webern,
verb. eine bewegung machen, bes. mit einem körpertheil, schweben, hin und hergehen, geschäftig sein. ein auf das hochd. beschränktes wort, das erst im 14.
jahrh. auftritt; doch spricht für eine alte bildung (
ahd. *webarôn)
das daneben stehende gemeingerm. wabern,
sowie die ins mhd. zurückreichenden webeln
und wabeln,
auch die nebenform wäfern (
sp. 249
s. auch wefern)
beweist (
aus weBr-
neben weBar-)
das alter der bildung. das wort ist nur wenig in die litteratursprache eingedrungen, lebt aber noch jetzt in den mundarten, alem. schwäb. Seiler 307 (
sonst aus der Schweiz nicht belegt). Martin-Lienhart 2, 779
b.
zeitschr. f. d. mda. 1913, 367. 1916, 346 (
Baden). Schmid 520,
bair. österr. Schmeller 2, 830. Castelli 265. Loritza 141. Hügel 187. Unger-Khull 621
b (
auch webbern). Lexer 252 (ummerwöbern),
rhfr. Kehrein 440. Crecelius 897
und ostfr. Heilig
wb. des Taubergrundes 20.
in den ostmd. mda. ist es jetzt nur spärlich vertreten (
dafür webeln,
doch oberlaus. dort komm se reingewäwert Müller - Fraureuth 2, 644
b),
musz aber früher verbreitet gewesen sein, da es bei Luther, Justus Jonas
und Mathesius (
der es besonders liebt)
vorkommt. aus dem nd. wird es nicht angeführt. litterarisch - begegnet das wort im 15.
jahrh. bei Steinhöwel
und ist im 16.
nicht selten (
neben weben bei S. Franck, H. Sachs),
wenn es auch durchaus nicht von allen gebraucht und nur bei Alberus (ich weber,
moveor, deambulo S s 1
b)
aufgeführt wird, im 17.
tritt es nur vereinzelt bei Spangenberg, Grimmelshausen
und Scriver
auf, im 18.
fehlt es ganz; das vorkommen bei Luther
liesz aber das wort nicht ganz veralten, Adelung
und Campe (
dieser mit anknüpfung an nd. bewern)
wiesen auf die Lutherstelle hin, und so hat Jahn
das wort wieder verwendet, nach ihm tritt es nicht nur bei solchen auf, die es aus ihrer mundart kennen, wie Scheffel, Rosegger, Handel-Mazzetti, Weigand,
sondern auch bei Niederdeutschen, wie Droste-Hülshoff, Liliencron, Frenssen.
das wort scheint als kennzeichnender ausdruck wieder eine gewisse beliebtheit zu gewinnen. bedeutung. 11)
als '
eine bewegung machen'
mit den händen, armen, füszen, beinen, dem kopf, ist das wort noch jetzt sehr üblich: mit händen und füszen webern (
als mundartlich) Adelung; in dem er schlau lächelte und mit der hand am ohr weberte Frenssen
Hilligenlei 165;
von kindern zappeln, unruhig sitzen, mit den füszen schlenkern beim sitzen (
els. österr.);
els. von den letzten zuckungen: er wewert noch,
auch von sterbenden thieren. im folgenden beleg schlieszt sich ein acc. an (
vgl. sp. 2640 die hand weben): also gerad thund wir durch all unser arbeit nit mehr, dann das wir wie der vogel ausfliehen, unser hend hin und her webern und gots segen suchen S. Franck
sprichw. 1, 150
b.
von den bewegungen des kindes bei der geburt: (
die hebamme soll) das kindt ... nicht übersich dringen noch webern lassen Ruoff
hebammenbuch 75.
von den bewegungen beim schwimmen Heilig
a. a. o.: ich konte auch gleich so wol als die wassermännlein mit geringer mühe in der see herum webern
Simpl. 2, 56, 12
Kurz. '
schwanken beim gehen' Unger-Khull
a. a. o.: vacillirn, wancken, hin und her wipffen oder gnappen, mit den fszen webern Roth
dict. (1572) Q 5
a.
übertragen: wie derselbigə (
Cyklop), da er dasselbe (
auge) verlor, hefftig wütet, und doch eitel feilschlege that, also auch webert das gewaltig gros kriegsvolck nach Alexandri tod, on ein gewisses heubt, fiel itzt dahin, itzt daher
Melanchthon, prophet Daniel ausgeleget deutsch v. J. Jonas (1546) 117. 22)
andere bedeutungen gehen von '
schweben'
aus. sich geisterhaft hin und her bewegen (
vgl.weben von geistern sp. 2649) Crecelius
a. a. o.: unhörbar schwebt es (
das gespenst) durch den raum ... und aller orten legt es an sein richtmasz, webert auf und nieder, und leise zuckt das spiel der glieder. v. Droste-Hülshoff 2, 505
Kreiten; doch eh sie (
die seele) in die ewigkeit gegangen, umschwebte sie den ort noch webernd, wehte auf einen zweig. D. v. Liliencron 12, 38.
unpersönlich: es webert, es geht um, spukt (
Aschaffenburg) Schmeller 2, 830; dasz es in den ruinen 'webbert', weisz heute noch jedermann in der gegend Wolf
hessische sagen 52.
übertragen (
vgl. weben
vom geiste sp. 2650): ihr zeitgeist wehet in Frankreichs zeitlosen zeitblättern, und wie er daher webert, lassen sie ihn bei sich wudeln
F. L. Jahn
werke 2, 750.
vom hin und her fliegen von insekten: was machet sie (
die mücke) in der lufft so frölich webern und spielen, vornehmlich, wenn beständiges gutes wetter verhanden ist Scriver
andachten (1721) 349.
bei neueren auch von der bewegung der flamme (
wie wabern),
von flatternden gegenständen u. dgl.: weberndes flammenschlosz Grimm
deutsche sagen nr. 282; um uns flackte das webernde leben des biwaks D. v. Liliencron 1, 180; die staatsmäntel und seidenschweife rauschten und weberten Handel-Mazzetti
Stephana Schwertner 2, 146. 33)
am häufigsten ist früher die (
auch in den jetzigen mundarten verbreitete)
bedeutung '
hin und her gehen' (
gern mit adv.: umwebern, hin und her, hin und wieder, aus und ein webern).
in einem raume: enmitten under dem hülen und wainen der andern umbwebernden wyben Steinhöwel
de claris mul. 229, 5
Drescher; hett auch im thurn gehorth die rosz eszen, das futter schwingen und viel leuth darinn webern
verhandl. über Thomas von Absberg 26
Baader; als er in den königlichen saal kame, und gesehen, wie irer viel treffentlicher herren, mit groszem pracht, und kostbarer kleidung, hin und wider durch einander gewebert Xylander
Plutarchus (1560) 39
b.
im kampfe den platz wechseln: im kampff detten sie hin und wider weberen. H. Sachs
fab. u. schw. 5, 758, 10
Götze-Drescher. umherschweifen, vagari: da merk (
an der Europa), wie unzimlich sye den junkfrowen hin und her nach fryem willen ze webern und allen schmaichenden worten der jüngling ... ire oren dar zebieten Steinhöwel
de claris mul. 49, 1
Drescher. umherlaufen, von thieren: auff dem (
Zirel-berg) hetten in staines wend ir wonung stainböck und die gemsen. die sach ich ausz klüfften und klemsen auff den stafligen felsen klebern, aintzig in dem gebirg umb webern. H. Sachs 3, 149, 10
Keller; wie fast alle lebhaffte thier gerne under den schattechten bäumen und grünem grasz webern und wandelen
anm. weiszheit lustgarten, vorr. besonders aber '
seines weges ziehen, hin und her wandeln, bestimmter verrichtungen wegen, seinen geschäften nachgehen': do er bei Simeontem dem flusz mit dem vihe webert G. Alt
buch der chronicken (1493) 43
a; aldo vorzeiten ein gyftiger wurm oder trach sich enthalten hat, undt von im sein viel leuth in der insel, so darvor gewebert, hoch beschädigt worden Otto Heinrich
pfalzgraf bei Rhein bei Röhricht
u. Meisner
deutsche pilgerreisen 392; nach dem die tor versperret ..., so wöllten dann etlich auch irer arbait auszerhalb der statt gewarten mit irem viehe und anderm dem iren aus und ein webern
quellen z. gesch. des bauernkriegs aus Rotenburg a. d. T. 85
Baumann; die pawrn, so hieher in die statt zu webern und zu handeln hetten 92; wurden die thore in der stat alle zugelassen ..., doch liesz man denjhenen, so aus- und einzufaren und sunst zu rosz und fusz zu webern heten, mit gewarsame offen
geschichtsquellen der stadt Hall 1, 284, 37 (1533)
Kolb; das ist auch die ursach gewesen, das die Türcken frei gewebert, wo sie gewolt J. Jonas
ursprung des türkischen reichs (1538) J 4
a; noch an orten, da es der arbeiten und webernden leuth halb gefarlich sein mage, zu schieszen
oberrhein. stadtrechte 1, 523 (
Heidelberg um 1545); solle der wirt ... die verdächtige personen verwaren, doch die inlendischen und bekanten, so one argwon webern, hier in auszgenommen
württemb. ländliche rechtsquellen 1, 25, 9 (1559); sehen sie, da drüben webert schon so ein halunke! (
ein handelsmann) W. Weigand
die Frankenthaler (1901) 195; er sprach: es ist ein groszer wandel (
zu Salzburg), ein namhaft und ein genge stras der Tewtschen, so an unterlas da webern mit gwerbiger hant durch das gepürg in das Welschlant und in andre lant hin und wider. H. Sachs 22, 484, 34
Götze. hierher gehört auch die Lutherstelle: du machst frölich was da webert beide des morgens und abends (
anfangs: die ausgehen beide frue und spat)
ps. 65, 9. webern
neben gehen, wandeln, wandern
u. dgl.: das mit brinnenden lichtern one laternen in schüren, stelle oder andere orte, da der wandel sorglich ist, nit gegangen, gewebert noch gewandelt werde kains wegs
urkundenbuch der stadt Stuttgart 553 (1490); auch sol der gemelt Beyfus ... auch unser frey sicherheit und geleidt ... zu wasser und zu landt nach seiner notdurfft zu webern und zu wandern haben Guden
cod. dipl. Mogunt. 4, 581 (1513); er sei der meinung, dasz es recht und wol gethan, wenn die Indianer unverhindert zu webern und zu wandern hetten, wohe sie hin wolten A. Scherdiger
novae novi orbis historiae (1591) 165; das man darnach ain weil spacier und weber
quelle bei Schmid 520.
es kann ganz für '
gehen'
eintreten: wird aber ir dieheinre also siech, daʒ er nit webern mag ..., deme sollent die burgere ouch geben sinen solt Keutgen
urkunden zur städt. verfassungsgesch. 496 (
Speyer 1310); die weil ich diser zeit meins leibs halben ze webern ganz ungeschickt bin
urkunde von 1492
bei Schmeller; der nimmer sonst krank worden, macht die grosz ibung, die er teglichs mit reiten und webern gehapt
Zimmerische chronik2 3, 615, 27.
aber auch für '
auf dem meer fahren': ob wol bergleute auch ihre gefahr warten müssen, dennoch ist es alles kinderspiel gegen denen, so auff dem meere webern Mathesius
Syrach 3, 65
b; die schiffleute ... auff dem meer desto sicherer webern können 3, 96
b. G. Hauptmann
hat die bedeutung '
hin und her ziehen'
aufgefrischt: dasz ich gute kundschaft hab' und glaublich bericht't bin, dasz alle haufen der bauern uf Würzburg zuziehn und dasz, solange die welt steht, kein solches reisen, webern und inhaufenziehen gewesen ist
Flor. Geyer vorsp. 23. 44) webern
kann auch eine beschäftigung oder arbeit bezeichnen, bei der man sich körperlich tummelt: alle berg und hügel, und was drinne webert und sich nehret Mathesius
Sarepta (1571)
vorr. 2
a; wer auffm felde webert, soll die vögel und lilien anschawen, spricht Christus, wer bergkwerck bawet, der soll die metall anschawen 75
a; alle die in hütten auffzusehen und zu webern und sonderlich die solche empter zu bestellen oder dienstleut fürzuschlagen befelh haben 150
b; das er (
Adam) nicht in mühe, arbeit und in seinem nasenschweis webern solte bisz an jüngsten tage, sondern verordnet ihm ein ruhebettlein in der külen erden
Syrach 3, 31
b; yedes handwerck sein webern hat, darmit ein yeder möcht mit ehrn weib und kind kleiden und ernehrn. H. Sachs 8, 418, 24
Keller; am landeplatze stöhnt der dicke krahnen und angelt ball' um ballen vom verdeck. ja, wacker rührt sichs im ameisenhaufen, wo ordnung, sagt man, stark und sittig macht. kein schelten stört, kein fechten und kein raufen. gewebert wird — es ist die helle pracht! Scheffel
frau Aventiure13 148; die frau webert den ganzen tag im hause herum '
ist geschäftig' Schmeller; meine mutter die webert und webert in ihrem häusel, dasz es eine freude ist Rosegger I, 6, 51. 55)
aus der bedeutung '
sich regen, thätig sein'
entwickelt sich (
wie bei weben
s. u.leben und webern)
weiter die bedeutung '
ein leben führen': bleibt noch wol ungewiszt, weil wir beide im liecht der vernunfft und der gnaden webern Mathesius
Sarepta 39
b; wo die regiment eins sein ... da kan man handeln und wandeln und rühlich webern, da kan man zucht und ein erbar wesen erhalten
auszlegung des 133.
psalms A 8
a; sind und bleyben wir doch ... so lang wir inn disem sündigen leyb webern, unnütze knechte
historie d. Luthers 190, 11
Lösche; darzu dörffen wir nit eigentlich des teglichen brods, sondern der newe mensch lebet und webert im wort gottes
hochzeitpr. 247, 21
Lösche; wunderbarlich hat er in dem jungfrewlichen leib wollen getragen werden, auff erden webern, am creutz hangen, auff dasz er allezeit die welt, wie von anfang, erfüllete J. Calvin
institutio christianae religionis 1 (1572) 310; fressen und sauffen, hunger und durst leiden, huren und buben ... war ihr gantzes thun und wesen ... sie weberten in ihren wercken immer emsig fort
Simpl. 1, 55, 21
Kurz.