verzierung,
f. ,
verbalsubst. zu verzieren für älteres zierat, zierung (
vgl. teil 16,
sp. 1151
u. 1224). 11)
am frühesten bezeugt als nomen actionis zur bezeichnung der handlung des verzierens. deutlich sichtbar wird der verbalgehalt in verbindung mit präpositionen, vor allem mit finalem zu: alles was ausz guter ... meynung vnd zur verzierung vnserer ... kirchen geschicht, das musz gott ... angenem sein Fischart
binenkorb (1588) 159
a; dieser regel müssen die künste in der anlage und verzierung der örter folgen Ramler
einl. i. d. schönen wiss. (1758) 1, 236; es kommt nicht darauf an, in welchem geschmack diese verzierung geschieht; vom triebe zur verzierung selbst ist die rede Herder 22, 134
S.; ein theil (
der zeichnung) ist zur verzierung des palais verwendet worden Göthe IV 30, 176
W.; man weisz, dasz bei verzierung der kirchen, zumal chorgänge, nicht selten bildwerke mit weltlichen vorstellungen üblich waren J. Grimm
Reinhart Fuchs (1834)
vorr. ccxvii. 22)
als nomen acti, das schmückende beiwerk allgemein bezeichnend und mehr im zuständlichen als im gegenständlichen sinne gemeint: eine besondre begierd' ergriff die zarten gemüther, das sie erwartende haus und seine verzierung zu sehen Bodmer
d. Noah (1752) 240; aus dieser mancherlei verzierung der schilde folgt, dasz sie von der willkür dessen, der den schild trug, abhing Winckelmann
s. w. (1825) 8, 472; ihre wange war blasz, ihre dunklen haare ohne verzierung, und in ihren groszen blauen augen brannte ein seltsames feuer S. Mereau
kalathiskos (1801) 1, 8; und so wiederholen sich denn architektonische formen, wie säulchen u. dergl. vielfach im kleinen, im bunten spiele der bloszen verzierung Vischer
ästhetik (1846) 3, 2, 247. 33)
am stärksten verbreitet im gegenständlichen sinne als zusammenfassende bezeichnung für schmückende stilelemente innerhalb der verschiedenen bereiche der kunst und des kunstgewerbes. zur abgrenzung gegenüber zierat
vgl.: zierathen
sind nur kleinigkeiten, womit man etwas zu verschönern sucht; denn für die groszen verschönerungen, und die, welche an groszen werken angebracht werden, gebraucht man lieber das wort verzierung Eberhard
synonymik (1795) 5, 316. 3@aa)
in der baukunst, sowohl vom architektonischen schmuck an gebäuden wie von der innenausstattung der räume: von aussen hat er es (
d. haus) mit einer angenehmen farbe abputzen lassen und solche verzierungen angegeben, die aller vorbeygehenden augen an sich ziehen
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 37
Gottsched; (
d. bauherr d. schlosses) überleget die grösze, anzahl der zimmer, ... die festigkeit und verzierungen Schwabe
belust. (1741) 2, 209; die verzierungen an dem tempel zu Girgenti und an denen zu Pesto sind ... grosz und einfältig Winckelmann
s. w. (1825) 2, 312; verzierungen der zimmer
ebda 2, 467; (
ich) war ein abgesagter feind der verworrenen willkürlichkeiten gothischer verzierungen Göthe I 37, 144
W.; endlich kamen sie in ein reichgeschmücktes, aber mit verzierungen von geistergestalten und todtenköpfen sehr wunderlich aussehendes zimmer Fouqué
zauberring (1812) 3, 92; die römische architektur unter den spätern kaisern, (
wo) die überladung mit verzierungen die wesentlichen ... verhältnisse ... versteckte Schopenhauer
s. w. 5, 457
Gr.; die falltür (
im fürstenhäusel zu Meersburg) wie getäfel geschnitzelt und sich in die wand fügend, so dasz sie bei tage nicht bemerkt, sondern für eine verzierung gehalten wird (1843) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 235
Schulte-K.; Kenilworth ist ganz unbewohnt, und doch sind selbst die äuszerst schönen verzierungen der hohen bogenfenster des banketsaals noch erhalten Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 233.
im bilde: der poet scheinet seine lust daran gehabt zu haben, sein pandämonium nach der dorischen bauart mit verzierungen von karnissen und güldenem bluhmenwerck auszuschmücken Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 97; wir wollen z. b. keine verzierungen an unserem staatsgebäude mehr, die weiter nichts sind, als verzierungen Fichte
s. w. (1845) 6, 162. 3@bb)
von der bühnenausstattung des theaters; gegen ende des 19.
jhs. durch bühnendekoration
verdrängt, doch ursprünglich in einem weiteren sinne verstanden, vgl.: besonders werden alle theatralische zierrathen, mahlerische vorstellungen, triumphbogen usf. verzierungen,
frz. decorations
genannt Adelung
wb. (1801) 4, 1189; man sieht aus diesem sinngedichte, dasz der magistrat die verbesserung der oper damit angefangen, dasz man neue verzierungen der scenen machen lassen
anmuth. gegelehrsamk. (1751) 1, 203
Gottsched; sollte es möglich seyn, dass der mangel eines geräumlichen theaters und guter verzierungen, einen solchen einfluss auf das genie der dichter gehabt hätte? Lessing 10, 125
L.-M.; unter den sechs bestandtheilen, welche Aristoteles zum wesen des trauerspiels rechnet: fabel, sitten ... musik und verzierung der bühne, sind die beyden letztern minder wesentlich Eschenburg
entwurf (1783) 186 § 3; geschieht nun diese nähere bestimmung der empfindung in der musik, vermittelst der dichtkunst und der malerei, oder der verzierungen der bühne, so entsteht die oper der neuern
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 1, 301. 3@cc)
von kunst- und gebrauchsgegenständen: verzierungen von kupferstichen braucht das werk gar nicht (1792) Schiller
br. 3, 193
Jonas; die formen und verzierungen der bronzestühle
archäol. ztg. (1843) 1, 74
Gerhard; vor dem kleinen spiegel mit blankem glasrand, der samt einer doppelten verzierung von zittergras über der kommode hing Fontane
ges. w. (1905) I 6, 31; das kleine altmodische anekdotenbuch mit dem vielen gold und den vielen verzierungen Feuchtwanger
Simone (1950) 288. 3@dd)
von kleidung und putz: eine und die andere verzierung (
an kleidern) ist nicht mehr zu haben Göthe I 24, 258
W.; die geschmackvollen verzierungen durch künstliche blumen Gutzkow
ges. w. (1872) 6, 199; die verzierungen am ärmel ihres gewandes G. Freytag
ges. w. 9 (1887) 52; die damals noch modernen hohen und mit vielerlei verzierungen versehenen frisuren und hüte der damen Mühsam
namen u. menschen (1949) 176.
scherzhaft-ironisch: er hat ... eine weisze nachtmütze auf dem kopfe. mit dieser verzierung nahm er sich recht leidlich aus (1798) Caroline 1, 366
Waitz. 44)
im bereich des nicht-gegenständlichen. 4@aa)
in der musik von der ausschmückung des musikalischen werkes oder seines vortrags; vgl. dazu: die verschiedenen manieren und veränderungen, die blosz eine mehrere annehmlichkeit zur absicht haben, (
werden) zu den verzierungen gerechnet Sulzer
theorie (1792) 4, 678; verzierungen (manieren, ornamente ...)
ist der gemeinsame name für die durch besondere zeichen oder kleinere noten angedeuteten ausschmückungen einer melodie ... die wichtigsten und noch heute üblichen, durch zeichen angedeuteten verzierungen
sind: triller, pralltriller oder schneller mordent (
pincé),
langer mordent, doppelschlag, umgekehrter doppelschlag Riemann
musiklex. 7 1478
b: die schluszcadenzen mit und ohne verzierung Bach
art d. clavier zu spielen (1759) 2, 259; und mir schienen sie doch immer mehr studium der geige und der äuszeren verzierungen der tonkunst ... zu verrathen Schubert
leben 1 (1791) 211; sein kirchenstyl gränzt sehr ans erhabene, nur ist er überladen mit verzierungen
ders., ästhetik d. tonkunst (1806) 209; auch wurde, wie der genius des italiänischen gesanges es verlangt, sowohl in dem rezitativ als in der arie auf gewisse verzierungen gerechnet E. T. A. Hoffmann
s. w. 1, 31
Gr.; eine wesentliche kunst des sängers war es, dieselbe melodie so oft sie vorkam in anderer weise, mit anderen verzierungen und accenten vorzutragen O. Jahn
Mozart (1856) 1, 252. 4@bb)
bei literarischen werken von der schmückenden ausgestaltung nach inhalt und form und den dabei verwendeten stilmitteln, vgl.: in der beredsamkeit und dichtkunst werden alle nebenbegriffe, eingeschaltete gedanken, episoden ..., zu den verzierungen gerechnet Sulzer
theorie d. schönen künste (1792) 4, 678; ich werde dabey (
bei d. anmerkungen) so viel bogen ersparen, als bey einem nach den regeln zusammengesetzten werke die immer wieder nöthigen ... vorbereitungen, die verbindungsförmelchen, die verzierungen der schreibart, die gelehrten ausschweifungen ... weggenommen haben würden Schwabe
belust. (1741) 1, 165; durch dergleichen unnöthige verzierungen verderbet man die einfalt des Homer und verändert seine ganze manier
allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 20; dieser ungekünstelte, viereckigte vortrag, der auf nichts als wahrheit geht, ist besser als aller stil, der sich in schönheitslinien krümmet und windet, mit farben spielt und in verzierungen von fremder natur ausschweift Herder 2, 93
S.; im ganzen sind fast alle gedichte zu lang und der kern des gedankens wird von langweiligen verzierungen überladen und erstickt Schiller 2, 385
G.; (
die geschichte hat) alle requisite, unter der hand des philosophen interessant zu werden und dieses interesse kann jeder verzierung entbehren (1789)
ders., br. 2, 343
Jonas; nicht durch schmuck und verzierung der nebenumstände (
i. d. fabel) die einbildungskraft auf kosten der ruhigeren betrachtung und belehrung des verstandes unterhalten Eschenburg
entwurf (1783) 59 § 11; in meiner jugendgeschichte sind die personen, ihre charaktere und die geschichte selbst nach der wahrheit geschildert und beschrieben; aber es kommen allerlei verzierungen darinnen vor, weil sie der damalige zweck nöthig machte Jung-Stilling
s. schr. (1835) 1, 584; wer die kontinuität der handlung beobachten will, muss die charaktere nur als zufällige verzierung ansehen Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 335; die götter der alten werden (
bei modernen dichtern) zu schnöden verzierungen gemiszbraucht Hebbel
tageb. (1903) 1, 387. 4@cc)
allgemein von den formen des lebens, besonders der art des geselligen umgangs: die wahrheit hat zuweilen kleine verzierungen nöthig. eine lüge kann zuweilen niederträchtig seyn, aber eine erdichtung ist löblich
slg. v. schausp. (1764) 1, 27 (
d. caffeehaus); mich ärgern alle die verzierungen, die man beym guten gemeinen leben anbringt. da will man seine vorige bekannte rathen lassen wer man ist! Hippel
lebensläufe (1778) 3, 2, 393; es ging bei solchen gelegenheiten in dem hause eines guten pächters ... eben so her, wie in dem eines barons ... mit derselben feierlichkeit und verzierung des lebens; aber freilich steifer und ungelenker Arndt
ausgew. w. (1892) 1, 18; die unschuldige eitelkeit, sie ist die gutartige verzierung des daseins! G. Keller
ges. w. (1889) 3, 134. 55)
vereinzelt dem positiven zierung
in gegensätzlichem sinne gegenübergestellt, aber wohl kaum sprachläufig (
doch s. verzieren 2): verzierung
deformatio, depravatio Stieler
stammb. (1691) 2647. —