verschwimmen,
verb. ,
eine schöne bildung der neueren sprache wie verschweben. Adelung
registriert das wort noch nicht, Campe
verzeichnet es als ein fest eingebürgertes; es steht sehon bei Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 724
a,
aber in beziehung gesetzt zur eigentlichen bedeutung von schwimmen: sich verschwimmen,
stranuotare, fallare il corso nel nuotare. das ist gewisz mehr theoretisch aufgestellt; doch vgl. die stelle aus Rückert
unter 1.
der gebrauch des wortes in der entwickelten nhd. sprache beruht durchaus auf der übertragenen anwendung von schwimmen;
zunächst wird neben verschwimmen
auch sich verschwimmen
gebraucht, diese verbindung mit dem reflexiv wird aber dann völlig aufgegeben; besonders häufig ist das part. perf. verschwommen
in adjectivischem gebrauch. 11)
zunächst sinnlich, für das auge undeutlich werden, weich oder weichlich übergehen, sich lösen, auflösen, entschwinden: dat ferswum för mîn ogen. ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 469
a; die fernen höhenzüge verschwimmen, die conturen der gegenstände, die farben verschwimmen in ein lichtes blau; alles verschwimmt im nebel, in der abenddämmerung, im mondlicht; verschwommene fernsicht;
nach dem ästhetischen eindruck: die farben verschwimmen in einander;
tadelnd: verschwommene zeichnung, verschwommene farben,
von undeutlichkeit oder weichlichkeit. freier: verschwommene technik.
vom ton: verschwimmende accorde,
undeutlich werdende; vielfach so in bildlicher und freierer verwendung; ein verschwommenes gesicht,
mit undeutlichen, unfesten zügen; verschwommene augen,
unklare. an die eigentliche bedeutung von schwimmen
anknüpfend: die thräne wär' im ozean verschwommen, wenn nicht das meer, den edlen ursprung kennend, sie hätt' in eine muschel aufgenommen. Rückert
ges. ged. 1, 156 (1840);
übergehend in die gewöhnliche anwendung: ein langes fadenhaar verschwimmt, am ende scheinens wasserlinsen. Droste-Hülshoff 1, 335
Schücking. ausgehend von gesichtseindrücken: das flache land, das zuletzt mit der horizontlinie verschwamm. Spielhagen 17, 74; aus dem dicken verschwommenen mehligen gesichte blinzelten unter dicken lidern ein paar verschwommener grauer augen. 1, 13; o könnt' ich schon in deiner blumen mitte, wann kaum der tag am horizont entglommen, bis er in's abendrot zuletzt verschwommen, von träumen leben, ohne wunsch und bitte. Platen 101
b (1839);
toneindrücke: alles ist in seinem (
Ossians) gedichte musik, aber entfernte und dadurch verdoppelte und ins unendlich verschwommene. J. Paul
vorschule d. ästhetik 1, 115; zwar mich trösten deine (
des liedes) stimmen, doch nur einen augenblick, wie sie in die welt verschwimmen, faszt mich neu mein misgeschick. Rückert
ges. ged. 1, 327 (1840). 22)
übertragen auf das innenleben des menschen; in logischem sinne: die begriffe verschwimmen ihm,
er ist zu scharfer sonderung unfähig; eine verschwommene beweisführung; ein verschwommener kopf,
der nicht klar denken kann, u. ä.; hier also stets in tadelndem sinne; von gefühl und phantasie, weiches hingeben, wonniges auflösen, übergehen, sich verlieren bezeichnend: Moor in den anblick verschwimmt. Schiller
räuber 3, 2
schauspiel, beruht auf einem druckfehler der ersten ausgabe, später in verschwemmt
verbessert, s. oben verschwemmen; o es ist mit der ferne wie mit der zukunft! ein groszes dämmerndes ganze ruht vor unserer seele, unsere empfindung verschwimmt darin wie unser auge. Göthe
Werther I, 21
Junius (19, 39
Weim. ausg.); die glücklichen paare ... verschwammen in glückseligkeit.
Wilhelm Meisters lehrj. 1, 8 (21, 41); in die flieszenden bunten lichtwogen, die durch die augenlieder drangen, tauchte er sich dann wie in einen zephyr mit süszem verschwimmen unter. J. Paul
Hesp. 1, 250; freude! wie jedes glied gerührt vom sang und spiel, bewegte, regte sich, ich ganz in melodie verschwamm.
Prometheus 2 (39, 210
Weim. ausg.). 33)
reflexiv: finsternisz und licht — tod und leben — ruhe und bewegung muszten in sanfter mischung sich in einander verschwimmen. Moritz
Andreas Hartknopf (1786) 125; wo verschwimmt es (
mein ich) sich in die umgebende welt. 154; als wenn er an aurikeln roch, auf deren duft-wolken er sich so lange in neue ausländische welten verschwamm, bis er entdeckte, dasz er nur die frühesten seines lebens thauig ausgebreitet sehe. J. Paul
flegelj. 2, 20;
tadelnd: denn allerdings verschwamm sich der verf. zuweilen in jene italienische, ja oft in Tieckische weitschweif- und weitläuftigkeit — (besonders im komischen) — welche niemanden so viel zu genieszen gibt, als dem verf. allein.
kleine bücherschau 1, 165.