verzichten,
vb. ,
aufgeben, entsagen; verbalableitung von verzicht,
f., m., die seit dem ausgehenden 18.
jh. für veralterndes verzeihen in entsprechender bedeutung (
s. d. B
ob.)
sowie für verbale wendungen wie verzicht tun, leisten
eintritt. ein vereinzeltes früheres zeugnis schlieszt sich an die syntaktische fügung von verzeihen B 1 (
genitiv der sache)
an und steht in keinem unmittelbaren zusammenhang mit dem an verzeihen B 4
anknüpfenden neueren sprachgebrauch mit präpositionalem objekt: da der man verkouffet gut, damit der sun geerbet ist, vnd verzihet dez nit (
var. a. d. 15.
jh.: verzichtet sich des der sun nit), daz gewinnet der sun mit recht wider
keyserrecht von 1372,
cap. 103
Endemann. ob ein seit dem 15.
jh. belegtes mnl. vertichten (
s. Verwijs-Verdam 9, 137)
sowie ein aus mnd. vortichtenisse, vertychtnisse (
s. Schiller-Lübben 5, 474; Diefenbach
gloss. 493
c)
vermutlich zu erschlieszendes vertichten
als vorstufe des nhd. wortes gelten können, ist wegen der spärlichen bezeugung nicht mit sicherheit zu entscheiden. ungewöhnlich ist transitiver gebrauch bei Dahlmann: kleinmüthig verzichtete der herzog sogar sein herzogthum
gesch. v. Dännemark (1840) 1, 505;
passivisch: mancher rath war ... gepflogen und wieder verzichtet
ders., franz. revol. (1845) 292.
lexikalisch zuerst bei Campe 5 (1811) 407
verzeichnet: verzichten
verzicht thun oder leisten (
s. auch 1).
einige mundartwörterbücher buchen das aus der hochsprache übernommene wort: verzichten Frederking
Hahlen 164; Martin
ma. v. Rhoden 212; Bauer-Collitz
Waldeck 32; Schmeller-Fr. 2, 1105; '
kaum populär' Fischer
schwäb. 2, 1428.
der sehr differenzierte sinngehalt des wortes schlieszt sich zunächst an verzeihen B
an (
s. u. 1—6),
doch treten einzelne teile dieses sinngefüges (
besonders die bei verzeihen
häufige verwendung im religiös-asketischen sinne und die bedeutung '
die hoffnung verlieren'
s. 4, 5 a)
hier gegenüber neueren bedeutungsnuancen bzw. gebrauchsweisen (
s. 5 b, 7—10)
zurück oder verschwinden ganz. der neuere wortgebrauch zeichnet sich gegenüber dem älteren (verzeihen B)
durch eine häufige bezogenheit auf tätigkeiten aus (
s. bes. 7),
während der wortsinn von einer im modernen lebensgefühl wurzelnden haltung der resignation her eine neue färbung gewinnt (8). 11)
als negative willensäuszerung in bezug auf einen gegenstand oder eine person, die nicht erwünscht ist, bzw. auf ein verhalten, das nicht gewollt wird, vgl. verzeihen B 1 a.
in betont ablehnendem sinne in direkter rede: der gewalt entsagend, verzicht ich auch auf ihren schein und ihre mittel (
vor 1785) Benzel-Sternau
bei Campe 5 (1811) 407; und ich verzichte auf jedes andere verdienst, als auf das, was Horaz nennt: aus dem allbekannten herauszugreifen und durch anordnung und verbindung zu wirken Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 14; diese heirat wird nicht zustande kommen. nicht? warum denn nicht? weil ich auf die hand des fräuleins verzichte Bauernfeld
ges. schr. (1871) 5, 261; kunst, nicht wahr? sammetblauer himmel, heiszer wein und süsze sinnlichkeit ... kurzum, ich mag das nicht. ich verzichte. die ganze bellezza macht mich nervös (1903) Th. Mann
ausgew. erz. (1953) 135; Guste lachte geringschätzig. auf Wulckows verzichten wir, aber zum harmonieball gehen wir gerade H. Mann
d. untertan (1949) 256; ich verzichte darauf, dieser auseinandersetzung noch länger beizuwohnen Feuchtwanger
Simone (1950) 302.
im sinne einer ablehnenden haltung: auch Boyen hat ... auf das bequeme mittel der körperlichen züchtigung für exerzierfehler konsequent verzichtet Meinecke
Boyen (1896) 1, 107. 22)
als blosze aussage oder feststellung, dasz etwas, was im bereiche der möglichkeit liegt, nicht gewollt bzw. getan wird, vgl. verzeihen B 1 b; '
keinen gebrauch von etwas machen, nicht anwenden, von etwas absehen, sich enthalten': auf jeden beweis für die wahrheit oder nothwendigkeit des christentums verzichten wir ... gänzlich Schleiermacher
s. w. (1834) I 3, 77; indem man auf dasselbe (
d. rezitativ) verzichtete, gewann man für den dialog die freiheit einer witzigen conversation O. Jahn
Mozart (1856) 2, 210; doch verzichten wir darauf, die ereignisse der jugend ... mit vollkommener historischer genauigkeit zu bestimmen Ranke
s. w. (1867) 1, 199
anm.; meinen herrn collegen stelle ich ergebenst anheim, ... dafür sorge tragen zu wollen, dasz die amtliche publication von Gruners ernennung, wenn se. majestät nicht überhaupt darauf verzichten will, doch in einer form stattfinde, aus der die nichtcontrasignatur zweifellos ersichtlich ist Bismarck
ged. u. erinn. 2, 230
volksausg.; er verzichtete darauf, sich rechenschaft von einem gefühl der genugtuung oder beunruhigung zu geben, das diesen gedanken begleitete (1911) Th. Mann
ausgew. erz. (1953) 428.
in temporalem zusammenhang sich der bedeutung '
aufhören'
nähernd: dies grösste reitergefecht des feldzuges hatte zur folge, dass der französische rechte flügel auf alle weiteren angriffsversuche verzichtete Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 3, 45; seit wir ... darauf verzichtet haben, schöpferisch mit jenen generationen zu wetteifern H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 1, 36. 33)
in fester terminologischer ausprägung in der rechtssprache: '
von rechten keinen gebrauch machen, von ansprüchen, forderungen zurücktreten'
u. dgl.; vgl. 1verzicht A, verzeihen B 1 c.
während das ursprünglich an die rechtssprache gebundene substantiv verzicht
eine förmliche willensäuszerung bezeichnete, hat das abgeleitete verbum verzichten
im anschlusz an den bedeutungsbereich von verzeihen B
diese begrenzung von vornherein nicht gekannt, sondern benennt allgemeinsprachlich vielmehr den willensakt als solchen (
vgl. auch verzeihen C 2 a
oben)
; dies wirkt wieder auf die rechtssprachliche terminologie, vgl.: eben weil die verzichtleistung
eine förmliche erklärung ist, kann von einer stillschweigenden verzichtleistung
eigentlich nicht die rede sein, wenn man gleich das zeitwort verzichten
wohl davon gebraucht Krünitz
encykl. 219 (1854) 391;
weiteres s. 1verzicht A 3. 3@aa)
in gesetzestexten: auch wenn (
der mieter) auf die geltendmachung der ihm zustehenden rechte verzichtet hat
BGB § 544; eine bewegliche sache wird herrenlos, wenn der eigentümer in der absicht, auf das eigentum zu verzichten, den besitz der sache aufgibt
ebda § 959; die bank verzichtet auf das widerspruchsrecht
bankgesetz v. 14. 3. 1875 § 44; die hypothekenbank darf auf das recht zur rückzahlung der hypothekenpfandbriefe höchstens für einen zeitraum von zehn jahren verzichten
hypotheken-bankgesetz v. 13. 7. 1899 § 8,
abs. 2.
entsprechend in der literatursprache bei darstellung rechtlicher verhältnisse: am lehnseid der italienischen prälaten liegt uns nichts, sobald sie nur auf jedes lehn vom reich verzichten wollen Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 5, 19; er risz sich los, verzichtete auf sein väterliches erbe und griff noch einmal zu den waffen Ranke
s. w. (1867) 1, 292; um übrigens den ... mutmassungen ein ende zu bereiten, gibt der auf seine erbschaft verzichtende schuhmachermeister ... bekannt O.
M. Graf
unruhe (1948) 364; wenn du einfach die mitgift auf fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf ihren anteil am geschäft verzichten H. Mann
d. untertan (1949) 211.
speziell auf den thron verzichten,
vgl. 1verzicht A 2: deshalb erklärt Napoleon, getreu seinem schwure, dasz er für sich und seine kinder verzichtet auf die throne Frankreichs und Italiens H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 51; prinz Georg kam auf den thron und verzichtete nicht zugunsten seines sohnes Friedrich August Renn
adel im unterg. (1947) 13. 3@bb)
allgemeiner oder nur noch im sprachlichen ausdruck der rechtssprache nahestehend: Mirabeau hielt fest an dem satze, die regierung habe durch die aufforderung an das publicum, sie mit ihrem guten rathe ... zu unterstützen, auf die censur verzichtet Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 185; wurden ... die senatoren ... angewiesen, ... auf den ... stimmplatz in den ... rittercenturien ... zu verzichten Mommsen
röm. gesch. 2 (1865) 71; er hat den bruder mir erschlagen, damit hat er auf bruderrecht verzichtet! Grabbe
w. (1874) 1, 90; um meinetwillen soll mein geschlecht verzichten auf den festen sitz, der unsere ehre war G. Freytag
ges. w. 9 (1887) 81; dasz er auf das recht, die angetraute frau nach seinem willen zu lieben, gänzlich verzichtete Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 25; der Deutsche musz in seiner geschichtsauffassung die hand legen auf das, was er selber auszerhalb seiner grenzen geschaffen hat. das ist nicht ein recht, auf das man auch verzichten könnte Pinder
kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 102.
handelt es sich um das zurücktreten von forderungen, so kann sich verzichten
unmittelbar auf die geforderte handlung (
statt auf die forderung)
beziehen: Mithradates ... begehrte ..., dasz die Römer auf die auslieferung der kriegsschiffe verzichten ... möchten Mommsen
röm. gesch. 2 (1865) 303; ob man landabtretungen fordern oder auf solche verzichten ... will Bismarck
ged. u. erinn. 2, 118
volksausg. 44)
der an religiös-asketische vorstellungen anknüpfende wortgebrauch begegnet in neuerer zeit nur noch selten; vgl. verzeihen B 1 d: ob man gleich sich recht gut erinnerte, dasz er, auf alles irdische gut völlig verzichtend, bei wartung von pestkranken auch sein leben nicht in anschlag gebracht habe (
von St. Rochus) Göthe I 34, 1, 28
W.; starke geister hingegen wie Lucrez, die wohl zu verzichten, aber sich nicht zu ergeben genaturt waren, suchten ... auch die furcht los zu werden
ebda 41, 1, 363; ausdrücklich hatte er auf den trost verzichtet, ein eheliches weib ... zu haben Ranke
s. w. (1867) 1, 46; wie entschieden endlich entspricht diese richtung der seines eignen ordens, der gleichsam von vorherein darauf verzichtet hatte, in weltlichen angelegenheiten etwas anderes als den pflug und den hirtenstecken zu führen Nitzsch
dt. studien (1879) 10.
in humoristisch oder ironisch gefärbtem zusammenhang: der heil. Antonius, so wird berichtet, hat endlich ganz auf die welt verzichtet Wilhelm Busch
d. hl. Antonius (1870) 66; (
von einem indischen weisen:) mit wirklicher zuvorkommenheit lade ich euch ein zu mir vor meinen hohlen baum und werde euch mit jujubenbeeren bewirten, die ich in blättern gesammelt, nicht um sie zu essen, sondern um darauf zu verzichten (1944) Th. Mann
ausgew. erz. (1953) 669. 55)
in hinsicht auf etwas, das gewünscht oder gewollt wird, dessen verwirklichung aber durch notwendigkeit oder besondere umstände nicht möglich ist. 5@aa)
nur gelegentlich in der bedeutung '
die hoffnung auf etwas verlieren'
; vgl. verzeihen B 1 e: hegte kurze zeit die hoffnung, sie bey mir zu sehen, worauf ich leider aber bald verzichten muszte Göthe IV 25, 151
W.; ich habe jetzt, was ich in dieser grösze, stärke, innigkeit nie gehabt, ein glück, auf das ich längst verzichtet hatte, ist mir zu theil geworden (1888) G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 204.
ähnlich, doch mehr im sinne '
sich abfinden': habe ich längst auf den beifall meiner zeitgenossen verzichtet Schopenhauer
w. 1, 20
Gr.; ich sehe schon, dasz ich endgültig darauf verzichten musz, widersprüche zu vermeiden Mühsam
namen u. menschen (1949) 91. 5@bb)
häufiger im sinne von '
entbehren (
müssen),
ohne etwas auskommen (
müssen)': dasz sie von Berlin so gut wie gar nichts sehn würden, daran verlieren sie nicht viel. aber auch auf Schleiermacher, Tieck, Dorothea müszten sie dann so gut wie gänzlich verzichten Caroline 1, 522
Waitz-Schmidt; will denn mein loos, dass ich auf sie verzichte? Erlach
volkslieder d. Deutschen (1834) 3, 563; auf die suppe muszte nach und nach ganz verzichtet werden Immermann
w. 2, 29
Hempel; der weimarische hof gab jedoch der mutter eine pension von 300 talern, ... jedoch ... mit der bedingung, sie im lande zu verzehren, somit musz Adele, solange sie in Italien ... bleibt, darauf verzichten (1845) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 413
Schulte-K.; er wollte ihr nach kräften einen ersatz der lebensgüter bieten, auf den sie einst ... hatte verzichten müssen Storm
s. w. (1899) 1, 234; der vater des neugeborenen ... muss ... vier tage lang auf jedes bad verzichten O. Peschel
völkerkunde (1874) 26; wiederholt verglich ich meine lektüre einer fahrt im freiballon, der sich irgendeinem winde anvertrauen und auf eigentliche steuerung verzichten musz Klemperer
l. t. i. (1949) 26; alles einzelne an ihr und um sie herum war von solcher art, dass man notfalls darauf hätte verzichten können; aber wenn Gustav darauf verzichten müszte, wäre dann das leben lebenswert? Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 97. 5@cc)
in ähnlichem sinne in negativer wendung: nicht verzichten können '
nicht ohne etwas auskommen (
können),
nicht entbehren können': auf zwei dinge kann der mensch nicht verzichten, auf seine liebe nicht — und nicht auf seine poesie (1843) L. Schücking
br. 331
Muschler; der verstand kann auf jene zweifel nicht verzichten Justi
Winckelmann (1866) 1, 63; sowohl die sünde als auch die sühne hatten sich der modernen technik angepaszt und konnten auf den zeitgemäszen komfort nicht verzichten Werfel
d. veruntreute himmel (1952) 160. 66)
wie in älterer sprache verzeihen (
s. d. B 1 f)
häufig in zusammenhängen, die verschiedene möglichkeiten des handelns zulassen, hier meist einen durch abwägen gefaszten entschlusz zur preisgabe einer bestimmten sache bezeichnend: aber dennoch hat er sich nicht mit einem male entschlieszen können, auf eine form zu verzichten, die der subjectivität spielraum gewährt Herder 12, 399
S.; jedoch aus allerlei rücksichten musz ich auf solche that verzichten H. Heine
s. w. 2, 84
Elster; einer möcht wohl lieber aufs ewige leben verzichten, als ewig das erlernte wieder den nachkommen mittheilen Bettine
d. Günderode (1840) 2, 105; wollte man auf die mahlzeit nicht ganz verzichten, so musste man gute miene zum bösen spiele machen H. Schmidt
ges. schr. 8 (1861) 81; da ich jedoch immerhin auf eine sehr scharfe klettertour gefaszt war, liesz ich in der scharte alles entbehrliche gepäck zurück, und verzichtete sogar auf einen morgenkaffee Barth
Kalkalpen (1874) 245; so stand man vor dem dilemma: das gewölbe annehmen und die basilikaform fallen lassen — oder der basilika treu bleiben und auf das gewölbe verzichten Dehio
kunsthist. aufs. (1914) 13; man muss entweder auf den osten oder auf Rom verzichten Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 123; aber jetzt verzichtete er mit kühnem entschluss auf diese ganzen, sorglich zurechtgelegten argumente
ebda 54; auf dieses hochamt verzichtet die Soubirous hauptsächlich deshalb, weil sie ihren vermögenderen schwestern in der kirche nicht begegnen will Werfel
Bernadette (1948) 92. 77)
während verzeihen B
sich fast ausschlieszlich auf sachliche objekte bezieht, wird die neubildung verzichten
in zunehmendem masze auch auf willensmäszig bestimmte tätigkeiten bezogen und erhält damit die bedeutung '
den wunsch bzw. die absicht aufgeben': Maurepas, beunruhigt durch die einmischung der königin ..., verzichtete schnell auf jegliche einwendung Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 47; ich werde Wagener bitten auf meine vernehmung zu verzichten Bismarck
br. an s. gattin 259
Bism.; im andern fall wäre besser auf das unternehmen zu verzichten
ders., ged. u. erinn. 2, 60
volksausg.; in diesem betracht schien es doch gerathen, auf sein ehrgeiziges project zu verzichten
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 234; general Clausz aber musz auf sein russisches abenteuer verzichten, falls er es noch im kopfe hat A. Zweig
einsetzg. e. königs (1950) 364; als sich Caruso in seiner garderobe abschminken wollte, bat man ihn, darauf zu verzichten Frank Thiess
Caruso (1953) 211. 88)
in neuerer sprache kann (
besonders im absoluten gebrauch)
das moment der resignation, des kleinmütigen oder verzweiflungsvollen sichabfindens im wortsinn bestimmend hervortreten: er verzweifelte daran, so viele, ihm zum teil widerwärtige dinge ... einzufangen, und verzichtete freiwillig und endgültig darauf, ein originalgenie zu werden G. Keller
ges. w. (1889) 6, 248; jede echte liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich; erbärmlich und thöricht aber der kleinmuth, der verzichtet
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 111; wahrhaftig, es gab nichts anderes mehr, als sich abfinden, verzichten, heimkehren, den groszen lebensplan fahren lassen für immer Werfel
d. veruntreute himmel (1952) 124; der entschlusz tat ihm wohl. er verzichtete, verzichtete auf immer (
auf das von ihm geliebte mädchen) Th. Mann
ausgew. erz. (1953) 8; müde geworden durch die ständigen sinnverfehlungen, verzichtet sie (
die vernunft) schlieszlich auf jegliche sinngebung
qu. v. 1954.
als unmittelbarer ausdruck einer stimmung: da vergeht einem auch die lust, da verzichtet man schlieszlich lieber Gerhart Hauptmann
einsame menschen (1891) 80.
substantivisch: wild verwachsne dunkle fichten, leise klagt die quelle fort; herz, das ist der rechte ort für dein schmerzliches verzichten Lenau
s. w. 168
Barthel; wenn ich liebesleute sehe und zufrieden weiter gehe ohne sehnsucht nach dem paradies, ach, das ist ein still verzichten auf des herzens tiefstes dichten, das der jugend ewigkeit verhiesz H. Hesse
ged. (1947) 248.
besonders deutlich wird dieser sinngehalt in gegenüberstellung mit dem sinnverwandten entsagen: diese kraft der entsagung ergriff ihn, er bewunderte sie, weil sie ihm selber mangelte ... doch zugleich verletzte es ihn um ein geringes, dasz sie sich mit dem leben so verzichtend abgefunden Frank Thiess
Caruso (1953) 527. 99)
bei der beurteilung künstlerischen und geistigen schaffens wird der wortsinn bisweilen weniger vom zugehörigen subjekt her verstanden, sondern vielmehr von dem beurteilenden selbst, der eine bestimmte eigenart des gegenstandes oder der person als mangel bzw. verzicht auffaszt: indem er (
Mozart in seinen quartetts) einem tiefbegründeten zuge seiner natur folgte, verzichtete er auf die beweglichkeit und leichtigkeit, mit welcher Haydn in einem freien spiel ... diese formen behandelte O. Jahn
Mozart (1856) 4, 77; er (
Rudolf v. Ems) hat wie ein gelehrter den stoff zu seinem werke, nach seinem eigenen ausdrucke 'compilirt'; er will ihn vollständig liefern, und verzichtet daher von vornherein auf den ruhm, 'langen sinn mit kurzen worten zu begreifen' Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 475; auf eine wärme der darstellung ... muss er (
der Norddeutsche) von vorn herein verzichten Ranke
s. w. (1867) 37, xi; sind die heldengedichte ... voll von fest ausgeprägten formeln, ... denen gegenüber viele dichter auf persönliche originalität willig verzichten Scherer
litteraturgesch. 7 109; weil er auf selbstgemachte theologie verzichtet, hat er noch nicht das recht, gar keine theologie zu haben Lagarde
dt. schr. (1886) 15. 1010)
handelt es sich um menschliche äuszerungen in kunst, religion, wissenschaft, sprache u. dgl., so kann an die stelle des persönlichen subjekts ein sachliches subjekt treten: sie (
eine solche hypothese) verzichtet überhaupt auf jede erklärung der gegenwart aus der vergangenheit Peschel
völkerkunde (1874) 36; während die italischen sprachen ... auf den dual verzichteten, haben sie den ablativ ... erhalten Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 12; bei einer auf idealisierung verzichtenden religion
ebda 154; uns erscheint merkwürdig, dasz diese 9 kaisergräber auf künstlerische auszeichnung ganz verzichtet haben Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 89; dennoch begreifen wir, wie dieser romantypus, auf allen künstlerischen ehrgeiz verzichtend, ... zur geistigen nahrung einer anspruchslosen ... sozialen schicht werden konnte H. de Boor
gesch. d. dt. lit. 2 (1953) 210.