zerfallen,
verb. ,
ahd. za-, zifallan (Graff 3, 462),
as. tefallan,
mhd. ze-, zervallen,
mnd. to-,
mnld. tevallen; Maaler 514
d; Stieler 424; Frisch 1, 245
a; Adelung
2 4, 1687; Campe 5, 842
a. II.
intransitiv. I@11)
im eigentlichen sinne auseinanderfallen, a)
von gegenständen, deren zusammenhalt durch einen fall oder einsturz zerstört wird, die in stücke fallen, einstürzen, z. b. α)
häuser: (
das haus auf dem sande) wirðid teworpan than, tefallen (tefellit
C) an them flode
Heliand M 1823;
Rolandslied 6942
W.; Jes. Sirach 22, 19; wenn es (
das haus) nicht ein hauszvater hat, der es im beulichen wesen erhelt,
so zerfellets balde Luther 28, 538
W.; Göthe 5, 219
W.; die mhle ist zerfallen
volkslied. d. Deutsch. 1, 138
Erlach; in dieser anwendung reich bezeugt; zum unterschiede von verfallen,
wobei das haus noch in seinen mauern steht und nur zum theil einsturz eingetreten ist, drückt z.
die auflösung in trümmer aus; ferner z.
holzgefäsze, deren reifen sich lösen: wie ein gefAesz, davon die reiffen gesprungen, zerfAellet J. G. Schmidt
rockenphilos. 1, 288; H. Sachs 5, 184
K.; zerbrechliche gegenstände z.,
wenn sie zu boden fallen, s. H. Sachs 9, 500
K. (
auch unt. II 1);
vergängliche gegenstände z.
in staub, namentlich wenn sie berührt werden: (
kleid,) dasz gleichesfals melstaub z., so man es angetastet gehabt J. Prätorius
abenth. glückstopf 66; Göthe 35, 212
W.; auf dem kirchenboden ... z. wurmzerfressen die alten ... schnitzwerke H. Allmers
marschenb. 1/2, 160;
beim kochen: wan ... das hun dermaszen gesotten hat, das es fast z. will Sebiz
feldb. 1, 470; (
die) karpfen drohten zu z. Cl. Viebig
schlaf. heer 1, 198;
sodann gestein, mineral, das sich durch physikalische oder chemische einwirkung auflöst: andere schtten den wein auf ungelOeschten kalck, ist denn wasser darunter, so zerfellt der kalk
M. Herr
feldb. 102
b; J. Liebig
hdb. d. chemie 416;
von anderen substanzen: auf welchen (
den klippen) es (
das meer) mit einem wilden gebrülle zerfällt
disc. d. mahlern 2, 3; die säure ... zerfällt beim erwärmen Muspratt
chemie 1, 24
St.-K.; die erde und die ganze kosmische schöpfung: wanne iz got wolle,thaz worolt al zifalle Otfrid IV 7, 48;
Hiob 14, 18; (
kometen,) welche ... in asche z. Lohenstein
Arm. 1, 114
b;
β)
körper, die αα)
im sturze zerbrechen, in stücke auseinanderfallen: er muste auf hundert stck z. sein, wann er sich hette in die gefahr wollen geben herunterzusteigen J. Sinapius
silvula venatoria (1678) 119;
gewöhnlich jedoch von einem fall, durch den der körper wohl zerschlagen, aber nicht zertheilt wird: fiell eim ein geisz do ber ab, do ich gefallen was, die zerfiell zuo todt Th. Platter 8;
noch weiter gemildert von beschädigung der glieder durch fall, wobei wohl in der regel deren bruch eintritt: blutstropffen ausz zerstosznen und z-en glidern zu treiben Gäbelkover
artzneyb. 2, 283;
schön anschaulich von dem gelöst niederfallenden haupthaar: die notzwungen jungfrau soll mit zerfallnem haar ... ir schmach anzeigen
rechtsalt.4 2, 191;
ββ)
durch krankheit in auflösung gerathen: ist zu besorgen, er sey die blasz im arsz z. Jac. Frey
gartenges. 118
B.; so ... durch schrecken ... und andern dergleichen zufAellen die samen (
im mutterschosze) zerfielen und zerstOeret wrden, dadurch sie zusammenwallen und -flieszen J. Ruoff
hebammenb. 111; gedenken der glhenden zAehre, die unsere zerfallnen (
eingefallnen) wangen zerfriszt maler Müller
w. 2, 171; ich zerfalle ganz, schmachte hin Klinger
w. 1, 29;
vereinzelt vom herzen: ach zerfalle, altes herz Jean Paul
Hesp. 1, 275;
Tit. 3, 127;
recht geläufig von körpern, welche nach dem tode in ihre bestandtheile zerfallen, wobei oft die noch lebende person als subject gesetzt wird: wer aber verkerets weges ist, wird auf einmal zufallen (
concidet, d. h. wird sterben)
spr. Sal. 28, 18; wann längst ich zerfallen
M. Greif
ged.5 84; soll zu asche mir zerfallen dieser glieder götterpracht? Göthe 1, 229
W.; b)
unkörperliches und abstractes, α)
sinnliche eigenschaften wie gesundheit, schönheit: wie ihr gestalt so sehr verendert, ihr schOenheit so gar z. und vergangen J. Steinbach
lauff menschl. lebens (1606) 46; Heinse
s. w. 10, 172
Sch.; meine gesundheit zerfAellt S. v. Laroche
frl. v. Sternheim 2, 148;
β)
staatliche und politische gebilde und einrichtungen: das das grosz Babylonien (
d. h. Rom) zerfall und vergee U. v. Hutten
op. 1, 386
B.; Luther 19, 193
W.; Pauli
schimpf 20
Ö.; z. und zerfahren war ihr ... staat Alexis
ruhe 4, 178; die ... vereinigung zerfällt Nitzsch
deutsche stud. 86;
ähnlich von einem testament, das rechtlich unwirksam wird: weiter zerfallet ein testament
mayntzisches landrecht (1755) XIII § 9;
vgl. auch noch z.
in der bedeutung verfallen, ablaufen: der abgelebte Andreas, dessen rechnung mit der natur vielleicht übermorgen z. ist Schiller 3, 94
G.; γ)
unternehmungen, geschäfte: so musz das werck von im selbs zufallen Luther 10, 3, 19
W.; 19, 302
W.; aufrur zerspalt bald und zerfallt Fischart
bibl. hist. 304
K.; seine sachen (
affaires) sind sehr z., stehen schlimm Schwan
n. dict. 2, 1098
a;
δ)
seelische und ästhetische gebilde: damit das ... fast z-e vertrauen wider aufgerichtet ... werden mOechte P. Ensz
fama austriaca (1627) 148
b; war es ein wunder, dasz ... der geist der truppe zerfiel? Hindenburg
aus m. leben 368; zerfallen sehen wir in diesen tagen die alte feste form Schiller 12, 7 (
Wall. prol. 70)
G.; I@22)
in besonderem sinne in theile auseinanderfallen, a)
bei der urtheilfindung sich parteien, kein einheitliches urtheil zustandebringen: H. Fischer 6, 1130;
schweiz. id. 1, 758; dasz das urtheil zerfiele, also dasz der halbtheil der urtheilsprecher ein urtheil fellete und der ander halbtheil ein ander urtheil
rottweilsche hofgerichtsordnung (1564) 1
a; dieweyl sie ... in der urtheil gleych sich teilten und zerfielen Stumpf
Schweizerchron. 735
b; 749
b; b)
weit beliebter und noch gebräuchlich im sinne von zwiespältig, uneins werden, sich entzweien: ich höre ..., dasz ihr gänzlich z. seyd Bürger
br. 2, 261
Str.; die z-e freundschaft A. U. v. Braunschweig
Octavia 3, 50; Schiller 8, 373
G.; diese construction auch von H. Fischer 6, 1130
belegt, gewöhnlicher aber begegnet nach dem muster von streiten, kämpfen, sich zanken
die construction z. mit,
bei reciprokem verhältnis auch z. unter einander: Augustus zerfAellt aufs neue mit dem Antonius Lohenstein
Arm. 1, 962; Jean Paul 7/10, 250
H.; u. a.; jetzt war er ganz mit sich z. Tieck
schr. 4, 165; mit gott und welt z. Hebbel II 2, 258
W.; auch in der mundart: Jos. Blumer
nordwestböhm. mda. 96
a;
selten refl.: mein kOenig mit seinem bruder ... sich zerfiele A. U. v. Braunschweig
Octavia 2, 1102;
ob nicht ... die regenten selbst untereinander z. G. Arnold
kirchen- u. ketzerhist. 11
b; Ranke
s. w. 25, 21;
vereinzelt: das ... volk ... wird ... in blutigen krieg z. Klinger
w. 3, 23
; vgl. unt. d α; c)
durch erbgang auseinanderfallen: da zerfielen seine land an seine zwo schwestern Stumpf
Schweizerchron. 690
a; 420
b; wie meine besitzungen ... unter sie (
die kinder) z. ... würden Göthe 22, 353
W.; d)
mit angabe der neuen bestandtheile, α)
sich auflösen, sich spalten: der zeitpunkt ..., wo die ... bürger ... in partheyen zerfielen Klinger
w. 8, 247; wird eine ehe durch scheidung aufgehoben, so zerfällt das eheliche vermögen ... in das eigengut des mannes und das eigengut der frau
schweiz. civilgesetzb. art. 154; in berührung mit unterchlorigsauren salzen ... zerfällt der salmiak in freien stickstoff, wasser und chlormetall Muspratt
chemie 1, 892
St.-K.; bes. geläufig in staub z. (
vgl. ob. 1
a; b β): alszbald man den risen und baum angegriffen, sein sie in staub und gemlle z.
volksb. Aimon a 3
a; wenn der leib in staub zerfallen, lebt der grosze name noch Schiller 11, 393
G.; ebenso in nichts z.,
wobei die abstractheit des subjects beachtung verdient: denn alles musz in nichts zerfallen, wenn es im sein beharren will Göthe 3, 81
W.; auch zu: illusionen ..., die ... zu nichts z. Bettine
frühlingskranz 411;
vgl.zu asche z.
ob. 1
a β;
β)
sich gliedern, sich zerlegen lassen: in zween theile ... hAette ... das werk des herrn H. z. mssen
br. d. n. litt. betr. 14, 222; Afrika zerfällt in zwei ... hälften Ritter
erdk. 1, 62; alle menschen z. ... in sclaven und freie Nietzsche
w. 2, 261;
u. a.; e)
nach dem zerfall in sich zusammensinken: alles (
zinnen und mauern der stadt) zerfällt in sich selbst Jac. Grimm im
briefw. mit W. Grimm 270; die macht der regierung (
war) völlig in sich z. Ranke
päpste 2, 71; f)
von einer schwangeren frau entbunden werden: seine liebste wird bald z. Kramer
teutsch-it. 1, 333
a; si is zrfoln
sie hat entbunden Jos. Blumer
nordwestböhm. mda. 96
a;
bei Schmeller-Fr. 1, 704
zutreffend als eine scherzwendung bezeichnet; I@33)
verbalnomina, a)
das adjectivisch gebrauchte participium α)
präsentis: ich stütze mich auf mauern, morsch, zerfallend A. v. Droste-Hülshoff
w. 2, 97; von zerfallendem umgeben 1, 133;
β)
perfecti: die z. htten Davids
Amos 9, 11; das z. gemeuer H. Sachs 3, 326
K.; wie zerrissen
und zerrüttet
im sinne von innerlich haltlos: trost an z-e Lavater
phys. fragm. (1778) 4, 213;
geläufig jedoch erst seit der literaturperiode des jungen Deutschland: eine z-e stimmung Gutzkow
ritt. v. geiste 7, 38;
sogar: eine matte, z-e aufführung (
eines schauspiels) Holtei
erz. schr. 36, 85;
sonst ist das adj. particip in allen oben mitgetheilten fällen möglich, vgl. z. b. ob. 2
b; zu 1
a β: alt, z., bleich und unkenntlich Tieck
schr. 6, 155;
zu 2
b: fühlte sich z-er denn je mit sich selbst v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 2, 227; b)
subst. infinitiv: sein (
des zuckers) z. in kohlensäure und weingeist J. Liebig
chem. br. 151;
u. a.; einen ausmachen zum zfalln (
zum zerbersten, so dasz er bersten möchte?)
jem. tüchtig ausschelten Schmeller-Fr. 1, 704. IIII.
transitiv seit der nhd. zeit in anpassung an verben wie zerschlagen, zerbrechen 1)
mit dem verletzten gliede als object: so hatt er auch den kopff und angesicht übel ... z. Wickram 3, 52
B.; H. Sachs 9, 500
K.; das maul z.: S. Artomedes
christl. auszleg. (1609) 1, 114; den fusz z.: Neukirch
anfangsgr. d. teutsch. poesie 151; H. Fischer 6, 1130;
vorstellbar ist als object auch etwa der gegenstand, auf den man fällt, vgl. so: dasz er den ast also z. hat
grillenvertr. 222;
jünger in vb. mit sich: er hat sich das gesicht ganz z. Stieler 424; Adelung; 2)
unbestimmter erscheint sich
als object: warff sich ausz durch ein fenster des palasts, zerfiel sich und starb zuhandt
legend d. heil. vatters Francisci (1512) P 4
b; und zerfal dich in dausendt stück H. Sachs 13, 359
K.-G.; S. Franck
chron. Germ. 281
b;
erneut bei Jac. Grimm
Reinh. fuchs vorr. 292. —