unsäglich,
adj. adv. ,
gth. des durch rückbildung gewonnenen säglich;
älter als unsagbar
und unaussprechlich,
wie dieses in geistlicher literatur (Notker)
nach inenarrabilis, indicibilis, ineffabilis, nefandus gebildet. ahd. unsagelih;
mhd. unsagelich, -segelich, -lîchen;
mnd. unseggelik;
mnl. onseggelijc, -like,
nl. onzeglijk;
dän. usigelig;
schwed. osäglig.
vgl. ungesäglich, -aussäglich, -ausredlich, -aussprechlich, unnennlich; unsagbar
u. s. w. II.
die umlautlose form unsaglich
ist in n. spr. selten geworden und klingt heute gewählt, leicht geziert. Frisius, Wiederhold, Campe, Staub-Tobler 6, 422. I@11)
wie unaussprechlich A I 1, unsagbar 1,
was nicht gesagt oder ausgesprochen werden kann (unsäglich
wäre hier nicht möglich): und klingts (
mein lied) auch oft behaglich wie widerschein vom glück, das schwerste bleibt unsaglich im herzen stumm zurück Kl. Groth
ges. werke 4, 309. I@22) unaussprechlich A I 4, unsagbar 3
entsprechend; mit der neigung zu steigern: es ist u., was der teuffel mit der alleosi sucht Luther 26, 319
W.; es ist u. und nicht auszzurechnen
F. Agricola
ketzerbrunn (1583) 63; der unsaglich schatz Eberlin v. Günzburg 3, 152
ndr.; ain grosz unsaglich gelt Aventin 5, 259, 24;
vgl. die festen verbindungen mit grosz
unter unsäglich; in schier unsaglicher menge A. G. Meiszner
Alcibiades 3, 281. I@33) unaussprechlich A I 5, unsagbar 4
entsprechend: gros und unsagelich sind deine gerichte
weisheit 17, 1;
die sprachkritik des 18.
jhs. (Adelung, Teller)
verlangte hier unaussprechlich;
heute veraltet. I@44)
wie unaussprechlich A II, unsagbar 5: zu unsaglichem verterben Luther 6, 297; 8, 677
W.; mit unsaglichem hasz und neyd
a. d. adel 43
ndr.; Stumpf
chronik 429
a; unsagliche mühe Bräker 1, 266; Göthe
gespräche 5, 165
B.; A. v. Sternberg
erinnerungsblätter 6, 156; jener unsaglichen geduld und liebe Gutzkow
zauberer 5, 334; qual
M. Meyr
a. d. Ries 2, 40. I@55)
wie unaussprechlich B, unsagbar 6: u. viel Fischart
bienenkorb 20
a; etwas u. erhabenes Bodmer
v. d. wunderbaren 363. I@66)
superl. (
vgl. unaussprechlich C): mit der unsaglichsten liebe A. G. Meiszner
skizzen 1, 82.
auch das unsagliche
für unsagbare
wäre möglich. IIII.
das umgelautete unsäglich
ist bei weitem häufiger und reicher durchgebildet. II@11) unsägliche fenknuss (17.
jh.)
gefangenschaft, die man nicht melden kann, als rechtlicher entschuldigungsgrund des ausbleibens beim taiding, österr. weist. 1, 32, 41; 425
a;
wie unsaglich 1: sie sagen unsägliche dinge und thun allerhand unthunliche thaten Baggesen 3, 352; das dunkele und unsägliche aussprechen J. Grimm
altd. wälder 2, 19; das unsägliche sagen Grillparzer 3, 85.
unüblich. II@22) unaussprechlich A I 2
entsprechend: der unsägelîche got
Laubacher Barlaam 6565; diser kere ist ... unwortlich, unsäglich und unbegreiflich Tauler
serm. (1508) 74
b;
veraltet. II@33)
wie unaussprechlich A I 3: einer unsäglichen (
an bed. 5
reichend) metaphysik Hegel 7, 1, 101.
unüblich. II@44) unsaglich 2, unsagbar 3
entsprechend: so vil, das es unsäglich ist, davon zu sagen Hartlieb
Alexanderb. (1476) 27
a;
meist kürzer: das es u. ist Keisersberg
postill 3, 83
a; Mangold
marckschiff d 2; u. müste das erstaunen seyn, wenn ... Herder 22, 266; was die für schaden thun, ist u. Kirchhof
milit. disciplina 45; es ist u., wie Göthe IV 8, 311
W. so sey auch des menschen gemuot ... unsäglicher künsten wissent A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) m 4
b; weite
Fortunatus 82
ndr.; ein unsäglich guot S. Franck
chron. Germ. (1538) 126
b; summ Fischart
nachtrab 3420; Schiller 9, 304; Br. Grimm
sagen 2, 56; unseglicher viler (
vgl. unzählig und u., u. und grosz, grosz u.
s. u.) müsigen Fischart
pod. trostb. 51, 16
H.; deszgleichen unseglichens (
unzähligen) geschmeysz
Garg. 81
ndr.; unzähliche und unsägliche böse stücke Moscherosch
gesichte (1650) 457; unsägliche, oft widersprechende bemerkungen Göthe 33, 30
W.; kleinigkeiten Solger
nachgel. schr. 1, 95;
seltener von personen: unsägliche (
zahllose) commentatoren Herder 3, 326; eyttel kostlich unsegliche koesten und speysze Luther 29, 391, 11
W.; Hirschfeld
gartenkunst (1779) 1, 222; anzal Xylander
Polyb. 87; menge Nicolai
reise 2, 492; schulden Gottsched
d. neueste 3, 8; kunstschätze Göthe 32, 290, 12
W.; gefahren 44, 224, 2
W.; gegensatz Gervinus
gesch. d. d. dicht. 3, 262;
in n. spr. zu bed. 6/7
führend: mich überfiel eine gespensterfurcht, die u. war Holtei 40
jahre 1, 157; unsägliche verwirrung Göthe 19, 297
W.; ein unsägliches wirres durcheinander G. Freytag 10, 95.
für die ä. spr. sind feste verbindungen mit grosz
bezeichnend: mhd. wb. 2, 23
b;
N. v. Wyle
transl. 76, 35
K.; heiligenleben, summerteil (1472) 29
a; Scheurl
briefbuch 2, 155; Frisius 252
b; 388
b; Xylander
Plutarch. 255
a;
b. d. liebe 88
a. II@55) unsaglich 3, unsagbar 4
entsprechend: unsägliche geheimnisse Göthe 17, 134
W.; und weiter hin wird's viel behäglicher, auf dieser schmalen strandeszunge der dunstkreis noch unsäglicher
Faust 8270; unsäglicher reiz Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 198;
vgl.dunkel und unsäglich J. Grimm
altd. wälder 2, 19, undefinierbar
u. ä. II@66)
wie unsagbar 5, unsaglich 4, unaussprechlich A II 1 (
von positiven und neutralen begriffen): von unsAeglicher gte
ew. weisheit betb. (1518) c 1
b, grösze S. Franck
weltb. 17
a, tugend Sebiz
feldbau 412, freude
Ph. Wackernagel kirchenlied 4, 862, veränderung Petreius
historien und bericht (1620) 177, eifer Spee
tugendb. 2
b, nutzen Nicolai
litbriefe 3, 9, glückseligkeit Göthe 19, 29
W., werth IV 7, 104
W., verlangen 46, 67
W., gefühl 19, 75
W., verstand
gespräche 1, 108
B., geduld 8, 235
W.; 22, 186
W., fleisz IV 10, 327
W., leidenschaft III 1, 305
W., gewalt
Tasso 3274, übung III 1, 91, 11
W. u. s. w. seltener prädicativ: meine freude war u. 26, 274
W.; der beifall war u. O. Jahn
Mozart 1, 188. II@77) unaussprechlich A II 2
entsprechend, von negativen begriffen. a)
nefando, unsäglich, schändlich Hulsius (1618) 2, 260
b: so unsAeglichen, bOesen werken Steinhöwel
ber. frauen 60; mörderey, hasz Luther 11, 265; 7, 263
W.; Nas
antip. eins u. hundert 2, g 8
a.
in n. spr. wohl nur noch komisch (rollen unsäglichen tabaks Scheffel 3, 126)
und als gefühlswort der umgangsspr. wie entsetzlich, scheuszlich, miserabel
u. dgl. (unter unsäglichen chicanen Ruge
briefwechsel 2, 231).
vgl. 4. b)
blosz steigernd: unseglichen schaden Luther 7, 403
W., hunger S. Franck
sprichw. (1541) 2, 186
b, durst Widmann
Fausts leben 488
K., seufftzen Ayrer 2792, 13
K., jammer Chemnitz 2, 406, mühe Butschky
Pathmos 12, verdrusz Göthe 8, 190
W., schmerz 11, 181
W., angst Novalis 1, 16
M., ekel Chamisso 1, 29, unbehagen Geibel 2, 135, verkehrtheit Görres
briefe 3, 24, unheil Raabe
hungerpastor 1, 62, schmutz Gervinus
gesch. d. d. dicht. 4, 326;
prädicativ: Rompler v. Löwenhalt
erstes geb. 48; Henrici 3, 134; der schmutz war u. II@88)
wie unaussprechlich A II 3: Charibdis, das unsäglich mörwunder Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 51
b; ein unsäglicher stümper, schwätzer (
wohl aus adverb. gebrauch u. schwatzen, stümpern
gebildet). II@99)
wie unsagbar 6, unsaglich 5, unaussprechlich B: u. gros
heiligenleben, summerteil (1472) 7
a; J. v. Watt 2, 310; u. weit getreuer Grimmelshausen 4, 687, 8
Keller; unglaublich und u. schön Göthe IV 8, 185
W.; ganz u. begierig 22, 319
W.; u. natürlich Gervinus
gesch. d. d. dichtung 5, 83; u. mehr Nietzsche 1, 491; das u. rohe Schopenhauer 1, 23. deser homeyster hait dese stat ... gar onseegelich seer (
veraltet) gebessert
pilgerfahrt d. ritters v. Harff 70; u. lieben Rabener 1, 231, stinken Klopstock
gelehrtenrepublik 66, schnarchen Gries
verl. Roland 2, 122; ich hatte mich auf dieser reise u. kennen lernen Göthe IV 8, 232
W.; sich u. ausbilden II 6, 433
W.; ich hatte in meinem leben u. gelesen 22, 339
W.; ich sehne mich u. ins wasser IV 27, 119
W.; sich u. vermehren Niebuhr
röm. gesch. 1, 446; sich u. fürchten Holtei 40
jahre 1, 5. II@1010)
steigerungsformen (unaussprechlich C, unsaglich 6):
comparativ Göthe
Faust 8270
unter 5; die unsäglichste noth Caroline 2, 5
W.; hindernisse Pückler
briefw. 2, 394; erstaunen Seidel
vorstadtgesch. 149. II@1111)
subst. (unaussprechlich D, unsaglich
ende, unsagbar 7): nichts so unseglichs (
nefandum) oder grausams Xylander
Polyb. 61; Dänemark hatte unsägliches (
bed. 7 b) gelitten Steffens
was ich erlebte 10, 379. II@1212)
der in ä. zeit (
vgl. Stieler
u. Adelung)
besonders mangelhaft beobachtete gebrauch ist von Göthe
und der ihm folgenden romantik stark erweitert. zur synonymik s. Weigand 3, 879; '
der grad der grösze, der durch unaussprechlich, unsagbar
u. unsäglich
angedeutet werden soll, ist im allgemeinen derselbe; doch steht unsäglich
nicht so hoch als unaussprechlich
u. unsagbar,
die beide edler klingen. unausprechlich
ist subjectiver als unsagbar
u. unsäglich' Eberhard-Lyon
16851.
superlativbildung ist bei unsagbar
kaum nachzuweisen. zurückgreifen auf bed. 1 (unglaublich und unsäglich schön Göthe; jener unsaglichen geduld und liebe Gutzkow)
erzielt eine treffliche vertiefung des blosz formalen steigerungsbegriffes. —