vermuten,
verb. für glaubhaft, für wahrscheinlich halten. dieses heute so sehr gebräuchliche wort ist mhd. noch nicht nachgewiesen. die nachweise deuten alle auf nd. ursprung: hê vormôde sik nummer van dâr tô gâ
n. Reinke de Vos 654;
zahlreiche belege bei Schiller-Lübben 5, 407,
holl. vermoeden, vermoen.
gehört hierher auch alts. farmôdian,
verachten? die bedeutung zwar abweichend, aber ver
kann als hinweg
genommen sein: vermuten
aus dem sinne schlagen? in den nhd. wbb. findet sich vermuthen
bei Stieler 1300, vermuten,
conjicere, augurari, colligere etc. Steinbach (1724) 230. Frisch 1, 678
c.
das wort mut
sinn, daher muten
nach etwas trachten, vermuten
dasselbe. 11)
den sinn auf etwas richten: das ein theologus solchs geschrieben habe, in meinung die warheit zu suchen nicht ein hippenbub, der allein die leute vermutet zu schmehen. Luther 1, 147
b. 22)
meinen, annehmen, glauben, mit verschiedener construction; ohne object: nicht dasz er etwa eine geliebte daselbst zurückgelassen hätte, wie man nach seiner jugend, seiner guten gestalt und seiner leidenschaftlichen natur hätte vermuthen sollen. Göthe 15, 84; doch war das ort auch lîeb wo ietzund Zlatna lieget, da diesen völckern hat Trajanus angesieget, wie ich vermuthen kan, weil ietzt noch allermeist ein grünes feld allda Trajanus wiesen heist. Opitz 1, 118;
mit accus.: weil alle arten der vergnügung durch ein wesentliches und natürliches gesäzze die nothwendigkeit seines endes vermuthen. Butschky
hofkanzelley 103; woher vermuthet er das? Lessing 1, 537; die bemerkung .. dasz der schmerz sich in dem gesichte des Laokoon mit derjenigen wuth nicht zeige, welche man bey der heftigkeit derselben vermuthen sollte, ist vollkommen richtig. 6, 376; hätte ich den Junius nachgeschlagen, so hätte mir sehr leicht begegnen können, was her Riedel vermuthet, sehr leicht aber auch nicht. 8, 21; es könnte über und gegen das, was silhouette, sbozzo, bloszer umrisz, gleichsam ein gezeichnetes nichts ist, nie so viel albernes gesagt sein wan allen sehern sinn beiwohnte, dies nichts erst in ein treues etwas zu verwandeln, ihnen grade nie mehr zu geben oder minder darin zu vermuthen, als eben nur dieser umrisz, das umschränkte nichts zeigt. wie ist es möglich, dieses von dem zu vermuthen, der von der helligkeit und gründlichkeit ihrer einsichten diejenige ergänzung .. hofft, die er selbst seinen arbeiten nicht geben kann. Kant 9, 525; was du immer mit zitternder ahndung vermuthet, du verlaszner, das melden dir jetzt die seelen der todten! Klopstock
Mess. 3, 659. einen für etwas, etwas vermuten: der graf der ist ein frummer mann, vermuth und ghalten jeder zeit. J. Ayrer
tr. v. k. Otten 976 (1, 491, 8
Keller); den knaben vermuthet er von vornehmem hause ihrer führung anvertraut, um mit rechtem sinn sogleich in die welt und ihre mannichfaltige zustände nach grundsätzen frühzeitig eingeweiht zu werden. Göthe 21, 118.
beliebt, wenn auch heute selten, ist die weiterung vermuthend sein: oh meine theuerste! ich war mir sie in dem vorzimmer nicht vermuthend. Lessing 2, 139; er wenigstens ist die gräfinn Orsina hier nicht vermuthend. 2, 164; solcher ergebenheit war ich mir von Domingo nicht vermuthend. Schiller
don Carlos 290.
mitunter ist auch das partic. zu vermuten
geschwächt: ich war mir noch keinen schuss vermuthen. Claudius 1, 2, 129; er wendete sich darauf im folgenden jahr gerade nach Italien allwo Aetius seiner so wenig war vermuthen gewesen, dasz er nicht einmal die pässe in den Alpen besetzt hatte. Mascou 1, 437; mach deine rechnung nur nicht ohne den wirth. denn sieh! was gilts, das warst dn nicht vermuthen? Lessing 2, 227 (
Nathan 2, 1). 33)
verschiedene beliebte zusammenstellungen, vermuten dasz: und da einer vermutet, dasz seine dienste bald ein end haben, würde er darumb und gekurzter zeit er wiste, desto mehr eilen, seinen diebstal weidlich zu schärpffen. Kirchhof
wendunm. 4, 125
Österley; vermuten lassen: ich halte mich bei dieser kleinigkeit auf, weil es mir vorkömmt, als habe uns Plinius die epoche der erfundenen .. kunst .. in stein zu schneiden, zwischen den zeiten des Polykrates und Ismenias wollen vermuthen lassen. Lessing 8, 66; mehr schelmerei, als diese offene bildung vermuthen lässt. Schiller
hist.-krit. ausg. 3, 460 (
kab. u. liebe 4, 7). 44)
gern tritt zu dem verb. vermuten
noch ein pronomen ich vermute mir: bey welchem es jm fürstlicher und vernünfftiger angestanden were, und er auch schüldig war, zu erkunden und nicht von mir foddern, das er keinen fug noch recht hatte zu foddern, dazu auch billich sich vermuthet haben soll, das er ein unmüglich ding .. von mir foddern würde. Luther 4, 533; und konnte ich mir heute vermuthen .. ihnen so nahe. Schiller 749; ich glaube, dasz sie sich dergleichen fremden antrag niemals vermuthet hätten. Adelung 4, 1484; sehr schlechte malereyen, die aus Herculanum schutt gegraben, nichts wen'ger sich vermuthet haben sind itzt die seltenheit von mancher gallerie. Göckingk 3, 289;
reflexivum: und vermudten sich, das etlichen andern steten auch also geschrieben, die brieffe noch nit überliebert worden weren (1472). Janssen
reichscorr. 2, 275; ich vermutt mich auch, es werde die hulff dem keyser bewilliget uff geld und nicht uff volk gestellt.
Ernest. ges.-arch. 1522 (
Planitz); (die werbung) des bepstlichen nunctio hab ich e. curf. gn. .. zugeschickt, vormutt mich, werde nunmals e. curf. gn. zukommen seyn.
ebenda; darumb vormutt ich mich der bischoff werde schwerlich in diese commission bewilligen.
ebenda; hat ausflucht gesucht, als solde die sach vor das regiment nicht gehoren, vormuttet mich, es wurde an vorsacz nicht beschen.
ebenda; darumb mus hie gar ein starker grund sein ... sol man beweisen, das ein new sonderlich stück sei und hange nicht am vorhergehenden, dieselbigen ursachen und grund vermuten wir uns tröstlich und sind gewis, das dieser geist werde auffbringen, wenn uns der teufel gott wird. Luther 3, 64; und verbannet alle die nach seinem tod sein leichnam ze begraben sich vermuoteten. Frank
chron. 320
b; sich einer sache, eine sache zu jemandem vermuthen: zu dem ich mich solches vermuten must. Agricola
spr. 10
b; und da ihrer keiner dem andern gedacht zu weichen, wehleten sie vor einen schiedrichter zu dem man sich ehrbarkeit vermuhtet, der solte den zwyspalt zwischen ihnen erörtern. Kirchhof 4, 263
Österley; darnach kam mir hart ins gemüte, meinem lieben vetter .. zu dem ich mich viel guts vermutet, zu schreiben. Luther 2, 384; und hier spielte ihm die eigenliebe einen kleinen streich, dessen er sich nicht zu ihr vermuthete. Wieland 3, 9; doch von so feirlichen gesichtern, als sie waren, vermuthet sich nichts weniger als das. ihr zeitvertreib war in der that kein spas, denn kurz, sie hatten sich einander bey den haaren. 9, 45;
unpersönlich: sich ist auch zu vermuden, das die churfursten
etc. solich uszerhalp derselben Beyerschen mit zusagen und die keis. maj. mit gelde zu helffen begere (1487). Janssen
reichscorr. 2, 457; dazu wer einen hellen spruch der göttlichen maj. nicht gleubt, des ist sich zu vermuten, das er auch keinen andern trucken spruch nicht gleube. Luther 2, 243.