gebresten ,
alte schwesterform von gebrechen,
jetzt vergessen, während das dazu gehörige subst. (
s. das vorige)
wieder aufgelebt ist. II.
Form und geschichte. I@aa)
ahd. giprëstan, gibrëstan,
mhd. gebrësten:
praes. gebriste,
praet. gebrast,
pl. gebrâsten,
conj. gebræste,
part. gebrosten,
d. h. gleich gebrechen
geformt. auch alts. gibrestan
gl. Lips. 512 (
und brestan),
aber sonst im nd. gebiete bald eingegangen, ich finde später nur mnl. ghebersten
mangeln, s. Oudemans 2, 363,
während mnd. nur bersten
und nur in der bedeutung brechen belegt ist. aber noch dän. briste,
brechen und gebrechen, schwed. brista,
norw. bresta,
wie altn. bresta,
fehlen, fehlschlagen. so ist das wort, sonst von dem schwesterworte gebrechen
verdrängt, jetzt nur im norden und süden des germ. sprachgebietes erhalten, denn auch schweiz. heiszt es noch: es bristet mir, hat mir gebrosten
an etwas Stalder 1, 217.
schon im 16.
jahrh. ist es wesentlich aufs oberd. beschränkt, von Luthern
z. b., der es zuerst noch brauchte, später gemieden (
s. II, 2,
d, vgl. sp. 1865
u. 6,
b);
aber noch im 17.
jahrh. erscheint es auch bei Norddeutschen, als dichterwort (
s. u. II, 3,
e),
wie bei dem Rheinländer Spee (II, 2,
b). I@bb)
die formen mit ihrem melodischen vocalwechsel sind noch im 16.
jahrh. ziemlich wol erhalten (
s. die beispiele),
selbst das volle gebristet
erscheint noch im 17.
jahrh. (II, 3,
f a. e.).
doch erscheinen störungen im vocal des praes., wie: ich gebreste,
deficio. Dasyp. 69
b; wer vergnuget (
d. h. zufrieden) ist, dem gebrest nichts,
omnia possidet. Stieler 236;
und noch schweiz.: es brestet
mangelt salz. Stald. 1, 217 (
neben bristet).
Umgekehrt mit i
für ë
im 17.
jahrh.: als ich hineinzu gienge, zu hören, was ihne
gebristen thäte. Philander
ges. 1, 155 (1644
s. 124); bristen,
mangelen Henisch 515;
und schon im 12.
jh. gebristen
Rol. 62, 15
var., ja schon ahd. pristenter Graff 3, 272;
dazu stimmt denn beim subst. gebrist, gebirste
m. sp. 1861.
Eine alem. ausartung ist ü
für i (Weinhold
al. gr. s. 33. 78. 97): kein schütz so wol sich iemer rüst, er find allzyt, das im
gebrüst. Brant
narr. 75, 25,
bei schützenfesten ist keiner mit seiner ausrüstung ganz zufrieden, findet immer zu klagen; dasselb den meistern ouch gebrüst (: ist). 27, 10; der mag wol reden, was im gebrüst (: gelüst).
Ambr. lied. s. 37.
und selbst mit u
für i (Weinhold 31. 77): es
gebrust uns nichts, dann das mir (
d. h. wir und die feinde) nit gar bei ainander sein. Schertlin
br. 11. I@cc)
auch das einfache bresten (
s. d. 2)
hat bis ins 16. 17.
jh. gegolten, selbst in nächster nähe damit wechselnd (
z. b. II, 3,
c),
und schweiz. noch jetzt, wie mhd. bresten,
ahd. prestan,
alts. brestan (
altn. bresta),
und wie brechen
gleich gebrechen.
oft aber ist auch das ge-
im b-
verschlungen (
sp. 1606
fg.),
was denn auch ausgedrückt wird durch p-,
z. b.: prest einem (
d. h. dem) probst huober, so mag er nemen fier huober uszer minr herschaft hof zuo Buoswilre, die solent einem probst gehorsam sin.
weisth. 4, 1,
elsäss. 15.
jh., d. h. prêste, gebræste
es dem probst an hubern (huober
ist gen., s. 2,
a),
um das jahrgeding voll abzuhalten; es wer denn sach, daʒ ein frow als torlich hus hetti (
so thöricht haus hielte) und (
es) da guots wölti presten,
d. h. bei der erbtheilung. 4, 357,
schweiz. 15.
jahrh. s. auch das subst. I, 5. IIII.
Gebrauch und bedeutung. II@11)
die sinnliche bedeutung brechen ist schon fürs mhd., ja fürs ahd. nicht mehr belegt, doch wol nur zufällig, vergl. übrigens gebrechen 1;
über die entstehung der bedeutung mangeln aus jener s. u. gebrech II, 1,
c. e, besonders das mhd. beispiel von den armbrüsten, an denen der armbruster herzustellen hat swaʒ ie drane bristet,
was ebenso gebristet
heiszen könnte; auch s. unter gebrechen 2,
b das mhd. mir ist ungebrosten,
ahd. dien ungebrosten ist,
quibus nihil deest Notker 33, 10,
eigentlich denen nichts beschädigt ist durch bruch, und gebreste II, 1,
a als bruchlücke und bruchstück in einem schwerte, wie denn das ganze von waffen und werkzeugen ausgegangen ist. auch in folgendem liegt es dem ursprung noch ziemlich nahe: vünf hundert rîter hochgemuot .. den éin rieme gebristet niht.
Mai 104, 21,
so völlig gerüstet, dasz auch nicht éin riemen (
vgl. u. gebreitet)
ihnen fehlt, es könnte auch heiszen gebrosten ist,
gebrochen, gerissen; zur sache vgl. die ähnliche mhd. wendung vom sporn
unter gebreste II, 4,
a und noch nhd.: und etwa closterleüt (
sind so anspruchsvoll in bezug auf hausrat), so inen nur ain nagel an aim schlosz gebrist, laszen si es abbrechen und wöllen ain ganz neüwes schlosz haben. Keisersberg
siben schwerter g 6
a. II@22)
die fügung ist wechselnd so, wie bei gebrechen. II@2@aa)
unpersönlich mir gebrist
mit gen. der sache, ahd. und mhd. die geläufigste wendung, findet sich auch noch nhd.: darumb hette ihm des athems gebrosten. Frey
gart. 49,
wie in Wittenweilers
ring bis das ir des atens geprast 35
b, 10; es hat im anfangs muots gebrosten,
defuit ei animus. Maaler 160
a, Henisch 1396,
also trotz des theilgenitivs auch vom gänzlichen fehlen, vgl. dazu unter gebrechen 2,
d. s. auch die beispiele I
am ende. II@2@bb)
mit an,
wie bei gebrechen 3,
b, ahd. und mhd. auch bei gebresten,
nhd. doch selten: nie wirds dem an ruh gebresten, der nur fried im herzen hält. Spee
trutzn. 105 (96).
aber noch schweiz., s. I,
a am ende, vgl. auch unter 3,
f nichts gebrist an .. II@2@cc)
auch das blosze impersonale mir gebristet (
s.gebrechen 3,
c): er würt .. dir zu hülf kummen und einen zusatz thun, wa dir gebristet. Keisersb.
irrig schaf G 1
b,
wenn du in not kommst, zu gebreste II, 4,
c für not überhaupt; so mhd. z. b. ime enwart über noch gebrast
arm. Heinr. 67,
hatte nicht zu viel und nicht zu wenig; sô mag im ubele gebresten
Rol. 62, 15,
mag er in schlimme not kommen. II@2@dd) mir gebristet etwas, nichts
u. dgl. (
vgl. unter gebrechen 3,
d): do ich üch gesendt hab on sack oder täschen, hat üch etwas gebrosten? Zwingli
von speisen b 4
b,
nach Luc. 22, 35 (habt ir je mangel gehabt Luther); er weisz nicht wʒ im gebrist. Luther
buszps. 1517 A iij
a,
in den schr. 1, 15
b in gebricht
gebessert (Dietz 2, 28
a),
wie beim subst., s. d. II, 6,
b; was dann ganz und volkomen ist, demselben gwislich nichts gebrist.
ganskönig G ij
a,
worin denn auch das sinnliche brechen noch nachklingt, vgl. so ganz
und gebrechen
in beziehung gesetzt im pass. sp. 1842
unten. II@2@ee)
mit benanntem subj., mhd. selten (
vgl. dazu gebrechen 3,
d),
aber doch: den ein rieme gebristet niht
Mai 104, 21 (
s. u. 1),
und schon ahd., s. giprestent
deerunt, deficiunt Graff 3, 273.
nhd.: huben auf ir stirn und klagten, unz das die zeher gebrasten in in.
Nürnb. bib. 1483
1 kön. 30, 4, planxerunt, donec deficerent in eis lacrimae,
mhd. gebrâsten; Sigismundus der römisch künig was allweg nötig (
in not) und gebrast im gelt. Tschudi 2, 6; meister, wann euch stein gebresten, so will ich mer bringen.
Aimon F ij,
d. h. wenn euch die steinkugeln für das geschütz ausgehen, vgl. 3,
a; es sol nit ein pfennig gebrästen. Maaler 159
d; es gebrast da gelt.
ders. II@33)
die bed. war vielseitig, gewiss ebenso wie bei gebrechen,
auch wenn sich zur zeit nicht alles nachweisen läszt, wie dort. II@3@aa)
zuweilen ist das eintreten des mangels, das zergehen der vorräte u. ä. damit bezeichnet (
vgl.gebrechen 4,
b): meine tage gebrasten wie ein rauch. Keisersb.
post. 85
bei Frisch 1, 135
b,
d. h. ps. 102, 4
, vulg. defecerunt sicut fumus (sind vergangen Luther
). Dazu ohne subj. mir gebristet, ich werde schwach, bewusztlos u. ä. (wie bei gebrechen 4, b), eigentlich mir gebristet des sinnes Iw. 3564, sinne MS. 2, 194a, mînero chrefte Notker 70, 9
, aber nachher auch ohne solchen gen.: sô swær was doch des kriuzes ast,
daʒ Jêsû (
dat.) schier vor müede gebrast.
Philipp
Marienleben 7187,
in einer hs. daʒ Jêsû kraft dâ von gebrast, wo kraft gen. sein wird; so ich doch niuwen (nur) an die schidunge gedenke, so möhte mir von angsten gebresten. Suso
in Wack. les. 1839 881, 23
. Aber ebenso auch persönlich gebresten, deficere, 'alle werden', wie das thür., sächs. auch genannt wird, von entkräftung, entmutigung: aber nun ist kumen der schlag auf dich und du gebrastest (wäre mhd. gebræste). bibel 1483 251a, Hiob 4, 5
, vulg. defecisti (Luther
wirstu weich, var. verzagt). II@3@bb)
auch von krankheit, wie gebrechen 4,
a: mein liebe hausfraw, was gebrist dir? Wickram
rollw. 55
b (
bei Kurz 77, 20 gebricht); er sprang von freuden aus dem bette kreftiglich, als ob im nie nichts gebrosten het.
Aimon B iij; ha, lieber bruder Reinhart, was gebrist euch? 'lieber bruder, sprach R., mir gebrist nichts'. n 1; ir vil weren nicht genesen, den jetzund nichts gebrist. Soltau 2, 156,
schwäb., s. dazu gebreste II, 2,
krankheit, seuche. auch 'mit krankheit': dann iede wollust ursach ist, das dem menschen mit krankheit gbrist. S. Brant
Cato 567 (
s. 136
b Z.). II@3@cc)
von allerlei anderer not: uf dem wege hueb Dieterich von Dalberg an: 'almechtiger got, was zeichst du mich (
hab ich dir gethan)? ich hab dich allewegen gebetten, du wöllest mir mein ehr bewaren'. diese rede trieb er an bis schier gehn Creuzenach, wolt nie ufhören. daruf herr Philips bewegt, ine zu fragen, was ime doch
gebreste? sagt Diether: 'ja, lieber vetter, was sollte mir
bresten? wie komme ich in diesen handel?'
u. s. w. Flersh. chron. 88, 38; nun hat si (
Stauffachers frau) gern gewuszt, was im doch gebrast. Tschudi 1, 235
a; o edler Perner unverzeit, euch sei geklagt mein herzeleit. »junkfrau, sagt mir, was euch geprist, ich hilf euch iez und alle frist«.
fastn. sp. 549, 16,
vgl. dazu unter gebrechen 4,
d und gebreste 3,
b als beschwerde, klage. II@3@dd)
das geht dann über in den begriff des brauchens, bedürfens, wie bei gebrechen 4,
d (
s. auch gebrest II, 4,
d als bedürfnis): einer tochter (
mädchen), die vernünftig ist, gibt gott schon, was ihr gebrist. Creidius 1, 326.
auch der begriff des begehrens stellt sich ein: dann iedem narren das gebryst, das er wil sin, das er nit ist. Brant
narr. 76, 94.
so als verblümter ausdruck in der sprache der liebe (
vgl. unter gebrechen 4,
e): kein gröszer freud auf erden ist, denn der bei seiner liebsten ist, bei seiner liebsten alleine. der mag wol reden was im gebrist und was im in seinem herzen gelüst .. Uhlands
volksl. 121. II@3@ee)
und mit noch anderen begriffsseiten, z. b.: noch dennoch soll man wissen, was warheit und gut ist, drumb seid hieher geflissen (
hört eifrig her) und merkt was euch gebrist. Joh. Doman
lied von der Hansa 2, 8,
zunächst: was euch fehlt, was ihr braucht, doch zugleich: worin ihrs verfehlt, d. h. zu gebreste II, 6
als sittlicher fehler; bemerkenswert übrigens dadurch, dasz da nach 1600
ein Norddeutscher (
in Osnabrück geb.)
von dem oberd. worte gebrauch macht. im letztern sinne auch schon bei Brant: das ich die narren strofen duo und iedem zeig, was im gebryst.
narrensch. 110, 19.
und von fehlern überhaupt: dasselb den meistern ouch gebrüst, das sie der rechten kunst (
wissenschaft) nit achten, unnütz geschwetz allein betrachten. 27, 10,
auch die professoren haben den fehler. II@3@ff) nichts gebrist
war lange ein beliebter ausdruck für fülle oder vollkommenheiten aller art, schon mhd. (
wo nihtes
da noch gen. war),
s. die stellen bei Lachmann
zum Iwein 8039;
nhd. s. schon die stellen unter 2,
d, Stieler
unter I,
b, ferner z. b. wenn S. Brant
mit Deutschland zufrieden ist in folg. weise: man meint etwann (
vormals), es wer kein ler (
gelehr samkeit) dann zuo Athenas über mer .. ietz sicht mans ouch in tütschem land, und gbräst uns nüt (
nichts), wer nit der win und das wir Tütschen voll went sin.
narr. 92, 31,
es wäre alles gut bei uns, was fehlte uns noch; an vernunft im auch nichts gebrist. G. Wickram
bilger bl. 33; ihre brust wol undersetzet ist, dasz ihr daran gar nichts gebrist. Fischart
lob der mucken 66 (2, 127
Kz.); dem himmelischen paradis, da nichts gebrist .. was änlich ist den himmelischen fröuden. Rud. Wonlich
das himm. Jerus. (1584)
v. 16.
auch für die höchste vollkommenheit genügte noch im 17.
jahrh. die alte einfache wendung (
vgl. unter gebrestlichkeit): und ich werd, weil (
während) mir weiter nichts gebristet, deines angesichts recht seelig ewiglich genieszen. Weckherlin 59 (
ps. 17, 17),
es ist wie Walthers dâne was mir niender wê 94, 35. II@3@gg)
wieder anders pers. gebresten an ..,
es fehlen lassen, oder schärfer '
sich vergehen': dasz jees sein ampt recht verricht (
conj.) und am guten gebreste nicht. W. Spangenberg
fangbriefe ...,
es schlieszt sich an das pers. an einem gebrechen (
s. d. 1,
d)
an, eigentlich die treue, pflicht brechen. ähnlich und doch anders: im selbs gebrästen und fälen,
sein selbs kein rechnung haben, deesse sibi. Maaler 159
d.