unadelich,
unadelig,
adj. adv. ,
gegensatz von adelich, adelig;
ahd. unadallih '
ignobilis', unathallih, unadilliche '
ignobiles' Graff 1, 144; unadaliske ('
degeneres' Graff 1, 144, Wachter 20)
führt auf nicht belegtes unadelisch
neben adelisch (
th. 1, 177. 178; Fischer 1, 104)
und unedelisch Lexer 2, 1817;
mhd. unadellich
mhd. wb. 1, 8
a; Lexer 2, 1750.
das mhd. adv. unadellîchen
ist nhd. mit dem adj. zusammengefallen. mhd. unedellich = unadellich Lexer 2, 1817; vnadelich Seb. Münster; unadenlich
bair. und schweizerisch; vgl. mhd. wb. 1, 8
b; Weinhold
mhd. gr. § 153;
al. gr. s. 164; Wilmanns
gr. 1 § 112; Staub - Tobler 1, 85; Fischer 1, 103.
mit doppelter epenthese andenlich Emser (
s. u.). nachdem in adellîch
das l
der ableitungssilbe mit dem des stammes verschmolzen, war es möglich, das wort als mit -ig
gebildet aufzufassen Adelung 1, 165; Paul 12
b.
für adelich, unadelich
dringen seit dem 16.
jh. immer mehr die formen adelig, unadelig
vor, welche aus historischen gründen von J. Grimm, Heyne 1, 56
und Weigand-Hirt 1, 23
bekämpft werden; Adelung
hatte adelich
für etymologisch unrichtig erklärt. das heute geschriebene g
ist aber auch ergebnis lautlicher entwicklung, die dazu neigt, schwach articuliertes ch
in der endung -lich
stimmhaft zu machen Wilmanns
gr. 1 § 56
1; Kluge 7
a; Behaghel
gesch. d. d. sprache3 228.
während gewöhnliche rede unadlig
vorzieht, klingt unadelich
gewählter. synkope des e,
schon bei Geiler von Keisersberg
belegt, trifft später beide formen ohne unterschied; heute in der rede häufiger als in der schrift. vgl. das schwäbische ə Fischer 1, 104. 'unadelich,
nidrigen stands, schlecht, vnbekandt' Apherdianus
methodus discendi (1601) 147; 'unadelich,
unedel' Kramer (1678) 1146
a. (1719) 2, 223
b; Kramer-Moerbeek 2, 359
b; Dentzler (1716) 321
b; Steinbach 1, 10; Wachter 20; unadelig Adelung 4, 829; Campe 5, 119
b;
verd. wb. 436
b: '
für das gegentheil von adelig,
welches wir bisher durch unadelig
bezeichneten, wollte v. Ramdohr adellos
einführen. allein dagegen ist schon in der Berl. monatsschrift von einem ungenannten einsprache geschehen. wir andern nichtadeligen wollen gern, was wir sind, unadelig
sein; aber deswegen nicht auf adel der gesinnungen und sitten verzicht thun, also auch nicht adellos
sein'.
vgl. th. 1, 178,
s. auch ungeadelt;
nl. onadellijk, onaadlijk
nl. wb. 10, 903.
dän. uadelig.
schwed. oadelig. II.
ursprünglich bezeichnet unadelig
eine persönliche eigenschaft. I@AA.
im sinne des gesellschaftlichen standesbegriffs: der unadeliger geburt ist
ignobili loco natus Steinbach 1, 10; und findt man annoch viele adeliche und unadeliche töchter, bey denen zucht ... das beste kleinod Abraham a St. Clara
mercks Wien (1690) 55; die bischofthümer ... konnten auch unadelichen edeln von verdienst zu theil werden Herder 23, 158 (
Adrastea);
vgl.edel und adelich
th. 3, 25; Fuldaische verordnung zum institute einer .. waisenkasse für die unadelig-weltliche civildienerschaft
allg. deutsche bibliothek 101, 519; es halten sich .. acht bis zwölf nymphen in einer wirthschaft auf, meist mädchen von ganz geringem stande, welche ehemals von ... unadelichen wollüstlingen verführt .. wurden Laukhard
leben u. schicksale 2, 418; zweytens die angeführten statuten von Ferrara, welche die strafen der verbrechen unmöglich blosz für adeliche verbrecher, mit übergehung der unadelichen, bestimmt haben können Savigny
geschichte des röm. rechts 3, 96; aus dem volke, das jahrhunderte hindurch die ganze kriegführende welt mit seinen adlichen und unadlichen landsknechten versorgt Nitzsch
deutsche studien 106; Friedrich der Grosze merzte sogar die unadelichen offiziere aus seinem heere aus Varnhagen v. Ense
tagebücher 1, 28; der abt .. zürnte gewaltig, dasz ein freier herr sein betragen gegen seine leute nach dem ermessen unadelicher bürger richten solle Gotthelf 15, 158; wird er auch dich unadlich schelten, dasz er die frage dir verwehrt? R. Wagner 2, 97; ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen mann so adelige streiche thun (
Witichis war geringer herkunft) Dahn
kampf um Rom 3, 9; auch das bürgerliche element war durch pächter, bauern und unadelige grundbesitzer vertreten Polenz
Grabenhäger 2, 107; ein unadeliches guth
bien roturier Rondeau (1740)
s. v. im weiteren sinne sprach man von unadeligen bauern
als einem adligen nicht gehörig Campe 5, 119
b. I@BB.
im sittlichen sinne (
vgl.unadel I B): folg nit also den groben unadelichen jungen Wickram 2, 11, 33.
oxymorisch: noch widerstreben sie, der vnadelich adel, jhrer hohen obrigkeyt, jren fürsten Nas
das anti- pap. eins vnd hundert 4, 297
b;
vgl. Morhof
unten; das grob unadenlich gepaursvolck Stumpf
Schwytzerchron. 311
a; es lese einer das schimpflied, welches sie auf den unadelichen adel geschrieben Morhof
unterricht von der d. sprache 1, 439; ihre einsicht ist unendlich über die niedrigen vorurtheile des unadlichen pöbels erhaben Rabener 4, 131; mancher, der uns sonst sehr unadlich erscheinen würde, ist durch unglück geadelt Arndt
schriften f. u. an s. l. Deutschen 1, 226; sein ... herz brach unter der übergewalt seines zornes über unadlig thun, wie eine leier unter eiserner spielerhand Ludwig 4, 187. I@CC.
von der voraussetzung aus, dasz A
und B
zusammenfallen müszten, tadelt unadelig
den mangel adliger abkunft und adliger gesinnung, wie schon zum theil in den beispielen unter B: was treibst du mit des amtmanns mädel, der unadelichen nichtsnutzigen kanale? Miller
Siegwart 2, 396; nachdem er (
der senior) dem guten weibe .. gezeigt hatte, dasz ihr vater nur ein ämsiger gewesen wäre, .. fügte er .. hinzu, dass ein unadlicher Lazarus, wenn ... Abraham ... ihm erlaubte, seinen flecken .. wegzuwaschen, denselben so wenig, wie ein leoparde .., verlieren würde Hippel
kreuz- u. querzüge 1, 163; o wer den parvenüs, diesen geschlechtlosen unadlichen abentheurern einmal so ganz ungenirt über ihre schätze kommen könnte! Tieck 3, 324 (
Fortunat. 2, 2, 2); ich halte alle menschen für unadelich, die ihre race nicht erkennen auch im kittel Bettine
die Günderode 1, 271; nicht drei jahre und Europas fürstenhäuser schämen sich der unadeligen, bloss von meiner grösze ausgebrüteten fliegen! Grabbe 3, 65 (
Napoleon 1, 4). IIII.
von sachen, gegenständen, begriffen. II@AA.
im sinne der abstammung und herkunft: unadeliges herkommen
ignobilitas Steinbach 1, 10; kein edler in ein unadelich geschlecht sich verheurahte Dannhawer
catechismusmilch 3, 284; dass die schwarze nulle, die wir (
auf einem stammbaum) sehen, ein unadeliges nichts bedeutet, ist gewisz Lichtenberg
erklärung 4, 21; erdichtung der patricier .., die seine unadliche geburt bis zum sklavenstande erniedrigen gewollt Niebuhr
röm. geschichte 1, 243; der ahnherr des hauses sollte sich nämlich mit einer person unadlichen standes verbunden haben Immermann 5, 92; ich fürchte, deine standesgenossen würden das .. sehr unadlig finden (
den verkehr mit einem schneider) Holtei
erzähl. schriften 20, 105. II@BB.
meistens mischt sich ein werthurtheil ein (
wie bei I B C), unadelig
heiszt dann wenig edel, unedel, wenig vornehm, werthlos, verwerflich, böse, armselig, verächtlich u. ä: wer ist dann? der nit seche den vrsprung des adels haben ainen vnadelichen grunde. etlich hat rych gemachet wuocher, etlich roube Niclas von Wyle
translationen 67, 36; durch antastung eines unadlichen dings würt das edel befleckt Geiler von Keisersberg
pater noster e 5.
vgl. unedel; gott mir ein son bescheret hat, welcher nach mir regieren sol, der sich darzu nit schicket wol, ist gar unadelicher art Hans Sachs 13, 335, 36
Keller; dasselb ist unadlich, schAendtlich Schaidenraisser
Odyssea (1537) 90
a (
Homer 21, 331); zuo dem dasz er sich ein helden desz saufens halben, das ietzund auch nicht unadelich und sehr kunstreich gehalten, rühmen dürffte Kirchhof
wendunmuth 1, 15, es wär auch unadenlich unhöflich Aventin 4, 283, 19; ein lasterhaft gemt zeigt an ein vnadelich geblt
Garg. 30
neudr.; liebes Venuskind, du bist freylich nicht allein, sonder hast die meyst gemeynist welt zu gesellen der vnadelichen begierligkeit Guarinonius
grewel der verwüstung 1116; dann solliches eines vnadelichen gemt ist 77; unadelige einbildung dem adel nicht zugibt, dass er gut teutsch reden solte Moscherosch
gesichte (1650) 402; und doch bleibt ihm nichts anders übrig (
als müsziggang), da die handlung im gröszten theile des landes eben so wie in Deutschland und Frankreich für ein unadeliges gewerbe betrachtet wird Ayrenhoff 6, 309, 31; was dich erhob vom adel, die edlere menschlichkeit, schmähn sie, als unadlichen tand Voss
sämmtl. gedichte (1802) 6, 309; das wäre sehr unadelig, wenn ich den geraubten frieden meiner seele mir mit geld ersetzen lassen wollte Iffland 6, 222 (
erinnerung 3, 3); das wär' ein schönes dasein, von vaters huld und almosen weib und .. kinder dürftig nähren und daneben .. angewiesen auf gemeine arbeit, auf unadelige plackerei! Holtei
erzähl. schriften 8, 90; sie, die junge baronin, .. ihrer schwestern armselig unadelige liebschaften verachtend und tadelnd; — sie, empfinden für .. den .. niederen handwerker? lieber sterben! 10, 69. IIIIII.
der comparativ in der bedeutung II B: weiter, sitten mal das blei in seiner natur onadelicher ist dann kupffer .., kaufft man es auch vil geringer Münster
cosmographei dcxci; o wäre das mir nicht verwehrt von stoffen, die doch bei weitem sind unadelicher Rückert 3, 130. IVIV.
substantiviert ist unadelig
heute durchweg standesbezeichnung: ein unadliger, die unadligen, unadlige.
die ältere sprache kennt auch sittlichen nebensinn: das adelich gemüt wirt gedruckt durch die füsz der unadelichen
buch der beispiele 19, 30; derohalben so bin ich ungetzweyvelt, wer recht erber oder edel sey .. der werde nichtzit unandenlichs oder unerbers furnhemen Emser
flugschriften 9, 164; yhr name .. ist verschonet worden, wo er ettwas vnehrlichs vnd vnadelichs auff yhm hette gehabt Agricola
sprichwörter k viii
a.
als standesbezeichnung: dergestalt, das keine in bemeldtem stifft aufm platten lande sesshaffte adeliche vnd vnadeliche geistlichen vnd weltlichen stands .. mit .. beraubung plnderung .. beschweret .. werden .. solten (
vgl.adel und
unadel) Chemnitz
schwed. krieg 2, 50; sobald die unangenehmen eindrücke, die der unadeliche dem adelichen und der adeliche dem unadelichen macht, eine dauerhafte abneigung erzeugen Zimmermann
über die einsamkeit 4, 343; es liegt ohnehin ihrer ehre daran, dasz kein sohn von einer unadelichen solches besitze Petrasch 2, 284; und unter den wenigen freyen unadelichen wäre es schwer gewesen, eine tüchtige zahl von männern auszuwählen Haller
Alfred 166, 13; die alten frauen verwunderten sich ungemein, ihre fürstin mit unadligen tanzen zu sehen Arnim 8, 247; man hat unserem groszonkel .. zu einer zeit, wo unadlige höchstens lieutenant werden konnten .., den adel zugestanden Roon
denkwürdigkeiten 1, 74. VV.
das adv. steht, abgesehen von den selteneren ausdrücken unadlig geboren (Dahlmann
gesch. von Dänemark 3, 339; Gutzkow
ritter vom geist 2, 56), gezeugt
u. ä. fast immer im sinne eines strengen sittlichen tadels: 'unadlich
adv. auf eine gemeine art' Rondeau (1740)
s. v.; mhd. unadellîchen; unadelleichen tuen Vintler 9594; âne êre und unadelîchen
Schwabenspiegel 2, 156; so stat nicht desminder all sin fürnemen vnadelich vff lasterlich sachen dem gemeinen nutz zu schaden Riederer
rhetoric c iii
b; dem wurden ettlich dOerffer vnd herrensitz eingeben vnd geschenckt, die er in rwiger possesz vom trcken begabt vnadelich besasz Franck
weltb. cxxx
a; (
es wäre) erstlich ewer fleisz vnd arbeit nachmals die mein, ... in disem Grobianischen bchlin, darin der vnzchtigen, vnflAetigen sitten kaum das hundertist theil, ... so zu erzelen (...) vnhOeflich vnd vnadelich, gesetzt sind, wol angelegt vnd einbracht Scheit
Grobianus 6; die polizei musz sie doch schützen.
Baronin: schützen — freilich — aber die polizei gegen einen edelmann und dichter?
Sophie: der sich aber unadlich und unpoetisch beträgt Raupach (1829) 1, 159.