verträglich ,
einziges noch übliches adj. und adv. zu vertragen.
eine nebenform verträgig erlischt im 16.
jh.: mhd. wb. 3, 77
b; Lexer 3, 274; Fischer 2, 1383; wis in als gote gehôrsam, verträgic, undertänic
d. mystiker 1, 338, 36.
ahd. unfartragantlih, unfertragenlich '
unerträglich'
erscheint schon in den glossen 2, 655
b Steinmeyer-Sievers und bei Notker
vgl. Graff 5, 499;
mhd. und frühnhd. noch vereinzelt vertragenlich,
indulgenter Frisius 685, Maaler 435
a;
sonst in der kürzeren form vertregelich, verträgelich
mhd. wb. 3, 76
b; Lexer 3, 274; vertragelich, verdrechlich,
tollerabilis Diefenbach
gloss. 586
c;
seit dem 17.
jh. in anderer bedeutung (
lexicalische nachweise s. unter 3).
mundartlich obd.: schwäb. verträglich Fischer 2, 1383;
österr. vertraglich
bei Anzengruber (
s. unten).
mnd. vordrachlik Lübben-Walther 497
b;
mnl. verdrachlijc Verdam 619
a; verdraghelijk,
tolerabilis, patiens, aequanimus Kilian 585
a;
nl. verdragelijk;
ostfries. ferdragelk Doornkaat 1, 444
a.
ins dän. übernommen fordragelig. 11) '
zuträglich, förderlich, bekömmlich' (
vgl. vertragen I 6): es wird dem gesambten hausze Weymar nicht wenig vorträglich seyn
Weim. urkunde v. 1685
bei Diefenbach-Wülcker 570; der brand ist allezeit der frucht mehr schädlich als vorträglich Hohberg
georgica 3, 137
b; so hat es (
Europa) auch zu meisten orten und zeiten ein getemperierte, gesunde und vertregliche lufft Quad
enchiridion cosmographicum (1604) 3; daʒ eʒ den blœden ougen deste verträgelicher sî biʒ sie geheilen
d. mystiker 1, 324, 37.
eine schwäb. quelle von 1790
bei Fischer.
dem sinne nach schlieszt sich das heute übliche verträglich
an, das wir von speisen und getränken gebrauchen (
vgl. vertragen II 1): eine leicht verträgliche speise Heyne.
literarische belege fehlen. 22)
im anschlusz an vertragen II 2
ist es vor erträglich
gewichen. '
leicht zu ertragen': die (
sünde) wæren sô vertregelich, daʒ got lîhte erbarmte sich über sô getâne schulde Fleck
Flore 7959; ob schon die weltlichen .. dem gemein man mer abgenommen haben denn in von recht gebürt, so ists aber verträglicher denn von den falschen geistlichen
satiren 3, 186, 24
Schade; und ernstlich wurden verkaufft in knecht und in dirnen, und wer in ein vertregliches (
var. leydlicher) ubel, und ich schweyg seufzende
erste d. bibel (
Esther 7, 4); das sie umb einen vertreglichen pfenning bessere wartung und tracterung in ihrem eigenen hause nicht hetten haben kunnen Quad
teutscher nation herligkeit (1609) 16. 33)
zu vertragen II 5
gehört verträglich, '
nachsichtig'
: indulgenter Frisius, Maaler, Dentzler; so gloubst dem aller gerechtesten, dem aller barmhertzigesten, verträgelichesten Riederer
spiegel t iv
b; also war er auch vertreglich und gütig den, die im nach gaben und entwichen Carbach
Tit. Liv. 323
r.
am ausgedehntesten ist der gebrauch von verträglich
meist im anschlusz an reflex. vertragen III 4
ff.: pacificus, friedfertig oder verträglich Zehner (1645) 75;
placabilis Reyher u 5 v
b;
comportable, verträglich Wächtler 110;
placabilis, versühnlich;
concors, einig Dentzler 315
b, 314
b;
placabilis, lenis, mitis Frisch 2, 380
c; verträglich sein, leben miteinander Kramer 2, 1112
a;
geneigt und fertigkeit besitzend, sich mit andern zu vertragen, friedlich mit ihnen zu leben Adelung; vertragsam (
s. d.)
drückt diese eigenschaft in höherem grade aus, indem es eine fertigkeit darin einschlieszt Campe; wis niht an pentekeit müelîch, wis hüfsch unde vertregelîch Thomasin
wälscher gast 8174; wenn die arbeiter fleiszig, die vorsteher treu, und die gewercken richtig und vertreglich sein Mathesius
Sarepta 37
b; haltet euch .. fleiszig im studiern, verträglich in compagnie Schoch
studentenleben B 8
a; (
er war) verträglich in der welt, klug und verschmitzt im rathe Lohenstein
hyacinthen 2, 53; (
so) leben und sterben sie still und verträglich, gleichgültig-vergnügt Herder 13, 210; die menschen sind nicht mehr so gesellig und verträglich maler Müller 2, 116; na, könnt'st du nit leicht a frumm und vertraglich sein? Anzengruber 6, 37.
mit präpos. zusatz: der verträglich, schiedlich und friedlich gegen männiglich sich erzeige Dannhawer
catechismusmilch 3, 90; verträglich, tugendhaft, voll ehrfurcht gegen gott Brockes
irdisches vergnügen 4, 340; wenn nur die treue braut das elend in der zeit mit uns verträglich baut Günther
ged. 784; darum sollen sie auch freundlich und verträglich seyn mit einander Arndt
an s. l. Deutschen 1, 267; (
sie) verhielt .. sich so bescheiden und verträglich zur truppe, ... dasz niemand mehr klage führte über sie Holtei
erz. schriften 35, 165.
gesteigert: sie werden in mir den verträglichsten ehemann finden Schröder
dram. werke 2, 90.
subst.: der verträgliche,
name eines mitgliedes der fruchtbringenden gesellschaft vgl. Neumark
palmbaum 237.
von nicht menschlichen lebewesen: im fal sich einiger garstiger neidhammel unter die verträglichen schafe mit einmischen ... solte Zesen
Helikon 31; sehr gesellige vögel, die immer verträglich unter sich leben Naumann
naturgeschichte der vögel 2, 149; mit sich selbst verträgliche gewächse Schwerz
ackerbau 888; noch manches kraut, manch dunkel-kräft'ger stein, der ihr entsprangt, der erde geb' ich euch. so, ruhet hier verträglich und auf immer! Grillparzer 5, 127 (
Medea).
von sächlichen dingen: daʒ diu werlt sô gar ahte gevie eines mannes durch sîn güete unt umb verträglîch gemüete
die warnung 852
Haupt; inzwischen ist sein verträglicher umgang mit allen denen .. gewisz nicht vergeblich gewesen Spangenberg
leben Zinzendorfs (1773) 945; bei ihrem gutherzigen und verträglichen charakter Forster 2, 145; wodurch ihr geschmack verträglicher und ihre beurtheilungskraft unpartheylicher werden muszte
allg. d. bibliothek 1
2, 16.
bisweilen läszt sich verträglich
zugleich als '
versöhnlich'
und '
erträglich'
auffassen: versuche, mit dieser macht in ein verträgliches verhältnisz zu kommen Ranke 30, 286; zu einem verträglichen ende führen Bismarck
polit. reden 4, 209. 44)
seit dem 18.
jh. ist '
vereinbar, harmonisch'
im anschlusz an vertragen III 7
zu belegen: harmonisch, compatibel Moritz
gramm. wb. 4, 285;
compossibel, zusammen möglich, nicht ausschlieszend Eisler
philos. wb. 3, 1673; 1, 650; lebensthätigkeit und tüchtigkeit ist mit auslangendem unterricht weit verträglicher als man denkt Göthe 25, 6
Weim.; dasz feigheit uns mit einem edlen charakter nicht wohl verträglich scheint Schopenhauer 5, 209; deshalb sollte die menge der selbstgebauten rüben nicht gröszer sein als mit einer geordneten fruchtfolge des gutes verträglich war Freytag
werke 1, 92; weil das, was zu recht und ordnung bestehn kann, schon unsern vorvordern bekannt war, und was dö nit kennt hab'n, a nit mit recht und ordnung vertraglich is Anzengruber 6, 221.
mit nebensatz: es scheint mir mit der würde eines priesters nicht recht verträglich, blut zu vergieszen Holtei
erz. schriften 27, 80.
attributive stellung ist selten: dasz Preuszen ohne krieg und in einer mit legitimistischen vorstellungen verträglichen weise das vorgewicht in Deutschland zufallen würde Bismarck
erinnerungen 1, 74.
die anwendung auf verträgliche ('
harmonische') farben
ist nicht mehr üblich: alle tapeten sind helle, von sanften, verträglichen farben Sturz
schriften 1, 8; in absicht der festigkeit und des guten geschmacks in verbindung der verträglichsten farben Lessing 10, 361.