zille,
zülle,
f.,
langes, schmales schiff, kahn; s. zülle,
f., t. 16, 525.
dieses lehnwort aus den slaw. dialekten des Donauraums weist einen älteren dreifachen vokalstand auf: -ü-
in zúlla
cymba ahd. gloss. 2, 325, 53,
in mhd. reimen wie zullen: erfullen Ottokar
reimchron. 14 650; zullen: hullen 10374; zulle: fulle Hugo v. Langenstein
Martina 542
Keller; füllen: züllen Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 1704
Regel; in zülle, züllen
Seifrid Helblinc 5, 595
Seem.; (15.
jahrh.)
österr. weist. 1, 88; 3, 700; 7, 924; (16.
jahrh.) 8, 330; Oswald v. Wolkenstein 116, 34
Schatz; -u-
in Heinrich v. Neustadt
Apollonius 6464
Singer (
s. unt.); (15.
jahrh.)
österr. weist. 1, 86; 8, 339; 8, 342
und den zahlreichen schreibformen mit -u-
bei Schmeller-Fr. 2, 1115; -i-
seit dem 15.
jahrh., reicher im 16.
jahrh. in den belegen ebda. es schwindet bald, da sich -ill-
in -üll-
wandelt; auch -u-
geht zugrunde, so dasz das bair.-österr. in jüngerer zeit nur noch züllen (
mda. züln, zuin)
kennt. die schwache flexion bezeugen der dat. sg. züllen
bei Neidhart
s. 193
Haupt-Wiessner und bei S. Bl. v. Herberstein 116
Karajan; der akk. sg. züllen (15.
jahrh.) Lori
baier. bergrecht 31.
den beginn der vokallängung bei vokalisierung des -ll-
deuten an die schreibungen zühlen
akk. sg. (
ende 15.
jahrh.)
ebda 42
und zile, zielen
bei Schmeller-Fr. 2, 1115.
weniger daher als aus vorgefaszter etymologie mag die fehlerhafte wortform zeile
bei Leibniz
herrühren: naves longae, quarum in Danubio usus est, adhuc zeilen vocantur a longitudine scilicet sua
bei Frisch 2, 470
b;
sie spukt bei diesem, bei Fulda
idiot. 599;
bei Krünitz 241, 220 (
für 120);
bei v. Schmid
schwäb. 549;
auch Adelung
2 4, 1715
führt sie noch an: zille ein nur im oberdeutschen übliches wort, einen kahn oder kleines fahrzeug auf flüssen zu bezeichnen, so wie zeile in Österreich und Baiern eine art langer Donauschiffe bedeutet, wovon es das diminutivum zu seyn scheinet;
vgl. Nicolai
reise d. Deutschland 2, 413; Stieler
ordnet zille
unter zeile 2617. -k
tritt auf in zülk
cymba in einem glossar bei Mone
anz. 6, 343; Diefenbach
gloss. 119
a.
grösze und gestalt werden deutlich aus folgenden belegen; die herstellung aus einem baum ist das ursprüngliche: zull
ein klein schifflein, scapa et levis navicula de una tantum arbore facta voc. theut. (
Nürnberg Zeninger 1482) qq 2
a; die zillen, so sie brauchen, werden gemacht aus einembaum, welcher in die 80 schuch lang ist Lev. Hulsius
schiffahrten (1598)
zs. f. dt. phil. 13, 444;
als kleines fahrzeug erkennbar: wir suln daz velt vüllen hiute mit den scharn, daz man mit den züllen ûf dem bluote müeze varn
rabenschlacht 747 (
heldenbuch 2, 289
v. d. Hagen); es was ein solche forcht in das volk komen (wie man von wasser oder sintflut saget), das vill mechtig bürger hie und anders wo züllen in iren heusern hetten (
Regensburg mitte 16.
jh.)
chron. dt. st. 15, 56; ain grosz schiff ist besser dann ain klaine zulle Frölich
Stobaei scharpfsinn. sprüche (1551) 329; der vischer in seiner zillen Alber
Ignatius Loiola (1591) 322;
in den wörterbüchern bis in die gegenwart als kleines fahrzeug im Donaubereich gebucht, vgl.: zum überfahren ist ein kleiner zillen gut, wenn nicht viel leute darin sind Klein 2, 246; zille, zülle, zilln,
f., kleiner nachen, kahn Lexer
kärnt. 265; Adelung
2 4, 1715 (
s. ob.); zille
ein kahn, kleines fahrzeug auf flüssen Campe 5 (1811) 867
b;
als fischerboot gebraucht: zillen zum fischen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 139; das nachtschiffen, da sie bey der nacht an den flüssen auf zillen fahren
ebda 1, 498
a;
als fährboot: mit der rede si giengen an die zullen und fuoren über den phlûm Ottokar
reimchron. 14 650; die Baiern ... fuhren mit zillen und flöszen über das wasser Aventin
bair. chron. 4, 1, 538
Lexer; unterdessen ... fuhr ich ... in einer zille beim rothen thurne über in die stadt
Z. Allert
tageb. (1627) 55
Krebs; als begleitboot: scaphę: parvę naviculę quę maiores naves consecuntur (rennschiflin
oder zille) Pinicianus (1516) K 5
a;
cymba nachschifflein, cillen auff der Donaw Frischlin (1586) 270
b;
als kleines beiboot: Appolonius der weygant vuor mit zullen (
von einem gröszeren schiff) an daz lant Heinrich v. Neustadt
Apollonius 6464
Singer; und darnach schickt der schiffman knecht auff ein tzillen zu dem perg, das sie schauten, wer auff dem perg wer Schiltberger
reiseb. 44
lit. ver.; darzu noch weiter ein zimliche notturft zillen, kannen oder weidling, ausz oder in welchen von einem in das ander zu fahren oder kommen ist, solche werden aber doch fast neben andere so was grosz angehenckt, mit und fortgebracht Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) 208;
als rettungsboot: wo man ihme mit einer zillen ze hilff kommen (1738)
bei Schöpf 829;
die länge wird eigens hervorgehoben: die zille
cymba, alveus, navigii genus celerius it. pristis, quod est oblongum et angustum navigium Stieler (1691) 2635;
pistrix navigium oblongum et angustum ein langes und Aenges schiff, eine zille Corvinus
fons lat. (1646) 632; die zille
ein langes, schmales schiff Loritza
id. Vienn. 147
b; zill'n, zeile
langer kahn, auf der Donau im gebrauch, sie erhalten ihren namen von den gegenständen, welche sie verführen, als wazzill'n (
vom weizen), obstzill'n (
vom obst), holzzill'n (
vom holz) Hügel
Wien. dial. 195
a;
sie dient auch zum personentransport fluszabwärts: ich wil gein Ôsterrîche an einer züllen swattgen hin Neidhart
s. 193
Haupt-Wiessner; des kunigs sun, grâf Hartman, wolt gevaren sîn ze tal ûf dem Rîn ûf einer zullen bî der naht Ottokar
reimchron. 18 839; ich wolt und wär ich auff dem Lech in ainer züllen gail Oswald v. Wolkenstein 116, 34
Schatz; da er gesehen, dasz man zu wasser fahren kundte, ... hat er sich in cyllen gesetzt, deren zu allem glck gleich viel vorhanden waren Werlichius
augspurg. chron. (1595) 78;
allgemein als lastschiff dienend, in älterer zeit besonders zum salztransport: käm ihm darüber ein wasser, so mag er das salz woll sezen auf sein naufahrt, und auf kein ander zühlen nit (
ende 15.
jahrh.) Lori
baier. bergrecht (1764) 42; wann ein Salczpurger züllen mit prot, hefen herin gefürt wird, der sol damit zu Lauffen an der prukken ligen (1426)
österr. weist. 1, 88; allda mans (
das eisenerz) legt auf d'zillen, und bringts zum hämmern gar R. Köhler
alte bergmannslieder 151;
bildlich: reht als ein wites zulle diu vast ist uberladen mit kofschatz uffen schaden, also was sin ubirmuot beidu scharf und unguot mit leide besunken Hugo v. Langenstein
Martina 542
Keller; angaben über die tragfähigkeit: es sol auch kain maister kain gröszere zullen fueren dan zu suben mutten (15.
jahrh. niederösterr.)
österr. weist. 8, 339; wann ain vertiger erst vertigt, der mag wol zwen asch mit salz naw fueren, wil er aber hinfür mer verting, so sol er ain züllen haben, als schefrecht ist (1426
Salzburg) 1, 87; ain iedew züllen die getragen mag zwen lr wëgen mit vier rossen (1450
niederösterr.) 7, 924; ain züllen die vierundzwainzig mann wol ertrag (1512
niederösterr.) 8, 330; ain gewöhnliche zülln, so 45 persohnen kan tragen (1611
Salzburg) 1, 171.
die gegenwärtige verwendung der zülle
ist t. 16, 526
beschrieben; auf der böhmischen Elbe und der Moldau wird sie 1871
von Weber
Elbschiffahrt 141
bezeugt; seit den 80
er jahren wird die zille
als lastkahn von ansehnlicher grösze auf der mittleren Elbe, auf Spree, Havel und Oder erwähnt: zille,
f., Elbschiff in Sachsen und Böhmen Mothes
ill. baulex. (1881) 4, 510; die dem kohlenhändler J. B. in Werder bei Potsdam gehörige, mit 1100
d.-hektoliter braunkohlen beladene zille, geführt vom schiffshaupter W. Pfützner, wurde von dem aus ost wehenden wind auf das sogenannte Müglitzhorn bei Pirna verdrückt und dadurch zum festsitzen gebracht
Leipz. tagebl. (19.
märz 1887); den (
sc. Landwehrkanal) zahlreiche schwerbeladene lastschiffe — 'zillen' nennt sie der Berliner — befahren Ebers
gesch. m. lebens (1893) 2; und bewunderte die langen reihen von 'zillen', die mit torf, ziegelsteinen oder heu und stroh beladen waren Brugsch
mein leben (1894) 8;
frau Wolff: was Emil geladt hat, will ich wissen; a halben oder a ganzen kahn?
Julius: i, immerzu doch, de janze zille Gerh. Hauptmann
biberpelz (1893) 10; zille
Spreekahn Brendicke
Berl. wortschatz (1897) 195
b; zille,
f., groszer Elbkahn, besonders für kohlen Müller-Fr. 2, 705
b;
bildlich schelte des habgierigen: die armen liut mit fluochen die habent des gebeten mich, der guot dû allez züg an dich, dû bodemlôse zülle!
Seifrid Helblinc 2, 595
Seemüller; des zuchtlosen weibes: wollestu weiplich zücht tragen, frauwe, so soltestu mir versagen; nu gewerestu mich durch dein fülle, du vil bodemlose zulle
erz. a. altdt. handschr. 66, 27
Keller; dim.: das züllein H. Sachs 17, 332
Götze; das zllel (1581) Lori
baier. bergrecht 321; 486
b; ein lähres zillel J. Meichel
creutzschuel (1630) 712; mit den zillelen (
Bozen ende 18.
jahrh.)
bei Schöpf
Tirol 829.
unsicher, ob und wie dazugehörig: zille, zülle,
f., holzknechthütte Unger-Khull
steir. 652
a. —
zillen-, züllen- in zusammensetzungen: