verbringen,
verb. fortbringen, zu ende bringen. mhd. verbringen,
mitteld. verbrengen,
niederd. vorbringen, verbringen Schiller-Lübben 5, 325
a.
brem. wb. 1, 140,
nl. verbrengen.
im älteren oberd. findet sich auch mitunter die form verbrengen,
belege bei Lexer 3, 83,
in der nhd. schriftsprache nie. praet. mhd. verbrâhte, verbrâht,
nhd. verbrachte, verbracht,
mit kurzem a. ver
hat die bedeutung des einfachen bringen
wesentlich geändert; da ver
die bedeutung '
fort, hinweg'
hat, heiszt verbringen 11)
hinwegschaffen in verschiedenen bedeutungen. 1@aa) einen in eine strafanstalt, ein irrenhaus verbringen;
bei seite bringen, abalienare, guet verpringen o. verfueren Dief.
nov. gloss. 1
a; guot, gut vorbrenhen, verbringen, vorbringen
gloss. 1
a,
neben gut entfremden, verbergen, entvern, entwenden
u. s. w., also vielleicht schon mit der nebenbedeutung heimlich, diebisch wegschaffen. aus dem begriffe beiseite schaffen entsteht '
für sich zusammentragen',
daher compilare, verbringen (
sonst mit samenen
u. s. w. übersetzt) Dief. 137
b.
selten im oberd., zahlreiche belege aus dem älteren nd. bei Schiller-Lübben 5, 325
a,
z. b.: off eine spinnersche were, dei wulle gehalt hedde van eimande um dem vorscr. ampte to spinnen, off sei dei wulle anderswar verbrechte ... sal men den twen ... to kennen geven dat weder in to fordern und aen dei rechte hant to brengen. Fahne
Dortmunder urkb. 3, 237. 1@bb)
mit der nebenbedeutung an einen falschen ort schaffen: im fall, da der erst überschickt brieff underwegen verbracht were, das doch dieser itzo hinachgeschickt, gesieglet würde und zu genzlicher verfertigung komen möchte. Dief.-Wülcker 548 (
von 1542); hat er sie (
die entwendeten briefe) aus seinem busen gezogen und der marschalck dieselbigen, damit er sie nicht verbrächte noch verwendte, bis zu weitere erkundigung zu sich genommen. Hortleder
von den urs. d. d. kriegs 1, 901. 1@cc)
durch verschwendung, verausgabung fortschaffen, verthun, dissipare, unnutzlich verbringen Dief.
gloss. 187
a,
stark entwickelt im niederd. abligurire, verbrengen 3
b. Schiller-Lübben 5, 325.
brem. wörterb. 1, 140: müssen heimlich flucht geben, verbringen unnützlich das ire und sagen darnach: sie können kein erbeit kriegen.
theatrum diabol. 2, 167
b; der gute mensch erschöpffte sich dadurch (
durch opfern vor einem götzen) also, dasz er umb all das seine kam .. da stellte sich der götze für den mann und spricht: verbringe deine güter nicht alle umb meinent wegen.
Lokmans fabeln 113 (16); verbringen
sive durchbringen, verschwenden,
consumere luxu Frisch 1, 139
b; butter und speck gab sie selbst aus und ohne geitzig zu sein, bemerkte sie das gesinde so genau, dasz nichts davon verbracht werden konnte. Möser
patr. phant. 1, 122. 1@dd)
eine im mhd. und mnd. (Lexer 3, 83. Schiller-Lübben 5, 325)
häufig vorkommende bedeutung '
fortschaffen, aus der welt schaffen, umbringen'
ist im nhd. nicht nachgewiesen. 22)
vollbringen, fertig bringen, ausführen, peragere, vorbrengen, vorbrenen Dief.
gloss. 424
b,
instaurare, verpringen
nov. gloss. 218;
idea, gestalt die einer im sin hat und vor ee, wan er dʒ werck verbringt.
gloss. 284
a,
propositum, vorbracht wille 466
a; Stieler 244
kennt das wort nur in dieser bedeutung; so der priester die czit des bestumpten tagis nit geschickt were, gottes ammecht czu verbrengen.
urkb. von Arnstadt, herausg. von Burkhardt 396, 10 (
von 1487). 2@aa)
ohne object: wol bedacht, frisch verbracht, hat offt gewonnen spil gemacht. Logau 1, 92, 86 (
Eitner 94, 86). 2@bb)
selten von sinnlichen dingen gesagt: auch beschuff ich das firmament, daran zwei grose liechter stend, eins dem tag, das ander der nacht. das hab ich alles wol verpracht. H. Sachs 1, 1 (1, 20, 5
Keller).
part. praet. mit adjectivischem gebrauche: nach verbrachtem gepränge. Schweinichen 1, 101; nach verbrachtem und aufgerichtetem inventarium. 3, 139. 2@cc)
häufiger von nicht sinnlichen dingen, ein unternehmen ausführen: wer sich schuldig waiszt, dʒ er unzimliche werck verbracht hat. Keisersberg
granatapfel a 4
c; gott stärke euch im festen glauben und verbring in euch sein angefangen werck. Luther
br. 4, 532; es seien vermaledyet alle die, so die werck des gesetzs verpringen on den geist. Melanchthon
annot. Römer verdeudscht 9, 9; da er bereit war, solchs zu verbringen, ist jm der herr erschienen. Reiszner
Jerus. 1, 34
b; so nun der stein im wasser ligt, so mag die sonne ihr operatz in ihm nicht verbringen. Paracelsus 1, 837; man darf ja nicht sorgen .. dasz die weinschenken durchgehen wurden, weil sie ja so viel arbeit verbringen, bisz sie in die hölle kommen können. Philander 1, 462; und endlich wurde folgender streich so verbracht, wie ausgesonnen.
Felsenburg 2, 188; last jhn jnn euch arbeiten und ewern geist leiten, sein werck jnn euch verbringen Wackernagel
kirchenl. 3, 245; (
Jesus) darnach sprach es ist verbracht. 2, 849; da erwelt in der fuchse schier, ein gesellschafft von vogelthier, guter und tugentsamer art, mit den verbracht er sein walfart. H. Sachs 1, 482 (5, 69, 23
Keller); ich hab nie vil betens verbracht. J. Ayrer
könig in Cypern 402
a; (
dieweil sie) die übelthat verbracht mit ihrer eignen hand. Opitz 1, 170; der schein, den mancher von sich giebet, verbringet keine ritterthat. 2, 210; (
du hast) mehr in der ersten jugend, als andre, die schon grau, mit deiner faust verbracht. P. Fleming 134; wer, wie die welt wil, fischt, fischt listig in der nacht, und wenn er viel verbringt, so hat er nichts verbracht. Logau 1, 205, 47 (196, 47
Eitner); bisz ein jeder sein ampt verbringt. Frank
weltbuch 160
b; der vil pfründen hat dem ist unmöglich, dasz er .. an jedem ort sin gots dienst verbring. Schade
sat. u. pasqu. 3, 61, 12; weil irs (
das sacrament) vorhin in beider gestalt empfangen und dasselbe bekand und ob jrs nicht bekand hettet, gleichwol mit dem werck verbracht. Luther 5, 310
b; das hochlöblich recht zu verbannen, anzufahen und verbringen. Reuter v. Speir
kriegsordn. 56; haben lust und freud an der tugend, verbringen ir ampt ehrenwert. H. Sachs 1, 246 (3, 130, 27
Keller); wenn wir gott sein lob verbringen. J. Ayrer
Valent. u. Urs. 3, 297
b; wer aber verbringt den willen gottes der lebt ewigklich. Keisersberg
granatapfel a 5
e; gieb jhm dein geist .. dasz er deinen willen verbringen von dem tod jns leben dringen ... mag. Wackernagel
kirchenl. 3, 232; ach der befelch ist viel zu streng, den ich auch warlich nit verbreng. H. Sachs 3, 1, 71 (11, 134, 11
Keller); die diebe lieff ich (
der hund) an, den buhlern schwieg ich stille, so ward verbracht desz herrn und auch der frauen wille. Opitz 2, 240; es sei dann, das der mensch söllich buosz verbring mit weinen und klagen. Keisersberg
granatapf. a v 14; als das Sodom zu pulfer und asschen verbrant ist worden, davon im ersten buch Moysi gesagt wirdt, das der sohn gottes selber dieselbe straffe verbracht habe. Melanchthon
anl. abg. art. 969 (
im corp. doctr. christ. 1560); dadurch der salpeter das fewer empfecht jr wirckung zu verbringen. Fronsperger
kriegsb. 1, 137
a (
von 1578); für solche ästimirung ist die best conservation nicht mehr der vernunfft zumuthen, dann ihr müglich ist zu tragen, damit solch ästimation verbracht werde. Paracelsus 1, 837.
der abstracte begriff für die concrete handlung gesetzt: das die böse fleischliche lust in ehelicher pflicht nicht verdamlich ist, die sonst auszerhalb der ehe allzeit tödlich ist, wenn sie verbracht wird. Luther 1, 170
b; wenn eim ein lustiger gedancken zu fellt, so laufft er schnell hin und verbringt den lust. Pauli
schimpf 107
a; wird sie (
die feder) dieselben (
die laster) dermaszen ungestalt fürstellen, dasz diejenigen, so dergleichen laster begangen, schahm, furcht und reu (dasz sie die verbracht) darüber tragen müssen. Butschky
Patmos 5; so bistu in der pruoderschafft, die hat solliche grosze krafft, und wo sy wirt gesprochen, als weit in aller cristenheit die guotheit ist verpringen, du schlaffest oder wachest, so hast du ein tail mit lesen und mit singen. Wackernagel
kirchenl. 2, 859, 20; o vater mein, schaff, das die pein nit werdt verpracht. 2, 898; vil frummem adel thustu schand, das du auch edel bist genant. durch dj manch tugent würt verpracht, darumb der adel ist erdacht. Schwarzenberg 135, 1; zeig mir an! wer und wo ist, der solch übel zu verbringen maint. H. Sachs 1, 28 (1, 126, 25
Keller);
mit abhängigem relativsatze: verbring, das dir zuogehort und gedenck, das die sunn nit allzeit lauter und klar scheint auff das erdtreich. Keisersberg
granatapf. a 4
c; ich mach ein homunculum ex cera .. nuhn also alles, das so wider mich incantativisch gebraucht wirdt, wirdt verbracht in dem bild. Paracelsus 1, 837.
part. praet. mit adjectivischem gebrauche: (
die ewige verdamnis), in welcher in ewigkeit anders nichts zu gewarten, als an statt der verbrachten freude leid ohne trost, an statt des zechens durst ohne labung.
Simpl. 1, 116, 1
Kurz. 33)
besonders ist bei letzterer bedeutung die bindung von verbringen
mit angaben von zeit und zeiträumen (
jugend, alter, leben)
hervorzuheben. verbringen
ist nur so uns lebendig geblieben, alle anderen abstracten bedeutungen sind der schriftsprache fremd geworden; hier und da noch mundartlich, so im bair. Frommann
mundarten 4, 211: und so verbringen wir jüngern eben das allerliebste schlaraffenleben. Göthe 2, 304;
gewöhnlich wird der begriff näher durch präpositionale zusätze (
besonders ortsangaben)
oder adverbien bestimmt: der vormund hat seine besten jahre unter acten und geschäften verbracht. Wieland 35, 144; einen herrlichen sonnentag so auf dem eise zu verbringen, genügte uns nicht. Göthe 26, 122; ein scharlachkrankes kind meines bruders, bei dem ich tage und nächte verbringe. Bettina
briefe 2, 177; er verbrachte fröhlich den tag; verbringen mit pancket und spielen ihre zeit, und mangelt ihnen nichts als blosz die frömmigkeit. Opitz 1, 137, 343; und wie sie drauf in eitel lust und pracht mit jagen, turnieren, banketten, saus und brause, zwei volle jahre wie einzelne tage verbracht. Wieland
Oberon 1, 30; kommt Eridon, mit dir ein stündchen zu verbringen, so weisz er nur zu gut, es musz ihm stets gelingen. Göthe 7, 9; indessen Ursula mit büchern sich beschäftige, mit theatralischen gedächtniszübungen die zeit verbringe. Platen 169; ich verbrachte fast die hälfte jener nacht auf dem balkone. H. Heine 17, 17.