indem ein groszer tumult entstanden, wobei das volk Ugolino's palast verbrannt und geschleift Göthe I 40, 321
W.; die kaiserin hat ... die gefahr des kaisers mitten unter dem tumult mitansehen müssen Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 301. A@2@dd)
umsturz, revolution, niederwerfung einer bestehenden obrigkeit: das landfolck gemeinlich in ein tumult bewegen, das sie understunden iren herren mit gewalt zu ledigen Wickram
w. 2, 423
Bolte; wer nach der klinge greifft, muss durch die kling aufffliegen; wer durch tumult auffsteigt, wird plötzlich unterliegen Gryphius
trauersp. 441
lit. ver.; wenn sich tumult im königreich erhübe, im namen und zum nutzen irgend einer person, die rechte vorgiebt an die krone Schiller 12, 435
G.; im ganzen führten ihre aufbrausenden tumulte und republikanischen bestrebungen doch nur zu einem wechsel der herren Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 62. A@33)
auflauf in den straszen, straszenkrawall, in der regel aus geringfügigem anlasz und ohne politischen hintergrund. in diesem sinne seit dem 18.
jh. häufiger: eilet mit ainem hauffen auff jhn, ob wir ain geschray vnd tumult auff den gassen erwecken möchten, dardurch er (
Odysseus) gethemmet wurde Schaidenreisser
Odyssea (1537) 91
b; deszwegen ein kleiner tumult zwischen den studenten und der garnison entstanden
Berliner geschrieb. zeitg. v. 15. 1. 1735
Friedländer; keinen tumult erregen sie (
die studenten) wahrscheinlich, aber zu einer starcken emigration könnte es anlasz geben Göthe IV 9, 191
W.; da haben wir den tumult fertig und Döderleins vielleicht Griesbachs fenster sind eingeschmissen Göthe IV 9, 34
W.; nun herr! förcht er ihm noch vor dem tumult? seht die leute an, wie ruhig sie stehn E. v. Handel-Mazzetti
Stephana Schwertner (1927) 1, 210; tumulte am Kurfürstendamm
Berliner zeitg. von 1950. A@44)
gern von der erregten, lärmenden auseinandersetzung in einer zusammenkunft, vgl. B 3 a: darausz endlichen folgt hernach ein gar groszer tumult darund ... einer wolt disz, der ander das und zanckten sich ohn unterlasz Eyering
prov. copia (1601) 1, 51; hab das frauenzimmer einen tumult angefangen, und hab ihn wollen todt haben Schupp
schr. (1663) 147; Eutyches ward also auf der kirchenversammlung ... für orthodox erkläret, ... aber damit war der tumult noch nicht zum ende Zimmermann
üb. d. einsamk. (1784) 2, 374; entstand ein tumult und allgemeiner lärm, in welchem jeder den andern zu überzeugen suchte, dasz er sich opfern müsse G. Keller
ges. w. (1889) 6, 307. A@55)
in der öffentlichkeit ausgetragene händel, rauferei, handgemenge, schlägerei: alwo sich ... ain tumolt oder raufhandl eraignete, soll der wüerth nit gleich selber drein schlagen
österr. weist. 9, 127; eine gasse ... welche allenthalben mit tumult, mit zancken und beissen, mit hauen und schmeissen, mit schlagen und balgen erfüllet Moscherosch
gesichte (1650) 1, 49; der schulherr Bradamant verliesz sein pult, der schüler streit rhetorisch beyzulegen: und schnell fuhr ihm, im rasenden tumult, ins aug' ein stein J.
N. Götz
verm. ged. (1785) 1, 137; was in der schenke waren heute am frühsten morgen für tumulte! ... was gab's für händel, für insulte Göthe I 6, 212
W.; zu diesem tumult kommt corporal mit wache Hafner
ges. schr. (1812) 1, 94. A@66)
kampfgetümmel im gegensatz zur geordneten offenen feldschlacht: der letzst graf von Hirseck ist in ainem tumult ... von seinen feinden ... jemerlichen erstochen worden (1566)
Zimmer. chron. 21, 167
B.; diejenigen, die in dem tumult nicht umkamen, retteten sich mit der flucht Heilmann
gesch. d. pelop. krieges (1760) 626; im tumulte der schlacht, unter dem geräusch der waffen, in der zerstreuung des getümmels Göthe I 8, 299
W.; denn was ihr ihnen im tumult abnähmt an plunder, das vergälten sie euch zehnfach an beulen Alexis
Roland (1840) 1, 15; verwundet, im tumulte unbeachtet, lag ich zur seite Grabbe
s. w. (1874) 2, 256.
daher die häufige verwendung für das getümmel beim kampf um eine stadt: weil nun mein gemüht ab dem gähen, von den einfallenden Frantzosen in der statt erregten tumult gewaltig bestürtzt (
war)
theatr. amoris (1626) 112; sie erobern die stadt, und der könig wird in diesem tumulte erschlagen Scheibe
crit. musicus (1745) 800; du seyest im wilden tumult der eroberung ... umgekommen Wieland
ges. schr. I 3, 38
akad.; zitternd um das blut unserer helden, ... saszen wir ... und spähten ... durch die gardinen nach dem tumult der gassen Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 195.
im gegensatz zum offenen zweikampf: da aber Ödipus erwachsen, kahm er in der Phocenser landschafft, und erschluge in einen tumult unwissend seinen vater Lajum Döpler
theatr. poen. (1693) 919. BB.
unruhe, durcheinander ohne den nebensinn einer feindlichen auseinandersetzung; vor allem im akustischen und optischen bereich. B@11)
lärm und gedränge, getümmel: liesz der herzog ... ain schöne junkfraw ... in dem geschell und tumult ... von dem danz unversehenlichen verzucken (1566)
Zimmer. chron. 21, 528
Barack; das alles hatte der gewandte geschäftsmann schon im stillen, bei anwesenheit und im tumult der menge, gar wohl überdacht Göthe I 25, 1, 289
W. auch von tieren gesagt: einem krähenschwarme gleich, welcher sich mit tumult auf einer weide am wege niederläszt Raabe
s. w. I 4, 3; aus den linden vor dem hause kamen die sperlinge dazu, und ein lustiger tumult erhob sich Storm
s. w. (1898) 5, 159.
das toben trunkener: tumult und unsinn und rasender witz begleiten die gesellschaft zur tafel, und ein ohnmächtiger rausch endet die tobende scene Gessner
schr. (1777) 1, 131; nach der schale tappen trunkne, überfüllt sind kopf und wänste. sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die tumulte Göthe I 15, 1, 44
W.; dasz ... meine besinnung niemals mit mir davon läuft und also kein tumult zu fürchten ist Holtei
erz. schr. (1861) 13, 192.
aufgeregtes durcheinander: sie rannten durcheinander, sie weinten, sie schrieen zeter, ... nur ... tante Lorette ... gab vernünftige worte in den tumult der unvernunft Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 68; allgemeiner tumult! ahs! ohs! stuhlrücken! aufspringen! Raabe
s. w. I 2, 88; während ein allgemeiner tumult ... den wagen erfüllte (
nach einem mord in der straszenbahn) Th. Mann
Faustus (1948) 710.
selten '
aufgeregtes benehmen eines einzelnen': als er dies erfuhr, war er auszer sich ... rannte durch alle werkstätten und komptoirbücher, und kam nach einem halbstündigen tumult und gestöhn zu dem resultate Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 81. B@22)
unruhe und verwirrendes durcheinander der menschlichen lebensweise im gegensatz zur fördernden stille und einsamkeit. tumult
ist hier in der regel durch eine attributivische ergänzung näher bestimmt. B@2@aa)
vom unruhigen treiben vieler menschen, so in einer stadt: ach dasz mir erlaubet wäre mein leben auf einem schlechten dorffe ferne von dem tumult der stadt zu endigen
discourse d. mahlern (1721) 1, O 4
a; sie könne aber unmöglich jetzt gleich in den tumult hinein (
nach Berlin umziehen) (1841) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 478
Schulte-K.; und leben mitten in dem groszen tumulte dieser ... stadt Görres
ges. br. (1858) 3, 12.
auch in positivem sinne: denkt euch den frohen tumult in der neu sich erhebenden stadt Becker
weltgesch. (1801) 2, 157.
vom treiben der welt, der menschheit: sie (
die geduld) ... lacht bey der welt tumult Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1157; im tumult der geschäftigen welt verdrängt eine gestalt unseres geistes unaufhaltsam die andere Schiller 10, 254
G.; wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame bergmann in seinen tiefen einöden, entfernt von dem unruhigen tumult des tages Novalis
schr. 4, 120
Minor. B@2@bb)
von unruhiger lebensweise, geschäftiger tätigkeit, verwirrendem umgang mit vielen menschen: frey von allen arten der sorgen, und in den tumult der geschäfte selbst niemals verwickelt Wieland
Agathon (1766) 2, 166; in diesem unstätigen tumulte des lebens, in diesem unaufhörlichen wirbel äuszerlicher verwicklungen, unter dieser beständigen zerstreuung und bei dieser ununterbrochenen flucht vor sich selbst Zimmermann
üb. d. einsamk. (1784) 3, 294; madam, ihr loos voll herrlichkeit und voll tumult, wie himmelweit ist's nicht vom wonnereichen frieden, der damals sie umschlosz, verschieden! Gotter
ged. (1787) 1, 18; zwischen allem möglichen tumult und andern unangenehmen ängstigenden lebensereignissen ... geschrieben Beethoven
s. br. 2, 40
Kalischer; er ... gefällt sich nur allzusehr in dem tumult eines ungebundenen lebens Klinger
w. (1809) 1, 420; aus dem tumult des burschenlebens ... trat ich nun auf einmal in die vollkommene ... einsamkeit des armen studenten Holtei
erz. schr. (1861) 22, 27. B@33)
wilder und lauter lärm. B@3@aa)
unbestimmter, wirrer lärm. art und ursache des lärms sind mannigfaltig: was hör ich doch nur jmmermehr in meinem hauss, mich wundert sehr, ein solch tumult, es klapt vnd kracht (1580) B. Krüger
spiel v. d. bäur. richtern 1544
Bolte; hatten ... die geister ... einen grossen tumult und gepolter darüber angefangen, dergestalt dasz den mägdigen drinnen gegrauset Prätorius
saturnalia (1663) 409; darauf machten beyde noch einen tumult, als wann die schergen von neuen wiederum wären in das hausz gekommen
ollapatrida 344
Wiener ndr.; man hört in der ferne eine tanzmusik und den tumult eines balls Schiller 3, 9
G.; was? — hier eingekehrt und ich vernehme keinen tumult? kein lautes sprechen, kein trillern, kein gelächter, kein trepp' auf, trepp' ab laufen, kein rufen nach dem kellner? E. T. A. Hoffmann
s. w. 4, 100
Gr.; ward in der stiftskirche ... vor dem absterben eines jeglichen domherrn bei der nacht ein groszer tumult gehört br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 180.
in bühnenanweisungen lärm hinter der bühne: wird inwendig ein tumult gemacht
schausp. engl. komöd. 89
Creizenach; man höret einen tumult drinnen
dt. schaubühne (1741) 1, 238
Gottsched. von lauter rede, stimmengewirr: man soll sitlich vnd mit gedult fein disputieren, on tumult Scheit
Grobianus s. 109 (
anm.)
ndr.; drücke jeder sein gefühl aus und vom zartesten gelispel bis zum wildesten tumulte Göthe I 13, 1, 35
W.; welch ein tumult! man hörte heftig reden, ja sogar schreien Waiblinger
d. Britten in Rom 10
Zoller. in bildlichem vergleich: während noch der erschöpfte tumult des gelages der gestrigen nacht in unseren ohren klingt, hören wir schon die leisen töne ... eines reinen neuen tages Justi
Winckelmann (1866) 1, 252. B@3@bb)
lautes geräusch; die vorstellung einer wirklichen oder gedachten volksmenge spielt nicht mehr hinein: wann die materi im fewr ein krach laszt, musz man sie dem Mercurio zuschreiben: macht sie aber ein grossen tumult und praszlens, musz mans dem saltz attribuieren Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 747
a Huser. der einmalige knall einer schuszwaffe: der gebrauch des bogens ist viel schädlicher ... als der büchsen, weil ohn alles tumult einer umb sein leben kömmt, welches bey der büchse der knall und pulverdampff verrahten Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 121; indem geschach ein solcher knall, der mich ohnmächtige gantz ausser mir selbsten brachte ..., währenden solchen tumult war mir, als wann lauter wespen mir in denen ohren summten Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 245.
übermäszig lautes musizieren: wie wallt der paucken donner ... in dem tumult!
allg. dt. bibl. (1765) 3, 2, 310; der tumult hatte seinen höchsten punkt erreicht ... da verstummten die klänge Holtei
erz. schr. (1861) 5, 156. B@44)
menschengedränge, gewühl, das optisch wahrnehmbare durcheinander: wo sie (
das umworbene mädchen) in der kirche ordinair platz nahm, (
war) ihrentwegen ein solches gedränge und tumult
Leipziger avanturieur (1756) 1, 182; eine grosze ebne, wenn nicht tumult und gewühl sie zertheilen, ... giebt einen frohen, ruhigen anblick Herder 22, 260
S.; während die Goldacher ... sich mit den Seldwylern kreuzten, so dasz es einen groszen tumult gab G. Keller
ges. w. (1889) 5, 43; der eines abends mitten in den tumult hinein nach der reiterin (
im circus) einen blumenstrausz warf Holtei
erz. schr. (1861) 11, 21.
vom flutenden, mitreiszenden durcheinander der menge: entsteht eine rasche bewegung unter den kürassieren, sie umgeben und begleiten ihn in wildem tumult Schiller 12, 324
G.; aber wie stehe ich denn in dem tumult? das reitet und läuft und fährt alles um mich herum, ... — und ich? ich gehe zu fusze? Iffland
theatr. w. (1827) 3, 81; weil er einst das weltkind Shakespeare kommentiert, musz jetzt der ärmste nach dem tode mit ihm reiten im tumult der wilden jagd Heine
w. 2, 393
Elster. B@55)
durcheinander im dinglichen bereich: die ganze schöpfung webte lebendig vor ihren augen, sie in der schöpwelch groszer tumult! unendliches chaos von wesen, kräften, gestalten, formen Herder 6, 266
S.; mit einer ... staubwolke, die ,... durch frischen seitenwind enthüllt, ihren innern tumult zu offenbaren genöthigt ist Göthe I 25, 1, 1
W.; nur starke und heftige wirkungen fesseln unsern blick, die mäszigen entschlüpfen ihm in dem tumult der dinge H. v. Kleist
w. 4, 70
E. Schmidt. wirres durcheinander von architektonischen gebilden: doch mahnen die kühnen spitzen, die phantastischen vorsprünge, der abenteuerliche tumult des daches ans Morgenland Laube
ges. schr. (1875) 4, 128. CC.
unruhe im elementaren bereich, toben von naturgewalten: je scheiber zweene winde gegen einander blasen, je grössern tumult und ungewitter sie machen J. Rauw
cosmogr. (1597) 113; die wuth der flammen schreckt ihn nicht, und stürzte Jupiter selbst im tumult hernieder Herder 26, 235
S.; ach, das ende macht mich zittern, wie den schiffer in der nacht der tumult von ungewittern vor dem abgrund zittern macht Bürger
s. w. 44
a Bohtz; liebste! der tumult der wogen schwand vor diesem zauberstabe Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 428. Klara ... blickte ... hinaus in den tumult (
des unwetters) Polenz
Grabenhäger 2 (1898) 279;
tosen eines wasserfalls: rastlos donnernde massen auf donnernde massen geworfen, ohr und auge wohin retten sie sich im tumult Mörike
ges. schr. 1, 122
Göschen; im vergleich zum politischen aufruhr: wenn sturm aus Äols höhle fällt wie wasser aus der schleus' und drückt den wald, dann neigen sich die starken wipfel zu der erd' herab; tumult herrscht überall, und jeder zweig vermehret das geräusch ... so auch erwacht im ganzen heer Athen's schnell aufruhr E. v. Kleist
w. 1, 264
Sauer. DD.
unruhe, durcheinander im menschlichen inneren bzw. im geistig-seelischen bereich. D@11)
diese bedeutung tritt nicht ohne grund zuerst im pietismus auf; in der regel mit attributivischer ergänzung, die die art der erregung näher bestimmt. insbesondere von quälender, schmerzender seelischer unruhe und verwirrung: man setze und stille den innerlichen tumult und unordnung der gedancken und begierden desz hertzens J. D. Frisch
neukl. harpfe Davids (1719) 1268; du kannst es nicht glauben, was eine zeit her vor ein tumult von affekten, ärgernisz, schaam, traurigkeit, zweifel und gram in meiner seele herrscht Schubart
br. 1, 89
Strausz; eine ... frohe ... gemüthsart, die aus der quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen leidenschaften in tumult gesetzten herzens hervorströmt Knigge
umgang m. menschen (1796) 1, 65; ich bin in einer schweren arbeit begriffen, die mitten im tumult aufgeregter gefühle ... denken und gegenwart des geistes fordert Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 142; so arbeitete ich mich allmählich in einen tumult hinein, welcher mit ohnmachtsanwandlungen und lachkrämpfen ... geendet hätte, wenn ich ihm nicht ... luft gemacht hätte W. Raabe
s. w. I 6, 103. —
von belebender, freudiger erregung, also durchaus positiv empfunden: die seele hört auf zu glühen ... der tumult von associationen macht der dringenden lauten wirklichkeit platz Schiller 2, 393
G.; so drängte sich in meine brust ein solcher tumult von jubelfreuden J. Chr. Bode in:
wb. d. dt. spr. (1821) 234.
besonders von der liebe: dasz dieser süsze tumult in der seele ihm nichts als schöne hofnungen eingiebt Lichtenberg
aphor. 1, 82
Leitzm.; das junge volk voll lebenskraft will den tumult der leidenschaft, das ist ein rasen, schwören, poltern und wechselseit'ges seelenfoltern! Heine
s. w. 1, 421
Elster; ihr sonst so gesunder schlaf wurde mehrmals durch den süszen tumult ihres herzens unterbrochen
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 2, 20. D@22)
vom körperlichen befinden: einen gewissen tumult befriedigen, ... den er sich in seinem magen zu erheben bemerkte Bode
Thomas Jones (1786) 3, 272; der allgemeine tumult der maschine, wenn die krankheit mit offener wuth hervorbricht Schiller 1, 167
G.; der thor, stirbt am fieber! hätte er gewartet, bis seine kräfte sich erholt, ... der tumult seines blutes sich gelegt hätten Göthe I 19, 71
W. D@33)
verwirrung, durcheinander im bereich des geistig abstrakten: welch eine unordnung, welch ein tumult von lauter moralischen dissonanzen ist diese menschliche welt! Wieland
ges. schr. I 2, 452
akad.; der geist wäre aus diesem tumult zu seinem ausgangspunkt, der sittlichen und realen welt der bildung, zurückgeschleudert Hegel
w. (1832) 2, 448; das blosze besprechen war mir in dem tumult der meinungen unerquicklich geworden H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 174; nach dem tumult der namen bemächtigte sich unser allmählich ein nachdenklicher, glücklicher ernst Binding
erl. leben (1928) 211.