verschlingen,
verb. schlingend hinunterschlucken, mhd. in der früheren zeit nicht nachgewiesen, erst aus glossarien des 15.
jahrh. aufgeführt. im voc. venez. ted. von 1424 verslink, verslunken,
iniotire (
it. inghiottire) Dief.
goth. wb. 2, 271. Schm. 2, 530
Frommann; im älteren mnd. auch unnachgewiesen (
auszer in Korner
chron. 14.
jahrh. bei Schiller-Lübben 5, 449),
aber in späteren (15. 16.
jahrh.)
md. und mnd. glossarien. absorbere verschlingen Dief.
gloss. 5
b,
glutire vorslingen, verschlingen 266
c;
ingurgitare vorschlingen 298
c (
mitteld. glossarien).
da das wort somit erst am anfange der nhd. periode auftritt und seine bedeutung sich mit der alten von verschlingen '
verknüpfen, verflechten'
nicht vermitteln läszt, so scheint die bisherige ableitung, die schlingen
in der bedeutung '
hinunterschlucken'
nur als lautliche entartung von verschlinden
auffaszt, nicht zurückzuweisen zu sein. aus den heutigen mundarten lassen sich mancherlei gleiche lautübergänge nachweisen, so besonders im md; aus bewährten quellen sei z. b. aufgeführt: im ruhlaischen findet der übergang des nd
und nt
in ng
vor weggefallenen oder erhaltenen endsilben statt, wo wir sonst '
verschleifung'
zu nn
gefunden haben, mit der dieses ng
ohne deutlich nachweisbaren grund in der weise abwechselt, dasz manche wörter die eine oder die andere lautform gewählt haben, z. b. keng,
plur. kinder, weng,
plur. winde, renger,
die rinder, beng,
binden, ä bengt,
er bindet, se bengen, benglôn,
binderlohn, buchbenger,
buchbinder u. s. w. (Regel 75), benge,
binden, kenger,
kinder, schenger,
schinder, feng, (
ich)
finde, lenge,
linde u. s. w. (Pasch
das altenb. bauernd. 1878
s. 36);
leser der Rudolstädter klänge von Sommer
werden sich an onger, dronger,
altrudolstädtisch gefong
für gefunden 4, 104,
und aus den Erfurter schnozeln ebenfalls an formen wie onger (
unter)
erinnern. hierzu vergleiche man die weiteren belege bei Weigand
wb. 2, 592. Dief.
goth. wb. 2, 272.
wenn nun Diefenbach
umgekehrt übergänge von ng
zu nd
nachweist (slunt,
schlinge, oberd. schlinden
für schlingen, schlendern
für schlenkern),
so beweist das wol nur eine verwirrung, die eben durch dieses zeitweilige eindringen von ng
statt nd
eingetreten ist. 11)
sinnlich: dazu wil er dich wol verteidingen an leib und seel, das niemand dich fresse. er habe jn denn zuvor verschlungen. Luther 7, 108; (
die frösche) sprungen mit gantzem
[] hauffen und eylends ins wasser; waren eben da mehr denn ein hecht, empfiengen und verschlungen die grösten frösche. Kirchhof
wendunm. 4, 354; geschwind wischte ich mit meinem löffel wieder aus dem sack, gab dem kalbskopff den andern fang und wiese kurtz und gut, was man von mir wissen wolte, maszen ich das ander aug gleichwie das erste in einem huy verschlang.
Simpl. 1, 99, 29; (
sie) banden eine eszgabel an einen langen stecken und angelten damit alle kuttelflecke heraus, welche sie alsobald und halbgekocht in groszer eile verschlangen. 1, 350, 3; der gottgleiche mensch wird hier von schlangen, dort von ungeziefer verfolgt; hier vom tiger, dort vom hayfisch verschlungen. Herder
phil. u. gesch. 3, 67 (1821);
sprichwörtliche redensart: ist das nicht ein hessige .. bosheit und schalckheit an dem allerheiligsten stuel! der einen leffel erhelt und verschlingt das haus. Luther 2, 58
b; denn wie gerne sie das ledder fressen wolten (wenn sie könden), zeigen sie offentlich damit an, dasz sie die leplin so girig verschlingen. 6, 16; unter des sahe ein weih .. die mausz auff dem wasser schwimmen, war er baldt da und langte sie, dieweil aber der frosch an die mausz gebunden, zog er denselbigen auch herbey und verschlang ihn lebendig. Kirchhof 4, 292
Österley; wer grosze leut zusammenhengt und sich unter die kleinen mengt, gewisz ein saw ihn mit verschlingt. 4, 265; wann hat ein pantherthier je seine frucht verschlungen? Lohenstein
Agripp. 1, 3, 168; die kohle doch muszt du sogleich verschlingen. Göthe 41, 86.
bildlich: warumb ziehest du denn zu den verechtern, und schweigest, das der gottlose verschlinget den, der frömmer denn er ist?
Habacuc 1, 13; auff uns ist so zornig jhr sinn, wo gott hett das zugeben, verschlungen hetten sie uns hyn mit gantzem leyb und leben. Wackernagel 3, 17,
nr. 87, 2; nu aber dieser dein son komen ist, der sein gut mit huren verschlungen hat, hastu jm ein gemestet kalb geschlachtet.
Luc. 15, 30; .. du begehrst von mir dasz ich um dich sein angedenken schände, mit dir das erbe meines sohns verschlinge. Gotter 2, 203; kanst dise nagen, tringen, zwingen, dern almusen du thust verschlingen, kanst ausz andrer leut schweysz und blut treiben die hofpracht und hochmut. Fischart
dicht. 2, 247, 225
Kurz; die jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort, ich liebe zu tafeln am lustigen ort, ich koste und schmecke beim essen. Göthe 1, 137.
die fähigkeit des schluckens wird auf personificierte dinge übertragen: der könig mit seinen tyrannen, die Abrams blut haben verschlingen wollen und verzehren. Luther 4, 93; wir sehen unsere schüler als schwimmer an, welche mit verwunderung im elemente, das sie zu verschlingen droht, sich leichter fühlen. Göthe 22, 156; denen dieselbe eigentlich nicht zukommt. weil jn nu keine sünde schüldigen, kein teufel verdammen, kein tod fressen, keine helle verschlingen kan, so sollen sie mich auch so ... unverdampt und ungefressen lassen. Luther 7, 101; gewis ist sie der hellen schlund, der zu forderst den bapst selbs und alle welt verschlinget in abgrund der helle durch des teufels rachen.
Hans Worst 25
neudruck; es solt uns wol die erde verschlingen oder der Türcke fressen, wo wir solch gros blut und mord nicht mit ernstem groszem zettergeschrey von uns weiseten auff den Heintzen. 69; dadurch jr die getaufften und erlöseten seelen mit euch verfüret und durch den hellischen rachen in abgrund der hellen verschlinget. 28; und als er dise wort hatte alle ausgeredt, zureis die erden unter jnen und thet jren mund auff und verschlang sie mit jren heusern.
4 Mos. 16, 31; und gantz Israel, das umb sie her war, floh fur jrem geschrey, denn sie sprachen, das uns die erde nicht auch verschlinge. 34; o erde thu dich uff und verschlinge diesen verzweifelten Cora. Alberus
widder Witzeln B 2
a; alle flamme verschlingt immer viele luft .. die versuche beweisen, dasz allezeit (
vom feuer) mehr luft verschlungen als erzeugt wird. Kant 8, 337; diejenigen, die sich keine mühe nehmen, auf die fallbreter acht zu haben, die einen nach dem andern neben ihnen in die tiefe herabsinken lassen .. wovon sie selbst endlich ... verschlungen werden. 10, 461;
[] und wenn die welt vol teuffel wer und wolt uns gar verschlingen. Wackernagel
kirchenl. 3, 19,
nr. 32, 3 (
Luther); bedeck o erde mich, nim zu dir meine ziel, verschling sie oder lasz sich meinen leib verkehren in etwas, welches mich kan der gewalt erwehren. Opitz 1, 8; o wie werden wir da den hügeln flehen: bedeckt uns! und den bergen: fallt auf uns her! und den meeren: verschlingt uns! Klopstock
Mess. 4, 494; ihre lieder, die auf allen zungen damals schwebten, hat die zeit verschlungen. Göckingk 3, 106; wenn sie und mich vorlängst das grab verschlungen. 3, 116; wer wird künftig deinen kleinen lehren speere werfen und die götter ehren, wenn der finstre Orkus dich verschlingt? Schiller
hist.-krit. ausg. 11, 8; ihr werdet dieses kampfes ende nimmer erblicken! dieser krieg verschlingt uns alle. 12, 302 (
Wallenst. tod 3, 15); ha! jetzt wälzt er sich heulend im staube — flehet den blitzen, ihn zu zerschmettern, flehet zum abgrund, ihn zu verschlingen. Gotter 2, 498; doch diesen traum verschlang die gruft. 1, 218; auf klippen, wo den pfad die furcht verschlingt, wohin verzweifelnd nur die gemse springt. Lenau
Faust 9; wa würd die gerechtigkait da schweben, wann ides frevel und arglist gedult würd und nicht bald verbüst, wenn mutwill, raub und freche macht würd für ain billichait geacht? da würd dises lid bald gesungen: die billichait hats schaf verschlungen. Fischart
dicht. 2, 72, 2660
Kurz; siehe, sie stürzen in deinen verschlingenden feurigen athem wie ins unermeszliche meer, die rollenden ströme. Herder
phil. u. gesch. 1, 46 (1820);
mit blicken verschlingen: er fand sie auf einer stelle, wo der weg weniger abhängig war und verschlang mit den augen die wunderlichen bilder, die seine aufmerksamkeit so sehr an sich gezogen hatten. Göthe 21, 6; zum unglück ging sie zufällig als Werthers Lotte gekleidet, in die heutige redoute, und die pracht ihrer despotischen reize wurde von lauter dunkelglühenden augen hinter larven verschlungen und umblitzt. J. Paul 21, 111; der königssohn, anstatt die hand vors aug zu heben, verschlingt das schöne weib mit seinen blicken schier. Wieland 18, 289; weit eher entflöhst du dem ehrnen geschick, als diesem durchbohrend verschlingenden blick. Göthe 40, 397; auf die unschuld schielt der verrath mit verschlingendem blicke, mit vergiftendem bisz tödtet des lästerers zahn. Schiller
spaziergang; wie voller reize sie war! mit welchem verschlingenden geize ich an ihr hing. Wieland 18, 260.
bücher verschlingen: nun erschien Wielands übersetzung. sie ward verschlungen, freunden und bekannten mitgetheilt und empfohlen. Göthe 26, 73; der gröszte vortheil dabei war, dasz wenn wir ein solches heft zerlesen oder sonst beschädigt hatten, es bald wieder angeschafft und aufs neue verschlungen werden konnte. 24, 51; das abentheuerlichste gespenstermährchen verschlingen wir mit begierde. Schiller 10, 17; er .. verschlang alle legenden, alle zauber- und hexengeschichten, erhitzte, verwilderte seine leere einbildungskraft. Klinger 3, 153; wenns (
das buch) erscheint, verschlingen wir es alle, weil er uns selber darin verschlungen. J. Paul 1, 182;
ähnlich: erst nach und nach von dem überzeugt, was man machen soll, .. immer wieder irre gemacht durch ein groszes publicum ohne geschmack, das das schlechte nach dem guten mit eben demselben vergnügen verschlingt. Göthe 45, 131.
übertragen, an das vorige anknüpfend, von bildlichem beginnend und allmählich zum wirklich übertragenen fortschreitend (
indem die bedeutung '
in sich aufnehmen'
zurücktritt),
findet sich verschlingen
wol in den zahlreichsten fällen. entkleidet von allem was sich auf hinunterschlucken bezieht, bleibt die bedeutung '
verdrängen, wegschaffen': das ist aber uber alle wunderwerck, das uns gott solche krafft gibt, dadurch alle unser sünd vergebn und vertilget, der tod, teufel und die helle uberwunden und verschlungen wird, das wir ein unerschrocken gewissen und frölich hertz haben. Luther 2, 398; so sihet man, was es für eine krafft ist, das kein teuffel so stark ist, das ers umbstosze, ob ers wol beiszet und wils verschlingen, ist ihm aber ein glüender feuriger spies. 4, 181
b; je niedriger sie (
geringe [] leute) seyn, je mehr und eher wird eine böse nachrede von ihrer niedrigkeit verschlungen. Butschky
Patmos 168; das ichs selbs bin und jr alles in mir habt, was jr bedürffet, als der für euch stirbt, den vater versünet, die sünde tilget, den tod verschlinget. Luther 7, 55; ich wil den tod in mir selbs erseuffen, und in meinem leben verschlingen und den teufel durch meine krafft uberwinden. 7, 98
b; das ein christen mit allen schanden dahin stirbt, durch den tod verschlungen, da alle welt nichts sihet noch weisz, denn das er unter der erden verfaulet. 7, 61;
von licht und finsternisz gesagt: nein so lange die menschen menschen bleiben, wird das licht die finsternisz völlig verschlingen! nie wird die vernunft einer kleinen anzahl über die unwissenheit, den stumpfsinn, die taumliche imaginazion, die armuth des geistes und die schwäche des herzens der gröszeren anzahl die oberhand gewinnen. Wieland 29, 12; wer ist es, der .. der kuh die milch in dem euter vertrocknet, dem jäger das verwundete wild entführt und den hellen mond verschlingt, der auf unsern zügen uns leuchtet? Klinger 2, 252; aber lasz uns nunmehr hinab durch weinberg und garten steigen; denn sieh', es rückt das schwere gewitter herüber, wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen vollmond. Göthe 40, 319; mit regen, sturm und blitz verfolgt ein ungewitter die fliehenden; die fürchterlichste nacht verschlingt den mond. Wieland
Oberon 2, 30; die ganze burg erschallt davon und kracht: und stracks verschlingt den tag die fürchterlichste nacht. 5, 67; indem sie dieses spricht, schlägt sie mit ihrem zauberstabe dreimal den boden, — und plötzliche nacht verschlingt den tag. 18, 267; der kerzen zauberglanz verschlingt des tages schein! Gotter 2, 387; wir blickten hinunter in das von der tiefe und der nacht verschlungene thal. J. Paul 40, 77; er sah ihr wenig sehend nach, bis sie der wald verschlungen hatte. 54, 71; aber in freieren schlangen durchkreuzt die geregelten felder jetzt verschlungen vom wald, jetzt an den bergen hinauf klimmend, ein schlimmernder streif die länder verknüpfende strasze. Schiller
spaziergang; hinter ihm schlagen die sträuche zusammen, das gras steht wieder auf, die öde verschlingt ihn. Göthe 30, 222; edler Brankas, deine handlung verschlingt die rache, die diese bosheit fordert. Klinger 2, 87; kämpfst du dich durch den schauder, oder verschlingen düstere bilder den muth? 2, 112; fest verschlingt sie (
Andromache) den gram, nähert sich der wange des mannes, forschet furchtsam .. Sturz 1, 35; die dynastie wird von den Gaznewiden verschlungen. Göthe 6, 50; die empfindung an ihr verschlingt alles, ich habe so viel und ohne sie wird mir alles zu nichts. 16, 29; Lydia kam nicht vom bette hinweg, ihre sorgfalt für den verwundeten verschlang alle ihre übrige aufmerksamkeit. 20, 18; Ottiliens gegenwart verschlingt ihm alles, er ist ganz in ihr versunken. 17, 145; ist denn das bürgerliche leben so viel werth oder verschlingen die bedürfnisse des tages den menschen so ganz, dasz er jede schöne forderung von sich ablehnen soll? 26, 27; das naturrecht, das ich nicht vermisse, weil unser tribunal gerecht und unsre polizei thätig ist, verschlingt seine nächsten forschungen. 38, 73; genug dasz ich alle meine übrigen fähigkeiten auf meine wissenschaft, auf ihre ausübung verwendete, dasz meine praxis fast meine ganze thätigkeit verschlang. 38, 78; die menge .. bringt unendlich einzelnes zurück, indessen zu hause neue pläne, neue thätigkeiten, ansiedelungen die bürger beschäftigen und die aufmerksamkeit verschlingen. 53, 151; des bratenwenders knarren und der klang der mörserkeulen, das gezische der pfannen, sonst des hungers lust, verschlang mir meinen hunger schon vor tische. Göckingk 3, 160.