wergeld,
n. ,
geldbusze für die tötung oder verletzung eines menschen (
später auch tieres, s. u.)
zur abwendung der blutrache, '
manngeld'.
als terminus der südgerman. rechtssprache bezeugt: langobard. uuergild,
ae. wer(e)gild,
afries. werield,
as. weregild(-i) (8.
jh., lex Saxonum =
mon. Germ. hist., leges 5, 59),
mnd. weregelt,
mndl. weergelt,
ahd. uueragelt (8.
jh., lex Baiwariorum =
monumenta Germaniae historica, leges I 5, 2, 354), wergelt(-um) (9.
jh., Passau =
mon. Germ. hist., leg. sectio 5, 457—460),
mhd. wergelt.
im norden findet sich dafür anord. manngiǫld
und mannbōt (
meist pl.: mannbœtr),
dän. mandebod,
schwed. mansbot.
daneben stehen für die gleiche sache noch ae. mannbōt, lēod, lēodgeld,
afries. liudwerdene, wederield,
langobard. uuidrigild,
mhd. widergelt,
mnd. weddergelt,
mndl. wedergelt (
letztere in der allgemeineren bedeutung '
vergeltung'). wergeld
geht zurück auf germ. *wera- (<
*wira-,
idg. *iro-s) '
mann, mensch'
und *gelda- '(
gegen-)
leistung'. wer
ist in frühahd. zeit (8.
jh.)
noch nachweisbar (
ahd. gl. 3, 3, 14
St.-S.)
und lebt sonst in den komposita welt (< weralt), wergeld
und werwolf
noch fort. latinisiert findet sich wergeld
bereits in lateinisch abgefaszten gesetzen und urkunden germanischer volksstämme aus dem 7.
jh. (
s. u.). wergeld
wurde ursprünglich nicht als strafe aufgefaszt, sondern stellte einen vertraglichen vergleich dar, eine busze für die ehrverletzung an der sippe des getöteten (
bei Tacitus [
s. u.]:
satisfactio).
im mittelalter wurde die leistung an den verletzten oder seine blutsverwandten allmählich durch die zahlung an die öffentliche gewalt verdrängt, wodurch wergeld
erst den charakter einer strafe erhielt. doch zeitlich ist keine scharfe trennung erkennbar, vielmehr muszten —
teilweise schon nach den langobard. gesetzen des 7.
und 8.
jhs. —
buszen für tötung (
bzw. verletzung)
an die sippe wie auch an die obrigkeit gezahlt werden. die höhe des wergeldes
richtete sich nach der gesellschaftlichen stellung des getöteten, seltener nach dem ansehen des täters, s. E. v. Moeller
das wergeld des thäters u. des verletzten, diss. jur. Bonn 1898.
ursprünglich nur für die kriegstüchtigen männer geltend, wurde dann auch für frauen und kinder, ja sogar für einige tiere ein wergeld
festgesetzt; auch verwundungen und beleidigungen konnten mit der zahlung eines teils der gesetzten wergeldsumme gesühnt werden. das vorhandensein des kompositionensystems bei den Germanen bestätigt schon Tacitus,
wonach ein totschlag durch eine bestimmte anzahl viehs (
später dann durch eine gewisse geldsumme)
abgegolten werden konnte: luitur enim etiam homicidium certo armentorum ac pecorum numero recipitque satisfactionem universa domus
Germania, 21.
kap. Schwyzer. mit der entstehung einer staatlichen zentralgewalt und der übernahme des römischen rechts verfiel die einrichtung allmählich; in Norddeutschland (
besonders an der Nordseeküste in Friesland)
hat sie sich jedoch vereinzelt noch bis ins 17.
jh. in teilweise abgeänderter form erhalten, s. His
strafrecht des dt. mittelalters 1 (1920) 592. J. Weiske (
abhandlungen aus d. gebiete d. teutschen rechts [1830] 83
ff.)
behandelt im 19.
jh. —
ausgehend vom Sachsenspiegel —
das wergeld noch als eine institution des geltenden rechts. in Westmittel- und Oberdeutschland geht das wort zusammen mit der sache im 12.
und 13.
jh. allmählich unter (His
strafrecht, s. o.). wergeld
findet sich im nhd. nur noch in rechts- und kulturgeschichten über die germanisch-fränkische zeit. 11)
mittel eines vergleichs, der zwischen den blutsverwandten eines getöteten (
oder verletzten)
und dem täter geschlossen wird zur abwendung der blutrache, busze für die ehrverletzung an der sippe des getöteten, sühnegeld: si (
homo liber)
ex ipso consilio mortuus fuerit, tunc ille, qui homicida est, conponat ipsum mortuum, sicut adpraetiatus fuerit, id est uuergild (643)
edictus Rothari =
die gesetze der Langobarden 8
Beyerle; si quis liber liberum infra ianuas ecclesiae occiderit ... parentibus autem legitimum wirigildum (
laa.: werigeldum, weregeldum, weriegeldum, weregildum, wiregeldum, wirgildum, wiregildum)
solvat (7.
oder 8.
jh.)
leges Alamannorum =
mon. Germ. hist., leg. I 5, 1, 70; hwê man weragelt gelte (9.
jh.)
bruchstück der lex salica =
denkm. dt. poesie u. prosa 31, 226
Müllenhoff-Scherer; den munt, nase unde ougen, tzunge unde ôre unde des mannes gemechte, unde hende unde vûze, dirre iewelk, wirt der man dâ an gelemit unde sol men iz ime bezzeren, men mût iz ime gelden mit eyme halben wergelde (1221/24)
Sachsenspiegel (1933) 72
Eckhardt; totit ein man den andern in notwere seins lybes, und mag er daz selb sebinde bewisin, alz recht ist, er gibit sin wergelt, und blybit one wandel (2.
hälfte d. 14.
jhs.)
blume von Magdeburg 151
Boehlau; von vrede broche. were is also das sy eyn andir man breche. der mus bussen das wergelt. das ist vmme wunden IX phunt. vnd vmme den totslag achtzen (
um 1394)
das alte kulmische recht 39
Leman; da einem ob excessum magnum et dolosum, in fellen den todschlag belangende ... leibesstraffe zugesprochen worden, das derselbige diszfals neben der leibesstraff mit keinem wehrgeld zubelegen sein sol
vorordenungen vnnd constitutionen des ... herrn Augusten hertzogen zu Sachsen (1619) 79
a;
seit dem 18.
jh. in darstellungen von stoffen altdeutscher zeit: warum der graf ... gegen diejenigen, die seinem urtheile gemäsz das wehrgeld für einen todtschlag ... nicht bezahlen ... wollten, nicht weiter verfahren ... sollen? Möser
s. w. (1842) 2, 335; später wurde die blosze abgeschnittne hand ... nach erlangung des wergeldes zu dem leib beerdigt Jac. Grimm
dt. rechtsalterth. 4 2, 182; auch als die todesstrafe eingeführt war, dauerte das wergeld fort für tödtung durch nothwehr, unachtsamkeit, durch kinder, wahnsinnige, thiere
ebda 211; es war noch ein weib, bei dem man begreifen konnte, wie die alten das verdoppelte wergeld des mannes forderten, wenn es erschlagen oder beschimpft wurde G. Keller
ges. w. (1889) 1, 183. 22) wergeld
als die an die öffentliche gewalt für eine rechtsverletzung (
ursprünglich nur für den totschlag eines freien mannes)
zu zahlende strafgebühr: si portonarius hominem liberum fugacem transposuerit et cognouerit, quod fugax est, animae suae incurrat periculum, aut conponat uuergild
suo (643)
edictus Rothari =
die gesetze der Langobarden 110
Beyerle; nam si ipsum occiderit ... conponat mortem illius, simul et uuirigild
suo regi pro praesumptionem (746)
Ratchis leges ebda 346;
ut si ullus censualium hominum interficeretur, ministeriales nostri wiregeldum
ad cameram nostram exigerent (
um 1000)
urkb. d. stadt Worms 1, 29
Boos. 33)
die übertragung des wergeldes
auf geistliche bereiche —
etwa im sinne von '
ablasz' —
ist nicht über ansätze hinausgekommen: diên fergib. fergib in sculdo mêistun. vuaz ist diû sculd?
fvdervnt precivm svvm sie guzzen uz daz iro hêiliga uuerigelt. vuaz kelâzzest dû in daraingagene
per indulgentiam durh ablaz?
bibant precivm svvm sie trinchen iro uuerigelt Notker(
s. gl.) 2, 394
Piper; die kirche liesz sozusagen wergeld bezahlen für jeden fleischlichen genusz, und da entstand eine taxe für alle sorten von sünden Heine
s. w. 4, 184
E. 44)
abweichend von der ursprünglichen bedeutung war auch auf (
haus-)
tiere ein bestimmtes wergeld
gesetzt, das ihrem nutzwert entsprechend für ihre tötung an den eigentümer zu zahlen war: nu vernemet umme vogele unde diere weregelt. dat hun gilt man mit enem halven penninge, die anet also (1221/24)
Sachsenspiegel (1933) 136
Eckhardt; stirbit is (
das vieh), her sal is geldin noch sinem gesaczittim wergelde (
um 1300)
Neumarkter rechtsbuch (1906) 169; er mus das hun gelten, mit seinem gesatzten wergelt Zobel
sächsisch weichbild u. lehenrecht (1537) 94
a;
in neuerer zeit: obenan in ehre stand mit seinen hühnern der haushahn, der durch besonderes wergeld geschützt war G. Freytag
aus stadt und land. zur zeit der Merovinger =
ges. w. 17 (1888) 305.