erwehren ,
prohibere, tueri, defendere, ahd. irwerjan,
mhd. erwern,
ags. âverian. 11)
das einfache goth. varjan
zeigt uns blosz die bedeutung κωλύειν,
prohibere und kein usvarjan
begegnet. bei varjan
steht die person entweder im dat. (
Marc. 9, 38. 39.
Luc. 9, 49),
oder im acc. (
Marc. 10, 14.
Luc. 18, 16),
die sache im acc. (
Luc. 6, 29. 1
Tim. 4, 3).
beim ahd. werian,
prohibere gleichfalls die person bald im dat., bald im acc., die sache im acc. nicht anders haben nhd. wehren
und erwehren
persönlichen dat., sächlichen acc.: wehret ihm nicht!; ich wehre dirs nicht; gesegenet seiest du, das du mir heute erweret hast, das ich nicht wider blut komen bin.
1 Sam. 25, 33; aber er kam nicht, gott hats im zuvor erweret. Luther 3, 347
a; so will ich gar nicht lassen ab, bis dasz ich einen gefunden hab, der dem keiser das weib erwehrt, und die weibliche freud zerstört. Ayrer 160
b; hab ich dir nun erwehrt das stechen. Chryseus
hofteufel H.
heute zieht man in diesem sinn verwehren
dem erwehren
vor. erwehren,
ohne beigefügten casus, drückt aus hindern, verhüten: erwer, dasz sie aneinander nit rüren.
küchenmeisterei cap. 2. 22)
aus dem wehren
prohibere flieszt leicht ein wehren
tueri, defendere, weil das abhalten zu schutz gereicht, die wehr
zur vertheidigung wird. das lat. defendere
erlangt im fr. defendre
zugleich die bedeutung von verbieten. so steht das ahd. irwerian,
mhd. erwern
häufig für tueri, mit acc. der sache: zi irwerenne sînen scaz,
ad tuendas opes, und passivisch irweret wërdan
defendi; mhd. diu burc ist erwert,
geschützt, vertheidigt. livl. chr. 10382.
nhd. hat fast nur das einfache wehren
diese verwendung, man sagt das land, die stadt wehren,
vertheidigen, kaum erwehren.
doch gehören hierher einige frühere beispiele: es ist erwert, jederman hat drei lesze (?). Frank
sprichw. 2, 52
a; wie der luft die geschöpf vor ersticken erwert (
schützt). Paracelsus 1, 18
a; und hat zuvor das lager angesteckt, welches mit gott erwehrt worden. Reutter
kriegsordn. 71;
obschon sich beidemal abwehren, abhalten, prohibere verstehen liesze. erläuternde vergleichung des goth. vasjan
mit varjan
musz hier ausfallen. 33)
desto häufiger ist das reflexivum, 3@aa) sich erwehren,
defendere se: wer ist dieser, der solches sagen thar, das die kinder Israel sich solten erwehren wider den könig Nebucadnezar und sein kriegsvolk? sind es doch eitel nackete leute und kein kriegsvolk.
Judith 5, 25; versehent euch mit guoten steinen und erwerent euch nach allem ewern vermö
gen. Aimon o 2
a; aber weil sie deutsch gesinnt, schaut sie wie sie sich erwehrt. Logau 1, 76, 4. 3@bb)
gewöhnlich mit dem gen. der person oder sache, abstinere sich eines enthalten, gegen etwas schützen, vertheidigen: mhd. sam dër vogel dër sweimen vert und sich des bœsen luftes erwert. Haupt 7, 354;
nhd. und kan mich sein oft nit erwern.
fastn. 789, 23; wie etlich kürriser auf den besonnen held Twrdank geschickt wurden in zu erwürgen, der er sich durch sein manheit aber erwert.
Teuerd. 83; eines enthaltet sich etwan vor den feinden, möcht er sich der freund erwern. Keisersberg
pred. 75
a; gleich als einer, der sich der mücken in dem summer erwern wil, der hat genug zu schaffen, da sticht die eine hie, die ander dort, wer hie, wer dort.
brosaml. 18
a; er kan sich aber der diebe und reuber nicht erweren.
Baruch 6, 14; fasset er zuo henden einen stecken, damit er sich der hund erwern mocht.
Aimon F 1
a; wolt ir aber mann, nit weiber sein, so müget ir euch der Römer in disen zeiten basz dan je erwern.
Livius, Schöfferlin 75
a; man musz nur butzen und stil aufklauben, die sich des bettelns darauf kaum erweren mö
gen. Schade
sat. u. pasq. 3, 146; mich wird dein stolze rede in keine weg dahin bewegen, darnach wiszt euch all zu richten. welcher mich aber weiters treiben wolt, der müst sich warlich mein erwehren.
buch d. l. 252, 4; dasz ich mich selbiges (
des schlafes) nicht erwehren mag.
Amadis 360; manch mann mit groszer müh kan sich gar kümmerlich ernehrn, mit weib und kind hungers erwehrn. H. Sachs 4, 41
a; ach Nymfe, die du dich hast eines gottes lieb erwehrt. Opitz 1, 81; warum sie sich seiner sogar mit dem messer erwehren wollen?
irrg. der liebe 472; Charlotte war viel zu zärtlich gerühret, als dasz sie sich seiner feurigen küsse hätte erwehren sollen. Menantes 1, 7; ich konnte mich der wehmut kaum erwehren. Gellert 1, 152; da mag das herz voll guter dinge sein, nur musz der kopf des rausches sich erwehren. Bürger 19
b; wie hätte sie auch dessen sich erwehren können? Wieland 1, 261; diese zweifel ängstigten ihn unaussprechlich. er rafte alle seine kräfte zusammen sich ihrer zu erwehren. 12, 28; dasz wir uns eines so schnöden verdachts gegen ihn erwehren. Stolberg 9, 153; indessen ich hier still und athmend kaum die augen zu den freien sternen kehre, und halb erwacht und halb im schweren traum, mich kaum des schweren traums erwehre. Göthe 2, 151; sie erwehrte sich sein. ihr bruder kam dazu. 16, 119; die sich kaum des lachens erwehren konnten, als sie ihn so wol durchwalkt sahen. 18, 297; jedermann suchte sich des verdachtes zu erwehren. 20, 287; aber einer betrachtung kann ich mich nicht erwehren. 26, 336; man kann sich der rührung nicht erwehren. Tieck 4, 88; ich erwehre mich des einzelnen, da sich die aufgaben und auflösungen ins unendliche vervielfältigen lassen. J. P.
aesth. 1, 142. 3@cc)
statt des gen. steht auch die praep. vor:
mhd. daʒ ër sich vor dem scherjen nimmer mac erwerjen.
Helmbr. 1626;
nhd. hab also vil kleider, also dir not sind (
dich) zuo bedecken, vor dem froste zuo erweren. Keisersb.
bilg. 58
a; vor dem sich nicht ein löw kunt erwehren, der läszt sich durch sein weib kahl bescheren. Logau 2, 194, 99. 3@dd)
oder es folgt ein abhängiger satz: gedenk dasz du sterben muost, damit magstu dich erweren, dasz dich der lober nit entbor mag tragen. Keisersberg
s. d. m. 34
b; man kann sich nicht erwehren zu wünschen, dasz man dreiszig jahre jünger sein möchte. Wieland 7, 174; ich kann mich nicht erwehren, sie zu erinnern. 29, 175; sie konnte sich nicht erwehren, dasz er nicht ihren schuh küste. Göthe 17, 130; geht die sonne des morgens auf und verspricht einen feinen tag, erwehr ich mir niemals auszurufen: da haben sie doch wieder ein himmlisches gut, warum sie einander bringen können. 16, 100,
wo der dativ auffällt, aber zu vertheidigen ist. denn so gut es heiszt ich erwehre mich einer sache,
liesze sich auch sagen ich erwehre mir eine sache (
nach 1); ich erwehre mich der thränen nicht
und mir die thränen nicht.
mit dem einfachen verbum: ich wehre mich der thränen nicht,
oder wehre mir die thränen nicht.
auch hieraus erhellt die nähe des wehrens
prohibere und wehrens
defendere. 44)
die mhd. sprache construierte beides, 4@aa) einen einem erwern,
vor einem schützen: ër wolt in gërne nerigen, deme tôde erwerigen.
fundgr. 2, 54, 23; uns ne wëlle got nerigen, wir ne magin uns in (
ihnen) niht erwerigen. 51, 2; ëʒ enwart nie kein stein sô herte, der sich dem swërt erwerte, ëʒ snite in als ein holz.
Daniel 1295; wie hân wir, hërre trëhtîn, den vîant vür den vriunt ernert, dem übeln tôde zwir erwert unsern vînt Tristanden.
Trist. 261, 26. 4@bb) einem etwas erwern,
abhalten: dâ wil ich in bewæren bî, daʒ ich den künic wol gener, sô daʒ ich im daʒ alter wer.
tr. kr. 11004,
doch in der alten ausg. dâ ich im daʒ alter erwer. 10997.
nach a sagt Opitz 1, 81 etwas, welches mich kan der gewalt erwehren.