tumultuarisch,
adj. ,
ungeordnet, wild, unruhig. im frühen 18.
jh. aus lat. tumultuarius
entlehnt. lexikalisch begegnet tumultuarisch
zuerst bei Hederich
deutsch-lat. lex. (1777) 3021,
in dessen 4.
aufl. (1753)
es dagegen noch nicht verzeichnet ist. 11)
unruhig, als folge politischer wirren und feindlicher auseinandersetzungen, vgl. tumult A: von einführung der christlichen religion an bis auf Hussen's zeiten und von diesen tumultuarischen zeiten bis auf uns C. D. Schubart
ges. schr. (1839) 6, 199; in diesen tumultuarischen und dislocirenden tagen Göthe IV 20, 147
W.; tumultuarische angriffe, aus bloszem volkshasse entstanden, solle man nicht gestatten Fr. Schlegel
s. w. (1846) 14, 26; nur musz alles im wege der reform vor sich gehn und nicht auf tumultuarische weise Immermann
w. 6, 60
Hempel; führte die zwiespältige wahl ... zu ... tumultuarischen scenen und gewaltthaten Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 64.
von aufrührerischem lärm einer erregten menge: allgemeiner aufstand ... die schranken werden eingestürzt, es entsteht ein tumultuarisches getöse Schiller 15, 2, 456
G.; die einwohner ... drängten sich tumultuarisch um uns herum Steffens
nov. (1837) 1, 107; die auszeichnung durch cocarden, die tumultuarischen bewegungen, ... verriethen eine zu auffallende ähnlichkeit mit einem aufruhr J. G. Forster
s. schr. (1843) 6, 269; gleich bei dem ersten punkte der tagesordnung ... kam es zu einem krach mit Fritzsche und zu tumultuarischen szenen durch seine anhänger Bebel
aus meinem leben (1946) 1, 91.
streiterfüllt: lasz uns den tumultuarischen Helikon fliehen und in wechselseitiger liebe die früchte des friedens schmeken Schubart
br. 1, 116
Strausz. 22)
geräuschvoll und bewegt, vgl. tumult B 1-3;
das gewicht liegt stärker auf der akustischen seite, der gedanke an eine feindliche auseinandersetzung fehlt: die unterredung wurde so laut und tumultuarisch wie in einer trinkstube Musäus
physiognom. reisen (1778) 4, 44; nun gab es eine tumultuarische erkennungsszene Caroline 2, 328
Waitz; die herzudringende menge, welche den grundherrn ... auf die tumultuarischste weise begrüszte Raabe
s. w. I 3, 79.
von der unruhe geselligen lebens: der prinz ... ist ... mit einer zahlreichen und glänzenden suite hier angelangt und hat unserm zirkel ein neues tumultuarisches leben gegeben Schiller 4, 272
G. '
wild und laut lärmend': dieser tumultuarischen hausgenossenschaft (
den nächtlich umziehenden gespenstern) ... frieden gebieten und ein ewiges stillschweigen auferlegen Musäus
volksm. 4, 114
Hempel; man hört ein tumultuarisches freudengeschrei unter trommeten und pauken Schiller 3, 155
G.; auch rein akustisch ohne den gedanken an eine erregte menge: die dominante einer wild und tumultuarisch beginnenden ... symphonie Justi
Winckelmann (1866) 1, 258.
dagegen nur optisch, '
bewegt', '
lebhaft': die aufgeregte, tumultuarische beweglichkeit ..., die künstliche ... beleuchtung, das alles war verbraucht (
in der malerei des manierismus) Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 334; das tumultuarische badeleben an der Praia Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 299.
von einer bewegung im elementaren bereich: wenn ... eingeschlossenes wasser endlich einen durchbruch findet, den es begierig benutzt, tumultuarisch dahin sich drängend Schopenhauer
s. w. 3, 269
Gr. 33)
jäh, unerwartet, überstürzt, übereilt: heute komm ich etwas früh und tumultuarisch, genieszen wir unser frühstück in ruhe Göthe I 24, 145
W.; die anklage gegen Delessart ward in tumultuarischer eile durchgesetzt Häusser
dt. gesch. (1854) 1, 406; der grüne Heinrich ist jetzt in tumultuarischer abreise begriffen (1880) G. Keller
br. u. tageb. 3 (1916) 313.
von schnellen, abrupten veränderungen in der natur: die tumultuarischen entstehungen von flecken, sonnenfackeln A. v. Humboldt
kosmos (1845) 3, 387; diese (
niederschläge) erfolgten umso schneller, tumultuarischer, unkristallinischer, je später sie sich bildeten
ders., ans. d. natur (1808) 1, 235.
verbunden mit der nebenvorstellung '
ungeordnet', '
unregelmäszig',
überleitend zum folgenden: man ward daher einig, den angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen J. J. Engel
schr. (1801) 12, 52; was für einen weg der bildung der südost nimmt? möchte es doch nicht auch der tumultuarische seyn, den jede retardirte cultur, leider, ergreifen musz Göthe IV 16, 340
W. 44)
ungeordnet, planlos, wirr, wild durcheinander: die begräbnisse der soldaten ... die drauszen vorgenommen wurden, waren etwas tumultuarisch, es wurden alle die cörper und knochen an einen ort zusammengeschüttet Fleming
d. vollk. teut. soldat (1726) 371; da man sich diese (
versammlungen) unmöglich tumultuarisch zusammenlaufend denken kann, sondern ... förmlich berufen Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 403; wer durfte angesichts dieser chaotischen zustände sich beruhigen ..., die tumultuarische verwaltung durch ausschüsse und commissäre ... reichte nimmermehr aus
qu. a. d. j. 1886.
lediglich zur bezeichnung des optischen eindrucks: sie entfliehen so kunstgemäsz-tumultuarisch, so symmetrisch-verworren, dasz es eine lust ist Göthe IV 40, 219
W. von unregelmäszigen naturgebilden: bei graupen sind die erscheinungen dieser epoche nicht von so anscheinend tumultuarischem ansehen; hier ist der gneis nicht durch fremd gebildete massen unterbrochen Göthe II 10, 119
W. von der ungeordneten, unsteten lebens- und arbeitsweise eines menschen: dasz ich ... über ihre tumultuarische art zu studiren unruhig bin Gellert
s. schr. (1784) 8, 130; der zur heterodoxie überging, ohne sich ... in seiner tumultuarischen art zu leben ... davon deutliche rechenschaft zu geben Gervinus
dt. dichtg. (1853) 4, 176.
von einer unsystematisch, unmethodisch angefertigten arbeit, also nicht mehr von einer handlung, sondern ihrem ergebnis: dasz durch ein register nie werde in ordnung gebracht werden können, was von anfang an tumultuarisch geschrieben ist Nicolai
literaturbr. (1759) 6, 407; von dem tumultuarischen, welches er meiner arbeit gar bald anmerken wird Lessing 11, 4
L.-M.; diese zuschrift entstand freilich zufällig und tumultuarisch genug W. v. Humboldt
br. an Welcker 83
Haym. von ordnungswidrigen, ungesetzlichen masznahmen; 'tumultuarisch verfahren
mit beiseitesetzung der gehörigen ordnung' Adelung (1801) 4, 721: als ehrlicher mann, der ihn nur so tumultuarisch nicht will verdammt wissen Lessing 13, 207
L.-M.; papst Benedict X., der noch einmal in der alten tumultuarischen weise ... eingesetzt worden war Ranke
s. w. (1867) 14, 28; (
sie) lieszen noch am abend (
ihnen) durch den henker den kopf abschlagen. die güter der so tumultuarisch gerichteten wurden mit beschlag belegt Ric. Huch im
alten reich (1927) 330.
von rohen und unkultivierten lebensverhältnissen: der Deutsche, ... in einem unglücklichen tumultuarischen zustande verwildert, begab sich bei den Franzosen in die schule, um lebensartig zu werden Göthe I 27, 72
W. 55)
im geistig-seelischen bereich '
wirr, verwirrt, aufgeregt': bisher ist's in meinem kopfe tumultuarisch zugegangen Göthe IV 30, 33
W.; er bediente sich dieser tumultuarischen stimmung meines herzens Kotzebue
s. dram. w. (1829) 44, 333; es war ... eine tumultuarische unordnung in einem theile meiner vorstellungen Mendelssohn
ges. schr. (1843) 3, 436.
wild, zornig: und war mit Souris (
dem hund) ordentlich tumultuarisch D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 2, 226.